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Glücklich Sein

In einen Baum mit Blüten hinein fotografiert, dahinter die Sonne

Man sollte immer daran denken, dass die Zukunft weder ganz noch gar nicht in unserer Hand liegt, damit wir nicht ständig erwarten, was geschehen wird, und nicht verzweifeln an dem, was nicht geschehen wird.

(Epikur: Über das Glück, Zürich 2011, 44.)

Der griechische Philosoph Epikur verehrte das Glück. Mit seiner das Schicksal annehmenden und wenig strebsamen Lebensweise begründete er eine Lebenshaltung, die noch heute seinen Namen trägt – die Epikureer.

Im Vorwort des kleinen Diogenes-Bändchens Über das Glück fasst Ludwig Marcuse das Wenige zusammen, das wir heute über Epikur zu wissen glauben. Um 321 v. Chr. geboren, zwar durch den römischen Dichter Lukrez berühmt, doch nie zur Legende geworden, im Alter von 72 Jahren in einer Badewanne mit einem Glas Wein an schlimmer werdendem Blasenleiden gestorben. Überliefert sind von ihm einige Briefe, Aphorismen und Lehrsätze.

Ein streitbarer Geist war Epikur offenbar nicht. Dennoch arbeiteten sich an seinen Lehren ganze (lustfeindliche) Gesellschaften ab. Für ein katholisch-puritanisches Weltbild muss das Streben nach Glück als höchstem Lebensinhalt schon beinahe als Ketzerei gegolten haben. Es ist daher überaus interessant, zu lesen, wer sich alles als Epikureer verstand. Georg Büchner zum Beispiel, oder Karl Marx, der in einer begonnenen Dissertation angeblich schrieb: „Epikur ist der größte griechische Aufklärer“ (zitiert aus dem Vorwort des Bandes, Seite 19).

Epikureer verstehen es, das Streben nach Glück mit der Ratio – der Vernunft – zu vereinbaren. Nicht nur im Hinblick auf die oft als „Spaßgesellschaft“ diffamierte heutige Generation ein scheinbarer Widerspruch – denn wie verträgt sich YOLO bloß mit Vernunft und Verzicht? Ludwig Marcuse erklärt es wie folgt:

Man nehme an, man sei zu einer Gesellschaft geladen, die sowohl eine höchst anregende Unterhaltung als auch viel guten Wein verspricht. Man nehme weiter an, dass man sowohl guten Wein liebt als auch gute Unterhaltung. Schließlich noch, dass der Wein einen nicht anregt, sondern müde macht – und so die Freude am Gespräch verdirbt. Da entscheidet man sich denn, wenn man das Gespräch vorzieht, zu einem wenig schönen Verzicht: man trinkt nicht. Auf solch einer Askese ist das Glück der Epikureer erbaut. Es ist nicht der Verzicht auf Glück – sondern der Verzicht auf ein Glück für ein anderes. (20 f.)

Verschiedene Themen Epikurs fanden Eingang in „moderne“ Lehren, so die Schriften Rousseaus und Freuds heute noch als solche bezeichnet werden dürfen. Aber das, so interessant die Parallelen sicher sind, war nicht das, was mich an dem Bändchen so fasziniert hat. Es war eher die Schlichtheit der Sätze, mit denen Epikur sich vor 2000 Jahren das Glück erklärte. Wie wir spätestens seit Dance, Monkeys, Dance wissen, ist der Mensch die einzige Spezies (von der wir es sagen können), die nach Glück strebt. Nach unserer heutigen Erkenntnis genügt den anderen Wesen auf dem Planeten das „Sein“ an sich als Zustand vollauf. Mit zunehmender Komplexität sowohl des Gehirns als auch der Welt um uns herum wird die Frage nach dem persönlichen Glück immer drängender. Das gesamtgesellschaftliche oder auch kollektive Glück wird dabei immer hinter den Verheißungen des individuellen Glücks verortet – Konsum, Individualismus oder auch Ruhm sollen beim Erreichen des persönlichen Glückes helfen.

Epikurs Weg war ein anderer. Ein Weg des Philosophierens, des Schreibens und des Anredens gegen die Furcht der Menschen, allem voran die das eigene Glück verhindernde Angst vor dem Tod. In seinem Brief an Menoikeus schreibt er:

Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod für uns keine Bedeutung hat, da ja alles Gute und Schlechte eine Frage der Wahrnehmung ist. Der Tod aber ist die Beraubung der Wahrnehmung. Diese richtige Erkenntnis, nämlich dass der Tod für uns keine Bedeutung hat, macht die Vergänglichkeit des Lebens zu einem Genuss, nicht etwa weil diese Erkenntnis dem Leben unendliche Zeit hinzufügen würde, sondern weil sie das Verlangen nach Unsterblichkeit beseitigt. […] [Der Tod] hat folglich weder für die Lebenden noch für die Verstorbenen eine Bedeutung, da er die einen nicht betrifft, die anderen aber nicht mehr leben. (42 f.)

Für ein glückliches Leben sind nach Epikur verschiedene Aspekte zentral: Die Freude und das Streben nach ihr – aber nicht in einer maßlosen Art und Weise, sondern in einer der eigenen Vernunft und ihren Vorgaben untergeordneten. Epikur empfahl, notwendige Bedürfnisse zu jeder Zeit von natürlichen, aber eben nicht-notwendigen Trieben zu unterscheiden. So verursache das unbefriedigte, notwendige Bedürfnis Schmerz, den es im Sinne des eigenen Glückes zu vermeiden gelte. Ein natürliches, aber nicht notwendiges Bedürfnis habe dagegen kein körperliches Leiden zur Folge. Weiterhin die Freundschaft zwischen den Menschen sowie die Kunst, einen Lebensstil zu führen, der das Angenehme mit dem Bescheidenen verbindet. Auch hierhin sah Epikur keinen Widerspruch. Dann die Abwesenheit von Angst vor den Göttern, den Menschen oder dem Tod, wie oben bereits beschrieben. Und nicht zuletzt die Vorstellung von Gerechtigkeit und Unrecht als Basis jedes menschlichen Zusammenlebens. Jahrhunderte später schreibt Kant etwas ähnliches wie Epikur hier:

Die natürliche Gerechtigkeit erwächst aus der vorteilhaften Abmachung, sich gegenseitig nicht zu schaden und nicht schaden zu lassen. (73)

Und er fügt hinzu:

Es gibt keine Gerechtigkeit an sich, vielmehr entsteht an jedem Ort zu irgendeiner Zeit im Zusammenleben eine Vereinbarung, sich gegenseitig nicht zu schaden und nicht schaden zu lassen. (74)

Bahnbrechenderes hat auch der Dalai Lama in den ersten fünfzig Seiten Rückkehr zur Menschlichkeit nicht formuliert, wenn er von einer säkularen Ethik als Basis allen Zusammenlebens spricht. (Ein Buch, das ich Euch auch noch vorstellen werde. Vermutlich wird das dann ebenso langatmig wie alle meine Buchvorstellungen. Hoffentlich freut Ihr Euch schon.) Und wieder fasziniert mich die eigenartige Schlichtheit der Worte des Epikur, wenn er einen für unser heutiges Mind-Set komplexen Gedankengang herunterbricht.

Die Suche nach dem Glück 2.0

In der großen Anzahl der Ratgeber, der stereotypen Magazine, der Flut von Tipps zum Erreichen des eigenen Glückes oder zumindest zum Glücklichmachen von Partnern/ Kindern/ Eltern … ist der Weg des Epikur ein angenehmer, ein entschleunigter. Glück, so könnte man nach der Lektüre von Epikur fast denken, sei eben doch etwas, das aus uns selbst heraus entsteht. Oder wie Hector es als „Beobachtung Nr. 15“ im Roman von Francois Lelord notiert:

Glück ist, wenn man sich rundum lebendig fühlt. (Lelord, Francois: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück, München 2004, 111.)

  1. wie schön! scheinbar komplizierte sachverhalte in schlichten worten allgemein verständlich zu machen – das ist es, wonach auch wir alle, die ab und an übers glücklich-sein schreiben/reden/philosophieren wollen, streben sollten 😀

    und das mit dem sich rundum lebendig fühlen – das funktioniert tatsächlich nur dann, wenn man sein augenmerk auf die gegenwart, das hier und jetzt, lenkt.

    ps: fand es hier jetzt gar nicht so langatmig … 😀

  2. Deborah

    Zum Streben nach Glück gehört wohl weniger das Bewusstsein des Glückes an sich, als das Bewusstsein von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit.

    Völlig wissenschaftlich unbelegt und frei aus dem Bauch heraus wage ich die These aufzustellen, dass der Mensch wohl das einzige Lebewesen sein könnte, welches sich nicht in der Gegenwart, sondern zumeist in der Vergangenheit oder Zukunft aufhält. Dies bedenkend, stelle ich für mich fest, dass das Streben nach Glück vermutlich die scheußlichste Erfindung schlechthin ist, denn es verdammt zu einem Leben frei nach Sysiphos: knapp davor und nie richtig dran.

    Und nun? Tjä, mehr „jetzt“ und „Einfalt“ vielleicht? Mich zumindest vermag dies zeitweise in der Gegenwart zu beglücken.

    • Hallo Deborah! Jetzt hätte ich gerne nachgeschoben, was Epikur dazu sagt. *grins* Aber über die Zukunft macht der Gute nur wenig Aussagen. Wohl aber über die Endlichkeit der Zeit, denn eines seiner Themen ist ja der drohende Tod, also das Beenden jeder Zukunftsaussicht:

      „Die unendliche Zeit birgt nicht größere Freude als die endliche, wenn man nur die Grenzen der Freude durch Überlegung richtig vermittelt.“ (69)

      Hector dagegen sieht die Sache mit den Zeiten, in denen wir leben, ganz ähnlich wie Du. Seine dritte Beobachtung ist:

      „Viele Leute sehen ihr Glück nur in der Zukunft“. (54)
      Dabei ist der Fehler, der offenbar von uns allen stets unternommen wird, aus der vergangenen Zeit ein Verhalten abzuleiten, das in der Zukunft für Glück sorgen soll. Am Ende von seiner Reise spricht Hector mit einem Mönch, dessen Lehren Züge der Epikureer haben. Auch das passt sehr gut:

      „Hector hatte schon die ganze Zeit Lust gehabt, ihm eine Frage zu stellen, und so brachte er sie jetzt vor: „Als wir uns das erste Mal sahen, haben Sie mir gesagt: Es ist ein Irrtum zu glauben, Glück wäre das Ziel. ich bin nicht sicher, ob ich das richtig begriffen habe.“
      „Ich meinte so ein Ziel, wie ihr es in eurere Kultur immer so schön abzustecken wisst; dadurch habt ihr ja übrigens so viele interessante Dinge vollbracht. Aber Glück gehört nicht in diese Kategorie. Wenn Sie es sich abstecken, werden Sie es mit großer Wahrscheinlichkeit verfehlen.“
      (171)

      Noch einmal aus der Zusammenfassung von Ludwig Marcuse:

      „[Epikur] ist die Verkündung gewesen: es kommt alles darauf an, dass du, Mensch, der du heute und hier lebst, glücklich lebst. Du bist nicht da für einen Gott und seine Kirche und nicht für einen Staat und nicht für die Aufgabe der großmächtigen Kultur. Du bist da, um dein einziges, einmaliges Leben mit Glück zu füllen.“ (37)

      Also, ja, aus dem Bauch heraus und nur auf diese Art und Weise: Mehr Gegenwart!

  3. Anita

    Gerade noch dachte ich, was will Juna bloß heute morgen von mir………..

    kommt ein anderer Blog und verlinkt

    https://www.facebook.com/AspergerSyndromAutismus/videos/1584645281784981/?fref=nf

    und zeigt eine Form von Glück (für mich).

  4. Die Buchvorstellung fand ich interessant. Ich glaube, zuletzt habe ich auf dem Gymnasium nur kurz von Epikur gehört, und danach nicht mehr, was auch schon mindestens 30 Jahre her ist.

    Wie weit in der Zukunft viele ihr Glück suchen, entzieht sich meiner Erkenntnis, aber einige Einschnitte in meinem Leben haben mir persönlich gezeigt, dass ich versuchen sollte, das Glück oder die schönen Momente im Leben an jedem Tag zu sehen. Vielleicht kann man die Lebensphilosophie des Epikur auch mit dem Motto „Carpe Diem“ verbinden?

    Und spontan fällt mir ein Zitat aus einem Amy-MacDonald-Song dazu ein: „The treasure that you’re looking for is right under your nose“. Oft liegt der Schatz, den wir suchen, direkt vor unserer Nase.

    Liebe Grü´ße
    Ulrike

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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