#idpet. Nachtrag.

Baden-Württemberg. Mit Ruhm bekleckert hat sich das Bundesland,  das seit kurzem über einen grünen Ministerpräsidenten verfügt (es geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder!), in den letzten Wochen nicht gerade.

Zeit, nach all der Aufregung um den neuen Bildungsplan und das, was er an homophoben Ressentiments zutage förderte, auch einmal Danke zu sagen.

(Hä? Wie jetzt?)

Wie jemand so schön formulierte: „Das Gute an dieser Diskussion ist, dass öffentlich verhandelt wird, was bisher im Verborgenen stattfand.“ Das stimmt, und daher ist ein Danke-Sagen überaus angebracht:

Ich danke unserer Landesregierung, die geschlossen hinter ihrem absolut lobenswerten und, seien wir ehrlich, längst überfälligen Konzept steht. In Berlin müssen sich die Menschen über die rückständigen Baden-Württemberger halb hingelacht haben. Dort ist sexuelle Vielfalt längst als Thema in den Schulen angekommen.

Danke an die vielen Menschen, die mir auf meinen Brief geantwortet haben – hier in den Kommentaren oder via Twitter. Nein, leider ist bis heute keine offizielle Antwort gekommen – kommt wohl auch nicht mehr, – aber die Reaktionen der Menschen, die die Kirche SIND, weil sie die Kirche LEBEN, haben mir viel bedeutet. Jemand hat meinen Brief bei facebook auf der Seite der evangelischen Landeskirche gepostet. Auch dafür ein ganz herzliches Dankeschön.

Danke für die Petitionen FÜR den neuen Bildungsplan. Sie haben gezeigt, dass – obwohl die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer der Bildungsplangegner sehr hoch ist – es doch eine Mehrheit für die Umsetzung des Bildungsplans gibt. Selbst im konservativ geprägten Baden-Württemberg.

Danke an den muslimischen Vater, der nach der Diskussion über religiöse Vielfalt versucht hat, zu verstehen, dass sexuelle Vielfalt nichts anderes ist und dass im Unterricht nur eines tatsächlich gelehrt werden soll: Toleranz gegenüber allen Menschen. Und der sich nicht gleich verschlossen hat. Für muslimisch gläubige Menschen ist das mitunter nicht so ganz einfach.

Und danke für viele, ausgesprochen gute, Texte zum Thema. Einige sind bereits hier verlinkt. Einen Text möchte ich ganz besonders herausheben:

Carolin Emcke wurde von der TAZ gefragt, was sie Eltern sagen würde, die eine Gleichbehandlung von Homosexualität, Transsexualität etc. aus verschiedenen Gründen fürchten. Ich bin unglaublich dankbar für ihre Antwort:

Alles, was ich als Eltern mir wünsche für mein Kind, ist doch, dass es glücklich werden darf, dass ihm nichts zustößt, dass niemand ihm Schaden zufügt. Wenn ich nun ein Kind habe, das fünf oder sieben oder zehn Jahre alt ist, dann kann ich nicht wissen, ob es durch eine Infektion womöglich gehörlos wird oder ob es in der Pubertät entdeckt, dass es schwul oder lesbisch liebt oder ob es vielleicht später keine Arbeit findet. Wenn ich all das als Eltern nicht garantieren kann, wenn ich nicht weiß, was oder wer mein Kind eines Tages sein wird, dann würde ich unbedingt eine Gesellschaft mitgestalten wollen, in der mein Kind respektiert und beschützt ist, ganz gleich, ob es jüdisch, lesbisch, gehörlos oder Bayern-München-Fan ist. 

Und sie schließt das Interview mit:

Ja. Manchmal frage ich mich, warum reicht es nicht, einmal die Menschenrechte zu formulieren: „Alle Menschen sind gleich. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Stattdessen müssen wir dann über Jahrhunderte erklären, wer alles als Mensch zählt. 

Punkt.

 

31.01.2014

Update: Antje Schrupp hat sich in diesem Blogpost über die Argumentation zur #idpet Gedanken gemacht – und warum das Wort „Ansteckung“ in diesem Diskurs noch einmal neu belegt werden sollte. Lesenswert!

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5 Gedanken zu „#idpet. Nachtrag.“

    1. Berechtigte Nachfrage :). Da hier in BaWü die LehrerInnen immer noch sehr konservativ geprägt sind, ist zwar das Thema Rassismus bereits im Schulalltag angekommen, aber beim Thema sexuelle Vielfalt wird vor allem eines: geschwiegen. Nun wissen wir ja, wo Unsichtbares meist hinführt – weshalb man auf den Schulhöfen selbst der Grundschule Sätze hört wie „Ey, biste schwul oder was??“, die als schlimme Beleidigung verstanden werden und öfter auch in Handgreiflichkeiten enden, weil der eine dem anderen beweisen will, dass er eben nicht „schwul“ ist. Meine Tochter (in der 3.) wusste bis vor kurzem nicht, was genau damit gemeint sein soll. Aber bereits die Viertklässler wissen es und lernen durch das sie umgebende Schweigen, dass Teile der Gesellschaft Homosexualität ablehnen. Der Bildungsplan soll Abhilfe schaffen, indem den LehrerInnen Richtlinien vorgegeben und thematische Vorgaben vorgeschlagen werden, um den Kindern nicht bereits schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt beizubringen, dass es Erwachsene gibt, die Verschiedenes als „nicht normal“ empfinden. Man ist sich einig, dass die Beschränktheit der Eltern nicht zu Lasten der Gesellschaft, in der unsere Kinder leben werden, gehen soll. Und der Bildungsplan macht auch keine „Ideologie des Regenbogens“ auf. Vielmehr sollen die Kinder anhand ganz verschiedener Beispiele erfahren, welche Vorteile eine diverse Gesellschaft hat – und dass Diskriminierungen aller Art und gegen wen auch immer schlicht keinen Platz in ihr haben sollte. Es ist mir immer noch unbegreiflich, wie jemand damit ein Problem haben kann, und wie sehr mit zweierlei Maß gemessen wird. Da fordert eine Randgruppe die Akzeptanz anderer Religionen und möchte, dass man den muslimischen Kindern auch zu ihren Festtagen gratuliert, versteht aber nicht, dass Homosexuelle die gleiche Akzeptanz fordern. (Und dieser Beispiele mehr).
      Nein, zu Intoleranz erzogen haben die Schulen bisher sicherlich nicht. Aber ob sie die Kinder tatsächlich auf die Gesellschaft vorbereiten, ist ebenfalls eine sehr strittige Frage. :) Danke Dir!

  1. Danke, vor allem für den letzten Absatz. Denn die Erfahrung zeigt, dass immer wenn jemand anfängt Menschen aufgrund einer Eigenschaft (Homosexuell, Terrorist, Heide usw.) als Nicht-Mensch zu definieren, das ganze sehr grausam und sehr blutig endet. Und da wir offensichtlich nicht aus den Fehlern der Vergangenheit lernen können braucht es leider Menschen, die solche Selbstverständlichkeiten immer wieder aussprechen um sie bei allen im Gedächtnis zu verankern.

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