Über Leichen gehen

Heute so, ZDF-Werbung. Und dieser herzerfrischende Kommentar von Mel:


Mir war das ein Weiterleiten wert. Und sogar eine Anschlussdiskussion mit Johannes, der mich fragte, worin der Sexismus dieser Werbung besteht. Das gehe nicht in Tweets, schrieb ich. Also, jetzt, hier:

Zu der ganzseitigen Anzeige vom ZDF im Spiegel lässt sich einiges sagen, und ich freue mich über Ergänzungen in den Kommentaren, falls Euch im Folgenden Aspekte fehlen. Ich versuche mal, mein Unbehagen aus literaturwissenschaftlicher Sicht heraus zu begründen.

Das Augenfälligste zuerst: Es steht zwar nicht explizit dabei, aber rote Schuhe sind ein überaus häufiger, man könnte sogar sagen: klassischer Verweis auf Prostitution, sowohl in der Literatur, als auch in Malerei und Musik. Der erste Beleg, der mir einfiel, war peinlicherweise Juliane Werdings Rote Schuh. Meine Mutter ist Schuld. Dabei läuft die Assoziation über die Farbe – Rot als die Farbe der Liebe, des Begehrens, auch des Hungers, und über die Höhe der Absätze, denn bis heute werden hohe Absätze in Verbindung mit engen, den Körper betonenden Schnitten als Zeichen von genereller Paarungsbereitschaft gedeutet. Nicht zuletzt wegen des in den Hüften wiegenden Gangs, den man mit hohen Absätzen hat.
Die abgebildeten Beine sollen also offenbar die Assoziationen „weiblich“ und „Prostituierte“ auslösen. Johannes wies mich darauf hin, dass es nun einmal Morde an Prostituierten gebe, und äußerte die Frage, ob das nun auch nicht mehr Thema eines Krimis sein dürfte. (Krimis, schrieb er, seien Ausschnitte der Realität. Das müssen wir mal gesondert diskutieren. :)) Das Kontextwissen, auf welchen Tatort (? Krimi?) genau sich die Anzeige bezieht, habe ich nicht. Ist hier aber auch nicht unbedingt relevant.  Die Anzeige ist – Dank an Anita und Elliminz – Teil einer Werbekampagne für den Samstag-Abend-Krimi des ZDF. (Siehe Links in den Kommentaren)

Um die Frage zu beantworten: Doch, ich denke schon, dass ein Mord an einer Frau, die ihren Körper für Sex verkauft, mitunter Thema sein darf, unter anderen Themen halt. Das Hauptproblem ist bei dieser Anzeige die Überfrachtung von Klischees in Kombination mit dem Slogan: „Samstags legt man die Füße hoch.“ Schaue ich mir jetzt die Text-Bild-Relation an, sehe ich folgendes:

Eine Frauenleiche, offenbar aus „dem Milieu“, wie es im Krimisprech so oft heißt, wird in der Dunkelheit mittels Kofferraum entsorgt. Dazu der Satz, „man“ lege am Samstag die Füße hoch. Hier haben wir ein zu Tode gerittenes Stilmittel der Werbung: die klassische Doppelbedeutung: Die Metapher „Die Füße hochlegen“ meint die entspannende Abendunterhaltung, hier vor dem Fernseher. Gleichzeitig erscheinen im Bild die Beine der Leiche „hochgelegt“, weil sie beim Verstauen nicht auf Anhieb in den Kofferraum passten. Das unpersönliche „man“, Ihr ahnt es, bezieht sich nicht nur auf das sich am Samstag Abend entspannende Individuum, sondern gleichzeitig auch auf den Täter, der dem Opfer im Bild „die Füße hochlegt“. Was zu einem überaus unpassenden Euphemismus in der zweiten Bedeutung des Satzes führt: „Die Füße hochlegen“ als Synonym für Mord und Wegschaffen der Leiche. Ein solcher gewaltverharmlosender Sprachgebrauch wird zur so genannten Rape Culture gerechnet und hinterlässt bei mir bereits ganz ohne weitere Verweise ein „Geschmäckle“, wie wir im Badischen sagen.

Da wäre aber noch einiges andere zu bemerken:
Die Darstellung von Frauenleichen hat in der Literatur eine lange Tradition, die Elisabeth Bronfen in Nur über ihre Leiche mal analysiert hat. Berühmte Frauentode wie Desdemona aus Shakespeares Othello sind darunter. Die Tradition der Ästhetisierung von toten Frauenkörpern geht weit über das Schneewittchen im Glassarg hinaus, beinhaltet klassischerweise aber immer wiederkehrende Merkmale, die Psychoanalytiker auch aus pathologischen Bildern von Straftätern kennen. Es sind Motive von der Überwindung der Frau, die als Bedrohung für eine (oft männliche, immer aber durch das Verhalten der Frau irgendwie aus den Fugen geratene) Gesellschaft wahrgenommen wird. Nicht selten bezieht sich diese Bedrohung auf die Sexualität der Frau. Im Tod wiederum wird die Frauenleiche ästhetisiert, konserviert oder sogar mit Statuen oder Puppen nachgebildet, erscheint entsexualisiert als „Heilige“, als „unbegreiflich schön“, als „überirdisch“, manchmal sogar als „im Tod erst richtig lebendig“. (Vgl. z.B. 21, 96, 152, 160, engl. Ausgabe Over her dead body, 1992.)

Ein Beispiel, an dem ich das während des Studiums mal durchexerziert habe, ist der Fund einer Frauenleiche in Antonio Muñoz Molinas Roman Der polnische Reiter. Das Motiv der „eingemauerten Frau“ verklammert die einzelnen Teile des Romans. Ihm kommt daher auch strukturell innerhalb des Romans eine gewissen Bedeutung zu. Die Hauptfiguren der Geschichte entwickeln zu der Frauenleiche, die 60 Jahre vor ihrem Fund eingemauert wurde und durch günstige Verhältnisse extrem gut konserviert ist, alle eine Beziehung. Das Schicksal der Frau wird erst am Ende des Romans aufgeklärt. Bis dahin hat sich zum Beispiel der Fotograf in die ihm „wirklicher als alle Lebenden Erscheinende“ verliebt, und empfindet sie, die Tote, als die einzige, die ihn „tatsächlich ansieht“. Gleichsam scheint sie „unter seinem Blick und nur für ihn“ wieder lebendig zu werden. Er entwickelt Züge von Nekrophilie, gegen die er nicht selbst ankommt. Erst das Verschwinden der Leiche „befreit“ ihn wieder von seiner sexuellen Erregung, die sich auf die vollkommen asexuelle, als reine Projektionsfläche dienende Tote beziehen. Sein Verlangen verlagert sich nach dem Verschwinden der Leiche auf die Ebene der rein visuellen Wahrnehmung, da er die Tote mehrfach fotografiert hat. Diese Bilder ersetzen ihm den Besitz der Leiche, den er sich wünschte. Ein anderer hat die Leiche bereits zwecks Besitz an sich genommen, aus vergleichbaren Motiven. Kennen wir, auch der Prinz wollte ja das tote Schneewittchen nun partout mit in sein Schloss nehmen. 🙂
Die Frau, die die Leiche findet, sieht in ihr dagegen eine neue Madonna und mystifiziert sowohl die (unbekannten) Umstände ihres Todes als auch die Tatsache ihrer Erhaltung über 60 Jahre. Sie entwickelt keine sexualisierte Beziehung zur Toten, fragt sich aber auch nicht, wie die junge Frau vor ihrem Tod gelebt haben könnte. Es steht für sie außer Frage, dass die junge Frau aufgrund ihrer Heiligkeit und Unschuld als Bedrohung wahrgenommen wurde und daher sterben musste. Sie vermutet, die „Mauren“ hätten sie gefangen genommen und später vermauert.

Warum die junge Frau eingemauert wurde, warum sie keine Heilige ist und was ihr Tod mit der Überwindung ihrer Sexualität zu tun hat, erfährt der Lesende am Ende des Romans durch die dritte Hauptfigur. Ich will nicht noch mehr Spoiler einbauen ;).

Das Motiv unversehrter Frauenleichen ist auch in Malerei (z.B. John Everett Millais, Ophelia) und Musik (z.B. Schubert, Der Tod und das Mädchen) ein häufig eingesetztes. Ein bekanntes Beispiel aus der Popkultur ist The Wild Rose von Nick Cave. Alle oben genannten Motive spielen in dieser Umsetzung eine Rolle, ergänzt um den wahnhaft-generalisierten Gedanken, „all beauty must die“, „alle Schönheit muss sterben“, mit dem der Protagonist den Mord an Eliza Day rechtfertigt. Im Tod steckt er ihr eine rote Rose – Symbol der wahren Liebe – zwischen die Zähne. Der Mord an ihr nimmt eventuelle sexuelle Handlung vorweg, denn nach allem, was wir erfahren, hat Eliza Day nicht mit ihrem Mörder geschlafen. Die bloße Vorstellung, die Unschuld seiner Projektionsfläche könne zerstört werden, reicht, um die Tat zu rechtfertigen. Im Tod ist das Mädchen immer schön, es kann nicht mehr altern, sein Zustand ist konserviert. Zudem ist es der jungen Frau nicht mehr möglich, ihn zu enttäuschen oder zu verletzen. Auch im Polnischen Reiter und in den Beispielen von Elisabeth Bronfen wird das häufig thematisiert. Wir erinnern uns: Jago überzeugt Othello davon, dass Desdemona ihn hintergeht. Letztlich muss auch sie sterben, um ihm nicht weiter schaden zu können. Doppelt tragisch daran: Desdemona ist unschuldig, sie ist reine Spiegelung für Othellos Eifersucht und Besitzdenken.

Die Band The Beautiful South hat das Thema der Ästhetisierung von Liebe im Tod bzw. von Liebe zu Leichen einmal geschlechtertechnisch umgedreht in einem Lied verarbeitet. Hier ist der Aggressor die liebende Frau, die das Objekt ihrer Begierde töten muss, um sich seiner sicher zu sein, quasi ein „Schwarze Witwe“-Motiv. Das Lied spielt mit der Umkehr der klassischen Rollenklischees und gibt dem liebenden Mann für den Umgang mit der gefährlichen Frau Handlungsanweisungen: „Do not raise your voice, and do not shake your fist, just pass her the carving knife“. Die perfekte Liebe, so auch hier das bereits oben angesprochene psychopathologische Bild, existiert nur in der Verbindung eines Menschen mit demjenigen, den er gerade getötet hat. „A perfect love has no emotions, it only harbours doubt“, und „A perfect kiss is with a boy that you just stabbed to death“.

„Nur eine tote Frau ist eine gute Frau“, fasst Barbara Supp in ihrer Rezension von Bronfens Buch zusammen und zitiert Prosper Merimee:

Jede Frau ist bitter wie Galle. Aber sie hat zwei gute Augenblicke, den einen im Bett, den anderen bei ihrem Tod.

Auch in diesem Zitat wird die Verbindung zwischen Sexualität und entgültiger Entsexualisierung durch Tod deutlich.
Elisabeth Bronfen, schreibt Supp, unternimmt den “Versuch einer Erklärung für ein wenig beachtetes Phänomen: die Tatsache, daß tote Menschen in der Kunst „unglaublich häufig“ schön und weiblich sind.“

Ihre Beobachtungen sind absolut lesenswert. So urteilt sie z.B., die Perspektive auf die schönen Frauenleichen in der Literatur sei zwar „männlich“, aber um sie einzunehmen, müsse man kein Mann sein. Frauen, so Bronfen, begreifen aufgrund ihrer Sozialisation Frauen genauso wie Männer als „das Andere“. Was bedeutet, dass auch Frauen, die sich grundsätzlich eher mit den weiblichen Leichen identifizieren, die Darstellung vieler toter Frauenkörper nicht unbedingt per se als antifeministisch und sexistisch empfinden. Auch das Element, das Barbara Supp mit dem wohligen Gefühl des „Jemand ist tot, aber ich bin es nicht“ beschreibt, das Kern jeder Unterhaltung in Form von Krimis ist, spielt eine wesentliche Rolle.

Warum, so könnte man fragen, ist also ein Problem, was offenbar inhärenter Bestandteil unserer Kultur ist? Ich würde folgendermaßen antworten:

Weil hinter diesem Motiv ganz grundsätzlich das Bild von der Überwindung des Andersartigen durch Tod (sehr häufig: Mord, manchmal: Selbstmord) steht. Das Andersartige ist dabei die Frau, deren Sexualität als unberechenbar und als Bedrohung für die Ordnung der Dinge wahrgenommen wird.
Weil die Ästhetisierung, sprich: die stilistische Überhöhung von toten Frauenkörpern (in der Anzeige gut zu sehen: hübsche, sehr schlanke, weibliche Beine, die anmutig über den Kofferraum hinausragen) nekrophile Elemente beinhaltet, die zumindest äußerst fragwürdig sind.
Weil eine ganze Kultur von Gewalt an Frauen mitschwingt, für die man keinen Shakespeare gelesen haben muss. Beispiele aus der Popkultur reichen völlig, Euch fallen da sicherlich noch einige ein.
Oder auch einfach, weil es SO LEICHT GEWESEN WÄRE, es anders zu machen, liebe Werbeabteilung des ZDF.

Müssen jetzt alle diese Werbung sexistisch finden? Nein, mit Sicherheit nicht. Aber vielleicht hilft dieser Blogpost ja, zu erklären, warum manchen Menschen bei einer solchen Werbung unbehaglich ist. Nicht zuletzt fällt die Werbekampagne in eine Debatte um Re-Kriminalisierung der Prostitution, wie ich sie im letzten Blogpost angesprochen habe (Ist übrigens gerade ein lesenswerter Kommentar hinzu gekommen). Und gute, ich meine: richtig gute Werbung zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie nicht die Sensibilität eines toten Fisches und die Vorsicht eines Presslufthammers einsetzt. Auch wenn die am häufigsten verwendeten effekthaschenden Mittel in Werbung und Literatur Sex und Tod sind, bleibt für mich die Frage:

Müssen die Leichen, über die wir gehen, dabei dauernd schön und weiblich sein?

Update:

Beitrag in der faz (Ja, ja, in der Faz) zum Thema Gewalt gegen Frauen in Krimis. Passend zu den Kommentaren unten.

Update 2: (06.04.2014)

Aufgrund der Diskussion in den untenstehenden Kommentaren:

Amerikanischer Beitrag, der in aktuellen Werbespots die Frauen mit Männern ersetzt. Kommt ohne Leichen aus, ist aber dennoch etwas  … verstörend. Ich möchte weder Frauen noch Männer so sehen, habe ich dabei festgestellt 😉

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63 Gedanken zu „Über Leichen gehen“

  1. Ich reduziere mal die Werbung ausschließlich auf den „nächsten Samstag“.

    2 Krimis, 2 Fraunleichen, zwei unterschiedliche Herangehensweisen in der Ermittlung.

    Ja, ich habe mir die Mühe gemacht um nachzusehen, was das ZDF da bewirbt.

    Ob die Werbung dann für den 15.03. genauso aussieht, mal sehen ………….

    Ja, man kann Sexiszismus vermuten, als Reißer, um Zuschauer zu bekommen. Man kann sie aber auch einfach als interessanten Hinweis auf die beiden Krimis verstehen. Kommt eben auf den Blickwinkel an.

    Wenn man nun das Publikum des ZDF betrachtet, dann braucht es diesen „Reißer“. Um sich mit einem evtl. anspruchsvollen Krimi überhaupt interessant gegenüber so manchen „kunterbunten“ Sender abzugrenzen. Um auch anderes Publikum anzuziehen. Und in den „Kunterbunten“ Sendungen anderer Sender brauchen wir nicht den „versteckten“ Sexismus zu suchen. Der ist mehr als augenfällig.

    Und nun stellt sich die Frage, wie kann man es anders darstellen, um überhaupt Andere als das „Standard“-Publikum zu erreichen??

    1. Zwar bin ich keine Werbetexterin, aber ich denke, eine beturnschuhte Leiche ohne erkennbares Geschlecht wäre gegangen, evtl. mit anderem Spruch, denn die Gewaltverharmlosung ist ja geschlechterunabhängig.
      Dass sie anders können, zeigt das „Händchenhalten“-Plakat, das ich unten gerade verlinkt habe.
      Um kulturellen Sexismus in seinen Traditionslinien aufzudecken, brauche ich kein differenziertes Wissen, welchen Krimi genau jemand bewirbt. Dann müssten wir uns nämlich auch darüber unterhalten, ob die Verhältnisse einigermaßen richtig dargestellt sind, und wenn nicht, warum nicht. (Klar, Fiktion muss nicht mit der Realität übereinstimmen, aber es ist immer spannend zu hinterfragen, warum sie es vielleicht nicht tut).
      Zum bunten Spektakel auf privaten Sendern: Den Blödsinn können andere schauen. Ich bin zwar auch kein besonders großer Fan von Krimis, aber die Öffentlich-Rechtlichen zahle ich immerhin mit. Und da, finde ich, habe ich ein Recht auf Kritik. Ich erwarte nicht, dass öffentlich-rechtliche Organe sich wie die privaten Sender verhalten. Das wäre ja noch schöner!
      Danke wie immer für Deinen Kommentar! Macht immer Spaß, Dich hier zu haben. Hast Du eigentlich ebenfalls einen Blog, auf dem man sich mal austoben könnte? ;))

      1. Ne, ich blogge nicht. Ich „quäl“ halt nur Euch 😉

        Meine Motiviation, im Netz zu suchen und zu schreiben waren und sind „eigentlich“ meine Kinder und ein „bisschen“ Aufklärung über Autismus und Lernen darüber.

        Aber ich habe halt auch andere Interessen und Ideen.

        Nun zum Krimi und Gewaltverherrlichung —- jenseits von Sexismus

        Ein Krimi ist einerseits das Gutmenschentum, das Ergötzen an der Schlechtigkeit der Welt und dem Sieg des Guten.

        Wie man dies nun „vernünftig“ bewerben will, ohne eine gewisse Form der Gewaltverherrlichung zu betreiben ist mir schleierhaft.

        Schau ich mir meine Mutter an, die Krimis liebt ……….. warum schaut sie diese ……… tja, es ist etwas Nervenkitzel, ohne selber betroffen zu sein.

        Krimi’s mit Tiefgang, zum Nachdenken, dass ist nicht erwünscht.

        Der Krimi soll vorhersehbar sein. Und so geht es vielen, die das ZDF für diese Sendungen nutzt.

        Mit meinen GEZ – Gebühren wird ein Klientel bedient, dass an dieses Programm „gewöhnt“ ist und Änderungen noch vehementer entgegensteht, als meine autistischen Kinder. 😆

        Kultureller Sexismus ist eine Sache, der Sexismus, der sich auf den „privaten“ Sendern breit gemacht hat ist für meine Begriffe schlimmer. Auch und vor allem der Umgangston der dort eine weite Verbreitung findet.

        Klar, dass Werbefoto ist nicht gelungen und läd zu Assoziationen ein. Aber es setzt auch „Gehirnschmalz“ voraus, um auf Deine Schlussfolgerungen zu kommen, die durchaus nachvollziehbar sind.

        Der offene Sexiszismus und die Wortwahl auf den Privaten ist aber penetranter und einprägsamer als dieses Foto. Und setzt sich viel tiefer in den Gehirnen der heute 10 – 20 jährigen fest. Wenn man nun von 50% der Bevölkerung ausgeht (sehr gering geschätzt), die diese Sender frequentieren und dies ungefiltert auf ihr Leben und Umgebung übertragen, dann ist das „brave“ Foto vom ZDF schon fast eine Lachnummer. Sorry

        Das das ZDF sich darin versucht, eben dieses Publikum zu sich zu ziehen, ist einerseits ehrenwert. Aber wird mit diesem Foto gewiss nicht gelingen. Da wäre das Bild aus Deinem Link von unten (zwei Männer schleppen eine Leiche) schon eher angetan.

        Wird aber bei dem anzusprechenden Publikum auch eher als zu „Brav“ = Langweilig abgehakt werden.

        Und wenn die Krimis auch nur im entfertesten einen gewissen Tiefgang haben, dann schaltet das evtl. eroberte Publikum auch relativ schnell ab.

        Um ein Wissen darüber zu haben, muss man sich nur mal die Kommentare von Lehrern anhören, die Literatur zu Mobbing in der Schule angeboten haben und schnell eingreifen müssen, dass die Literatur nicht als Lehrstück wie man es gut oder besser macht missverstanden wird.

        Es herrscht eine Übersättigung in diesem Bereich.

        Alles haben „Sie“ schon gesehen.

        Nun müssen sie es selber probieren.

        Der Kick / Reiz bei „Kleinigkeiten“ ist bereits genommen.

        1. Nachtrag:

          Ein differenziertes Nachdenken über Werbebotschaften, Inhalte und Hintergründe von Foto’s, sinnentnehmendes Lesen von Texten und tiefer gehender Literatur ……….

          dies wird verzweifelt versucht, zu vermitteln.

          Mit dieser Thematik habe ich mich gezwungener Maßen, aufgrund des Autismus der Kinder, mehrfach auseinandergesetzt.

          Und ich bin erstaunt darüber, dass die „Norm“ der Menschen vieles überhaupt nicht sehen will. Sie entnehmen, wenn überhaupt, nur das Vordergründige.

          Da man Autisten ja nachsagt, dass sie eben dieses nicht könnten (ich behaupte ja, dass sie es durchaus können, nur wesentlich länger dafür brauchen und auf zum Teil für die „Norm“alen auf sehr überraschende Ergebnisse kommen), erstaunt es mich immer wieder …………..

          wie die große Masse der „Norm“alen so vieles einfach übersieht.

          Oder besser, einfach nur konsumiert.

  2. Wenn mal nun alle vier Bilder zur Werbung für die „neuen“ Krimis im ZDF betrachtet, dann geht es nicht um etwas verstecktes, sondern man versucht augenfällig / „reißerisch“ zu werben.

    Versteckte Botschaften sind eher nicht zu erwarten. Und werden vom „normalen“ Publikum in der Form auch nicht wahrgenommen.

  3. Nundenn.

    Nach der Lektüre deines, Juna, Artikels wurde mir relativ schnell klar, dass Menschen, die sich kürzlich intensiver mit der Prostitutions-Debatte befasst haben, in dieser Reklame offensichtlich wesentlich mehr Muster entdecken können und wollen als ich.

    Ich sollte vielleicht dazusagen, dass ich praktisch nicht fernsehe und schon gar keine öffentlich-rechtlichen Krimis. Für mich persönlich beinhaltet diese Reklame zwei wesentliche Punkte:

    a) ein ungelenkes Wortspiel
    b) die altbekannte Strategie namens „sex sells“

    Diese beiden Punkte ergänzen sich recht genau zu dem intellektuellen und stilistischen Niveau, das ich von ARD/ZDF in schmerzhafter Erinnerung habe. Natürlich kann man es geschmacklos finden, dass ein TV-Sender hier auf lange Beine junger Frauen zurückgreift, um seine mediokren Erzeugnisse ans Publikum zu bringen. Für mich ist das letztlich Teil der recht allumfassenden Sexualisierung der Werbung, von Hautcremes bis zu Internet-Reiseportalen. Ich würde sogar so weit gehen, dass diese Sexualisierung ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist, zumindest wenn ich mir z.B. die offiziellen Dresscodes von Flugbegleiterinnen oder selbst die inoffiziellen Dresscodes in vielen Unternehmen ansehe. Ob ich diese Sexualisierung per se gut oder schlecht finden soll, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, vermutlich ist es mir einfach zu egal, was andere Leute am Leib tragen und was sie denken, damit transportieren zu müssen. Jedenfalls herrscht aus meiner subjektiven Perspektive schon seit langer Zeit ein kultureller Konsens, dass die Betonung des weiblichen oder männlichen Körpers (und die dabei implizit oder explizit mitschwingende sexuelle Aufladung) ein legitimer Code ist. Während ich das aus persönlicher geschmacklicher und manchmal auch ethischer Sicht an vielen Stellen als eher überflüssig bzw. unpassend betrachte, habe ich nicht prinzipiell etwas dagegen – solange keine physische, psychische oder sonstige Gewalt im Spiel ist, die mit der Sexualisierung in inhaltlicher Verbindung steht (was ja leider oft der Fall ist).

    Nun ist aber Gewalt leider gerade die Kernkompetenz von Krimis. Man kann, wenn man möchte, bei besagter Reklame sicherlich davon ausgehen, dass es sich um eine Prostituierte handelt (für mich waren die roten Schuhe einfach nur der Versuch einer erotischen Aufladung mit dem Holzhammer, ich verbinde diese nicht notwendiger Weise mit Prostitution). Es handelt sich also meinetwegen um eine ermordete Prostituierte. Man kann vermutlich davon ausgehen, dass Prostituierte ab und an (leider) ermordet werden, genauso wie z.B. Fernfahrer. Da aber die durchschnittliche Prostituierte vermutlich mehr primitive Reize pro Zeiteinheit anspricht als der durchschnittliche Fernfahrer, erscheint es mir aus Sicht der beauftragten, offensichtlich äußerst mittelmäßigen Werbeagentur durchaus sinnvoller, ein paar lange Beine mit roten Schuhen auf das Bild zu klatschen (statt der Dosenbier-Wampe des sprichwörtlichen Fernfahrers). Dass ich das geschmacklich und intellektuell ausbaufähig finde, versteht sich. Aber ich sehe eben nicht, wo sich hier ein besonderer Sexismus verbergen würde – abgesehen von der o.g. Sexualisierung, wie er uns mittlerweile in jedem H&M-Schaufenster entgegenstrahlt (Sexualisierung und Sexismus sind für mich durchaus sehr verschiedene Dinge). Sollte diese „Alltags-Sexualisierung“ gemeint gewesen sein, so kann ich die Kritik an dieser Reklame nachvollziehen (auch wenn ich persönlich nicht wirklich weiß, wie ich zur Frage der zunehmenden Sexualisierung per se stehe). Allerdings glaube ich nicht, dass das der Fall ist, denn in diesem Fall müsste ja eigentlich jede Nivea-Werbung diese Wellen schlagen.

    Die Herleitung des Motivs Frauenmord aus der Literatur fand ich durchaus sehr interessant. Allerdings fällt es mir etwas schwer zu glauben, dass das ZDF (oder die entsprechende Agentur) bei der Konzipierung solcher Reklamen umfassende literarische Analysen vornimmt – vielleicht unterschätze ich die Beteiligten da aber auch. In diesem Fall allerdings müsste man eine solche Reklame ja fast schon als semi-literarisches Werk auffassen, dem man dann eigentlich so etwas wie eine Freiheit der Kunst zugestehen müsste 😉

    1. Ein schöner Kommentar!
      Es ist nicht dumm, Sexismus von der Sexualisierung der Gesellschaft zu trennen und zweites als eine Art legitimierten Code zu sehen. Ich würde da mitgehen, auch wenn ich nach wie vor denke, es gibt sehr viele verschiedene Arten von Sexismus, die mehr oder weniger schlimm empfunden werden – nichtsdestotrotz sagen sie alle etwas aus über die Gesellschaft, in der wir leben. Und das ist oftmals nicht die Gesellschaft, die ich meinen Kindern präsentieren möchte. Dein Stewardessen-Beispiel ist ein Aspekt, Limo-Werbung mit nackten Frauenkörpern ein anderer, Vermittlung von unrealistischen Bildern z.B. in Magazinen oder Medien ein dritter, Alltagssexismus ein vierter, und dann haben wir die ganze Gender-Gap-Debatte auch noch gar nicht berührt. Für mich persönlich viel schlimmer als alle Barbies und Heidi Klums dieser Welt im Übrigen ist, wenn die Große nach Hause kommt und mir berichtet, Mädchen „seien halt nicht gut in Mathe“, das habe Lehrerin xyz gesagt. Jede/r hat so seine/ihre eigenen Schmerzgrenzen. Tut auch alles nur so mittel zur Sache, ich halte es da immer wie bei der Diskriminierung auch: Anstatt mit jemandem zu diskutieren, was schlimm und was weniger schlimm ist, versuche ich zu schauen, woher es kommt, und ob es eventuell vermieden werden kann. Ich denke, der Tweet von Mel, der ja unsere Diskussion angestoßen hat, lautete „Sexismus“ und Gewaltverharmlosung, weil das die ersten beiden Aspekte waren, die ihr einfielen, als sie merkte, dass sie auf die Anzeige reagierte. Die Darstellung von toten Frauenkörpern aber ist mit dem Dresscode einer Stewardess nicht unbedingt zu vergleichen, weshalb ich obige Ableitungen aus der Kultur aufschrieb.
      Nun hast Du höchstwahrscheinlich auch Recht mit der Unbedarftheit von Werbemenschen beim ZDF. So wie die meisten Betrachter_innen dieser Werbung nehmen sie bestimmte Dinge für so kulturell immanent, dass sie ihnen – wie Anita weiter oben schrieb – gar nicht mehr auffallen. Umso wichtiger, finde ich, darauf hinzuweisen, welche Tradition solche Bilder haben. Es geht hier um die Stilisierung von toter Weiblichkeit als besserer Weiblichkeit – und das sollte uns zu denken geben. So ist auch die Strategie „Sex sells“ bei den Krimi-Anzeigen nur bedingt zutreffend: Es ist mehr als „Sex sells“, es ist vielmehr ein „Death because of Sex“ sells, und das eben, gemäß Tradition, in weiblich. Wenn Du mich jetzt begrifflich unbedingt festnageln möchtest, würde ich sagen, weder Sexismus noch Sexualisierung passt als Bezeichnung. Aber „Ästhetisierung weiblichen Todes als Überwindung der als Bedrohung empfundenen Sexualität der Frau“ ist arg lang. 😀 (Der Begriff „Rape Culture“ versucht im Übrigen, solche Bilder zu beschreiben).

      Natürlich kann man das immer noch nicht weiter schlimm finden, ich sage ja nichts anderes. Wir sind offenbar beide auch nicht gerade die Zielgruppe der Werbung. Ich selbst habe eine sehr ambivalente Haltung zu dem, was Du als Sexualisierung der Gesellschaft beschreibst. Auch das halte ich für normal und legitim. Oft sehe ich Diskussionen über „jede Nivea-Werbung“ und finde sie nachvollziehbar, wenngleich nicht unbedingt einer Aufregung wert. Hier lag der Fall schlicht anders. Die Idee, die Werbung als semi-literarisches Werk aufzufassen, ist interessant, sie berührt die Diskussion, was Kunst/Literatur/Werbung darf und was nicht – eine Frage, die ich lieber in den Händen von Ethikern verhandelt sehe als bei ZDF-Werbemenschen. 😀
      Das Argument „Das ist nun mal so“ oder „Das war schon immer so“ lasse ich nicht gelten. Es ist eben auch und gerade für Massenmedien wichtig, über verantwortungsvollen Umgang mit Inhalten nachzudenken und Bilder, die sie locker-flockig via Print und Vorabendprogramm transportieren, auf ihre kulturelle Aufladung hin zu überprüfen. (Siehe z.B. Blackfacing bei Lanz.) Eine Subjektivierung ist in allem enthalten, was uns begegnet. Aufgrund unserer sehr unterschiedlichen Erfahrungen nehmen wir verschiedene Dinge wahr – ich bin immer wieder überrascht, wie sehr das auseinandergeht, selbst bei ganz ähnlichem kulturellen Hintergrund. Sensibilität, Offenheit uns das Hinterfragen seiner eigenen kulturellen Folien ist, denke ich, meistens möglich. Zu welchem Ergebnis man dann für sich kommt, darf und muss offen sein. 🙂

      1. Zitat: „Oft sehe ich Diskussionen über “jede Nivea-Werbung” und finde sie nachvollziehbar, wenngleich nicht unbedingt einer Aufregung wert.“

        Und da macht mir mein Erfahrungshintergrund einen „Strich durch die Rechnung“.

        So, wie die erwähnte Lehrerin mich zu Weißglut treiben kann, so versuche ich die Werbung und den daraus abgeleiteten Dresscode für weibliche Wesen zu vermeiden, bzw. vor meinen Töchtern zu relativieren!

        Denn dies/dieser hat einen sehr starken Einfluss auf meine Mädchen. Und auch auf meine Jungs.

        Meine Mädchen können nicht so „einfach“ was Schönes kaufen gehen, passen sie ja nicht in die vom „Dresscode der Masse“ vorgegebenen Standards.

        Und meine beiden Jungs, tja dem Großen habe ich in den letzten Jahren viel erklären können, er sieht es kritisch und misst die Welt GsD NICHT an der Werbung. Irritiert ist er allerdings dann von seinen Mitschülern/innen. Und der Zwerg, der nimmt noch ungefiltert wahr, drückt es wörtlich aus und ist erschrocken über die Reaktionen seiner Schwestern. Mit 6 und mit Autismus ist es mal gar nicht so einfach, hier die Relationen zu überblicken.

        Es ist bestimmt sinnvoll, den Ursprung der Sexualisierung und des Sexismus gesellschaftlich zu betrachten.
        Es ist bestimmt sinnvoll, hier eine Art Verhaltenskodex auf ethischer Basis zu erstellen.

        Aber,

        wie bekomme ich es hin, eine allgemeinverständliche Änderung zu bewirken.

        Muss ich dann nicht die plakativeren Dinge zu erst anprangern, um erst mal für das augenfällige das Bewusstsein zu schärfen und hier dringend auf Änderung bestehen?

        1. Das ist genau das, was ich meine! Ja, bei den plakativeren Geschichten, sagen wir bei den Schlimmeren, anzufangen, klingt absolut logisch. Aber was ist das „Schlimmere“? Es liegt im Auge des Betrachters. Für uns beide bezieht sich viel auf die Kinder: Der Sexismus, bei dem wir intervenieren, ist derjenige, der unseren Kindern schaden kann – bzw. einen für uns mehr als zweifelhaften Einfluss hat. Kinderlosen Frauen, die es ärgert, dass sie weniger Gehalt beziehen als Männer in vergleichbaren Berufen, finden diese Benachteiligung und vielleicht die Erlebnisse, die ihnen auf der Arbeit widerfahren, am schlimmsten. (Zum Beispiel die ständige Frage nach eventueller Mutterschaft o.ä.). Freundinnen von mir, die in der Kneipe kellnerten, fanden, der schlimmste Sexismus fände statt, wenn junge Frauen gegen ihren Willen auf den Schoß von Kneipengästen gezogen werden …
          Da nun eine Art Generalisierung vorzunehmen und zu sagen, wir gingen jetzt nach einer Liste vor und kümmerten uns erst um die richtig schlimmen Sachen … schwierig. Ist jetzt klarer, was ich meinte mit dem Standpunkt-Argument? Ich bin angesprungen auf die tote Frau, denn so etwas ist für mich persönlich schlimmer als eine H&M-Werbung. Finde ich es schlimmer als Germany´s next Top Model? Hmm, wahrscheinlich rangiert die ZDF-Werbung trotz Frauenleichen noch darunter … Aber verbindlich für alle kann ich sowieso nicht sagen, wo wir anfangen sollen. Und ich halte es auch gar nicht unbedingt für notwendig, machen wir einfach an den Baustellen weiter, die uns selbst auffallen. Um die anderen Themen kümmert sich hoffentlich dann auch jemand ;)) Es sei denn, George hat Recht, und es is sowieso alles fürchterlich überinterpretiert. 😀

          1. Nein, mal abgesehen von der Farbe 😉 , überinterpretiert ist die Sache eher nicht.

            Das mit dem Kellnern habe ich selber überlebt. Auch mit dem Gehalt.

            So mit 45 hat man als Frau halt schon viele Erfahrungen machen „dürfen“. 😉 💡 😆

            Nötig waren sehr viele davon absolut NICHT!

            Anfangen, an jedem Punkt, der sich einem bietet, ……………. immer den Finger „in die Wunde legen“, nicht aufgeben, dass ist bestimmt eine Alternative

            Auch jenseits von Alice Schwarzer.

            Immer auch mit dem Verweis, dass man einfach dieselben Rechte hat, wie Männer. 😉

            Am wichtigsten finde ich, dass man „uns Frauen“ oder „unseren Mädchen“ ZUTRAUT selbstverantwortlich Entscheidungen zu treffen.
            Ich selber sein zu dürfen!

            Mit allem was ich bin. Ebenso wie mein Mann.

            Fernab von Gender. Einfach so! Einfach Gleichberechtigt!

            Ich persönlich finde mich weder fremdbestimmt (trotz „nur“ Hausfrauen-Dasein), noch als Objekt von irgendwem (passt einfach nicht zu mir 😆 ).

            Ein wenig Selbstbewusstsein, als Frau, steht uns zu.

            Und dadurch wird sich wahrscheinlich am meisten ändern. 😉 💡

    2. @00010111

      Danke, du nimmst mir hier schon viel Schreibarbeit ab. Zur Farbe Rot möchte ich noch anmerken, daß sie erstens nicht die einzige „Schandfarbe“ ist, Grün und Gelb sind das auch. Es gibt einen wunderschönen alten Tanzfilm mit dem Titel ‚Die Roten Schuhe‘; Dorothy in ‚The Wizard of Oz‘ trägt rote Schuhe. Und Zalando hat 234 verschiedene rote Pumps im Angebot, ich hab eben nachgesehen.
      Nicht zuletzt trägt ja auch der Papst rote Schuhe. Ich denke doch, daß der über den Ruch der Prostitution erhaben ist. Alles in Allem wird hier, wie so oft derzeit, zu vieles hineininterpretiert.

      1. Na, aber sicher. Immer diese Überinterpretation, was? Wenn Du mich fragst, ist das die wirkliche Geißel der Menschheit. Nicht Krieg, nicht Hunger, selbstverständlich nicht mangelnde Gleichberechtigung oder so etwas Lächerliches wie die Instrumentalisierung von Frauenkörpern – tot oder lebendig – zu allen möglichen Zwecken, sondern die fürchterliche Überinterpretation von völlig harmlosen Fakten. Das wird uns nochmal umbringen, ey.

        1. Und genau das ist es, was George geschrieben hat!
          Nicht etwa, dass allgemein zu viel in alles hineininterpretiert wird, sondern dass diese Interpretiererei das größte Problem dieser Welt ist!
          „Scheiß auf Kriege und Hunger in der Welt, das viel größere Problem ist, dass zu viel interpretiert wird.“
          Genau diesen Satz hat George doch genau so verwendet.
          Oder?
          Übrigens, immer wenn man sagt, dass einem etwas nicht gefällt, heißt es, dass diese Sache das größte Problem dieser Welt ist für die betroffene Person.
          Neulich hat mir ein Bekannter erzählt, dass er einen Besuch in meinem Lieblingsrestaurant sehr enttäuschend fand.
          Da habe ich auch sofort eine Diskussion vom Zaun gebrochen, dass es ja wohl nicht gehen würde, sich über so etwas unwichtiges aufzuregen, wenn in Afrika doch Kinder verhungern!

          1. Seit zwei Tagen denke ich nun darüber nach, ob Du Deinen Kommentar ernst meinst oder Du mich hier verschaukeln möchtest. Ich komme nicht weiter. Aber danke! Der Diskussion über Dein Lieblingsrestaurant mit Deinem Bekannten hätte ich zu gerne beigewohnt. 🙂

  4. Salve, Julia!

    Expressio bene dicendi!

    Da hat jemand die aristotelische „ars bene dicendi“, so scheint´s, gut studiert… (Germanistik-Studium?)
    Interessante, analytische Aspekte!
    Chapeau!

    Greetz
    Sabine

    1. Ich danke Dir für das schöne Kompliment! Ja, Germanistik stimmt, aber an Dein Latein komme ich dann doch nicht ran :)) Schön, dass diese Redewendungen noch benutzt werden. 😀

  5. Ja, die ganze Debatte hat natürlich viele Aspekte.

    Viele vertreten wohl die Ansicht „naja, wenn Männer von der Natur offensichtlich darauf programmiert sind, auf weibliche Geschlechtsmerkmale zu reagieren, dann ist es ja wohl ok, daraus eine kulturelle Norm abzuleiten und zu rechtfertigen“. Das aus der Natur herleiten zu wollen, ist natürlich Unfug, ein klassisches Beispiel für den naturalistischen Fehlschluss.

    Andererseits kann man aber die zunehmende Sexualisierung auch als kulturellen Prozess auffassen, den man als solchen ideengeschichtlich verstehen und interpretieren muss. Den daraus hervorgehenden Normativitätsanspruch kann man sicherlich kritisieren, allerdings würde ich das wie gesagt nicht zwangsläufig unter „Sexismus“ subsummieren. Sexismus findet für mich dort statt, wo ein Individuum vom Subjekt zum Objekt gemacht wird – und zwar aufgrund (!) seiner sexuellen Identität, d.h. die sexuelle Identität des Opfers muss Motivation (und nicht „zufälliger“ Nebenaspekt) des Vorgangs sein.

    Nun kann man natürlich argumentieren, dass gerade die ästhetische Instrumentalisierung des toten Körpers die betreffende Frau eben zum Objekt macht. Das ist ein Gedanke, den ich irgendwo durchaus nachvollziehen kann. Allerdings ist die Ästhetisierung des Todes, grade auch in Verbindung mit Sexualität, m.E. ein ubiquitäres kulturelles Phänomen, vermutlich ein psychologischer Reflex unserer Steinzeit-Hirne. Als Beispiel fällt mir jetzt aus dem Stand nur der „Tod in Venedig“ ein, trotz Deutsch-Leistungskurs seinerzeit ;-)…jedenfalls: die Ästhetisierung des Todes ist für mich ein Muster, das die sexuelle Identität des Opfers transzendiert und eigenen Regeln gehorcht. Das mag aber auch aus meiner etwas exzentrischen Auffassung von Kunst folgen (ich denke, dass Kunst im abstrakten Sinn alles darf und jeder Versuch eine wie auch immer gearteten Einschränkung schon prinzipiell keinen Sinn ergibt).

    Letztlich liegt hier für mich eine ästhetische Instrumentalisierung eines toten (Frauen-)körpers zu Verkaufszwecken vor. Betrachtet man das ganze als Reklame, dann ist es billig. Betrachtet man es als Kunst, dann ist es Kunst. In beiden Fällen würde ich sagen, dass (für mich) die Ästhetisierung des Todes die sexuelle Identität transzendiert – das ist aber irgendwo natürlich arbiträr, insofern verstehe ich die von dir vertretene Auffassung.

    1. Dem letzten Punkt stimme ich nicht zu. Aber ich finde es interessant, mal darüber nachzudenken, inwiefern etwas, sagen wir, funktionaler Bestandteil, oder nur Nebeneffekt ist. Die Definition von Sexismus, die du da gibst, leuchtet mir ein. Ist das Geschlecht aber hier tatsächlich Nebensache? Oben hast Du mit dem Fernfahrerbeispiel noch anders argumentiert.

      Die literarische Ästhetisierung des Todes betrifft durchaus auch Männer, da hast Du selbstverständlich Recht. Mir ist gestern – neben Thomas Mann – noch „Die Pest“ eingefallen. Wäre interessant, hier mal nach Unterschieden zu schauen. Das macht im Hinblick auf ihre Beispiele auch Bronfen. Das morbide Thema beginnt, mich immer mehr zu faszinieren. Vielleicht fange ich mal an, Todesdarstellungen in Literatur und Kunst zu sammeln. 🙂

      Die Perspektive auf Kunst … seufz, ja. Ich sollte sie wohl teilen. Vielleicht. Möglicherweise. Ich weiß auch nicht genau … ;D

      1. Ich sollte es vielleicht nochmal präzisieren: mein Fernfahrer-Beispiel bezog sich auf Ästhetik – und eben nicht (notwendigerweise) auf ein konkretes Geschlecht. Ich gebe aber zu, dass man das vermutlich nicht so scharf trennen muss oder will, wie ich persönlich es hier tue. Und ich kann und und will mich natürlich auch nicht dafür verbürgen, dass die Reklame auf diese Art und Weise gedacht war – ist lediglich meine persönliche Perspektive.

        1. Um die ich im Übrigen dankbar bin. Ich lerne hier viel, und freue mich über den Austausch mit Euch. 🙂 (Just in case that wasn´t totally clear, oder, um hier auch mal mein Latein zu demonstrieren, ich mag es, „fortiter in re“ zu diskutieren. Wenn ich mal nicht „suaviter in modo“ sein sollte, heißt das nicht, dass ich die Diskussion nicht sehr schätze.)

    2. @00010111

      Nun ist es aber per-se nichts schlechtes zum Objekt gemacht zu werden, wenn man das denn so will.
      Schlecht wird es erst dann, wenn unfreiwillig zum Objekt gemacht wird z.B. der Schüler der zum Objekt der Prügellust seines Lehrers wird.
      Außerdem braucht die Sexualität ein Objekt, dem sie sich zuwenden kann. Und mit Objekt ist nicht bloß ein anderes Wort für Gegenstand gemeint.

      1. Mal abgesehen von Deiner unten gemachten „Behauptung“, die ich nicht in Bezug zum obigen Grundtext bringen kann, was möchtest Du mitteilen?

        Bilder von jedwedem in jedweder Art sind in Ordnung, wenn der Abgelichtete sich der Wirkung bewusst ist?

        OK, wenn man sich der Zielgruppe bewusst ist.

        Aber wenn es die breite Öffentlichkeit trifft, muss sich jeder, jedwedem aussetzen lassen?

        So vollkommen ungefiltert?
        Einfach so?
        Unabhängig von Alter und Geschlecht?
        Dies als allgemeingültig ansehen und ebenso handeln?

        Ist der „Freiheit“ dann nicht über Gebühr Rechnung getragen worden, ohne die Folgen zu bedenken?

        1. Ja, genau. Moralisten nerven mich, ob sie jetzt religiöser oder feministischer Art sind. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, wo jeder sich andauernd über jeden anderen empört.

          1. Als einen Moralisten habe ich mich nun noch nicht gesehen.

            Eher als Mutter, die ihren 4 Kindern diese „komische“ Welt erklären „soll“ oder besser,

            ich versuche meinen Kindern Selbstbewusstsein mitzugeben und Werbung, Bilder und Texte zu entlarven.

            Damit sie selbstverantwortlich Entscheidungen treffen können. Reine Konsumenten sind mir suspekt.

            Dazu nehme ich gerne ihren Widerspruch hin, sind doch einige bereits mitten in der Pubertät.

            Aber ungefiltert jeden „Sch…“ einfach hinzunehmen ist mir zu einfach.

          2. Also, bis hierhin habe ich mir das Ganze angeschaut. Hier darf jede/r sich äußern, der/die das mit Anstand und Respekt tut. Eine andere Kommentatorin quasi des öffentlichen Raumes zu verweisen, steht Dir in keiner Weise zu. Hier schon gar nicht, denn ich habe hier das Hausrecht. Wenn Du diskutieren willst, gerne, dann reiß Dich zusammen. Ansonsten wirst Du von der mit dem Hausrecht zensiert. So einfach ist das.

          3. @Anita

            Du darfst dem deutschen Werberat eine Beschwerde schreiben. Du darfst keine Verhaltensänderungen erwarten oder erzwingen das sich Deine Mitmenschen deinem moralischen Maßstab zu eigen machen. Dein Engagment bleibt damit vorerst gesamtgesellschaftlich nichtig.

  6. Vielen Dank für diesen gutinformierten, informativen, im besten Sinne gebildeten und dennoch unprätentiösen motivgeschichtlichen Abriss!

  7. Welche Studien gibt es, die eindeutig belegen, das sexualisierte Darstellungen von Frauen als vermeintlich wehrlose Objekte, dazu führen das es mehr Vergewaltigungen gibt?

    Sorry, aber das ganze erinnert doch sehr an die üble Diskussion um Killerspiele.

    1. Ähm … wie bitte? Wo habe ich denn hier geschrieben, dass solche Darstellungen für Zunahmen von Sexualdelikten verantwortlich sind? Spielst Du freies Assoziieren? Magst Du Dir den Text vielleicht doch noch einmal durchlesen? (Stichwörter: Tradition der Ästhetisierung weiblicher Leichen, Nekrophilie, psychopathologische Bilder der Überwindung der Frau …)

        1. Rape Culture meint das Tolerieren und gleichzeitige Bagatellisieren von sexueller Gewalt (gegen Frauen). In diesem Fall müsste es noch einmal genauer gefasst werden als eine Art Kombination zwischen Sexualität und einem gewaltsamen Tod (-> Kontextwissen, Kofferraum, Leichenfund, Krimi etc.).
          Wenn Du Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen selbst als möglichen Grund für eine eventuelle Häufung von Gewalt gegen Frauen aufstellst, erübrigen sich hier vermutlich die Studien. Diesen Schulterschluss hast aber Du vorgenommen. Ich persönlich habe das nicht postuliert, und auch das, was mir an Rape Culture bekannt ist, postuliert das nicht. Es geht hier um das Hinterfragen des Gebrauchs eines Motivs in seinem fragwürdigen kulturellen Kontext. Den Du gerade bestätigt hast, ohne das zu wollen. 😉

          1. Ach bitte, wenn hier von Objektifizierung gesprochen wird, geht das natürlich in die Richtung einen Menschen den eigenen Willen abzusprechen und ihn als Objekt für die eigene sexuelle Befriedigung zu benutzen.

            Vielleicht ließt Du dir auch mal die Definition von Rape Culture durch. Da wird ganz klar Bezug auf die Medien genommen.

            http://feminismus101.de/rape-culture/

  8. Ich bin überwältigt von der Länge Deiner Ausführungen. Allerdings hege ich die Befürchtung, dass Du da Gedankengänge bei den zuständigen Werbetreibenden hineininterpretierst die diese gar nicht gehabt haben. Meine eigene Erfahrung mit der Marketingabteilung bei meinem Arbeitgeber zeigte mir, dass die zum Teil sehr nach Ideen lechzen und auf gut Deutsch dann zu jedem Schwachsinn jubeln den man ihnen serviert.
    Wir sind natürlich restlos überwältigt von Deiner tiefschürfenden Analyse und dem dahinterliegenden Fachwissen, da ziehe ich meinen Hut und es entlockt mir ein herzliches „Wow, das war jetzt aber sehr ausführlich“. Addressiert an die Werbeabteilung ist dieser Text aber eher in der Kategorie „Perlen vor die Säue“ zu sehen. 🙂

  9. @ Basementbol

    Zitat: „@Anita

    Das sollst Du auch ruhig tun, kein Problem solang das im privaten Rahmen stattfindet.“

    Das versteh ich jetzt noch weniger, als die Sätze vorher ………………..

    Ich darf mich also aufregen, aber bitte nur am Küchentisch 🙄
    Ich darf meinen Kindern diesbzgl. etwas mitteilen, aber nicht in der Elternschaft der Schule 🙄
    Ich darf hier Junebugs Text lesen, aber meine Gedanken dazu habe ich für mich daheim auszuleben? 🙄

    Bitte klär mich auf, wie ich diesen Satz verstehen soll.

    1. So ist es, einmal bitte rechtmäßig angestammter Platz für die Frauen dieser Gesellschaft, am besten To Go. 😀

      Und die hier sind für Dich: <3<3<3<3<3 !

      Nun bin ich gespannt, ob basementboi gerne noch ein wenig weiterpöbeln möchte. Dafür könnte ich notfalls noch einschlägige Foren empfehlen 😉

  10. @ Basementboi

    Zitat: „Dein Engagment bleibt damit vorerst gesamtgesellschaftlich nichtig.“

    mal abgesehen davon, dass Du mich in eine Ecke drängen möchtest, in der ich mich persönlich nicht sehe („DIE“ Feministinnen) …………..

    Und mal abgesehen davon, dass Du die Meinung vertritts, dass Meinungsäußerungen von irgendwem keinerlei Wirkung bei Jemandem haben könnten …………………

    Was möchtest Du uns mitteilen?????

    Das wir schlicht und ergreifend konsumieren „sollen“ ohne nachzudenken?

    Du sagst selber, dass man an der offiziellen Stelle keinen Erfolg haben wird.

    OK, nachvollziehbar …………..

    eben weil es dort nur „die“ lesen, und in die Rundablage rechts vom Schreibtisch befördern, denen eine solche Meinungsäußerung piepegal ist.

    Darum darf ich doch und außerdem und sowieso meine Meinung mitteilen. DENN über die Öffentlichkeit KANN man ein Umdenken befördern. Denn es regt zum NACHDENKEN an.

    Resignation hilft hier nicht.

    Denn ich betrachte es aus menschlicher Sicht! Und vor allem im Hinblick auf meine Kinder, denen ich Resignation gewiss NICHT vorleben werde.

    1. @Anita

      Im Allgemeinen finde ich die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung, die Kunst und Redefreiheit schützenswerter als auf die Befindlichkeiten einzelner Gruppen einzugehen. Eben WEIL diese Dinge vielerorts auf der Welt nur eingeschränkt möglich sind. Das ist alles was ich sagen wollte.

      1. Nur ganz kurz, wir bewegen uns ja recht weit vom eigentlichen Thema weg.

        Ich weiß immer noch nicht, welche

        Zitat: „als auf die Befindlichkeiten einzelner Gruppen einzugehen. “

        Gruppen meinst Du hier?

        Eltern, Frauen??

        Und

        Zitat: „Eben WEIL diese Dinge vielerorts auf der Welt nur eingeschränkt möglich sind. “

        Und deshalb dürfen die von mir benannten „Gruppen“ dies hier nicht tun? 🙄 🙄

        Ein für mich nicht so ganz nachvollziehbarer Gedanke. Tut mir leid.

        1. Rechte, religiöse, linke, Feministinnen, staatliche Behörden und Moralisten aller Art. Gruppen also, die unter dem Verdacht stehen der Zensur Vorschub zu leisten.

          Versuchen dürfen sies natürlich, aber man sollte sie dabei im Auge behalten.

          1. „Doofe“ Frage, in welchem Bereich der Gruppen reihst Du Dich persönlich denn ein??

            Als moralischer Hinterfrager der „Moralisten“ jedweder Couleur.

            Damit gehörst Du dann eindeutig auch zu den Gruppierungen, die Du kritisierst. Allerdings ohne, dass Du in irgendeiner Form wirklich Stellung beziehst.

          2. @Anita

            Ja sicher doch. Aber ich kann meinen Standpunkt aufgrund historischer Erfahrungen belegen; das wenn man Moralisten freie Hand läßt, nicht unbedingt etwas gutes zu erwarten ist.
            Mit dem wissenschaftlichen Nachweis ihrer Thesen, tun sich Moralisten aber oft schwer.

          3. Ich habe selten einen größeren Blödsinn gelesen als Deine letzten zwei Kommentare, @basementboi, Entschuldige die Offenheit. Habe tatsächlich gerade überlegt, ob ich nicht einfach mit einem Nazi-Vergleich kommen soll …

            Ethik ist so ziemlich die einzige tatsächliche Errungenschaft der menschlichen Spezies. Was passiert, wenn man alles Tun einfach Menschen ohne Moral überlässt, haben wir tatsächlich bereits mehrfach gesehen, sehen es gerade wieder. Mal abgesehen von Deinen völlig unzulässigen Generalisierungen: Dein Moralisten-Bashing kannst Du anderswo betreiben. Ich habe ohnehin den Verdacht, dass sich hier jemand um die Vokabel „Gutmensch“ herumschleicht, ist es nicht so?

            Gutmenschen, „Moralisten“ meinetwegen, sind nichts anderes als Menschen, die versuchen, sich ihrer eigenen Privilegien bewusst zu werden und für die Privilegien Benachteiligter zu kämpfen. Ich bin tausendmal lieber unter Gutmenschen als unter Menschen, denen es schnurzegal ist, wem sie auf die Füße treten, Hauptsache, sie dürfen weiter „Zigeunerschnitzel“ sagen.

            Ich möchte aufklären, nur zum besseren Verständnis: Meinungsfreiheit, von der ich eine große Verfechterin bin, ist von Rücksichtnahme, Abwägen der gewählten Wörter und dem Eingeständnis, dass mitunter Menschen sich durch bestimmte Dinge verletzt fühlen, überhaupt GAR NICHT betroffen! Stell Dir vor! *Konfettiwerf

            Aus einem mir unerfindlichen Grund denkst Du, Menschen, die sich für sich und andere einsetzen, um z.B. auf Benachteiligung aufmerksam zu machen, seien „nah“ an der Zensur. Nun, zum ersten ist staatliche Zensur ja nicht das Gleiche wie auf privaten Blogs rausgeschmissen oder auf twitter geblockt zu werden. (Ich bin im Übrigen dennoch dagegen, habe auch hier bereits etwas dazu geschrieben) Foren für Menschen aus der „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“-Fraktion gibt es darüber hinaus genügend: Da wären die etablierten Parteien, die großen Feuilletons, sogar Verlage, die Leute wie Sarrazin drucken, bar jeden „Moralismus“. Zum anderen erleben die unterprivilegierten Gruppen Zensur WIRKLICH, ich meine, TATSÄCHLICH, anders als zum Beispiel Du hier. Du wirst von mir immmer noch nicht moderiert … …
            Es gibt strukturell unterdrückte und diskriminierte Teile der Gesellschaft. Du gehörst, Glück für Dich, nicht dazu. Wenn Du es tätest, wärest Du froh über die „Moralisten“, die dann für Dich aufstünden und sagen würden: „Aber!!“ Es wäre viel gewonnen, wenn Du die Empathie, die in Dir steckt, weil Du ein Mensch bist, mal zusammenkratzt und Dich in eine solche Situation hineinversetzt. („Mathador, aber stell Dir nur vor, wie das ist, wenn man unterliegt …“)

            Nun, wir kommen hier wirklich sehr weit vom Thema ab. Bevor Du Anita und auch andere hier am Ende vergraulst, würde ich vorschlagen, belassen wir es dabei, ja? Ich finde, über Moralistinnen und die bösen Feministen, die allen den Spaß verderben wollen, haben wir genug gesprochen.

          4. @Junebug

            Unterpriviligierte haben nichts gewonnen, wenn man nicht mehr ‚Zigeunerschnitzel‘ sagen soll. Darum wüsste ich auch nicht, warum ich in diesem konkretem Fall, mich bei gewissen Wörtern selbst zensieren bzw. meine ‚Privilegien‘ in dieser Hinsicht aufgeben sollte. (und nein, das denken verändert nicht die Realität)
            Das man sich auf die Moral beruft, um seine oder die Interessen Unterprivilegierter durchzusetzen ist Heuchelei.
            Leider setzt der Staat nun einmal Menschen in Konkurrenz zueinander, und man muss gucken wo man bleibt. Und meine Interessen sind nicht zwangsläufig die, von anderen Menschen.
            Thats all.

  11. Ich bewundere deine Energie und die sorgfältige Arbeit, die du dieser ZDF-Werbung gewidmet hast!
    Mich störte sie lange nicht so, dass ich Lust gehabt hätte, mich an der Diskussion auch nur mitlesend zu beteiligen. Aber DU hast mich halt mit deinem tollen Text verführt.. .:-)

    Du beschreibst ja sehr gut, warum diese Werbung so ist, wie sie ist. All die kulturellen, historischen, psychoanalytischen Kontexte, die du nennst, sind real und „schwingen da mit“.

    Aber: würde es denn an alledem etwas ändern, wenn solche „bebildernde Nutzung“ z.B. in einer Krimi-Werbung vermieden, gar verboten bzw. geächtet würde?
    Und: Wollen wir wirklich lieber hässliche männliche Leichen in den Anzeigen sehen?

    Oder zum Beispiel „Gewaltverharmlosende Sprache“ – du schreibst:

    „Das unpersönliche „man“, Ihr ahnt es, bezieht sich nicht nur auf das sich am Samstag Abend entspannende Individuum, sondern gleichzeitig auch auf den Täter, der dem Opfer im Bild „die Füße hochlegt“. Was zu einem überaus unpassenden Euphemismus in der zweiten Bedeutung des Satzes führt: „Die Füße hochlegen“ als Synonym für Mord und Wegschaffen der Leiche. “

    Fakt ist doch, dass z.B. Krimis über Frauen-Serienmörder von Frauen wie Männern massenweise gern konsumiert werden, Beine hoch legend oder nicht. Die müsste man dann auch gleich mit bereinigen, wenn man die Werbung mit entsprechend pointierten Bildern ablehnt.

    So entstünde eine „schöne neue Welt“, in der alles Übel aus Abbildungen, Texten und Zeichen verschwunden ist. Wäre es denn damit auch aus der Welt? (Ich sehe ein, dass man das als Eltern erstmal anders sieht),

    „Stilisierung von toter Weiblichkeit als besserer Weiblichkeit – und das sollte uns zu denken geben“

    Wie weiter oben 00010111 würde ich den Werbern derartige Subtilitäten beim Konzeptionieren dieser Anzeige gar nicht unterstellen!

    Was aber die Bewertung des kulturellen Mems für sich genommen angeht, so denke ich dazu: es zeigt die verzweifelte Verfallenheit von Männern an die Frau. Er muss sie „ganz für sich und SICHER haben“, auch wenn er sie dadurch als Lebendige verliert. Ein klassisches „Tragödien-Motiv“…. und insofern „ewig virulent“, als es wohl im Leben jedes Mannes, je jünger je eher, Situationen gibt, in denen er eine Ablehnung (Korb) oder das Verlassen-werden von einer Frau als persönlich „vernichtend“ erlebt.
    Evtl. spielen da tatsächlich evolutionspsychologisch begründete Motive mit.

    Das besitzergreifend-eifersüchtige Mordmotiv gibts allerdings im modernen Krimi auch schon in einer weiblichen Version: Wenn ich ihn nicht haben kann, soll ihn auch keine Andere kriegen… kürzlich erst gesehen!

    Mit Anita bin ich ansonsten der Meinung, dass es die Privaten sind, die derzeit einen krassen Rollback in Sexismus, Rollenklischees und total abgründiges, anti-soziales Verhalten propagieren – und somit weit mehr Anlass zu Sorge und Kritik geben als das ZDF mit dieser plumpen Krimi-Werbung. Das Problem dabei: die Privaten hegen erst gar keinen Anspruch und verweisen einfach aufs Publikum, das derlei gerne sieht… UNTERHALTUNG darf alles, egal was sie bewirkt.

    1. Liebe Claudia,
      danke Dir für das Füllen mancher Lücke 🙂
      Bei dem Tragödienmotiv bin ich vollkommen einverstanden, und froh, dass Du das hier erwähnst. Gleichzeitig ist die Ästhetisierung des toten Frauenkörpers ja noch „etwas mehr“ als nur „Ich bring sie um, dann gehört sie mir!“. Den polnischen Reiter habe ich hier erwähnt, weil es in diesem Roman so unglaublich offensichtlich wird, aber auch Beschreibungen anderer toter Frauen vor allem in der Literatur unterscheiden sich sehr stark von der Beschreibung männlicher Leichen. Es geht also darüber hinaus.

      Nein, ich möchte das alles nicht bereinigen. Du hast ja Recht. Auch diese Dinge werden letztlich nachgefragt. Und damit weiter angeboten und weiter konsumiert werden. Aber wie Anita feststellte, stimmt dieser Konsum bedenklich. Es ist, könnte man sagen, ein ständiger Prozess der Bestätigung von Mems oder kulturellen Motiven, bei gleichzeitiger Verstärkung bzw. Überhöhung. Eine Spirale, die nicht nur Eltern kritisch hinterfragen sollten, denn sie macht etwas mit uns – sie verändert unseren Blickwinkel auf das, was wir als Gesellschaft für tolerabel halten – ein soziologisch bekanntes Phänomen. Also gehört an so mancher Stelle auch einfach mal laut „Stopp“ gebrüllt, ob es denn letztlich gehört wird oder nicht …

      Aus vielen Germanisten werden Werbetexter. Auch für diejenigen ist dieser Blogpost. :))

      1. Zu den Beispielen, wie in der Literatur die Frau (Sexualisierung – Tod) dargestellt wird, fällt mir in dem Zusammenhang eher „Das Parfüm“ ein.

        Anders dann aber, von J.K. Rowling, „Ein plötzlicher Todesfall“, (wenn man mal auf Gewaltdarstellung in der Literatur schaut) der sich nicht auf die Todesfälle fokussiert, sondern auf das „drumherum“.

        Und Joy Fielding, die zwar recht deutlich wird, in ihren Beschreibungen, wo aber trotz allem nicht der Mord als solches im absoluten Vordergrund steht, sondern wieder eher das „drumherum“.

        Diese Bücher sind aber eher nicht für die große Masse konzipiert.
        Wenn es dann, wie im Fall des Parfüms eine Verfilmung dazu gibt (weil das Buch eben auch „andere Gemüter“ anspricht und gute Verkaufszahlen erreicht), wird das Buch unerträglich herunter gebrochen und für meine Begriffe sinnentleert.

  12. „… Auch wenn die am häufigsten verwendeten effekthaschenden Mittel in Werbung und Literatur Sex und Tod sind …“
    Ist das tatsächlich so? Darüber muss ich einmal etwas länger nachdenken. Jedenfalls gibt es eine Bildsprache in der Werbung, die ich nicht gut finde. (Erst letzte Woche ist mir da wieder etwas über den Bildschirm geflattert, das mich maßlos ärgerte. Vielleicht schreibe ich dazu auch noch etwas.)

    Aber noch etwas OFF-TOPIC: Weil Du so unvorischtig warst, Dich in der Wortmischerei zu Wort zu melden, bist Du heute Opfer eines Kettenfragebriefes (siehe Link hinter meinem Namen) geworden, den Du nach Belieben und Stimmungslage a) beantworten oder b) ignorieren, zerknüllen und entsorgen kannst.

    1. Ich wünschte, ich könnte Dir zu der Sex-und-Tod-Sache noch einen guten Link empfehlen. Da gab es mal einen ziemlich guten Aufsatz drüber – wie oft und wie unterschwellig vor allem das Thema „eigener Tod“ als Marketinghilfe eingesetzt wird. Finde ich aber nicht mehr :((

      Den Kettenfragebrief schaue ich mir sehr gerne an, danke! Ob ich dazu komme, weiß ich allerdings noch nicht. Hier liegt noch ein Blogstöckchen rum. Auf jeden Fall lesen wir uns wieder bei der Wortmischerei 🙂 Danke für Deinen Kommentar!

  13. @Alena: hab grade 2 Folgen geschaut: SEHR beeindruckend! Es lohnt, die alle durchzusehen – Jean Kilbourne redet zwar schnell , aber wie ich finde dennoch sehr verständlich – zudem ist alles auch noch untertitelt. Die gezeigten Beispiele illustrieren aufs Prägnanteste, was Jean anprangert. Sie überzeugt jedoch, ohne „Hassreden“ schwingen zu müssen, sondern streicht im Gegenteil auf eine sehr mitfühlende Art heraus, was dieses globale Werber-Regime uns allen antut: Kindern, Frauen, Männern, egal welcher sexuellen Orientierung.

    Wirklich großartig!

    Und hier noch was aus Friedrichshain-Kreuzberg:

    http://pinkstinks.de/bezirksverordnung-friedrichshain-kreuzberg-will-werberat-ersetzen/

  14. Hallo Juna!

    Zunächst möchte ich dir zu deinen derzeitig 56 Kommentaren (mit meinem 57) Kommentaren gratulieren. Offenbar hast du mit deinem Text die Menschen getroffen.

    Ich glaube, auf deinen Artikel antworte ich aber nicht mit einem Kommentar, sondern mit einem separaten Blog Post, denn ich in 24 Stunden frei schalte. Heute gehört mein Blog schließlich der Absage der re:publica – aber ich bin gerade in der Laune den anderen Artikel zu schreiben. 😉

    Viele Grüße

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