2016 verabschiedet sich langsam, aber unaufhaltbar. Es war nicht nur für mich ein schweres, ein anstrengendes, ein verlustreiches Jahr. Vielen erging es ähnlich wie mir. Wir haben Federn gelassen, und manche frische Narbe ziert nun Körper oder Seele. Und so hatte ich für diesen Jahresrückblick bereits einige Schmähungen auf 2016 herunter geschrieben, als mir auffiel, dass das Jahr trotz seiner enormen Tiefen gut zu mir war. Zum Glück hatte ich mir letztes Jahr eine Liste gemacht! Jaha, Ihr Listenveralberer, lacht nur! Ich besitze eine Liste, auf der steht, was ich 2016 erreichen wollte. Wer ich dieses Jahr sein wollte.

Anfang Dezember kramte ich sie heraus und … befand meine Gesamtperformance in diesem Jahr für sehr gut. Ich habe meine Selbstständigkeit aufgebaut und bin aktiv in verschiedenen Netzwerken. Mit dem Jahresrückblick „Das Netz“ habe ich neben den vielen Blogpublikationen noch einen vorzeigbaren Artikel in Print vorzuweisen. Ich habe mehr gute Zeit für mich gehabt, mehr gute Zeit mit meinen Kindern verbracht, mich im Alltag mehr bewegt, Neues ausprobiert, Vorbehalte abgebaut, mich meinen Ängsten gestellt. Und ich habe Island gesehen!

Nicht geschafft habe ich zum Beispiel, eine bessere Freundin zu sein. Und auch wenn ich bereits auf tolle Projekte und Aufträge stolz sein kann: Von dem, was ich einnehme, könnte ich alleine (noch) nicht leben. Naja, es muss ja auch noch Entwicklungspotential für nächstes Jahr übrig sein. Insgesamt habe ich mich auf den Weg zu mir selbst und dem Platz, an den ich gehöre, gemacht. Und so muss ich gegenüber diesem beutelnden, harten und gleichgültigen 2016 versöhnliche Töne anstimmen. Danke, 2016, trotz so vielem. Du warst gut zu mir, besser als gedacht.

In alter Blogtradition schwalle ich nicht weiter über meine persönliche Rechnung mit dem bald der Vergangenheit angehörenden Jahr, sondern stelle Euch meine liebsten Blogposts vor.

Also, mein Jahr – in Euren Worten.

Streng genommen ist der erste Blogpost von November 2015 und der zweite vom Dezember, aber ich lese beide erst im Januar.

Im(i)pressionen schreibt unter dem Eindruck der vorangegangenen Terroranschläge in Paris über die Angst. Aus „Angst davor, Angst zu haben“:

Die besten Dinge haben sich in meinem Leben immer dann ereignet, wenn ich nicht auf meine Angst gehört und mich nicht von ihr habe beeinflussen lassen. Das will ich daher ganz fest im Gedächtnis behalten.

Mit „Leben, Liebe, Vertrauen, Weihnachten“ verschlagwortet schreibt Marco über Dich. Mich. Uns alle:

Es ist mir egal, was du getan hast. Ob du geklaut hast, ob du versagt hast, ob du gelogen hast. Alle sind verkehrt. Niemand ist richtig. Ich belüge dich und ich erzähle dir trotzdem die Wahrheit. Die Antworten bleiben ein Geheimnis und jeder Mensch trägt eine eigene Antwort in sich. Aber die Ankunft der Anderen ist nicht deine Heimat. Vertrau mir! Es ist egal, ob du schon gelernt hast, dich selbst zu überwinden, oder ob du immer noch Sklave deiner inneren Schatten bist. Kräfte der Wechselwirkung, Pendelschläge der Inkonsistenz, Gefühle der Schiefe! Du bekommst so viele Chancen wie brauchst. Hier wird nicht gezählt, alle Türen bleiben geöffnet.

Im Februar muss ich weinen. Über den Text von Alu und ihre Liebeserklärung an ihre Tochter:

Die schweren Zeiten, sie kommen erst noch, sagt man mir. Deine Stimme, wenn du mit mir diskutierst. Dein Willen, der sich in kleinen Gemeinheiten äußert. Ich kann dich in diesen Momenten trotzdem noch sehen, deine Augen blitzen wie meine und ich lächle dich dann einfach an. Oftmals beginnen wir dann gemeinsam zu lachen und nehmen uns so den Schreck aus den Gliedern.
Lass es uns so halten, lass uns das Lachen und unsere Liebe immer eine Verbindung schaffen, auch in den Momenten wenn du mich für die schrecklichste Mutter und ich dich für die streitbarste Tochter halte.

Ebenfalls im Februar macht sich Tina Gedanken über die (romantische) Liebe und fragt sich, ob sie eigentlich zu viel verlangt ist, von uns:

Wir wollen Liebe als etwas wahrnehmen, das selbstlos ist, das gibt, ohne nehmen zu wollen und ich weiß, dass es diese Lieben zwischen Eltern und Kindern gibt und um diese Erfahrung bin ich sehr dankbar. Aber unter Erwachsenen? Ist es nicht immer so, dass bewusst oder unbewusst Erwartung mitschwingt?

Im März lese ich „Hölle, das sind die anderen“, von kiddothekid, und lache Tränen. Weil das alles so wahr ist, jeder einzelne Satz:

Es ist nämlich so: Ich bin hier gerade die Hauptattraktion. Nicht, weil ich weltberühmt bin, oder wunderschön, oder ein Einhorn. Nein. Das Aufsehenerregende an mir befindet sich zu meinen Füßen, ist keinen Meter lang und brüllt seit einer Viertelstunde, als gäbe es kein Morgen.
Die Karstadt-Bushaltestelle-Steher verfolgen ungeniert das Kammerspiel auf der kleinen Verkehrsinsel zwischen zwei Ampeln. Wahrscheinlich schließen sie Wetten ab, ob wir es mit der nächsten Grünphase über die Straße schaffen. Wahrscheinlich fragen sie sich, warum ich mir den kleinen Brüllaffen nicht einfach unter den Arm klemme und mich vom Acker mache. Wahrscheinlich schütteln sie insgeheim die Köpfe im Angesicht meiner elterlichen Inkompetenz.

Über einen Besuch in der Geflüchtetenunterkunft schreibt Andrea den lesenswerten Beitrag „Allein unter Männern“:

Drinnen dann das Labyrinth. Gänge, Gänge, rechts und links, die Türen offen, Zimmer mit Hochbetten. Ein Raum mit Bänken und Kleiderhaken, früher Umkleidekabine. Wieder ein Gang, die Zimmer. Bin ich im Kreis gegangen?
A. kenne ich vom Sehen. Laufe jetzt schon das dritte Mal an ihm vorbei. Mit Handy und Aufladekabel klebt er an der Wand. Beim ersten Mal hat er freundlich gegrüßt, jetzt grinst er.

Ich befinde mich immer noch in der Märzlektüre und staune über Marthori mit „Die Hälfte ist jetzt rum“. Ein Blogpost über die Lebensmitte:

Neu war für mich die Erkenntnis, dass nur zwei der drei Übergänge auch mit deutlichen äußeren Veränderungen einhergehen. In aller Regel ist es der Auszug von Zuhause beim Übergang von der Jugend zum jungen Erwachsenenalter und der berufliche Ruhestand beim Übergang vom reifen Erwachsenenalter zum Alter. Der Wechsel vom jungen zum reifen Erwachsenenalter kennt solch eine Veränderung im Außen nicht. Dieser Übergang ist ein innerer, ein stiller, unbemerkter – aber ein wesentlicher!

Lebensmitten, Lebenskrisen. Trifft alles direkt in mein Herz. Bei diesem Post von Anett habe ich ebenfalls viel weinen müssen:

Etwas Neues wird beginnen, Vergangenes wird zu Erinnerungen. Erinnerungen, die fest im Herzen verankert sind. An manchen Stellen braucht das Herz viel Raum, andere Stellen wurden notdürftig mit vielen Schichten Pflaster verklebt. Verletzungen, die tiefe Wunden in das weiche Muskelfleisch geschürft haben. Tiefe Stiche, die lange nicht verheilen werden und  Narben hinterlassen.  Man kann sie nicht von außen sehen, sie werden aber da sein und bleiben, schmerzen, wenn eine Erinnerung sich in die Gedanken schiebt. Aber irgendwann sind die Pflaster nicht mehr notwendig. Das Herz wird sich wieder erholen und für das Neue, dass sich zaghaft an es heranwagt, öffnen.

Im April geht es bei Silke um Trauer, Abschied und Verarbeitung:

Nachmittags bei ihrer Party saßen sechs Menschen am Tisch, die sich einander größtenteils vorstellen mussten, weil ihr einziges Bindeglied die Liebe zu meiner Schwester ist. Doch das genügt. Wieder einmal zeigte sie, welch ein Menschenerkenner und Menschenverbinder sie ist. Und sie hätte diesen Nachmittag geliebt: Wir redeten viel und laut und manchmal durcheinander und lachten zwischendurch ein bisschen. In unser aller Herzen grinste dazu meine Schwester mit glühendem Gesicht. Ja, das war genau ihre Geburtstagsparty, auch wenn ihr Platz leer blieb.

Mein Lieblingstext aus dem Juni gewann in diesem Jahr den scoyo Eltern! Blog Award. Da zeigt sich doch meine Geschmackssicherheit! Andrea über Unsportlichkeit und Selbstüberwindung:

Im Schulsport war ich immer eine Gurke. So wie meine Mutter. Die hat daraus auch nie einen Hehl gemacht. Mein Vater, der selbst mit einem 2/3 Lungenflügel und Chemotherapie noch Rennrad gefahren ist, haute allerdings bei jedem „Schulsport: ausreichend“ auf dem Zeugnis mit dem Kopf auf die Tischplatte: „Das hast Du nicht von mir. Das hast Du nicht von mir.“

„Stop to oder everything“ von Jens fällt etwas aus der bisherigen Zusammenstellung heraus. Bei ihm geht es, wichtig und anlassbedingt, um die Geschwindigkeit unserer medialen Kommunikation:

Dadurch aber, dass wir nun live mitbekommen, dass für Stunden alle Fragen unbeantwortet sind, die Ermittlungen erst einmal in zehn falsche Richtungen gehen bevor sich ein klareres Bild ergibt und gleichzeitig aber schon zehn Minuten nach dem Ereignis Politiker oder „Experten“ wissen sollen, was zum Geier wir denn jetzt nur tun sollen, führt das zu Verunsicherung und Misstrauen. Obwohl sich eigentlich an der Geschwindigkeit, in der sich die Welt verändert, nichts geändert hat.

Petra schreibt im Juli einen sehr wichtigen Beitrag zu psychischen Krankheiten und unserem gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Aus „Durchgeknallt“:

Weil die Erschöpfung vor keinem Halt macht“, sagt meine Bekannte, „weil sich Angst wie ein Virus verbreiten kann. Wie willst du deine seelische Gesundheit behalten, wenn alles um dich herum durchzudrehen scheint, überhitzt hohl dreht, draufhaut, spuckt … und immer auf diejenigen zuerst, die am meisten Kraft oder Zuwendung bräuchten?“ Das fragt sie mich und ich habe auch keine wohlfeile Antwort.

Über Trauer, Tod und Ohnmacht spricht Alena, ebenfalls im Juli, aus schmerzhaften und traurigen Gründen:

Das ist das Attraktive am Traum von Magie: Sag einfach das magische Wort und die Welt hört zu. Die Hoffnung, gehört zu werden und eine Reaktion zu bekommen.
Ich habe meine Timeline heute beten gesehen. Sie haben keine Antwort bekommen. Keine Ordnung, die wieder hergestellt wäre. Es sind diese sinnlosen Tragödien, die Zweifel am ganzen Projekt Menschheit aufkommen lassen: Wir können ein Herz austauschen, aber nicht die Verzweiflung heilen, wenn die Kommunikation mit dem Selbst versagt.

Im August lese ich, was Juna auf „irgendwie jüdisch“ über den Lebensweg schreibt:

Wir haben auf diesem Weg doch alles gegeben: uns ausgepowert, Risiken eingegangen, viel investiert, Geld, Zeit, Kontakte. Wir haben doch auf so viel verzichtet, das wir schon wieder vergessen haben. Auch die Freunde, die wir irgendwann zurückließen, weil sie nicht mehr ins Bild passten. Nicht mehr in die neuen erreichten Level/Leben. Wir sind da angekommen und wundern uns. Wir haben doch all die Bücher durchgearbeitet: 100 Orte, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt. Auf jedem Kontinent. In vielen Ländern. Wir sitzen hier und fragen uns trotz all der Dinge, der Listen, die wir abhaken konnten, warum wir nicht schwebend vor Glück durchs Leben gehen.

Im September findet Corinne facebook-Kommentare, die mich ratlos machen. Mütter unterhalten sich über den Film „Bad Moms“, und es ist wirklich traurig, was da zusammenkommt:

„Da müssen wir hin.“ tippen sie ein, zählen den Countdown und versichern sich, dass sie auch alle Frauen kennen wie die mannstolle Singlemutter von oben. Aber, so liest man weiter „Ob der Alex es dann mit dem Kind schafft?“. Na, dann muss „der Stefan eben EINMAL zwei Stunden alleine auf die Beiden aufpassen“. „Hast du es ihm auch dick in den Kalender eingetragen, damit er sich nicht rausreden kann?“ mahnt eine Dritte. Nicht selten scheint auch Oma einzuspringen, weil der Papa nicht so richtig will oder kann. Da muss man erstmal mit ihm klären (Augenrollemoji), weil er doch immer Donnerstag Fußball hat (Lachemoji) und dann mit den Kumpels einen trinken geht. Außerdem „Will er dann wieder ewig Dankbarkeit dafür.“ (Zwinkeremoji).

Über eine ganz leise, aber umso effektivere Form von Zivilcourage geht es bei Maximilian im November:

Er holt eine Regionalzeitung aus der niedersächsischen Provinz heraus und breitet sie vor sich aus, zuerst kommt der Politikteil. Er zeigt mit dem Fischbrötchen auf eine Überschrift, er liest vor, er erklärt seiner Frau kopfschüttelnd die Weltlage, ohne den Rest des Artikels zu lesen. Die Frau nickt. Das Fischbrötchen weist schon zur nächsten Überschrift, er erklärt, das geht eine Weile so weiter. Seine Erklärungen beendet er immer wieder mit einem “Was?” Sie nickt, ja, das wird wohl so sein.

Einen lesenswerten und eindrücklichen Text über soziale Ungleichheit und Eigenverantwortung veröffentlicht Vanessa:

Es ist die Summe kleiner Niederlagen, die viele Menschen hinnehmen müssen – und es ist der Finger, der nach jeder Niederlage auf sie zeigt: selbst schuld. Egal, ob sie arbeitslos oder alleinerziehend werden. Ob ihre Rente nicht ausreicht oder sie so wenig verdienen, dass sie eben zurechtkommen. Die gesagt bekommen: Hättest du mal mehr geleistet, wärst nicht so unflexibel, hättest einen anderen Beruf gewählt, hättest du einen anderen Arbeitgeber gewählt, etwas Sinnvolleres studiert, wärst du nicht so unbedacht schwanger geworden, hättest zurückgesteckt und mehr für deine Ehe gekämpft, dann ginge es dir jetzt besser.

Und im Dezember muss ich noch einmal herzhaft lachen. Da gibt es nämlich auf makellosmag einen Gastbeitrag über Hypochondrie:

Ich hatte schon alles: Krebs in allen Stadien und Körperteilen, ein paar Herzinfarkte und die ganzen sehr seltenen Krankheitsbilder, die sich mir über meinen Freund das Internet nach kurzer Selbstdiagnose routinemäßig eröffnen. Trotzdem war und bin ich laut meiner Ärztin in ziemlich guter Gesundheit. Ausgenommen ist hier natürlich meine nicht ganz austherapierte, aber ganz und gar nicht operierbare Hypochondrie.

Zwei wunderbare Texte für meinen Jahresrückblick kann ich Euch nicht mehr zeigen, und zwar Sarah mit „Selten ist eigentlich nie“ und „Dein Anfang sucht dich nicht“. Sarah hat ihren persönlichen Blog aufgegeben. Lesenswertes von ihr findet sich unter wirsindnochhier. Sarah, ich hoffe, dass Deine Texte irgendwann einmal in einem anderen Format erscheinen. Und Du mir dann ein Rezensionsexemplar zukommen lässt. 😉 Alles Liebe für Deinen Weg!

Mit dieser Zusammenstellung verabschiedet sich mein Blog in die (kurze) Weihnachtspause. Ich danke Euch allen für ein weiteres Jahr Lesen und Gelesen-Werden, für Eure Texte, Eure Kommentare, Eure stille Teilhabe, aber auch für Eure Shares, Likes, Links und die Aufmerksamkeit, die Ihr diesem Blog auf ganz verschiedenen Wegen zukommen lasst. Habt frohe Festtage und schöne Ferien. Wir lesen uns auf der anderen Seite der willkürlich gezogenen Jahresgrenze, die doch immer etwas Magisches hat. Den Zauber des Neuanfangs!

 

(Beitragsbild via pexels.com, CC0. Danke an Ian Schneider!)