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Die Hyperion-Gesänge

Hier ist eine junge, gutaussehende Frau vor dem in Speyer ausgestellten Space Shuttle zu sehen. Dass die Frau gut aussieht, ist eine objektive Einschätzung und hat rein gar nichts damit zu tun, dass es sich dabei um mich selbst handelt.

Der Konsul trank einen kräftigen Schluck. „Alter chinesischer Fluch“, sagte er. „Mögest du in interessanten Zeiten leben.“

(Dan Simmons: Die Hyperion-Gesänge, 1351.)

 

Das richtig Gute an diesem Mist ist, dass ich aktuell wieder viel Zeit zum Lesen habe – und sie mir auch nehme. Oh, Bücher, wie habe ich Euch vermisst! Ein Leben ohne Euch scheint möglich, aber sinnlos. 

In den letzten Tagen absorbierte mich das Science-Fiction-Epos Die Hyperion-Gesänge von Dan Simmons. In der Hardcover-Ausgabe eignet sich der Wälzer vermutlich auch gut als Mordinstrument. 1400 Seiten umfassen die zwei Teile der Geschichte um eine interstellare Pilgerreise in der fernen Zukunft der Menschheit.

Über die Geschichte selbst möchte ich eigentlich gar nichts schreiben. Abgesehen von dieser Warnung: Sollte Euch der Roman nach den ersten 30 Seiten in seinen Bann ziehen, könnt Ihr Euer Leben für einige Tage vergessen. Bis Ihr zuende gelesen habt.

Vielmehr möchte ich etwas über das Nachwort der aktuellen Ausgabe des Romans schreiben. Die Hyperion-Gesänge erschienen bereits 1989, was angesichts der Vorwegnahme technischer Entwicklungen teilweise geradezu beängstigend ist. Das Nachwort meiner Ausgabe ist von 2013 und beginnt mit dem folgenden Absatz:

Sehen wir es so: Sie haben eine knapp 1400seitige literarische Achterbahnfahrt hinter sich – selten traf dieses klischeebehaftete Prädikat auf einen Text so zu wie auf Dan Simmons‘ Hyperion-Gesänge. Und wie bei einer Achterbahnfahrt üblich fährt die Gondel am Ende wieder in jenen geraden, ruhigen Abschnitt ein, wo die Fahrt begonnen hat. (1397)

Sascha Mamczak, Lektor und selbst Autor, feuert in diesem Nachwort mit Querverweisen, literarischen Vergleichen und einem so umfassendem Verständnis des Romans um sich, dass ich behaupte, noch nie ein Nachwort so gerne gelesen zu haben. Er beschreibt „das erzählerische und ästhetische Programm“ des Romans mit einer Aufzählung: Schon im ersten Satz seien die Hauptbestandteile des Romans, der „gothic sense of wonder, die Fin-de-siécle-Melancholie, die interplanetarische Action“ angelegt, ohne zu viel zu verraten.

Um exakt zu sein, verrät der Roman auf den ersten Seiten gar nichts. Die Leserin sammelt Rätsel um Rätsel, während sie vor- und zurückblättert, um nachzuschauen, ob sie nicht vielleicht bereits im ersten Abschnitt wesentliche Informationen überlesen hat. Aber das ist gewollt: Auf der gesamten Länge des Romans setzen sich Puzzleteilchen um Puzzleteilchen zu einem Ganzen zusammen. Und auch das am Ende zu betrachtende Gesamte bleibt etwas unvollständig, mehrere Fragen offen, einiges erscheint falsch. Die Gesänge haben nämlich eine Fortsetzung – Endymion.

Laut Sascha Mamczak ist es genau dieses Vorgehen, das einen guten Science-Fiction-Roman ausmacht: Die alternative Welt, die vorgestellt wird, postuliert sich, ist einfach plötzlich „da“, und die Begriffe und Bilder, die verwendet werden, müssen in der Wahrnehmung der Lesenden schon von Beginn an in eine Welt eingeführt werden, von der noch gar nichts weiter bekannt ist – Farbtupfen im „blank space“ der eigenen Imagination: „Wenn man sich aber damit schwertut, […] ist man für den ganzen Roman verloren“. Der Autor des Nachwortes sieht nicht nur das „Phänomen“ erfolgreicher Science-Fiction-Literatur, er bespricht somit auch die gedankliche Leistung der Lesenden, die in der Lage sind, das Erforderliche zu tun: Den Text als neuen Raum wahrzunehmen und sich eine alternative Welt vorzustellen.

Als „Phänomen“ wird im literaturwissenschaftlichen Betrieb meist das bezeichnet, was eigentlich gerne ignoriert würde: Harry Potter, literarische Blogs, das Genre der Science-Fiction-Literatur. Alles, was nicht den Qualitätskriterien des geschulten literaturwissenschaftlichen Auges zu entsprechen scheint, wird solange in die Peripherie gedrängt, bis die Anzahl der Lesenden eine kritische Masse überschreitet. Dann heißt es aber z.B. nicht „Roman“, sondern lieber „Phänomen“. Das ist etwas unehrlich, aber so hat die Literaturwissenschaft wie jede Disziplin ihre ungeliebten Kinder.

Warum erzähle ich das? Weil Sascha Mamczak mit einer untergründigen Spitzfindigkeit darlegt, wie sich Menschen (speziell Akademiker_innen), denen sich der Raum der Science-Fiction-Literatur in der oben beschriebenen Lesart eher verschließt, mit der Materie befassen: Sie lesen die Texte als versteckte Beschreibungen unseres „heute“, als Spiegel der Welt, die wir kennen. So werden Handlungsstränge, Systeme, Personen und Vorkommnisse als Verweise auf unsere Realität interpretiert. Alles, „Gadgets und Neologismen und Special Effects“, wird damit zur Metapher für die Gegenwart:

Aus dieser Perspektive ist alles plötzlich wunderbar einfach: Da sind die Morlocks die Proletarier des englischen Frühkapitalismus; da ist der „Große Bruder“ Väterchen Stalin; da versammelt sich auf der Brücke der Enterprise die UNO; da erhält das Jedi-Laserschwert einen phallischen Sinn […]. (1399)

Das Großartige an Dan Simmons‘ Roman ist, dass er beide Lesarten nicht nur zulässt, sondern meiner Meinung nach geradezu provoziert. Auch wenn es nach Sascha Mamczak ein Missverständnis ist, Science-Fiction-Literatur als eine Art „kollektive, popkulturelle Couch“ aufzufassen: Der Text öffnet einen großen interpretatorischen Spielraum und wirft nicht nur punktuelle Lichter auf die heutige Wirklichkeit, nein, mehr noch: Unsere Vergangenheit und Gegenwart sind als konstituierende Elemente des Romans eingebaut und mit der dargestellten Zukunft verwoben.

Darüber hinaus, und das freut die Vertreter der Literaturwissenschaften, haben das Erzählen und die Literatur einen ganz besonderen Stellenwert im Romanganzen. So wird in den Gesängen nicht nur die „Wissenschaft erzählt“, wie es das gesamte Genre kennzeichnet, (1404) sondern auch das Erzählen in seiner Funktion als Begreifen der Welt thematisiert. Und die Literatur erhält nicht nur beschreibenden Charakter, sie nimmt das Geschehen vorweg, wird quasi zu einem (nicht ganz verlässlichen) Propheten der nahen wie fernen Zukunft.

Allein darüber ließe sich genügend schreiben. Aber vermutlich hat das bereits jemand ausführlicher gemacht, immerhin ist der Roman einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Texte, die bisher geschrieben wurden. Den Erfolg des Buches erklärt Sascha Mamczak sich unter anderem so:
Mit Dan Simmons hatte sich ein ziemlich raffinierter und visuell ungemein begabter Schriftsteller dem Genre zugewandt, der, aus dem Horror kommend, genau weiß, wie man Spannung erzeugt, der wie Stephen King die Kunst beherrscht, etwas zu erklären ohne es wirklich zu erklären, und der sich schamlos das Beste aus allen Science-Fiction-Welten zusammenklaut […] – bis zu dem Punkt, dass eine[n] das Gefühl beschleicht, er wolle den Science-Fiction-Autoren einfach einmal zeigen, wo der Hammer hängt. (1401)

Ein schönes Fazit für einen überaus lesenswerten Roman.

 

(Beitragsbild: Recycelt. Vor 100 Jahren noch Science-Fiction :))

  1. Oh je, ich kämpfe mich noch durch Tolkien’s „The Lord of the Rings“ mit 1300+ Seiten und schon kommst Du mit dem nächsten 1400-Seiten-Schmöker daher. 🙂
    Habe se in meiner „irgendwann Lesen“-Liste notiert, wenn ich das tollkühne Epos hier fertig habe wäre das der nächste Roman auf der Liste. 🙂

  2. Schön, dass du dafür Zeit hast! Der erste Teil hatte mir auch gut gefallen, den „Sturz von Hyperion“ hingegen hatte ich gelangweilt abgebrochen – nur als Gegenbeispiel zur These, wer die ersten 30 Seiten habe, lege „Hyperion“ nicht mehr weg. 🙂

    • Das ist nicht gut für meine Argumentation!! Ich werde Deinen Kommentar also unverzüglich löschen. 🙂

      Mal ehrlich, wie hast Du das geschafft? Ich wollte das Puzzle unbedingt sehen, wissen, was mit Het Masteen passiert ist, wie alles zusammenhängt, warum genau diese sieben ausgewählt wurden … zu Beginn des zweiten Teils hatte ich etwa 1 Million Fragen. Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, trotzdem zwischendrin eine Nacht zu schlafen. Und an das letzte Buch, bei dem es mir so ging, kann ich mich auch noch gut erinnern. Das war einer der Teile der „Drei großen Schwerter“ von Tad Williams, gelesen vor 14 Jahren. 🙂

      • Du Blogtyrannin, hahaha! Ich weiß auch nicht, ich fand schon im ersten Teil nicht alle Geschichten überzeugend (anderer dafür aber hammermäßig gut!) und in den zweiten bin ich einfach nicht mehr richtig reingekommen. Ich bin ein launischer, heikler Leser, fürchte ich. Aber um uns dem Positiven zuzuwenden: Dein Leseerlebnis ist großartig! Das erleben wir im Erwachsenenalter nicht mehr oft, dass uns ein Buch so verschlingt, so aufsaugt. Toll!

  3. war ich ein chinesischer philosoph und habe geträumt, ich wäre ein schmetterling
    oder war ich ein schmetterling und habe geträumt, ich wäre ein chinesischer phiosph ?
    (dan simmons: die hyperion-gesänge, 1443.)

    habe mir das buch besorgt (leider eine ältere ausgabe, also ohne nachwort) .
    als buch großartig und ich stelle mir vor, wie es wäre, das internet gemeinsam zu träumen und so eine neue realität zu erschaffen (das netz ist das, was du draus machst) .

    was passiert eigentlich, wenn man im netz mit sagen wir 200 leuten ein buch in 200 teile aufteilt, jeder einen teil kopiert und die einzelnen teile untereinander verlinkt (vorausgesetzt, das buch ist so gut, das es die mühe wert ist) ?

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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