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Koray, 28. Online-Aktivist.

Koray Kapon, der Initiator von Halte durch, Türkei, ist vor fünf Tagen beigesetzt worden.

Der 28-jährige hat mit Beginn der #occupygezi-Bewegung die weitreichenstarke facebook-Seite Halte durch, Türkei initiiert und betreut. Halte durch, Türkei wurde binnen kurzer Zeit zu einer deutschen Schnittstelle für die Protestbewegung. Mittlerweile hat die Seite weit über 55.000 Fans.

Gleich zu Beginn der Eskalationen in der Türkei rief Koray zur Mithilfe auf, fragte, nahm Vorschläge dankend an, und organisierte und vernetzte ein größer werdendes Kollektiv, das sich die Informationsweiterleitung zur Aufgabe machte. Schnell wurde der Arbeitsaufwand zu groß, ehrenamtliche Administratoren sprangen Koray bei. Dieser organisierte Solidaritätsdemonstrationen, warb um freiwillige Übersetzer, meldete einen Weblog an. Er generierte Aufmerksamkeit für einen Protest, der uns die Fröhlichkeit, Freiheitsliebe, Kreativität, Hartnäckigkeit und das Demokratieverständnis der jungen Türken vor Augen führte.


Laut dem einzigen Online-Artikel zu Korays Tod, erschienen in den Deutsch-Türkischen Nachrichten, ist Koray „friedlich eingeschlafen“, obwohl sein Tod offenbar überraschend kam. Sonst erfahre ich nichts. Googeln hilft nicht, facebook durchforsten hilft nicht, twitter hilft nicht. Ein Mensch, der es sich im letzten Jahr ehrenamtlich zur Aufgabe gemacht hat, zu informieren, zu koordinieren und zu vernetzen, stirbt. Und ich finde keine Informationen.[1]

Was mich das alles angeht? Vermutlich nichts.

Warum es mich dennoch so sehr berührt?
Ein Zufall ließ mich die #occupygezi-Proteste via Internet sozusagen in Echtzeit mitverfolgen. Ich arbeitete damals an einem Kapitel über Social Storms. Plötzlich war da dieser hashtag, überall in meiner Twitter-Timeline: #occupygezi.

Auf meinem Blog schrieb ich zu diesem Zeitpunkt:
Meine Timeline habe ich offen, auch den Livestream aus Instanbul, und statt zu arbeiten lese ich alles, was ich in der kurzen Zeit der überstürzenden Ereignisse eben lesen kann. Da ist auf der einen Seite große Betroffenheit und Wut über unschuldige verletzte und tote Menschen. Da ist auf der anderen Seite Begeisterung für die Solidarität und den Mut derjenigen, die kämpfen, und derjenigen, die sie über die Social Media Kanäle verfolgen. Und das ist etwas, an dem wir alle beteiligt sein können – twittern, lesen, retweeten, posten, bloggen, kommentieren: Solidarität zeigen.

Zeitgleich zu diesem Post arbeitete Koray Kapon via facebook wie ein Wahnsinniger. Seine türkischen Wurzeln und seine politischen Einstellungen waren ihm ein ganz persönlicher Motor. Da ich ohnehin zu den Protesten recherchierte, stellte ich ihm und seinen Mitstreitern meine Linklisten zur Verfügung. Wir hatten kurzen persönlichen Kontakt – dann ging ich meiner Wege und er stürmte die seinen entlang. Ich beobachtete und bewunderte, wie sich Halte durch, Türkei entwickelte. Um einen Artikel zu Erdogans Twitter-Sperre zu suchen, rief ich heute die Seite, SEINE Seite auf.

Ein kurzer Nachruf erschien. Koray ist tot.

Irgendwann während der Proteste im Juni las ich einen Tweet. Darin stand, in der Türkei befänden sich die „richtigen“ Protestler, wir anderen seien lediglich „Smartphone Warriors“, Smartphone-Krieger. Das Wort „Krieger“ ist im Deutschen wesentlich negativer besetzt als das englische „Warrior“, aber mir gefiel diese Idee. War nicht jeder, der in irgendeiner Weise Informationen weiterleitete, seine Zeit einsetzte, sein Können und sein Wissen zur Verfügung stellte, ein „Warrior“, via Smartphone, Tablet oder Rechner?

Wenn wir das waren, so war Koray einer unserer Besten. Er glaubte an die Gemeinschaft der Menschen, an das, was wir miteinander erreichen können. Er glaubte an die Macht des Wortes. Und er glaubte an die soziale Kraft, die aus unserer Kommunikation entstehen kann. Und so vermittelte er. Führte Menschen zusammen. Bewegte.

Ein Mensch, der an das Kollektiv der Menschen glaubt, der im Kollektiv aufgeht, wird niemals zu einer Anführerfigur werden. Das Sich-Einordnen Korays erlaubt keine Stilisierungen. Auch sein viel zu früher Tod wird daran nichts ändern. Aber Koray selbst hat durch sein Tun gezeigt, dass es auch keine Anführer braucht. Es braucht nur jemanden, der uns daran erinnert, dass alles an uns und in uns selbst liegt. Und dass unser „Wir“ so viel entscheidet.

„Ruhe in Frieden Du Infokrieger. Allah rahmet eylesin, Mekani cennet Olsun“ (Beileidsbekundung auf der facebook-Seite Halte durch, Türkei)

Dem Infokrieger, einem von uns. Von einer weiteren aus dem Schwarm. [2]

[1] Nähere Umstände zu seinem Tod werden auf Wunsch der Familie zurückgehalten. Das ist ihr gutes Recht und soll hier nicht diskutiert werden. Mein Beileid gilt seiner Familie und seinen Freunden für ihren Verlust.
[2] Die von Koray gegründeten Initiativen sollen weiter geführt werden. Ich bin sicher, die AdministratorInnen der facebook-Seite und des Blogs können Hilfe gebrauchen. Wer also denkt, er oder sie könne auf irgend eine Weise partizipieren, schreibt den Seiten eine Nachricht.
Wer diesen Nachruf teilen, verlinken oder rebloggen möchte, macht mir eine große Freude. Ich möchte, dass wir den Einsatz Korays in Erinnerung behalten. Wenn Ihr selbst etwas dazu schreibt, schenkt mir doch einen Link zu Euch. Ich werde hier sammeln.

Allen, die die Initiative weiterführen: Viel Erfolg. Allen Infokriegern meinen Respekt.

 

  1. Ich finde es wirklich klasse, dass Sie sich all diese Mühe machen und die Informationen aufbereitet für uns präsentieren. Danke dafür.
    Lg Danny

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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