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2017 – in Euren Worten

Feuerwerk, CC0 pexels.com

„2016: Ich war das schlimmste Jahr überhaupt!

2017: Halt mal mein Weinglas.“

Über diesen Spruch habe ich vor kurzem herzlich gelacht. Dabei habe ich mich in diesem Jahr oft gefragt, ob eigentlich noch überhaupt irgend etwas auf dieser Welt zum Lachen ist. Humor und Lachen als echte Herausforderung? So empfand ich es 2017 zumindest teilweise.

Humor hat mir immer durch schwierige Phasen geholfen. Dieses Jahr habe ich meinen eigenen oft schmerzlich vermisst. Denn obwohl persönlich viel Gutes passiert ist, erlebe ich mich oft als sehr ernst, manchmal sogar als niedergedrückt. Ich konzentriere mich dann auf Dinge, die ich nicht unmittelbar beeinflussen kann (wie amerikanische Politik), und verschwende damit Energie, die ich anderswo für Veränderungen dringend benötige. Eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit der Welt, die früher meine Begleitung war, scheint mir abhanden gekommen zu sein. Obwohl ich sie mir 2017 vom Universum sehr gewünscht habe.

Bekommen habe ich etwas anderes, und zwar einen soliden Anfängergeist. Eine gewisse Neugier und Naivität, wenn es darum ging, Neues anzufangen. Für dieses Jahr hatte ich mir vorgenommen, häufiger „Ja“ zu sagen – was mich in ganz unterschiedliche Situationen brachte und neben der Co-Produktion eines Podcast, einem Impulsvortrag zum Thema „Glück“ und einer Bürogemeinschaft in der Kultur- und Kreativwirtschaft noch andere Projekte anstieß, die mich 2018 begleiten werden. Und obwohl mir bei jedem einzelnen Projekt aber sowas von der Arsch auf Grundeis geht, läuft vieles überraschend gut.

Mit Fabian Oestreicher für den CSyeah-Podcast

Privat hatte ich natürlich eine Liste, was 2017 alles passieren sollte. So wollte ich endlich lernen, luzide zu träumen. Was auch klappte! Etwa drei Nächte im Monat nutzte ich Teile meiner Träume für so wunderbar-angenehme Dinge wie Fliegen, Sport, Schwimmen, Sex oder einen Tanz-Flashmob. Etwa Mitte des Jahres stellte ich fest, dass ich, anstatt zu lernen, die Kontrolle abzugeben, mit dem luziden Träumen versuchte, noch mehr Kontrolle zu erhalten. Ich vertagte kurzerhand das Projekt auf „wenn ich so weit bin“. Und begann dafür, täglich zu meditieren, was ich mehr oder weniger bis heute durchhalte und was meine Angst abbaut, mein Vertrauen in meinen Körper steigert und mich insgesamt ausgeglichener macht – sofern es so einen Zustand wie „ausgeglichen“ bei mir gibt. Außerdem wollte ich mich trauen, mal was tatsächlich Literarisches von mir zu veröffentlichen. Aus diesem Impuls heraus entstanden die „stimmfarben“ unter Mitwirkung von lieben Menschen wie Rainer, Corinne, Manon, Su, Martin, Patrick, Claudia, Señor Rolando und Bettina – ein großes Geschenk, für das ich sehr dankbar bin.

Mit Julia Meder von “eigenstimmig”. Bild: Sarah Schäfer

Dankbarkeit ist ein schönes Jahresabschlussthema, denn neben meinem schnell liebgewonnenen Anfängergeist haben mich Menschen und Ideen begleitet, die mich außerordentlich dankbar machen. Neben dem unerschütterlichen Glauben meiner Familie an Was-auch-immer-ich-gerade-tue, möchte ich dieses Jahr meinen Büropartner Dirk namentlich nennen, sowie die Initiatorinnen der Podcastreihe „eigenstimmig“, Sarah und Julia, die Großartiges geschaffen haben. Außerdem Valentin, der immer wieder an mich denkt und mich mit so wunderbaren Kontakten zusammenbringt wie Katrin und Luisa von erzähldavon. Ich habe ein großes, buntes, umwerfendes Netzwerk, das mich und meine Ideen trägt und erträgt. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Und das mit der Leichtigkeit und dem Lachen, das wird sicher auch wieder.

Danken möchte ich in schöner Blogtradition auch Euch allen für Eure Texte, Tweets, Postings, Nachrichten, Mails und alles, was Ihr so an Positivem, Wachrüttelndem, Kritischem und Nachdenklichem ins Internet schreibt. Stellvertretend für viele gute Texte habe ich wie immer meine Favoriten zusammengestellt.

Also Schluss der Vorrede! 2017 – in Euren Worten:

Im Januar kündigt Vanessa ihren Besuch beim 20-jährigen Abitreffen an. Der Text lässt mich von Anfang bis Ende breit grinsen:

„Denn emotional war meine Gymnasialzeit Mittelalter, eine Mischung aus Hexenverbrennung und Beulenpest; ein neunjähriger Feldzug gegen mich selbst, den ich, anstatt ihn in meinen 20ern aktiv posttraumatisch zu verarbeiten, zu einem pürree-artigen Erinnerungsmatsch eingestampft habe.“

Ende Januar schreibt Anna auf Berlinmittemom über Privilegien. Ein toller Text, der den eigenen Kompass noch einmal ausrichtet:

„Nicht alle Familien leben in Sicherheit, mit Zugang zu Bildung, Krankenversicherung, allen notwendigen Ressourcen und der Gewissheit, dass sie zusammenbleiben werden. Nicht alle leben in Freiheit. Nicht alle leben ihre Werte so wie wir. Um die Wahrheit zu sagen: sehr wenige können das.“

Im Februar lache und nicke ich sehr, als Johnny beschreibt, was er als Vater NICHT vermisst. Ab jetzt habe ich einen Text, den ich Freunden, Familien, Nachtschwärmern zeigen kann, wenn sie mich als „langweilig“ beschimpfen:

„Die Angst, etwas Grundlegendes bis Legen- wait for it -däres zu verpassen, ist seit der Geburt meiner „Frau Doktor Mama Löwe“ (von noobs auch Tochter genannt) nach und nach der Freude gewichen. Der Freude daran, einfach so zu Hause bleiben zu können: „the joy of missing out“ oder auch „jomo“. Die hohe Kunst des Verpassens. Einfach, weil man es kann.“

Lieblingsschriftstellerin Pia schreibt im April über den Verlust eines prägenden Menschen:

„Wenn einer für immer geht, dann wird er dadurch als erstes ins Leben zurückgeholt. Und vielleicht ist das noch stärker der Fall, wenn einer geht, der in einer sehr lange zurückliegenden Zeit sehr wichtig gewesen ist, und die ganze wichtige Zeit so lange zurückliegt und Verbindungen gekappt sind, weil das Leben einen hierhin und dorthin gespült hat, einfach so, so dass diese ganze Zeit in eine Erinnerungsblase gepackt ist, und alle Menschen darin Erinnerungen sind, die durch den Tod wieder lebendig gemacht werden, weil sie dadurch geweckt werden.“

Im Mai slammt Frau Auge für den Kirchentag. Und gerade weil ich selbst merke, wie ich immer kirchenkritischer werde, bin ich für Stimmen wie ihre sehr dankbar. Sie machen Hoffnung:

„Deine Frau kocht den Kaffee.

Du wählst AfD

Aber draußen geht die Welt unter

Niemand benutzt mehr Semikolons

(Und nur du weißt, dass es Semikola heißen muß)

Frauen sind Kanzlerin

Luther ist nicht heilig anymore

Und sogar Fußballstars sind schwul“

Im Juni haut Andrea wieder einen ihrer Knallertexte raus. „Deine Mudda“ ist zum Lachen, Heulen, Toben. Und nachdem ich einen Monat früher anlässlich der unseligen „BLIKK-Studie“ über die Schuld der Mütter auf allen Ebenen geschrieben hatte, behaupte ich heimlich, so eine Art Impulsgeberin dieses Hammer-Blogposts gewesen zu sein:

„Aber warum nervt deine Mutter eigentlich ständig Gott, die Welt und andere Medien? Denn egal was sie tut, ihr grottenschlechtes Image haftet an ihr wie Kinderkacke und Klischeekaffee.“

Mit „Working while female“ greift Lydia im Juli ein Arbeitsexperiment auf, das auch mich ziemlich sprachlos gemacht hat:

„Ich dachte immer, es liegt an mir. Jedesmal, wenn ich im Job nicht gehört oder nicht ernstgenommen wurde. Jedesmal, wenn meine Idee erst dann aufgegriffen wurde, wenn sie von einem Mann wiederholt worden war.“

Corinne ist im August irritiert, und zwar über Männer, die betonen, um wie vieles weicher und empathischer sie das Zusammenleben mit ihren Töchtern machte:

„Männer, die erklären, wie sehr ihre Töchter sie zu empathischeren Menschen gemacht haben, tun ihren Töchtern deshalb keinen besonders großen Gefallen. Denn sie bestätigen eigentlich nur die Klischees, die ihren Töchtern unter Umständen einmal das Leben schwer machen werden. Und vielleicht noch wichtiger: Sie bestätigen Klischees vom Mannsein, die auch sie selbst treffen.“

Ebenfalls im August reflektiert Meg ein Erlebnis, das mich sehr gerührt hat. Aus „Du bist dick“:

„Ich zog mich um und lief Richtung Siegfähre, wo mir eines meiner Patenkinder entgegenlief und sich, laut meinen Namen rufend, in meine Arme warf. Ich nahm ihn hoch und drückte ihn ganz fest, küsste seine Wange, wurde geküsst und hörte Moritz zu seiner Mama sagen: „Die Frau mit dem Cabrio finde ich hübsch, Mama.“

Ein kurzer Blick auf das politische Geschehen im September. Die Hysterie nach der Wahl ist Robin nämlich definitiv zu viel. Lesenswert fasst sie zusammen:

„Die nächsten Jahre werden nicht leicht – aber es ist nicht so hoffnungslos, wie viele es (gerne?) darstellen. Es gibt Lösungswege – man muss sie nur gehen, statt dagegen zu polemisieren, weil einem das schon wieder nicht radikal hysterisch genug ist. Welche Lösung diese Leute zu präsentieren hätten, die jetzt jeden attackieren, der nicht kopflos im Kreis rennt, nur um am Ende wieder dort anzukommen wo er war, möchte ich mir auch gar nicht vorstellen.“

Bereits vor der Wahl hat Anna auf deutschlandfunknova über das Nicht-Wählen und das Beziehen von Hartz 4 geschrieben:

„Ich werde oft gefragt, wie meine Eltern denn in so eine Situation kommen konnten, also in Langzeitarbeitslosigkeit mit fünf Kindern, vielleicht fragt ihr euch das ja auch gerade. Ja, und ehrlich gesagt, finde ich die Frage blöd. Weil die Abwertung schon drinsteckt.“

Jetzt wieder zurück zu den Normen von Schönheit. Im Oktober schreibt Rike, warum sie damit fertig ist, und wie sie das geschafft hat:

„Guck mal, in diesem Bauch sind du und dein Bruder gewachsen und kurz vor eurer Geburt war er kugelrund. Dann war er kleiner und jetzt sieht der Bauch so aus, weil er zweimal riesig war. Und weil ich so gern gute Sachen esse. Das ist der Bauch von einer glücklichen Mama.”

Ebenfalls im Oktober schwimmt Silke, die 2017 einmal um die Welt reiste, mit Buckelwalen. Und ich bin nur minimal eifersüchtig, echt jetzt:

„Weil ich schon so lange davon geträumt habe, hatte ich bis zur letzten Minute ein ganz kleines bisschen Angst, dass etwas dazwischen kommen könnte und ich dann sehr enttäuscht sein würde. Deshalb war ich sehr froh, dass du und deine ganze Familie im Kopf mit mir gereist seid und euch quasi für mich auf Tonga und die Wale gefreut habt. Ich habe mich das nämlich manchmal nicht getraut. Gut, wenn man in einer solchen Situation Freunde hat.“

Ein weiterer, starker Oktobertext von Sarah. Auf stadtlandkind schreibt sie über die Angst und das Vertrauen:

„Ich war mal furchtlos. Und bedenkenlos. Und abenteuerlich. Insgesamt riskant. Und dann bekam ich ein Kind und all das war weg. Als hätte ich meinen ganzen Mut über die Nabelschnur an das Kind abgegeben.“

Sehr beeindruckt hat mich auch diese Beobachtung von Alu:

„Das ist kein wertloser Müll, kein Dreck den die Männer dort entsorgen, es ist ein Leben. Ein plötzlich beendetes Leben. Ich sehe nun die Kinderkostüme und den Schlitten mit anderen Augen und ich muss an einen Familienvater denken, einen Mann der mit seiner Familie einen Mixer und ein Waffeleisen gekauft hat.“

Einen in dieser Zusammenstellung etwas fremd wirkenden Post lese ich im November. Ralf schreibt darüber, wie er seine Rolle im selbst gegründeten Unternehmen neu gestaltet hat. Ich wünsche diesem Post viele Leserinnen und Leser, denn er zeigt, dass wir nur weiterkommen, wenn wir permanent auch unser eigenes Tun reflektieren. Aus „Bei uns wird’s ohne mich erst schön“:

„Als geschäftsführender Gesellschafter war ich gleichzeitig Gesellschafter, Geschäftsführer, Vorgesetzter, Product-Owner, Teammitglied und Mensch. In meiner Funktion als Vorgesetzter habe ich den Scrum-Master und den anderen Product-Owner teilweise in ihren Rollen behindert.“

Im November noch einmal Vanessa und die Beschreibung einer Alltagsbegegnung. Den Kloß im Hals gibt es dazu:

„Ich gehe nochmal zum Buffet“, sage ich und stehe auf. Ich spüre, wie „Der beste Mann hier“ hinter der Theke hervorkommt und mir nachschleicht. Als ich mir Krabbenchips auf den Teller häufe, raunt er mir ins Ohr: „Isse immer hier, der Gaste. Wenne du willst, kannste du andere Tisch haben. Machen wir unauffällig.“ Ich raune zurück: „Schon okay.“

Und im Dezember fasst der 2017 ausgewanderte Richard seine Eindrücke zu seiner neuen Heimat New York wunderbar zusammen:

„Diese Stadt ist großartig in ihrer Vielfalt, ihrer Verrücktheit, der Unvollkommenheit und dem Verfall, großartig in ihrem unablässigem Trotzdem.“

 

Im Bewusstsein über die Unvollständigkeit und ewige Subjektivität meiner Zusammenstellung beende ich diesen Jahresrückblick und damit das Blogjahr. Ich danke Euch allen für ein weiteres Jahr Lesen und Gelesen-Werden. Und hoffe, wir lesen uns wieder – hinter der magischen Grenze, in einem ganz neuen, frischen und vollkommen unbenutzten 2018.

(Beitragsbild von pexels.com. Danke!)

  1. Alu

    2017 klang echt spannend, für mich endet es mit “Halt mal den Hustentee” und beginnt hoffentlich mit “Challenge accepted”

  2. ein sehr schöner rückblick, mit ganz unterschiedlichen facetten. danke dafür!

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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