Hier sehen zwei sehr kleine Kinder aus einem Straßenbahnfenster auf die Straße hinaus

#selbstgeboren?

Heute und offenbar auch gestern socialstormte es auf twitter aufgrund eines Buches, das eine Hebamme und dreifache Mutter gerne veröffentlichen möchte. Das als Ratgeber geplante Buch soll Geburtsberichte beinhalten und werdende Mütter encouragieren, ihre Kinder „selbstbestimmt“ und ohne das Eingreifen medizinischer Hilfen wie Wehentropf, PDA, Damm- oder Kaiserschnitt zu bekommen. Ich möchte der Autorin in spe, wie es bereits von @berlinmittemom getan wurde, beste Absichten unterstellen. Schelme würden vermuten, dass ein Verlag ihr die Publikation eines solchen Buches angeboten hat, weil dafür heute ein riesiger Markt existiert, aber zu diesen gehöre ich nicht. Nein.

Was mich sehr verwirrt, ist, dass eine Hebamme, die in achtjähriger Praxis sicherlich so einiges gesehen hat, öffentlich den Standpunkt vertritt, lediglich eine Geburt ohne medizinische Hilfsmittel sei selbstbestimmt,  lediglich „natürlich“ geborene Kinder seien, man beachte das Wording, „selbstgeboren“. Für mich ist es völlig klar, dass eine solche Wortwahl einen Entrüstungssturm auslöst.

Warum? Zum Einen, weil das Thema jede Mutter stark emotional berührt, immerhin geht es hier um eine körperliche Grenzerfahrung. Zum Anderen, und das ist das wesentlich Schlimmere daran: Jede Mutter, deren Kinder durch medizinische Hilfen zur Welt kamen, kennt diese Haltung bereits, weiß, wie sich die Blicke anfühlen, hat sich Kommentare anhören müssen wie die, die gerade in einzelnen Beiträgen verbloggt werden. Kurz: Die Haltung ist bekannt. Dass eine Hebamme, die selbstverständlich auch von Gebärenden, die ihre Kinder zum Beispiel per Kaiserschnitt auf die Welt bringen, als die wichtigste Begleiterin bei einer Geburt angesehen wird, sie so explizit und öffentlich vertritt, tut sehr, sehr weh. Denn da sind sie wieder, all die Traumata, die Enttäuschung über den eigenen Körper, die Probleme, das Kind anzunehmen. Mit einem einzigen Wort in dem gewählten Kontext kehren sie zurück. „Selbstgeboren“.

Dass die Geburtstraumata auch die so genannten natürlichen Spontangeburten betreffen, wird in diesem Zusammenhang von der Hebamme genauso ignoriert, wie dass Deutschland eines der wenigen medizinisch fortgeschrittenen Länder ist, in denen Kaiserschnitt und PDA nach wie vor einen schlechten Ruf haben. Oder dass die menschliche Geburt durch die enorme Kopfgröße des Homo sapiens zu den gefährlicheren unter den Säugetier-Geburten gehört, weil das Kopf-Becken-Verhältnis und so weiter. Wer gerne geburtentechnisch ins Mittelalter zurück möchte, der muss auch damit rechnen, dass es schief geht. Ich hätte heute nur ein Kind, wenn ich denn noch am Leben wäre. Die Geburt des zweiten hätte ich vermutlich bereits nicht überlebt.

Kurz gesagt: Ich finde es furchtbar, dass eine Haltung, die ich dringend überwunden sehen möchte, befeuert wird von einer Frau und Mutter, die es besser wissen müsste. Ich wünsche mir dazu ganz dringend eine Stellungnahme von ihr. Und ich wünsche mir, dass dieses Buch, sollte es verlegt werden, so wenigen werdenden Müttern wie nur möglich in die Hände fällt.

Jetzt kommen wir zum guten Teil! Solche Debatten können ja auch ein Segen sein. So finden sich seit heute diverse tolle Blogposts zum Thema sowie ein Aufruf zur Blogparade in der Blogosphäre. Unten verlinke ich Euch welche. Wenn ich mir darüber hinaus noch etwas wünschen dürfte, wäre es das folgende:

Die Partner spielen bei der „selbstgeboren“-Idee offenbar nicht wirklich eine Rolle. Ich frage mich, warum nicht. Zwar gebärt der Partner nicht, das ist mir schon klar, aber gerade von den männlichen Partnern wird heute um einiges mehr verlangt als noch vor 40 Jahren. Mein eigener Mann sagt heute, er habe die dritte Geburt (Notkaiserschnitt) als die schönste von allen erlebt. Ich hätte weniger leiden müssen (Bei unserer ersten hatte ich 2 Tage heftige Eröffnungswehen. Ich fühlte mich nicht sehr selbstbestimmt), sei schon nach kurzer Zeit fitter gewesen, und er habe das Bonding übernehmen dürfen. Auch etwas, worüber man bei all dem Gerede von natürlicher Geburt nie nachdenkt – wie passiv, fremdbestimmt und außen vor sich ein Partner fühlen kann, von dem maximales Engagement gefordert wird, der dem Leiden seiner Partnerin zusehen muss und, zu allem Überfluss, manchmal auch noch entscheiden, wann das Projekt „natürliche“ Geburt letztlich abgebrochen werden soll.

Zusätzlich fände ich es noch spitze, wenn wir davon wegkämen, den Kaiserschnitt nur dann zu akzeptieren, wenn es aus Leben-oder-Tod-Gründen nicht anders geht. Aber das ist vielleicht schon ein wenig zu viel, arbeiten wir erst einmal daran, die Inanspruchnahme moderner Medizin nicht als falsch oder minderwertig hinzustellen. Das führt nämlich zu …

Gefühlen, wie sie eine anonyme Verfasserin bei umstandslos verbloggt hat.

Auseinandersetzungen unter Menschen, die sich gegenseitig unterstützen sollten.

Einen wirklich nicht unterstützenswerten Ton im menschlichen Miteinander, wie Ich lebe jetzt hier schreibt.

Aber auch zu tollen Berichten und Statements, wie z.B.

bei berlinmittemom

bei Nicole von Horst

bei motzmama

bei DickesPaulinchen

bei Mama hat jetzt keine Zeit

bei Mittsommar

bei Frische Brise

diesem offenen Brief von Minusch

bei ehrlichgesagt

oder diesen von einer Mama, die gerade frisch entbunden hat und aus der Klinik schreibt

bei Anatol Stefanowitsch mit dem ersten Text aus der Perspektive des Partners

bei Mamanotes

oder dem Spitzen-Text von MamaMia

sowie dem – hier unter allen Links nochmal schnell gesondert hervorgehobenen – Beitrag auf gemischtwahnlädchen. Besonders die letzten Absätze. Ja. Ja. Ja. Auch ja. Und: Danke.

 

Update:

Ich brauche mir keine Stellungnahme zu wünschen, die gibt es bereits hier. Sie ist auf jeden Fall witzig, denn die Frauen, die sich empören und das Projekt kritisieren, werden als Menschen dahingestellt, die „einfach mal die Sau rauslassen wollen“. Ist klar, denn menschliche Babies kriegen sie ja offensichtlich nicht einfach so auf die Welt … HAHA, lustig, oder?

Also, ich hab mich darüber amüsiert … Zu der Stellungnahme wäre noch mehr zu sagen, aber das schenke ich mir. Schade, schade. Ich habe mir etwas anderes erhofft und bin nun nicht mehr ganz so sicher, ob das mit den „besten Absichten“ stimmt.

Update 2:

Heute hat Claudia einen sehr lesenswerten Beitrag gepostet. Aus dem Artikel spricht großer Respekt für ALLE Frauen, die eigene Kinder zur Welt bringen. Ich betone diesen Punkt daher so stark, weil ich den Eindruck gewinne, dass es auch unter Frauen keine Selbstverständlichkeit ist, die Entscheidungen von anderen Frauen NICHT zu bewerten, sondern zu respektieren. Mich wundert das sehr. Während ich in meiner Filterblase von den so genannten „Mommy Wars“ bisher gar nichts mitbekam, diskutieren andere Mütter mittlerweile offenbar über Sinn und Unsinn von Hausgeburten etc. Auf der einen Seite der Debattierenden ist die Klinik der Teufel, auf der anderen Seite wird die Arbeit einer Hebamme in den esoterischen Bereich eines Natürlichkeits-Kult verlegt. Das ist großer Mist, denn es liegt zwar in der Natur der Sache, dass sich dort, wo heftig gestritten wird, am Ende die extremen Positionen gegenüberstehen und alle anderen nur noch mit dem Kopf schütteln können. Aber wir müssen uns natürlich fragen: Was bringt das? Für die Mütter? Für die Hebammen? Für irgendwen?

Eine persönliche Bemerkung: Bisher bin ich davon ausgegangen, dass der überwiegende Teil der Eltern aus eigenem Wunsch heraus heute versucht, das Kind auf „möglichst“ natürlichem Wege zu bekommen (Ich sehe hier Schmerzmittel nicht als „nicht-natürlich“ an. Es ist archaisch, zu denken, eine Frau müsse bei einer Geburt noch mehr leiden als nötig. Lächerlich. Diskutiere ich gar nicht drüber. ). Medizinische Indikationen und Komplikationen verhindern dies zu einem Gutteil und lösen damit oft, gerade bei Erstgeborenen, traumatische Erlebnisse aus. Soviel ist Fakt. Was dann kommt, ist das Tragische: Gerade die Mutter muss, neben ihren eigenen Gefühlen, hinnehmen, dass sie für ihre Entscheidungen, die meist noch nicht mal ihre sind, bewertet wird. Auch das ist Fakt. Wer es noch nicht glauben möchte, der lese sich die oben verlinkten Beiträge durch. Die Blogposts, die ich gelesen und die Diskussionen, die ich geführt habe, hatten alle ein Ziel: Den Frauen auch bei nicht wunschgemäßen Geburtserfahrungen den Rücken zu stärken, zu sagen: Lasst Euch nichts erzählen! Ihr könnt auch so eine tolle Geburt haben, und Ihr seid deswegen nicht weniger wert!! Traurig genug, dass wir so etwas überhaupt sagen müssen. Aber wir müssen es sagen, wie man sieht. Bei dem unglaublich unglücklich aufgesetzten Buchprojekt handelte es sich um einen Trigger, der die Klassifizierungen, denen man ausgesetzt war, auch durch sich selbst, wieder hervorholt statt sie dahin zu befördern, wo sie hingehören.

Wenn ich hier betont habe, dass ich in einem Kaiserschnitt einen Segen für die vielen Frauen und Kinder sehe, die früher gestorben wären, so meine ich damit nicht, jeder medizinische Eingriff, der gemacht werden kann, sollte auch gemacht werden. Die beste Medizin ist minimal invasiv. Das war und ist Ausgangspunkt für diese Diskussion. Das war auch bei den allermeisten Blogposts, die ich las, der Fall.

Noch ein Punkt zu den Hebammen, weil es vielleicht hier noch nicht deutlich genug gesagt worden ist: Eine Hebamme ist die wichtigste Begleiterin vor, bei und nach JEDER Geburt, egal, wie sie aussieht. Sie tanzt dabei in aller Regel nicht im Mondschein und singt das Kind aus dem Uterus der Frau. Eine Geburtshelferin ist nichts Kultisches, das aus Zeiten stammt, zu denen wir unsere Stammesgeschichte an die Höhlenwände gemalt haben. Und ich persönlich verstehe nicht, wie Teile der Diskussion in diese Richtung driften konnten. Vielleicht sollten wir an diesem Punkt alle noch 100 x schreiben: „Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt kein Gut oder Böse. Es gibt keine objektive Wahrheit.“

 

 

 

 

 

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22 Gedanken zu „#selbstgeboren?“

  1. Tja, was bin ich nun ……………. sauer …………………. wütend ………………….. ratlos …………………….. entsetzt?????????

    Ja, ich habe alle vier Kinder natürlich bekommen.
    Und ja, ich hatte das Glück, keine großartigen Schmerzmittel zu benötigen.

    Hebt mich nun dies aus der Masser heraus??

    NEIN!

    Hat es mich oder die Kinder veröndert?

    NEIN!

    Es hätte auch anders gehen können und keiner hat es vorhersehen können.
    So war mir eine Klinik wichtig, weil soviel schief gehen KANN.

    Wie finde ich nun eine solche Buchreihe??

    Unmöglich ……….. esoterisch ………….. und seeeeeeeeeeehr fragwürdig!

    Denn die Hauptsache wird dabei außer Acht gelassen ………….

    die Sicherheit und die Gesundheit von Mutter UND Kind.

    Und die natürlichen Geburten von Anno dunnemal mit hoher Säuglingssterblichkeitsrate und der ebenso hohen Müttersterblichkeistrate braucht NIEMAND sich zurück zu wünschen!

    Den Kommentar der Beitragssammlerin finde ich übrigens sehr ………….. und esoterisch! Und Esoterik ist bei einer gut begleiteten Geburt NICHT wichtig. Sondern Vertrauen und Ruhe und Verlässlichkeit!

    1. Danke Dir für Deinen Kommentar, und die Wut, die aus ihm spricht! Ich denke, das tut Müttern, die sich mit dieser merkwürdigen Haltung bereits auskennen, mehr als gut!

      Gerade sehe ich sehr viel Solidarität unter Müttern. Scheinbar gibt es „unter uns“ doch einen deutlichen Grundkonsens, dass hinsichtlich einer Geburt eben alles prima ist, was für Mutter und Kind das beste ist. Das ist richtig gut, und freut mich. Es scheint also nicht so zu sein, dass man die Mütter, die „einfach mal die Sau rauslassen wollen“, zu Solidarität untereinander ermahnen muss. Die Störung entstand durch den Expertenstatus der Hebamme, und zwar genau zu einer Zeit, in der es politisch wichtig ist, die Position der Hebammen zu stärken – bisher haben Familien an den Protesten teilgenommen, völlig unabhängig davon, wie ihre Kinder auf die Welt kamen. Es ist zu befürchten, dass sich das durch ein Propagieren einer solchen Haltung ändert. Wem nützt es, das unglaublich wichtige Wissen und die Erfahrung von Hebammen in diesen esoterischen Ihr-habt-alle-die-Urkraft-in-Euch- Bereich zu verlegen? Die MamaMia schreibt das sehr schön: Das Tollste ist doch, das Beste aus beiden Welten heute in Einem zu haben – die medizinische Sicherheit und die Begleitung durch die Hebammen. Die dürfen auch Räucherstäbchen anmachen. Aber eben nicht anfangen, Geburten zu klassifizieren. (Man stelle sich jetzt ein paar Fleißbienchen-Aufkleber vor, die jeweils in den Mutterpass geklebt werden. Spontan=1 Sticker. Ohne Medikamente=noch ein Sticker. Dabei nicht gejammert oder den Partner beschimpft= 2 Sticker. Hehe)

      Lustige Geschichte zum Schluss: In meinem Geburtsvorbereitungskurs (2004, mit Partner) erklärte uns die ansonsten sehr sympatische und total kompetente Hebamme immer, man müsse das Kind unter der Geburt „loslassen“. Dazu solle man sich „einfach öffnen, wie eine Lotusblüte“. Was haben wir über dieses Bild in all den Jahren bereits gelacht! Aber auch das ist ein fester Bestandteil unserer Geburtserlebnisse! Noch kurz vor dem Notkaiserschnitt, ich mit meinen Kräften am Ende, sagte der Gatte voller Ironie: „Hättest Du mal diese Blumen-Sache gemacht!“ 😀

  2. Ich hab grad noch bei „Mama hat jetzt keine Zeit“ einen erschütternden Bericht gelesen.

    http://mamahatjetztkeinezeit.wordpress.com/2014/03/29/was-zum-teufel-heisst-hier-nicht-selbstgeboren/

    Und fühle mich in die Wochen zurückversetzt, als es bei der ersten Schwangerschaft drohte, schief zu gehen. Als ich den Ärzten vertrauen musste, weil ich sonst meinen Ältesten in der 25. Woche verloren hätte.

    Zu den Stickern, _lol_ die hätten mir alle Sticker wieder weggenommen, habe ich doch gebrüllt und eine arme Praktikantin hatte über eine Woche blaue Flecke am Arm, den sie mir unvorsichtiger Weise hingehalten hat.

    Zitat: „Die Störung entstand durch den Expertenstatus der Hebamme, und zwar genau zu einer Zeit, in der es politisch wichtig ist, die Position der Hebammen zu stärken – bisher haben Familien an den Protesten teilgenommen, völlig unabhängig davon, wie ihre Kinder auf die Welt kamen. Es ist zu befürchten, dass sich das durch ein Propagieren einer solchen Haltung ändert. “

    Ja, den Gedankengang hatte ich auch.

    Auch und vor allem, weil ich in der ersten Schwangerschaft lange Wochen auf der Gyn lag, so viele Frauen gesehen habe, die sich so schwer taten, die alles brauchten, aber keine Esoterik.

    Die Zwillingsmutter, die so lange warten musste, damit die Kinder reifen konnten, bis das Fruchtwasser ins grün umschlug, Die Mutter, die zur äußerlichen Wendung kam, Die Mutter von 4 Kindern, die Angst hatte, dass Sie und Nummer 5 es nicht überleben könnten.

    Auf einer Geburtsstation sieht und hört man sehr viel, wenn man nichts anderes zu tun hat, als zu liegen, auf das nächste CTG zu warten und zu liegen und zu warten, dass hoffentlich alles gut wird.

    Und als dann die Wehen 4 Wochen zu früh einsetzten, selbst die dortige Hebammen die Wehen, die ich hatte nicht „finden“ konnten, und mir sagten, ich hätte wohl die Schwangerschaft über und würde mir was einbilden.

    Denn auch zu den Spontangeburten gibt es unangenehme Geschichten, die im Vorfeld passieren, die überrumpelt werden von der Selbststätigkeit des Körpers und des Kindes. Die konfrontriert werden mit Erfahrungen und Entscheidungen, die sie nicht gewollt haben.

    „Mama hat jetzt keine Zeit“ schrieb, jede Kuh kann gebären ……………..

    Tja, so stimmt das leider nun nicht. Da ich mit großen Kontakt zur Landwirtschaft aufgewachsen bin, kann ich sagen, dass viele Tiere unter der Geburt eben einfach sterben. Ich habe auch selber Geburtshilfe geleistet. So „einfach“ ist es auch Tierreich eben nicht.

  3. Ich finde das Bild in dem Artikel der Hebamme sehr seltsam: es handelt sich um ein stark erotisiertes Bild, das nichts mit einer stillenden Brust zu tun hat. Das Baby, das da herum drapiert wurde, ist nur zufälliges Accessiore. Es wurde dahin gelegt, ob es wollte oder nicht.

    Aber die fehlende Subjektivität kennzeichnet den gesamten Artikel. Und damit ist es deutlich antiaufklärerisch und antifeministisch-regressiv.

    Man wird nicht eine gute oder schlechte Mutter durch eine richtige oder falsche Geburt. Jeder Frau bzw. jedem Paar ist es überlassen, wie und wo die Geburt stattfinden soll.

    Ich habe Respekt vor Frauen, die die Sicherheit des Krankenhauses vorziehen. Und ich habe Respekt vor Frauen, die in Geburtshäusern oder zuhause entbinden wollen.

    Wie ich schon auf Twitter schrieb, ich hätte meinen zweiten Zwilling verloren, wenn ich zuhause entbunden hätte (ich hätte es selber auch nicht überlebt). Darum habe ich mein drittes Kind planmäßig in einer Klinik entbunden. Diese Geburt verlief ohne jede Komplikation. Ich liebe alle meine Kinder. Es war meine Entscheidung.

    Und es ist die Entscheidung jeder werdenden Mutter bzw. der werdenden Eltern. Wir brauchen keinen Besserwisser, der uns sagt, wie wir entscheiden, keinen männlichen, keinen weiblichen. Hebammen sind nicht die allwissenden allweisen Frauen, wie die Medien sie heute wieder nahebringen. Sie sind die Helferinnen der werdenden Eltern, mehr nicht. Sie haben den Willen der werdenden Eltern zu respektieren. Alles andere ist Bevormundung.

    1. Danke für Deinen Kommentar!
      Mit dem Bild hatte ich auch meine Schwierigkeiten. Was mir allerdings zuerst auffiel, war die Aufforderung, das Bild als Titelbild in den sozialen Netzwerken zu teilen. Facebook hat ja bekanntlich große Freude an solchen Fotos :)

      Ich kann Deinen Kommentar nur unterschreiben. In diesem Klassifizieren ist unglaublich viel Anmaßung und Bevormundung enthalten. Und dass die Verfasserin offenbar nicht der Meinung ist, sich damit fehlverhalten zu haben, sieht man an den Kommentaren, die sie in Blogs hinterlässt. Sie kopiert den Teil ihrer Stellungnahme, der noch einmal ihr Projekt schildert (ohne den Satz mit dem Sau-Rauslassen) und postet ihn überall als Kommentar. Das ist kein menschliches und offenes Eingehen auf Kritik. Denn damit sagt sie erst: „So habe ich das alles nicht gemeint“, um dann alles noch einmal genau so zu wiederholen, wie wir es alle verstanden haben. Merkwürdiges „Krisenmanagement“ einer werdenden Autorin …

      Ich will niemandem persönlich Böses. In Anbetracht der enorm angespannten Lage und in Anbetracht des emotionalen Wespennests, in das sie da gestochen hat – wäre da nicht dennoch ein Umbennenen des Projektes und ein offenes „Es tut mir leid“ angebracht? Die Idee an sich halten ja ganz viele für unterstützenswert. (Mir persönlich wäre ein Buch über das ganze Spektrum von Geburten wesentlich lieber, aber das bin ich. :-) )

      Noch einmal danke für Deinen persönlichen Bericht. Freue mich, Dich mal hier im Blog zu lesen :-)

  4. Das habe ich auf der oben verlinkten Seite in den Kommentaren gepostet.

    Ohne die Klinik wären meine Frau und mein Kind tot. Die Vermischung der politischen Situation mit dieser „Selbstgeboren“ Bewegung halte ich für falsch und sehr schädlich für alle Hebammen.

    Ich empfehle allen Schwangeren, die ich kenne, in der Klinik zu entbinden. Bei uns war der komplette Schwangerschaftsverlauf bilderbuchmäßig, so dass unsere Ärztin gesagt hat, wenn Sie bei jemandem keine Bedenken hätte wenn wir nicht in der Klinik entbinden, dann bei uns. Wir sind ganz normal mit Wehenbeginn in die Klinik gefahren und es sah alles weiterhin sehr nach natürlicher Geburt aus – nach vielen schrecklichen Stunden und mehreren Tagen Intensivstation konnte ich erst wieder aufatmen. Völlig überraschend und aus dem Nichts tauchten Komplikationen auf, die keine meiner beiden Lieben überlebt hätte, wenn wir nicht schon in der Klinik gewesen wären.

    Deswegen: Die direkte medizinische Versorgung hat auch bei reibungslosen Verläufen in der Nähe zu sein. Wir waren zwar ein Fall von 10.000 (so wurde uns gesagt), aber das bedeutet auch: Für alle 10.000 Bücher, die sie wirksam mit dieser These verkaufen, haben Sie potentiell 2 Menschenleben auf dem Gewissen. Wir haben das erlebt. Wir sind den Hebammen sehr dankbar, die uns beigestanden sind und möchten deren Arbeit auf keinen Fall missen.

    Vermischen Sie hier bitte nicht zwei Diskussionen, die nichts miteinander zu tun haben.

    Natürlich soll das jede Schwangere für sich allein entscheiden dürfen. Nach unserer schweren Erfahrung sprechen wir aber eine Empfehlung aus, denn dieses Risiko muss niemand eingehen.

  5. Erlaubt mir mal meinen Senf als Mann dazu zu geben, von dem Juna mal gesagt hat, dass sie mag, wenn er Hals hat.

    Und ja, ich hab Hals, aber sowas von, wenn ich dieses #selbstgeboren verfolge. Ja, ich war im Kreissaal dabei, und ja, unsere Tochter ist nach dieser kruden Definition #selbstgeboren (Gut, da war jetzt ne Hebamme dabei, also ganz so #selbstgeboren war es dann doch nicht, dazu hätte ich mich mit meiner Frau wahrscheinlich auf die Weide setzen müssen und warten, bis die kleine in ihr Körbchen flutscht….
    Egal, soll von mir aus jeder krude Thesen vertreten wie er oder sie will. Was mich als Mann nur immer wieder erschreckt, verwundert, erstaunt, anwidert: Warum gibt es Weiber, die anderen Weibern die Augen auskratzen, nur weil sie deren kruder definition von Superweibern entsprechen. Entschuldigt bitte, aber das ist mir schleierhaft und macht mich traurig.
    Das erinnert mich immer an die Southparkfolge „Cripple Fight“ wo es darum geht, wer jetzt der behindertste Behinderte ist. (Ich denke ihrr wisst, worauf ich raus will.)
    Soll die Lady ihr Buch schreiben, aber bitte, bitte, bitte andere Menschen in Ruhe lassen. Danke!

    So, Krause am Hals ist wieder abgeschwollen. Mannmannmann…..

  6. Ich habe zu dem Kommentar, in dem die Autorin von „die Sau rauslassen“ spricht, folgenden Kommentar hinterlassen (und bin gespannt, ob er erscheinen wird):

    “Die Absicht des Buches ist es, die normal verlaufende Geburt, bei der ich im übrigen nicht zwischen Geburtshaus-, Haus- oder Klinikgeburt unterschiede,, in den Fokus zu rücken. Denn in Anbetracht der aktuellen politischen Situation sind es GENAU DIESE GEBURTEN, die im Zusammenhang mit der Haftpflichtproblematik eine Lobby brauchen.”

    Ich könnte mir vorstellen, dass viel Entrüstung über die Unterscheidung zwischen normal verlaufende Geburt und denen mit Komplikationen an den Begriffen liegt, die Sie darauf anwenden. Ihr Projekt macht auf mich den Eindruck, als wollten Sie die Begriffe “selbstgeboren” und “selbstbestimmt” ausschließlich auf komplikationslose Geburten anwenden und den Geburten mit Komplikationen absprechen. Dem kann ich nicht zustimmen – aber vielleicht ist genau das das Missverständnis?

    Frauen, die unter Schwierigkeiten geboren haben, haben sich diese Situation genauso wenig selbst ausgesucht wie ich meine beiden Spontangeburten. Ich sehe auch nicht, warum meine Geburtserlebnisse Ihrem Berufsstand als Lobby mehr helfen sollten als die, bei denen es den Müttern schwerer gefallen sein muss ihren Weg zur Mutterschaft zu akzeptieren und die wahrscheinlich mehr wissende Unterstützung und Fürsorge ihrer Hebamme nötig gehabt haben als ich.

    Ich bin entrüstet, was dem Berufsstand der Hebamme aus politischem Versagen heraus zugemutet wird. Ich teile Ihre Ansicht, dass die Haftpflichtproblematik für unsere Gesellschaft entsetzlich kurzsichtig gedacht und schädlich ist. Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, dass Sie als Hebamme sich in erster Linie den komplikationslos verlaufenden Geburten verpflichtet fühlen und diese in den Fokus rücken möchten, so als seien sie ein Verdienst der diensthabenden Hebamme.

    Bitte verstehen Sie meinen Kommentar nicht als Kritik an Ihrem Projekt. Ich versuche zu formulieren, was ich nicht verstanden habe. Einerseits in der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen, die mir weiterhilft. Andererseits auch in der Hoffnung, vielleicht Unklarheiten zu benennen, über die auch andere gestolpert sind, und so die Kommunikation über Ihr Buchprojekt ein wenig zu “ebnen”.

    1. Liebe CoMa,
      das ist ein hervorragender Brief! Stimmig, deeskalierend, diplomatisch. Bitte rechne aber nicht mit einer Freischaltung, die Verfasserin schaltet da offenbar weder Kritisches noch, wie in Deinem Fall, sachliches und verständnisvolles Nachfragen, frei. Ich habe dazu gestern ja schon meine Theorie via twitter geäußert … Diskurs nicht erwünscht.

      Ich finde es sehr schön, dass Du, – wie ja ganz viele Blogposts auch – betonst, wie wichtig die Arbeit der Hebammen und die Unterstützung für ihren Protest ist. Für mich ist es schlimm, zu sehen, wie sich da gerade die Lager spalten. Ein solches „Projekt“ und die in meinen Augen immer noch notwendige Debatte über Kategorisierung, Wortwahl und sensiblem Umgang mit einem hochemotionalen Thema darf gleichzeitig nicht den Kampf eines ganzen Berufsstandes unterwandern. Schön, dass Dein Kommentar dazu wenigstens hier steht. Ich drücke die Daumen, dass sie darauf eingeht. Wenn nicht dieser Vemrittlungsversuch, welcher dann?

  7. „Zusätzlich fände ich es noch spitze, wenn wir davon wegkämen, den Kaiserschnitt nur dann zu akzeptieren, wenn es aus Leben-oder-Tod-Gründen nicht anders geht. “

    Man wird das akzeptieren MÜSSEN, denn mit welchem Recht will man denn verlangen, dass eine werdende Mutter sich einer Archaik unterwirft, die unsere Gesellschaft ansonsten überall abgeschafft hat?

    Von den Frauen, die heute 40 bis 44 Jahre alt sind, sind 22 Prozent kinderlos. Vor vier Jahren waren es noch 20 Prozent. Anstatt nun allen, die noch Mutter werden wollen, den roten Teppich auszurollen bzw. sie gesellschaftlich auf Händen zu tragen, wird darüber herum gerechtet, wie “natürlich” eine Geburt sein sollte!

    Und DAS in einer Welt, in der z.B. das Kochen mit naturbelassenen Lebensmitteln zum Hobby für Gesundheitsfreaks mit genug Zeit und Geld mutiert ist. Genau wie das natürliche Laufen nurmehr als “Sport” geübt wird, der natürliche Schlaf/Wachrythmus vom Wecker und Arbeitsbeginn abgelöst wurde und viele Menschen sich ekeln, wenn man dem Fleisch oder Fisch noch ansieht, dass es sich um totes Getier handelt.

    Wir gehen nicht mehr auf Wanderschaft, sondern steigen ins Flugzeug. Statt körperlich schwer zu arbeiten, kaufen wir bequem per Mausklick und bekommen die Dinge sogar in den dritten Stock getragen. Wir sitzen nicht mehr ums Feuer und lauschen den märchenhaften Berichten jener, die mal aus dem Dorf raus gekommen sind, sondern kommunizieren per Internet mit Menschen aus aller Welt. Als Hobbygärtnerin staune ich immer wieder, wie ahnungslos der normale Stadtmensch bezüglich vieler natürlicher Abläufe ist. Im veganen Kochworkshop traf ich Menschen, die nicht wussten, wie man Nudeln kocht oder ein Zwiebel schneidet. Andere sind beim Anblick einer Ratte einer Panikattacke nahe, und wenn ein Kind mal Läuse hat, fällt schier die Welt ein. Junge Menschen fühlen sich unhygienisch, wenn sie sich Achsel- oder Schamhaare nicht restlos abrasieren. Körper sollen nach Zitrone oder sonst einem Parfum duften, aber bittschön nicht nach Körper. Und niemand darf schwitzen, iiiiiiiiiiiiigitttt, dein DEO hat versagt!!

    Aber werdende Mütter sollen NATÜRLICH GEBÄREN!!!!!

    Das ist die Projektion eines kollektiven Schuldgefühls auf werdende Mütter, die GANZ NATÜRLICH dem allerheftigsten biologischen Geschehen (abseits vom Sterben) ausgesetzt sind: gewaltvoll, blutig, schwitzend, stöhnend und schreiend… Sie sollen es richten, sollen quasi “büßen” für unsere Entfremdung von der Natur und als Wiedergutmachung die Geburt in möglichst archaischer Weise, gar noch ohne Schmerzmittel vollziehen.

    Dass man sich nicht schämt!

    1. Liebe Claudia,
      danke für Deinen lesenswerten Kurzrant! In diesen Zusammenhang habe ich es noch nie gesetzt, und muss sagen, da ist deutlich was dran. :-)
      Auch ich fand beim ersten Kind die Idee, das „so natürlich wie möglich“ zu halten, super. Der Gedanke an eine OP hat mich erschreckt. Ich lehne aber auch Eingriffe wie Paukenröhrchen, Mandelentfernung oder ähnliche Modeerscheinungen der Medizin zunächst ab. PDA? Gruselig, so eine Spritze … fand ich. Durch eine Verkettung von Zufällen und dem Unvermögen der Hebamme in der Klinik, Eröffnungswehen zu erkennen, die der Wehenschreiber nicht anzeigte (bei allen drei Kindern, ich habs schriftlich. Bei mir funktioniert das Teil nicht :-)) ist unsere erste Tochter tatsächlich nach Tagen noch „spontan“ geboren. Was man heute halt so spontan nennt … Dass sie keine bleibenden Schäden hatte ist fast ein Wunder. Und ich, die ich dachte: Nein, lieber ohne alles, brüllte gut 40 Minuten vor der Geburt nach „Allem, was Sie haben! JETZT!!!!!!“ Selbstverständlich zu spät.

      Ich kann den Wunsch jeder Frau nach einer Geburt möglichst ohne Eingriffe, vielleicht gerade vor dem Hintergrund, dass heute gar nichts mehr „natürlich“ ist, wie Du so schön zusammenfasst, sehr gut verstehen. Es gilt aber, zu akzeptieren, dass – während es Mütter gibt, die die Kinder etwas besser auf die Welt bekommen, auch Mütter gibt, die damit Schwierigkeiten haben. Dieser körperliche Bereich entzieht sich ganz entschieden unserem Willen. Ob eine Spontangeburt klappt oder nicht, ist eben NICHT Einstellungssache. Das, finde ich, sollte einfach noch mehr Menschen vermittelt werden: „Macht mal wie Ihr denkt, passt schon, und wenn nicht, ist das genauso prima. Weil Euer Elternsein davon nicht abhängt.“ Oder anders: „Weil Euer GEMEINSAMES Elternsein davon dann doch oft abhängt – denn ohne, dass wir eingreifen, gibt es kein gesundes Baby, um das man sich kümmern kann. Oder keine Mutter mehr, die sich kümmert.“

      Und den Punkt, den Du da zitiert hast, wollte ich zusätzlich betonen: Wenn eine werdende Mutter denkt: „Nein, ohne mich, ich möchte von vorne herein einen Kaiserschnitt“, dann möchte ich, dass wir alle genau das sagen, was Du da geschrieben hast: „Selbstverständlich! Mit welchem Recht könnten wir Dir einreden, das sei nicht genau so in Ordnung!“ :)

      Danke für Deine Sicht!

  8. Freut mich, dass du mein Argument sinnvoll findest! Gewiss will ich nichts gegen Frauen sagen, deren Wunsch es ist, die Geburt möglichst natürlich zu erleben. Aber wenn ich die Emotionen bedenke, die bei allen möglichen Leuten (auch Männern, kinderlosen Frauen, Funktionärinnen aller Art) zu Tage treten wenns ans Kaiserschnitt-Bashen geht, dann ist für mich sonnenklar: da stimmt was nicht!

    1. Da sind dann aber leider Gottes sehr viele dabei, die die Natürlichkeit in jeder anderen Form (wie Du gut beschrieben hast) vollständig ablehnen.

      Aber sie „hacken“ nur so lange auf den Müttern rum, so lange sie nicht selber betroffen sind.

      Dies habe ich jedenfalls s,o damals in den vielen Wochen auf der Gyn, erlebt.

      Denn auf der Gynäkologie, wo es ernst wird, ändert sich so manche euphorische, erlesene Einstellung sehr schnell, wenn man mit der Realität konfrontriert wird.

      Eine Geburt, ob spontan oder geplanter Kaiserschnitt oder Not-Kaiserschnitt, ist nicht auf dem Reissbrett planbar.

      DAS wird allerdings von den Meisten vollständig ausgeblendet, solange sie sich ausschließlich mit Büchern oder esoterisch angehauchten Menschen beschäftigt haben.

      Das Wissen um Natur, um die Fehlerhaftigkeit der Natur; ist in unserer industriealisierten UND Eventbegzogenen Gesellschaft so weit zurück gedrängt worden; dass die Natur mystifiziert wird.

      Und ja, man kann da durchaus auch das Beispiel des Gärtnerns anführen. Ganz wenigen ist klar, dass man dreckige Hände bekommt, dass es Ungeziefer und Unkraut gibt und dass Mist zwar stinkt, aber der beste Dünger ist.

      Sie kennen die Welt nur aus Büchern. Sie können gute Ratgeber sein, aber man sollte halt ein breites Spektrum zur Wissensbildung nutzen und sich nicht alleine auf (wie hier geplant) auch einseitige Informationen stützen.

  9. Diesen Beitrag einer Hebamme, die einfühlsam versucht, zu vermitteln, habe ich kommentiert: http://www.zockt.com/vonguteneltern/?p=1590

    Finde den Beitrag sehr lesenswert, und bin ja auch bekanntlich deutlich im „Team Deeskalation“. Zwei Punkte störten mich dann aber doch, und so schön es ist, wenn sich eine hitzige Debatte abkühlt: Bei diesen Punkten sehe ich ein Vorgehen nach dem Motto „War ja alles gar nicht so schlimm“ als fatal. Wenn wir eines aus dieser Geschichte gewinnen können, dann doch dies: Es ist alles andere als richtig, Frauen zu erzählen, sie ALLE seien in der Lage, ihr Kind spontan auf die Welt zu bringen. Das führt zu Debatten wie der, die wir gerade erleben.

    Hier mein Kommentar:

    Vielen Dank für den vermittelnden und deeskalierenden Text. Es sollte noch mehr Beiträge wie Deinen geben, die versuchen, beide Positionen zu einen. Ich habe lediglich zwei, in meinen Augen wichtige, Kritikpunkte.

    Du schreibst:

    “Halten die Mütter heutzutage nichts mehr aus und brauchen alle mit der ersten Wehe die PDA, die weitere Interventionen nach sich zieht? Sind die Kinder auch nicht mehr ausreichend für eine Geburt gerüstet und schweben somit in ständiger Gefahr, die ein Eingreifen erfordert?”

    und

    “Die allermeisten Mütter sind bei guten Bedingungen von Natur aus optimal für den Prozess Geburt ausgestattet.”

    Es ist schön, wenn das Deine Erfahrung als Hebamme Dir gezeigt haben. Allerdings ist es ein Fakt, dass in Ländern ohne gute medizinische Versorgung auch heute noch viele Frauen unter der Geburt sterben. Die Zahlen schwanken da, ich habe kürzlich etwas Dramatisches von “jeder 8. Frau” gelesen. Und das ist lediglich die Todesrate bei den Müttern, hinzu kommt die Sterblichkeit bei den Säuglingen, die Komplikationen und Todesfälle im Wochenbett sowie die unter der Geburt entstandenen bleibenden Schäden. Ich denke, wenn bereits Anthropologen davon sprechen, dass die Kopfgröße des Menschen im Vergleich zu seiner Körpergröße so nie geplant war, dürfen wir uns getrost und ohne Wehmut von dem Gedanken verabschieden, dass “die allermeisten Frauen” körperlich bestens für eine Geburt gerüstet sind. Versteh mich nicht falsch, wie ich auch in meinem Blogpost mehrfach betont habe, ist die Arbeit der Hebamme selbst bei Kaiserschnitten immer noch die wichtigste. Nach zwei Spontangeburten kam das dritte Kind per NKS auf die Welt – ohne meine mitfühlende, mich bestärkende und begleitende Hebamme wäre das vermutlich eine sehr enttäuschende Geburt geworden. Zudem, und das ignorieren wir bei der Debatte, ist die Arbeit der Hebammen ja nicht auf die eigentliche Geburt beschränkt. Entscheidende Arbeit findet vor und nach der Geburt statt. Ich würde mir wünschen, dass wir daingehend ein wenig mehr Pragmatismus an den Tag legen. Es ist in meinen Augen falsch, den Müttern zu erzählen, sie hätten alle die körperlichen Voraussetzungen für eine Spontangeburt. Erst aus dieser Haltung heraus sind die Frauen später enttäuscht von sich und fangen an, sich und die “Leistung” des eigenen Körpers zu vergleichen. Ich denke nicht, dass es einen Einfluss auf die Zahlen hat, wenn man Erstgebärenden vermittelt, dass eben nicht jeder Körper darauf angelegt ist. Und dass das nicht schlimm ist. Die meisten Frauen würden doch bei den Vorteilen der Spontangeburt dennoch alles versuchen, um das Kind normal auf die Welt zu bringen. Vielleicht würde man aber Enttäuschung, Trauer und Wut etwas abfangen, wenn man dahingehend eine pragmatische Haltung einnimmt.

    Zweiter Punkt: Während ich nur unterstützen kann, dass sich die aufgeregten Stimmen wieder etwas beruhigen, bin ich nach wie vor entsetzt über den Namen des Projektes. Ich kann auch nach den vielen guten Blogbeiträgen – auf die in diesem Buch ja leider nicht hingewiesen werden wird – die Nachricht, die der Titel transportiert, nicht unter “ist ja alles nicht so schlimm” fassen und die Sache vergessen. Es enttäuscht mich, dass meine Theorie stimmte und Deine Kollegin weiter oben schrieb, das Buch käme im Mai heraus. Was auch der Grund ist, dass sie konstruktive Kritik auf ihrem Blog nicht zulässt – ich kenne mittlerweile mehrere Kommentare, die sie nicht freigeschaltet hat. Schön, wenn wir uns einig sind, dass der Titel mindestens sehr unglücklich gewählt ist. Aber hat irgend jemand mal an die zukünftigen Käuferinnen gedacht?

    Ich bin immer noch entsetzt, dass hier offenbar erstgebärende Frauen für eine politische Aussage instrumentalisiert werden, die doch von uns gar keiner in Frage gestellt hat, nämlich die Wichtigkeit der Hebammen. Und das unter dem, wie Du selbst schreibst, exkludierenden und dennoch alle nicht-Mitgemeinten betreffenden Titel. Nun müssen diese Frauen genau durch diese Diskussion, die wir hier führen. Im schlimmsten Fall sind sie dabei allein. Hat daran mal jemand gedacht?

    Wie ich schrieb, ich finde Deinen Artikel toll. Eine Hebamme, die das mit der selbstbestimmten Geburt so erläutert, wünsche ich möglichst allen Frauen, denen dieses Buch ab Ende Mai in die Hände fällt.

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