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Re-Reading Foucault: Sexualität und Wissen

Hier sieht man ein Bild diverser Aktenordner und Bücher, aufgestapelt

 

Eine google-Suche mit dem Stichwort „Sex“ liefert derzeit 210.999.032 Ergebnisse. Und ich habe sie alle gelesen.

Gut, ich habe die ersten 50 Treffer überflogen. Nach dem wikipedia-Eintrag zu den Sex Pistols erscheinen jede Menge Möglichkeiten, die Serie Sex and the City zu kaufen. Dann kommen Partnerschaftsratgeber, ein paar wissenschaftliche Artikel, Sex- und Flirtbörsen, sowie Angaben, wo man das beste Sexspielzeug kaufen kann. Fast durchgehend kommerzielle Angebote. Die gesponserten Anzeigen verheißen Erotik-Kontakte. Sie sucht Ihn zum Fremdgehen und Geile Frauen. 100% kostenlos.

Es ist also nicht unbedingt überraschend, dass in den Medien so häufig von einer immer stärker sexualisierten Gesellschaft gesprochen wird. Aber um welche Sexualität und um welchen Sex geht es eigentlich, wenn ich den Suchbegriff bei google eingebe, Magazine durchblättere oder mir Anzeigen zu Sexspielzeug ansehe?

Ein Definitionsversuch:

„Sex“ als die praktische Ausübung von Sexualität, und „Sexualität als die Formen „dezidiert geschlechtlichen Verhaltens zwischen Geschlechtspartnern“ werden oft synonym verwendet. Eigentlich ist es die Sexualität, die wir meinen, wenn wir von „Sex in der Werbung“ oder ähnlichem sprechen. Das Verweisen auf die Sexualität ist dabei immer ein implizites Thematisieren von Sex, in der Werbeindustrie würde man vermutlich sagen: Das Versprechen von zukünftigem Sex.

Die Sexualität ist biologischen Ursprungs. Es ist heute davon auszugehen, dass es sich bei dem Bedürfnis nach Sex um eines der menschlichen Grundbedürfnisse handelt. Nichtsdestoweniger handelt es sich aber auch um ein historisch variables Konzept, was ein wenig paradox scheint. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich dieses Konzept stark verändert. Einschneidend in den letzten 120 Jahren waren dabei Sigmund Freuds Trieblehre und die sexuelle Befreiung der 68er. Was von Freud blieb, ist, dass nicht jeder Teil unserer eigenen Sexualität immer bewusst abläuft. Und was von der soziologischen Entwicklung der letzten Jahrhunderte blieb, ist, dass der Mensch seine biologischen Bedürfnisse zumindest teilweise den Regeln der Gesellschaft, in der er lebt, unterwerfen muss. Hier geht es nicht nur um die Reglementierung durch Gesetze, sondern in einem entscheidenden Maß um die Verinnerlichung von Normen wie dem kategorischen Imperativ. Ältere, bis vor einigen Jahrzehnten noch allgemein gültige Konzepte wie die Jungfräulichkeit bis zur Ehe sind in unseren modernen Gesellschaften heute meist religiös motiviert und zu einer Art Gegendiskurs geworden. Die Mehrheit entdeckt ihre Sexualität schon vor der Ehe, sofern dieses Lebensmodell überhaupt gewählt wird. Kritiker bezeichnen unsere heutige Gesellschaft als extrem freizügig und äußern Bedenken. So fasst der Diplom-Soziologe Konstantin Mascher eine *hust Studie zusammen, die ein gewisser Joseph Unwin im Jahre *hust 1937 publizierte:

Unwin beschreibt die „soziale Energie“ einer Gesellschaft als eine Manifestation von sublimierten sexuellen Impulsen.
Umgekehrt muß mit jeder Erweiterung der sexuellen Gelegenheiten eine Abnahme der sozialen Energie erfolgen und damit auch ein Abstieg des kulturellen Niveaus zu verzeichnen sein. Aus seinem empirischen Material kann Unwin aufzeigen, daß sich die Folgen einer veränderten Sexualnorm erst nach ca. einem Jahrhundert (drei Generationen) bemerkbar machen. D.h. der jetzige kulturelle Zustand ist unter anderem abhängig von den sexuellen Regulierungen in den vorherigen Generationen.

Joseph Unwin hat in seiner Untersuchung primitiver Völker im Abgleich mit Hochkulturen herausgefunden, dass eine starke Unterdrückung der menschlichen Sexualität (kleiner Spoiler: mehrheitlich ist „weiblichen“ gemeint ;-)) mit einem hohen zivilisatorischen Standard einhergeht. Mehr noch: Dass das Aufbrechen einmal etablierter sexueller Tabus, sprich: Plötzliches „Normalisieren“ von Sex vor der Ehe, Sex mit wechselnden Partnern, Masturbation und Homosexualität, unweigerlich binnen der nächsten 100 Jahre zum Untergang der hochzivilisierten Gesellschaft und zum Verlust der kulturellen Errungenschaften führen muss. Seine eigene Folgerung aus seinen Ergebnissen:

Manchmal hört man, daß jemand die Vorteile eines hohen kulturellen Niveaus genießen möchte und gleichzeitig die Begrenzung der sexuellen Triebbefriedigung abschaffen wolle. Das Wesen des menschlichen Organismus scheint jedoch so beschaffen zu sein, daß diese Wünsche unvereinbar sind, sogar einander widersprechen. Solch ein Reformer gleicht dem törichten Jungen, der den Kuchen essen und gleichzeitig behalten will. Jede menschliche Gesellschaft hat die Freiheit, sich zu entscheiden, ob sie hohe soziale Energie oder sexuelle Freizügigkeit will. Die Fakten zeigen, daß beides gleichzeitig nicht länger als eine Generation möglich ist.

Dem zufolge war das über 350 Jahre andauernde Mittelalter mit seiner ausgeprägten, christlich motivierten Unterdrückung der Sexualität also eine Hochkultur. Man lernt nie aus.
Die Schlussfolgerung aus der Studie kennen wir bereits: Aus unserem sittenlosen Lotterleben resultiert wenig originell der Untergang des Abendlandes.

Bezeichnen wir den aktuell herrschenden Diskurs über Sexualität und Sex als gesellschaftlichen Mainstream, ist das Aufgreifen des offenbar christlich fundamentalistisch orientierten Instituts für Jugend und Gesellschaft der Gegendiskurs unserer modernen Zeit. Und beim Anblick der allgegenwärtigen Tittenbilder (die sich häufenden männlichen Tittenbilder sind mitgemeint) könnte man ja dazu neigen, der Rede von einer „Übersexualisierung“ der Gesellschaft Recht zu geben.

Aber noch einmal frage ich mich: Um welche Sexualität und um welchen Sex geht es in unserer Gesellschaft eigentlich? Ist es die gleiche Sexualität, in der Menschen wie die des Deutschen Instituts für Jugend und bla das zu unterdrückende Triebhafte sehen, das zum Wohle der Gesellschaft stark reglementiert werden sollte? Die Sexualität, die wir mit unseren Partnern oder alleine erleben? Die, die wir entdecken, wenn wir zwischen 11 und 15 Jahre alt sind? Die Sexualität amerikanischer Filme und Serien? Oder die Sexualität in der Werbung? Und wie genau reden wir über unsere Sexualität? Reden wir am Ende überhaupt darüber?

Fragen, die Michel Foucault für die 70er Jahre zu beantworten versuchte. Im ersten Kapitel seiner Schrift Der Wille zum Wissen vergleicht Foucault die europäische Gesellschaft der 70er Jahre mit der des viktorianischen Bürgertums. Während im elisabethanischen Zeitalter Sexualität offen zur Schau getragen und thematisiert worden sei, endete diese Zeit

in den monotonen Nächten des viktorianischen Bürgertums. Die Sexualität wird sorgfältig eingeschlossen, sie richtet sich neu ein, wird von der Kleinfamilie konfisziert und geht ganz im Ernst der Fortpflanzung auf. Um den Sex breitet sich Schweigen. […] Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts sei es freimütiger zugegangen, sagt man. (11)

Das sexuelle Leben seiner Zeit fasst Foucault wie folgt:

Das legitime, sich fortpflanzende Paar macht das Gesetz. Es setzt sich als Modell durch, es stellt die Norm auf und verfügt über die Wahrheit, es bewahrt das Recht zu sprechen, indem es sich das Prinzip des Geheimnisses vorbehält. Im gesellschaftlichen Raum sowie im Innersten jeden Hauses gibt es nur einen Ort, an dem die Sexualität zugelassen ist – sofern sie nützlich und fruchtbar ist: das elterliche Schlafzimmer. (11)

Beim Gang zum Bankautomaten fällt mir die aktuelle Werbung der BBbank für ihre Baufinanzierung auf. Ein Hetero-Paar vor dem eigenen, recht großen Neubau, man sieht keine Kinder, aber die Hand des Mannes ist von hinten um die Frau gelegt und ruht schützend auf ihrem unteren Bauch. Bildmetapher mit Holzpfahl. Reproduziert Euch und baut Häuser!
Im Weiteren verdichtet sich der Eindruck, man lese weniger einen Text aus den 70ern, mehr eine kritische Rezension der jüngsten Äußerungen Mattuseks. Oder Lewitscharoffs. Auch die angesprochenen Suppressionsmethoden sind die gleichen:

Was nicht auf Zeugung gerichtet oder von ihr überformt ist, hat weder Heimat noch Gesetz. Und auch kein Wort. Es wird gleichzeitig gejagt, verleugnet und zum Schweigen gebracht. Es existiert nicht nur nicht, es darf nicht existieren, und bereits in seinen geringfügigsten Äußerungen, seien es Handlungen, seien es Reden, sucht man es zu beseitigen. (12)

Vor meinem inneren Auge erscheinen die Anhängerinnen der idpet mit ihrer Hetzjagd gegen die angebliche Regenbogenideologie, gegen ein „Schwulisieren“ unserer Gesellschaft, die sie wegen eines Absatzes in einem Bildungsplan lostraten, der in den Schulen Toleranz sexueller Vielfalt verankern sollte. Dabei verleugneten sie die Sexualität ihrer Kinder, über die sie doch zum großen Teil noch gar keine Aussagen treffen konnten. Und brachten Kritiker mit dem Berufen auf „Gefühle“, „Ansichten jenseits von Vernunft“ und „Unbehagen“ zum Schweigen.

Die Unterdrückung und Verleugnung von Sexualität, schreibt auch Foucault, bezieht sich nicht nur auf Erwachsene:

So weiß man natürlich, daß die Kinder keinen Sex haben: und hat damit einen Grund, ihnen den Sex zu untersagen und ihnen die Rede davon zu verbieten, einen Grund, die Augen zu verschließen und die Ohren zu verstopfen, wo immer sie dennoch etwas davon zur Schau stellen sollten, einen Grund, ein allgemeines und lastendes Schweigen durchzusetzen. (12)

„Ja, das war in den 70ern, heute ist das völlig anders!“ höre ich moderne Eltern rufen. Hand aufs Herz: Wirklich? Als meine 6-jährige Tochter ihren gleichaltrigen Freund basisaufklärte, sprach mich die Mutter, eine Freundin, hinter vorgehaltender Hand an: „Also, das mit dem gemeinsam Übernachten, das geht jetzt nicht mehr. Deine Tochter hat meinem Sohn erzählt, also, was, hhmmmm, Sex ist (hihihi)“.
Ich weiß nicht mehr, was mich damals am meisten überraschte. Diese Aussage von einer durchaus offenen, an ihrer eigenen Sexualität Spaß habenden Frau zu hören, oder die Tatsache, dass damit zwei Dinge impliziert wurden: 1. , dass sechsjährige Kinder tatsächlich versuchen könnten, miteinander Sex zu haben, und 2., dass das Wissen um die Biologie dahinter sexuelle Triebe AUSLÖST. Ich war irritiert und sprach das auch an. Wie alleine ich wirklich mit meiner Haltung bin, merkte ich aber erst vor kurzem. Da kam die heute 9-jährige nach Hause und erzählte, in der Schule würden 2 Freunde von den Mitschülern geärgert. Auf dem Pausenhof müssten sie sich: „[Mädchenname] und [Jungenname] machen Sex, hahahaha!“ hinterherrufen lassen. Ein Klärungsversuch vor der Lehrerin, den die Große mit initiierte, scheiterte. Die Lehrerin wischte das Thema mit einem: „Für so etwas seid Ihr noch viel zu klein“ vom Tisch. Silence! Allerdings nur in Bezug auf Sex, denn wo die Erwachsenen den moralischen Zeigefinger erheben können und mahnen, da sind Formen der Sexualität plötzlich wieder im Lehrplan. Über Homosexualität können wir nicht reden, aber lasst uns die Gefahren von Pornographie mit den Kindern besprechen!

Ich füllte die noch vorhandenen Lücken im bisherigen Wissen meiner Tochter an diesem Tag, und sagte ihr auch, was ihre Lehrerin dazu veranlasst haben könnte, so zu reagieren. Mein Mann versteckte sich auffällig hinter seinem Computer und verließ irgendwann das Zimmer. Aufklärungsarbeit? Wozu geht das Kind in die Schule?

Das Eigentümliche der Repression, das, was sie von den einfachen Verboten des Strafgesetzes unterscheidet, soll demnach darin bestehen, daß sie zugleich als Verbannungsurteil und als Befehl zum Schweigen funktioniert, als Behauptung der Nicht-Existenz und – konsequenterweise – als Feststellung, daß es bei alledem überhaupt nichts zu reden, zu sehen oder zu wissen gibt. (12)

Unterdrückung von Teilen der Sexualität und Unterdrückung von der Rede über Sex ist Repression aller Sexualität. Es ist nicht möglich, einen freien und offenen Diskurs über eine bestimmte Sexualität zu führen, während man andere Formen leugnet oder totschweigt. Michel Foucault stellt die Handlungsmacht der Sprache in diesem Zusammenhang heraus:

Wenn der Sex unterdrückt wird, wenn er dem Verbot, der Nichtexistenz und dem Schweigen ausgeliefert ist, so hat schon die einfache Tatsache, vom Sex und seiner Unterdrückung zu sprechen, etwas von einer entschlossenen Überschreitung. Wer diese Sprache spricht, entzieht sich bis zu einem gewissen Punkt der Macht, er kehrt das Gesetz um und antizipiert ein kleines Stück der künftigen Freiheit. (15)

[…] Wir […] sprechen seit einigen Jahrzehnten kaum noch vom Sex, ohne uns ein wenig in die Pose zu werfen: Bewußtsein, der herrschenden Ordnung zu trotzen. Brustton der Überzeugung von der eigenen Subversivität, leidenschaftliche Beschwörung der Gegenwart und Berufung auf eine Zukunft, deren Anbruch man zu beschleunigen glaubt. Ein Hauch von Revolte, vom Versprechen der Freiheit und vom nahen Zeitalter eines anderen Gesetzes schwingt mit im Diskurs über die Unterdrückung des Sexes. (16)

Letzte Woche wurde ich durch einen Blogpost, den die Verfasserin leider mittlerweile gelöscht hat, auf zwei Twitterinnen aufmerksam, die masturbierten und das auf twitter kommentierten. Besteht darin die Rebellion, der „Hauch von Revolte“? Die wenigen Tweets verschwanden schon nach kürzester Zeit aus den Newsfeeds der Follower. Verdrängt vom Üblichen. Und die Erwähnung der in meinen Augen unanstößigen Aktion – es gab ja nicht einmal Bilder – muss man in diesem Blogpost fast mit der Lupe suchen.

Für die sexuelle Revolution mag die Rede vom „feierlichen Ernst, mit dem man heute über Sex spricht“, noch gelten. Seit dieser Zeit aber hat sich der öffentliche Diskurs noch einmal stark verändert. Die Rede von tatsächlichem Sex, wie er in den Schlafzimmern oder gelegentlich auf den Küchenfußböden dieser Welt stattfindet, erscheint alles in allem seltsam asexualisiert, während das Versprechen von (unrealistischem) Sex, in die Phantasiewelt der Idealkörper verschoben, mittlerweile von jeder Plakatwand lächelt, stöhnt oder schlafzimmerblickt. Thematisiert und zum Teil unangenehm öffentlich breitgetreten werden dagegen die Randbereiche der Sexualität, siehe beispielhaft die Diskurse zur Prostitution und zu Bondage. Foucault würde darin eine Bestätigung seiner Theorie sehen, dass die Rede von einer bestimmten Sexualität immer weiter angeheizt wird, während der eigentliche Sex als Gesprächsgegenstand verschwindet. (Er arbeitet mit dem Begriff der Perversion, was wir uns schlicht schenken werden.) Hierin besteht die Unterdrückung selbst der heteronormativen Sexualität. Einerseits erleben wir, werbegesteuert, filmunterstützt, an „perfekten“ Körpern dargestellt, ein Anhalten der Reduktion von Sex auf seinen „Normzweck“, die biologische Fortpflanzung. Andererseits sehen wir, wie die private Sexualität durch einen lauten, öffentlichen Diskurs über Sexualisierung in enge, gesellschaftlich vorgegebene Räume gedrängt wird. Sie wird weggeschlossen.
Der Diskurs über das Ausleben der eigenen Sexualität hat sich in die Sprechzimmer von Therapeuten verlagert:

Alles in allem sind wir die einzige Zivilisation, in der eigene Aufseher dafür bezahlt werden, daß sie jedem zuhören, der sich ihnen über seinen Sex anvertrauen will: der Wunsch, vom Sex zu sprechen, und der Nutzen, den man sich davon verspricht, haben offenbar ein Ausmaß angenommen, das über die Möglichkeiten des Anhörens weit hinausgeht – weshalb bestimmte Leute schon ihre Ohren vermietet haben. (16)

Ist eine solche Verschiebung gewollt? Beinhaltet sie nicht letztlich eine Art Pathologisierung des privaten Sex? Und wie ist es mit dem anhaltenden und oft als aufdringlich wahrgenommenen öffentlichen Diskurs?

Wir, behauptet Foucault, sind eine Gesellschaft, „die seit mehr als einem Jahrhundert lautstark ihre Heuchelei geißelt, redselig von ihrem eigenen Schweigen spricht und leidenschaftlich und detailliert beschreibt, was sie nicht sagt, […] (18)

Dieses Nicht-Sagen in der Redseligkeit begegnet uns wie die lächelnden Plakatwände auf Schritt und Tritt. Für Frauen werden Dildoparties angeboten, auf denen sie Sexspielzeuge mal reihum in die Hände nehmen können. Das Reden über den Sex wird zum Reden über Instrumente, mit denen man Sex haben kann. Das Ganze obendrein, weil es jemand für ertragreich hielt, das Tupperparty-Prinzip auf Sexspielzeuge auszudehnen. Über das dahinter stehende Frauenbild möchte ich jetzt nichts schreiben. Gesellschaftsspiele wie Privacy teilanonymisieren das private Reden über Sex, indem die Tischrunde die Fragen zu Sexpraktiken, Wünschen und Schamhaarrasuren nicht selbst beantworten muss, sondern tippt, wie viele der Anwesenden wohl mit „ja“ oder „nein“ antworten werden. Obwohl ich mich an einen durchaus amüsanten Abend mit einem solchen Spiel erinnern kann, ist selbst das pubertäre Flaschendrehen sexuell offener als die Gespräche, die sich während dieser Spiele ergeben. Gern gelesene Blogposts wie dieser und dieser thematisieren die Abwesenheit von Sex, auch wenn die Verfasserin scheinbar offen über Sex spricht. In den sozialen Netzwerken ist das Nicht-Sex-Haben zu einer Art Running Gag geworden. Wieso? Weil das die einzige gesellschaftlich anerkannte Form ist, über Sex zu reden? Aus dem Schutz seiner Abwesenheit heraus?

Nein, es gibt natürlich gesellschaftlich etablierte weitere. Zum Beispiel eine Variante des „feierlichen Ernstes“, mit dem auch dieser Blogpost von Sex und Sexualität spricht: Aus der Sicht des Wissenschaftlers.
Für Michel Foucault liegt nur in der wissenschaftlichen Aufarbeitung, im nüchternen Thematisieren der Unterdrückung des Sexualitätsdiskurses durch die Jahrzehnte, der tatsächliche Bruch des Tabus.
Und auch wenn ich ihm fast überall hin folge: Hier sind wir unterschiedlicher Ansicht. Denn die Rolle des Wissenschaftlers ist nur eine weitere Maske, die uns das Reden über Sex ermöglichen soll. Vergleichbar vielleicht im Privaten mit dem Rahmen, den ein Paartherapeut bereitstellt. Eine Maske von vielen, die wir wählen, weil wir immer noch nicht wissen, wie wir über ein so wichtiges Thema wie unsere Sexualität reden sollten – mit einander, mit unseren Kindern. Eine Maske wie dieser Blog, der geduldig meine Gedanken zur menschlichen Sexualität aufnimmt, ohne dass ich mich dabei mit Blicken von Zuhörern konfrontieren muss.

Einen offenen, gesellschaftlich weithin akzeptierten Umgang mit allen Formen von Sexualität werden wir nicht erreichen, indem wissenschaftliche Abhandlungen über das Wesen der menschlichen Sexualität verfasst werden. Auch nicht, indem wir die öffentliche Rede von Sexualisierung einer Gesellschaft, die sich in Talkshows über Sado-Maso-Praktiken austauscht, weiter befeuern. Wir werden es nur erreichen, wenn wir einen Weg finden, unseren eigenen Diskurs offen zu gestalten. Fernab vom Gebrülle einer seltsam sexualisierten Öffentlichkeit, die eigentlich gar nicht von Sex spricht. Mit unseren Partnern sollten wir anfangen – denn was nützt das ganze öffentliche Gerede, wenn wir nicht mit denjenigen sprechen, mit denen wir tatsächlich Sex haben?

Wie genau das gehen soll?

Keine Ahnung. Vorschläge in die Kommentare. 😀

  1. @b41573r0

    Ich war vor einigen Jahren in den Foren auf eltern.de (also keine Porno Seite 😉 unterwegs. In einigen Unterforen ging es dabei dezidiert um Sex. Da wurde (und vermutlich wird noch), zwar unter Pseudonym, sehr offen über die sexuellen Freuden, Wünsche, Phantasien, Erfahrungen, Leiden und Probleme in den „real life“ Schlafzimmern geschrieben. Es wurden sowohl Lieblingsstellungen und -praktiken diskutiert und entsprechende Erfahrungen ausgetauscht als auch Rat gesucht, wenn der/die Partner_In aufgrund von Lustlosigkeit sich dem Sex entzog oder der/die jenige selber sexuelle Schwierigkeiten hatte. Auch das Spannungsfeld zwischen den Rollen als Elternpaar und Liebespaar war immer wieder Thema. Es ging also primär nicht um pornographische Hypersexualisierung, sondern um das „echte“ Sexleben.

    Es waren auch Paare gemeinsam in diesem Forum aktiv, so dass die Grenze zwischen Paargespräch und Gruppendiskussion mitunter fließend war. Und manche User kannten sich sogar im realen Leben. Ich selber bin z.B. erst durch ein befreundetes Paar, welches dort aktiv war, auf diese Foren aufmerksam geworden.
    Diese Foren auf eltern.de waren (und vermutlich sind sie es noch) öffentlich einsehbar (daher die Pseudonyme, Nick Names).
    Aus meiner subjektiven Erfahrung heraus kann ich daher nur sagen: Ja, solche offenen und in gewissem Maße auch öffentlichen Gespräche über Sex sind möglich

    • Danke für Deinen Kommentar! Dass es auch eine solche Austauschmöglichkeit via Forum gibt, sollte mich ja eigentlich nicht überraschen. Denn bei der ganzen Beschäftigung mit sozialen Netzwerken stelle ich immer wieder fest, dass sie, anders als viele meinen, durchaus Abbilder unserer Gesellschaft sind. Bin ich aber doch, zumindest ein wenig 😉 Ich finde es richtig klasse, dass es das gibt, und werde nun auf jeden Fall mal reinschauen.

      Auf der anderen Seite bestätigt die Existenz dieser, von Dir als authentisch und offen wahrgenommenen, Konversation via Internet etwas, das ich im letzten Absatz schrieb. Auch ein Forum, in dem per Nick teilanonymisiert geschrieben wird, erfüllt die Funktion einer Maskierung. Interessant wäre es, zu hören, ob der Austausch im Netz die Menschen auch jeweils in ihren Beziehungen offener werden lässt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es so ist. Vor allem ist es positiv zu hören, dass wir als Mitglieder einer Gesellschaft auch „normal“ können.

      Aus diesem und einer Handvoll weiterer Gründe kann ich mit dem Artikel aus der SZ (oben ist der 1. Artikel zum Thema „Pornokompetenz bei Jugendlichen“ verlinkt) nicht besonders viel anfangen. Mal abgesehen vom üblichen Internetbashing, (als wären unsere anderen Kanäle nicht voll von pornographischem Material, ich denke da mit Schrecken an die Durex-Fernsehwerbung für Gleitmittel, gerne gesendet gegen 21:00 Uhr) ist die Idee, mit Jugendlichen über das verzerrte Bild der Medien und Plakatwände zu reden, sicher richtig. Im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen das Thema Diskriminierung von Homosexuellen aber wirkt es schlicht lächerlich, denn mit welchem Bild von realer Sexualität sollen die Folien denn verglichen werden? Und worauf legt man wiederum das Hauptaugenmerk? Dann das Ganze „Pornokompetenz“ zu nennen … anstatt meinetwegen von Sexkompetenz zu reden. Aber da ist ja wieder das Wort mit S drin.

      Ich bin sehr gespannt, wie sie es umsetzen werden. Aber was das angeht, bin ich sehr skeptisch. Bleibt zu hoffen, dass sich unsere Kinder ihre eigenen Foren suchen werden, in denen sie miteinander über die Fragen chatten, die sie zuhause nicht stellen wollen. Ans Dr. Sommer-Team schreiben ist ja wohl doch ziemlich out. 😉

  2. Hallo Juna,
    ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Was mir in 99% der öffentlichen und privaten Diskurse über Sexualität fehlt, ist Ehrlichkeit. Je grösser die Diskrepanz zwischen dem potenziellen, in den Medien omnipräsenten Sex und der real erlebten Sexualität wird, desto mehr wird gelogen und geschwiegen.

    Sehr interessant finde ich persönlich das Video-Blog der Sexologin Ann-Marlene Henning http://doch-noch.de/category/doch-noch-blog/, auf dem es (bisher) zwar ausschliesslich um heterosexuelle Sexualität geht, der Ton dafür aber angenehm entspannt ist. Und die Diskussionen in den Kommentaren sind häufig ebenfalls lesenswert. Sehr informativ ist auch die Seite http://lilli.ch/.

    Das englischsprachige Blog http://25thingsaboutmysexuality.blogspot.de/ bietet eine Plattform, die eigene Sexualität in allen Facetten darzustellen und die (anonymen) Posts finde ich z.T. sehr interessant.

    Persönlich empfehlen kann ich auch die Bücher „Unten rum. Die Scham ist nicht vorbei“ http://www.amazon.de/Unten-rum-Scham-nicht-vorbei/dp/3936360154, in dem auch ein tolles Interview mit der Tantra-Trainerin Regina König abgedruckt ist sowie „Intimität und Verlangen“ http://www.amazon.de/Intimit%C3%A4t-Verlangen-Sexuelle-Leidenschaft-wieder/dp/3608946624 des amerikanischen Paar- und Sexualtherapeuten David Schnarch.

    Meine Erfahrung ist, dass die meisten Menschen im persönlichen Gespräch dann bereit und in der Lage sind, über ihr eigenes sexuelles Erleben zu sprechen, wenn man selber das auch tut.

    Lieben Gruss, Nora

    • Liebe Nora,

      ich hatte ja sehr gehofft, dass Du hier kommentierst. Und jetzt auch gleich noch mit so vielen Linktipps! 🙂

      Es ist diese Ehrlichkeit, von der Du sprichst, die ich oft vermisse, auf die keinen Wert gelegt wird, und die wir als Gesellschaft auch unseren Kindern nicht vermitteln. Wir (als Gemeinschaft) verschieben, verdrängen, verleugnen, und gleichzeitig thematisieren wir wie wild, nur eben nicht das, worauf es ankommt. Und ich denke genau wie Du, dass man das, was man gerne sehen würde, vor allem durch eigenes, offenes Verhalten erreicht. Die Posts, die bei Dir von Sex handeln, transportieren den Namen, den Du Dir gegeben hast. Sie kommen ohne „hihi“ oder Schnörkelchen aus und lassen Deine Mitleser an einem wichtigen Teil Deines Lebens Anteil nehmen, ohne sich voyeuristisch zu fühlen – weil Du das Reden darüber bis zu einem gewissen Grad normal erscheinen lässt. So etwas würde ich mir viel öfter wünschen.

      Wenn wir das Affektierte, die „große Geste“, mit der Menschen in der Öffentlichkeit Sex thematisieren, alle mal wegließen, würden vielleicht noch mehr Menschen – ob halbanonym im Netz oder mit ihren Bekannten im vertraulichen Gespräch – zu einer Offenheit finden, von der ich mittlerweile ziemlich sicher bin, dass sie sich viele insgeheim wünschen. Und wo das passiert, ist für die reine Projektionsfläche des schönen Frauen- oder Männerkörpers in der Werbung sowie für die unrealistischen Pornos viel weniger Raum.

      Was auch den Heranwachsenden zugute kommt. Ich zumindest habe von Pornos eher wenig „gelernt“. Und ich habe viele geschaut. Sicherlich auch, weil mit mir niemand über das Thema geredet hat. 🙂

      Danke Dir für Deinen Kommentar und die vielen Links!

      • Liebe Juna,
        wie gut, dass ich jetzt – nach fast einem Jahr – noch mal deinen Post gelesen und dabei diese lange Antwort auf meinen Kommentar entdeckt habe. 🙂

        Danke für das Kompliment zu der Art, wie ich über Sex schreibe. Das, was ich schreibe, ist ja gar nicht besonders ungewöhnlich oder bemerkenswert, aber die Tatsache, dass ich überhaupt darüber schreibe und der Ton, in dem ich es tue, scheinen bei manchen Menschen eine Menge zu bewegen. Ich bekomme viele Zuschriften (natürlich nur per Direktnachrichten, nicht als öffentlich sichtbare Kommentare), die mir zeigen, dass es tatsächlich einen grossen Gesprächsbedarf zu geben scheint.

  3. Diesen Vortrag lasse ich auch mal hier: https://www.youtube.com/watch?v=7jx0dTYUO5E

    Mary Roach hält einen sehr amüsanten, 20-minütigen Vortrag über Orgasmen. Maskiert als Wissenschaftlerin auf der einen Seite, finde ich, schafft sie es, zu vermitteln, dass es kein Thema wie jedes andere ist. Ihre Faszination für das Thema versteckt sie nicht oder kokettiert mit ihr, sondern bewegt sich sehr menschlich irgendwo zwischen „Ich weiß, das ist peinlich“ und „Hey, das macht Spaß!“

    Kurzweilig, sehenswert. Wieder was über Orgasmen gelernt. 🙂

  4. Anita

    Danke für diesen Post, für den ich erst jetzt die Energie aufbringen konnte.

    Tja, Du fragst nach Vorschlägen zu einem offenen Umgang ……………….

    es funktioniert im persönlichen Gespräch mit Menschen, denen man vertraut.

    Und es funktioniert im Gespräch mit den Kindern, vor allem, wenn man klar macht, dass das zu „sehende“ (Fernsehen, Werbung, Internet) im großen Maße nicht der Realität entspricht.

    Dr. Sommer fand ich noch nie besonders toll. Mit meinen 45 Jahren darf ich zwar sagen, dass ich dort zwar einige „Geheimnisse“ erklärt bekommen habe. Vor allem Begrifflichkeiten. Aber bestimmt nichts, über mich und meinen Körper.

    Vom verheimlichen der Generation meiner Eltern, wo zwar regelmäßig das Schlafzimmer abgeschlossen war zu den heute 20jährigen, die am liebsten öffentlich überall alles tun…………. gibt es auch noch die Möglichkeit der einfachen

    Offenheit.

    Ja, ich gebe zu, ganz einfach ist es nicht, wenn ich mit meinen Kindern darüber spreche. Die Heimlichkeitsgeneration hat da doch abgefärbt………..
    aber ebensowenig, wie ich die erste Periode meiner Tochter gefeiert habe, so wird da auch ein kein Verschwiegenheitsgelübde abgelegt.

    Den Fragen (oft unterschwellig gestellt) versuche ich offen zu begegnen, manchmal bitte ich mir aber Zeit aus, da ich nicht unüberlegt antworten möchte.

    Und zu schnelle Antworten sind nicht immer die besten.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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