juna im netz

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Minenfelder

Wir müssen reden. Über Sex.

Ausschnitt aus einem Bild von Dali. Zu sehen sind die Torsen von Frauenstatuen

Heute hat der Blockbuster des Buchmarktes als große Hoffnung des Kinojahres 2015 Premiere. Wer diesen Blog schon länger liest, kann sich vielleicht daran erinnern, dass ich mir einen wesentlich offeneren gesellschaftlichen Diskurs in Sachen Sex und Sexualität wünsche. Das wissen auch ein paar Menschen in meinem direkten Umfeld. Und sie haben mir die Frage gestellt, ob ich den Erfolg von „Fifty Shades of Grey“ und den zu erwartenden Andrang in die Kinos nicht positiv bewerte. 

Nein, tue ich nicht.
Aber ich habe mir Gedanken gemacht, warum ich über den Hype um Buch und Film nicht glücklich bin.

Zunächst: Ich habe die Bücher nicht lesen können. Habe es seitenweise versucht. Fand den Text flach, banal, fürchterlich plump … kurzum: Kein Lesevergnügen. Hinzu kommt, dass ich auch sexualisierter Gewalt, die in gegenseitigem Einvernehmen stattfindet, persönlich nichts abgewinnen kann. Wenn beide Partner ihre Freude an dem Einsatz von Kabelbindern haben oder SM toll finden – fein. Nur für mich ist das wohl nichts. Nie sagen soll man natürlich auch nicht, aber … ich zumindest muss die seitenweise Darstellung davon nicht in meiner Freizeit lesen. Will ich einen wirklich guten erotischen Roman lesen, greife ich zu Salz auf unserer Haut oder Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Nette Sexszenen schreiben auch Irving oder Djion, und wenn man auf ihn steht, Philipp Roth. Der ist mir aber schon ein bisschen drüber, so Kategorie alter, geiler Sack.
Aber das ist natürlich nicht der Hauptpunkt meiner Kritik. Schlechte Bücher gibt es wie Sand am Meer, und viele davon werden zu meinem Leidwesen auch noch verfilmt. Das kann ich ignorieren, das muss ich mir nicht anschauen.
Was ich aktuell dagegen nicht ignorieren kann, ist, wie die gleiche Gesellschaft, die vor ein paar Monaten auf die Straße ging, weil der neue Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg die Akzeptanz sexueller Vielfalt verankern wollte (Oh, ja, DA gehe ich hin!), nun in Radio- und Fernsehsendungen so tut, als sei sie der offenste, aufgeklärteste und unprüdeste Haufen wo gibt. DAS kotzt mich an. Die gleiche Gesellschaft, die unseren Kindern in der 3. Klasse erklärt, sie seien „zu jung, um über Sex nachzudenken“, während auf dem Schulhof schon munter über alles Mögliche gesprochen wird – und das nicht unbedingt in einer positiven Art und Weise. Weil sie es von den älteren Geschwistern, die PCs im eigenen Zimmer haben und sich über das Internet alles anschauen können, was sie möchten, hören. Oder von ihren Eltern, die zuhause das Radio angeschaltet lassen, wenn um 17 Uhr am Nachmittag eine Sexualtherapeutin Tipps gibt … um dann im gleichen Atemzug den Kindern ihre Fragen nicht zu beantworten. DAS kotzt mich an. Das verlegene Lächeln, Hüsteln und verhaltene oder ironisierte Zuhören, wenn in einer Dokumentation jemand genauso verlegen lächelnd über sein Sexualleben spricht. Um dann dem Partner später wieder nicht zu sagen, was die eigenen Bedürfnisse sind. DAS kotzt mich an.
Verklemmtheit, die hinter dem Ansehen eines BDSM-Pornos versteckt wird, weil den alle gucken, ist und bleibt:
Verklemmtheit.

Ich will es mal so verpacken: Ihr könnt anschauen, was Ihr wollt, wann Ihr es wollt und zu welcher Zeit auch immer Ihr es wollt. Aber so lange Ihr Euren eigenen Partnern weder am Küchentisch noch im Bett von Euren sexuellen Bedürfnissen erzählen könnt, wird Euch ein Film über Bondage und sexualisierte Gewalt keinen Deut offener machen. So.
(Beitragsbild: Ausschnitt aus einem Bild von Dalí)
  1. Ich bin ja so deiner Meinung!
    Aber zumindest bekommen wir so eine Gelegenheit, sie zu äussern! 😉

  2. Das mit dem Buch kann ich bestätigen, das ist wirklich der grottigste Schreibstil den ich je gelesen habe und irgendwann ist einem der schlechte Satzbau und die immer wieder „kommenden“ (haha) Formulierungen wirklich Sodbrennen – artig aufgestoßen. Aaaah, Christian, uuuuh! 😉 In den Film geh ich sicher nicht freiwillig *g*

    Liebe Grüße, Frida

  3. Ute

    also zunächst: toll geschrieben!!! ich musste tatsächlich weiterlesen, obwohl ich inhaltlich bei den ersten Zeilen am liebsten gekotzt hätte. Jetzt, am Ende, bin ich recht ruhig geworden und möchte nur noch sagen: mir helfen solche Bücher. Ich werde durch sie tatsächlich weniger verklemmt. Es gibt mir eine UNGLAUBLICHE Genugtuung, dass – obwohl das natürlich NIEMAND zugibt – Alle scharf auf diesen Scheiß sind, Alle stehen eigentlich unglaublich darauf, verletzt und missachtet zu werden, nur: zugeben tun es die Wenigsten. Und DAS ist verklemmt. und verlogen. Pubertär und unglücklich machend. Ich weiß immerhin, woher das bei mir kam, dass ich darauf stand. Und in diesem Punkt finde ich tatsächlich auch, dass „Shades of grey“ immer noch sehr pubertär und peinlich kichernd ist. Da ist noch – meiner Meinung nach – Entwicklungspotential. Aber hey, das ist doch super! WIR könnten den nächsten Roman schreiben, hh, wie wärs? WIR sind gefragt! Unser Leben hat einen Sinn!!!

    • Hallo Ute!

      Danke für Deinen Kommentar, und entschuldige die verspätete Antwort. Wenn es tatsächlich so ist, dass Dir diese Bücher helfen, dann bin ich froh, denn dann hat das Ganze wenigstens eine kleine Daseinsberechtigung. 🙂 Eine Nachfrage an Deinen Kommentar hatte ich allerdings beim Durchlesen. Du schreibst:
      „Alle stehen eigentlich unglaublich darauf, verletzt und missachtet zu werden, nur: zugeben tun es die Wenigsten. Und DAS ist verklemmt.“

      Du meinst tatsächlich, wir stehen da alle drauf? Oder war das einfach eine Übertreibung zur Veranschaulichung?

      • Ute

        Liebe Juna,

        ich merke, ich muss es differenzierter sagen. Wir Alle tragen Wunden in uns (Kindheit / Schule / …) und Jeder, der nicht versucht, die Schmerzen dieser Wunden ins Bewusstsein zu holen, Jeder also, der verdrängt, wird unbewusst immer wieder den Schmerz suchen, weil das der einzige Weg zu seinem Selbst ist. Ein Mädchen bsp.weise, das von ihrem Vater nie wirklich beachtet wurde, wird sich, wenn sie das nicht aufarbeitet, immer Männer suchen, die sie genauso wenig beachten. Und meiner Meinung ist dieses Verhalten kein Einzelfall, sondern es ist „normal“. Wir tun uns Alle tagtäglich unendlich viel (Demütigung) an und merken es nicht einmal (weil wir das so erlebt haben und als normal empfinden). Zu was wir uns Alle gegenseitig zwingen! Aber es fällt überhaupt Keinem auf! Ich halte unsere Gesellschaft für eine tatsächlich sado-masochistische (was nicht heißt, dass ich keine Hoffnung sehe). Und dann lästern wir aber auf der anderen Seite über die, die den Schmerz OFFEN suchen. Bzw. wir verschlingen dann (heimlich natürlich nur!) solche Romane. Und das – immerhin – gibt mir eine unendliche Genugtuung und bestätigt mich in meiner Theorie. Ist es jetzt klarer? LG

  4. Sonja

    Einfach nur: Word!

  5. Anita

    Ich hab bereits die Bücher in der Buchhandlung mit Missachtung gestraft.

    Eben WEIL da so ein Hype drum gemacht wurde!

    Das war ja fast noch schlimmer, als zu Potter’s – Zeiten.

    Es erinnerte mich an „Schulmädchen-Report“, nur ohne das Kichern.

    Und es lesen die meisten nur aus Voyeurismus und nicht, wie Ute, um sich über sich selber klar zu werden.

    Zu einem offenen Umgang werden die Bücher und auch der Film nicht führen. Weder in der Partnerschaft noch gegenüber den eigenen Kindern. Schade, Chance vertan

  6. Das hört sich nach Amerikanisierung der Gesellschaft an. Oder waren die Deutschen immer so?

  7. Leonie

    Weder im Buch noch im Film wird der real existierende BDSM auch nur ansatzweise getroffen, ja sogar wieder mal mutwillig simplifiziert und pathologisiert.
    Beides ist eher unter „Kopfkino komplett Ahnungsloser“ einzureihen, umgesetzt in einem etwas an die Zeit angepassten Courths Maler-Stil – einfach gruslig!

  8. So jetzt komm ich endlich mal zum Kommentieren. Hab weder Film noch Buch bisher gelesen. Aber was ich eben auch total arg finde ist diese doppelte Haltung. Bei mir auf den Blog gibt’s ein paar Artikel, zu Sex, bei denen auch Umfragen in die Recherche mit eingeflossen sind. Da haben sich die Leute echt drum gerissen, was zu sagen – wohl gemerkt: anonym. Auch die Klickzahlen sind irre und die Verweildauer auf den Seien. Und dann: Kein Kommentar. Dazu müsste sich mensch ja quasi outen…upps, ich hab ja auch selber Sex. – Ich find das so schade, dass da den wenigsten ein ehrliches Wort über die Lippen kommt. Stattdessen glauben dann alle, sie müssten irgendwas nachmachen, damit’s super wird. Im schlimmsten Fall 50 shades. Dabei bräuchte es vl mal ein Gespräch mit einander. Und auch mit den Kindern. Aber eben. Das ist dann auch schon wieder so ein „Bloß nicht“-Thema.

  9. Danke Euch allen für Eure Kommentare! Bin mal wieder hinterher mit dem Antworten … schlimm, das! Also mal kollektiv: Vielen Dank für Eure Gedanken dazu!

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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