meinjahr

2015 – in Euren Worten

Mit immer noch wehem Herzen und angeschlagener Seele blicke ich auf 2015 zurück. Ich bin dankbar für viele Erlebnisse, die das Jahr mit sich brachte. Aber ich bin auch fürchterlich erleichtert, dass die tränenreiche zweite Hälfte von 2015 nun zu Ende geht. Obwohl unsere Jahresgrenze willkürlich gewählt ist, gefiel mir die Tradition, diesen Schnitt in der Zeitrechnung als Markierung, Endpunkt und Neustart zu feiern, schon immer. Und auch wenn ich es seit einigen Jahren lediglich in Gedanken tue: Den Geistern von 2015 werde ich zu Silvester ein paar sehr, SEHR laute Böller nachwerfen. Virtuell zumindest. Mögen sie nie wiederkehren.

Vielleicht sage ich in ein paar Jahren ganz insgesamt: „2015, DAS war mal ein Jahr. Voller unerwarteter Ereignisse, Gefühle, Erlebnisse. Voller neuer Eindrücke, Inhalte und Begegnungen. Die Hochs so wahnsinnig hoch! Die Tiefs so unglaublich tief! Wow! Leben, Leute, Leben, ey!!!

Aber noch ist es nicht so weit. 🙂

Dafür gibt es wieder einen Jahresrückblick der anderen Art bei mir aufm Blog: Mein Jahr – in Euren Worten. Denn auch wenn ich mich in den kommenden Monaten gerne von der ein- oder anderen Erinnerung am liebsten ganz trennen möchte: An Eure Texte, Eure persönlichen Einblicke in Eure Leben, möchte ich mich erinnern.

Also los, 2015 – in Euren Worten!

Im Januar schreibt die stets lesenswerte Frau Nessy über Abschied und Verlust. So traurig der Beitrag auch ist, so mutmachend ist sein Schluss. Aus der Mitte:

Warum hast du dich überhaupt in dem Anderen verloren!“, maulen entrüstet diejenigen, die noch nie geliebt haben; die vielleicht auch nicht lieben können. Aber das ist ja das Schöne an der Liebe: Dass man sich im Anderen verlieren und sich selbst dort finden kann; dass man nicht weniger wird, wenn man liebt, sondern aneinander wächst. Ich bin ich, für mich allein, aber noch mehr mit dir. Wie der Raum, der größer wird, wenn eine seiner Wände ein Spiegel ist.

Es ist Februar, und der eher selten schreibende Jochen bloggt über Selbstverständlichkeiten. Ein langer, lesenswerter Text über die Dinge im Leben, die wir als gegeben hinnehmen. Verpackt als persönlicher Rückblick auf ein schwieriges, herausforderndes Jahr 2014, bringt mich der Text auch beim zweiten, dritten und vierten Lesen immer wieder zum Nachdenken über meine eigene Haltung gegenüber Selbstverständlichkeiten, die keine sind:

Sich „bester Gesundheit zu erfreuen“ gehört zu den Sprüchen, die oft einfach nur daher geredet sind. Nein, zugegeben, wir freuen uns nicht, wenn nichts zwackt, trieft, schmerzt, nicht so funktioniert wie es eigentlich sollte. Wir nehmen es schlicht gar nicht wahr. Erst wenn die vorgenannten Beschreibungen unsere Aufmerksamkeit fesseln, beginnen wir uns nichts sehnlicher herbei zu wünschen als den Zustand, den wir nicht zu schätzen wissen, während er uns durchdringt.

Wir erleben eine Sonnenfinsternis, und kaum jemand in Deutschland hat eine Brille. Holger aka Zeilentiger hat seine von 1999 aufbewahrt, und schreibt von der erlebten Sonnenfinsternis und den Begegnungen um diese herum:

Ja, interessanter als der unentwegte Blick auf das schwarze Rund, das die Sonne zu einer Sichel schrumpfen lässt, ist das Menschliche um uns herum. Dann kommt ein Müllauto den Weg empor, ein Fremdkörper, drei Männer, dunkle Teints und orange Overalls, leeren Mülleimer und starren herüber. Ein Kind von vielleicht vier Jahren, das über den Hügel hin und herstürmt, nähert sich dem Wagen und reicht einem der Männer seine Brille. Er nimmt sie entgegen, mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung seiner starken Hände, er wirft einen Blick in den Himmel, reicht die Brille dann an seinen Kollegen weiter, der sie mit derselben kraftvollen, wortkargen Bedächtigkeit entgegennimmt. „Julia“, ruft das Kind auf dem Rückweg glücklich. „Gut gemacht“, meint die Angerufene. Das finden wir auch.

Im März stürzt eine Germanwings-Maschine auf dem Weg nach Düsseldorf ab. An Bord unter anderem eine komplette Schulklasse. Die Makellosmag fliegt am gleichen Tag, mit Germanwings. Und beschreibt dicht und beklemmend, wie sich Alltag und Katastrophe im Leben ihrer Angehörigen für ein paar wenige Sekunden überschnitten haben müssen:

Als ich in den Flieger steige, sehe ich die rote Nase der Stewardess. Auch erkältet, denke ich. Aber als ich die anderen sehe, wird es mir zum ersten Mal klar. Heute, einen Tag später, als ich weiß, dass wir wahrscheinlich der einzige Flug waren, der noch gestartet ist, kann ich mir alles vorstellen. Die Diskussionen, die Angst.  

Es ist April, und wir fliegen erneut. Dieses Mal durch den Weltraum mit Marco. Eigentlich aber fliegen wir durch den Raum menschlicher Annahmen und wissenschaftlicher Gesetze. Ein Text, der viele Prinzipien menschlicher Annahmen erläutert und mich magischerweise immer zum Lächeln bringt, wenn ich ihn lese:

Etwas mehr Diskurs verursacht das Gesetz der Anziehung. Man nennt es auch Law of Attraction oder Resonanzgesetz. Andere wiederum nennen es schlicht und einfach, das Universum. Dahinter verbirgt sich der Sachverhalt, dass Gleiches Gleiches anzieht. Im ersten Moment denkt man an den Menschen, der sich selbst verdient. Im zweiten Moment denkt man daran, dass man in sein Leben hinein zieht, was man denkt. Und erst im dritten Moment wird klar, dass es viel weiter geht.

Dem Fliegen durch virtuelle Räume, der Atmosphäre und dem Universum folgt die Beschäftigung mit der Flugangst. Das macht Elly für uns restliche Paniker wunderbar, herzlich und lesenswert:

Schlaflose Nächte, Tränen, aufmunternde Worte von Freunden (“Stell Dich nicht so an, du bist doch schon öfter geflogen”, “Runter kommen sie alle”, “Du hast doch Begleitung”, “Trink vorher was”, “Autofahren ist viel gefährlicher”, “Stell Dich jetzt mal wirklich nicht so an”) später holte ich also tief Luft und sagte: ,Ok.’
“O.k.”
(Aus dramaturgischen Gründen muss ich das kurz wiederholen.)

Für die PhönixFrauen schreibt Rona über die Geschichte ihrer Familie. In einem sehr persönlichen Beitrag erzählt sie, was ihre Mutter und sie selbst nach der Trennung der Eltern durchgemacht haben – und wie wenig gesellschaftliche Akzeptanz es häufig auch heute noch für geschiedene oder getrennt lebende Eltern gibt:

Natürlich war meine Mutter nun überall verrufen, sowohl innerhalb ihrer Familie als auch bei den Nachbarn, Bekannten und Freunden. Über Nacht war sie zu einer Persona non grata geworden. Niemand hatte Verständnis für ihren Schritt hinaus aus der Familie hin zu einem Mann, in den sie sich unsterblich verliebt hatte und der 10 Jahre jünger war als sie. Es war eine Anhäufung von Tabus, die für Außenstehende scheinbar unerträglich war. Die gemeinsamen Freunde stellten sich auf die Seite meines Vaters. Warum es meine Mutter überhaupt zu einem anderen Mann gezogen hatte, wurde nie gefragt. Sie war verantwortlich für das Scheitern der Beziehung. Punkt. Ihr Recht auf Verständnis hatte sie verwirkt.

Die MilchHonig verbloggt ein Gespräch über die Sixtinische Kapelle in Rom, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Warum Adam arrogant ist – oder vielleicht auch nicht:

Ich finde Adam arrogant. Wie er in der Erde liegt und seine Hand locker in den Himmel streckt – als wäre es gar nichts – diese Bewegung. Als würde es ihm keine Mühe machen. Als wäre es gar nichts, das Leben zu empfangen. Natürlich, er hat nicht darum gebeten. Er liegt auch genau so da, als hätte er nicht darum gebeten. Seine Hand hängt schlaff in der Luft. Adam langweilt mich mit seiner Arroganz. Er versteht das Leben nicht. Norah lacht, als ich ihr das ein paar Stunden später mitteile. Wir sind schon längst nicht mehr in der Sixtinischen Kapelle, sondern wieder auf dem Weg zurück ins Hotel durch die glühende Augustsonne.

Horst, Hund und Brodt ist gedanklich ebenfalls im Süden Europas unterwegs, und schreibt über das Mittelmeer, die zunehmende Zahl an Fliehenden und die erschreckend hohe Zahl an Toten auf der Flucht. Aus „Wir sind alle sehr betroffen“:

Man kann ja nichts machen, außer ein bisschen betroffen sein, man ist ja vollkommen hilflos und die Problematik ist ja insgesamt auch sehr komplex und da gibt es eben keine einfachen Antworten. Und wir können ja auch nicht alle aufnehmen, dafür ist doch kein Platz in unserem schönen Europa, für so viele von denen, die dann auch noch vor uns im Supermarkt in der Schlange stehen und nicht wissen, wie man den Pfandautomaten bedient.

Im Mai lese ich kaum, dafür fallen mir im Juni gleich mehrere Beiträge im Feedreader auf. Der erste ist von Rosa. Es geht um Sorgenfresser, diese kleinen niedlichen Plüschtiere für Kinder, und um eine Problembewältigungsstrategie, die nicht nur für Kinder geeignet ist:

Manchmal wünsche ich mir auch so einen Sorgenentsorger. Wenn ich nachts wachliege, weil mir ein scheinbar unlösbares Ärgernis, eine schwierige Aufgabe den Schlaf raubt. Für plötzlich auftauchende Ideen habe ich meist einen Block auf meinem Nachttisch liegen. Aufschreiben, damit man sie nicht vergisst und trotzdem wieder einschlafen kann.

Noch einmal Leben mit Kindern, dieses Mal mit rage. Die besucht im Juni unerschrocken mit ihren drei Kindern alleine eine Eisdiele. Und während es leider gerade für junge Mehrfachmamas an der Tagesordnung ist, sich von ihrem Umfeld zurechtweisen oder kritisieren lassen zu müssen, erlebt sie etwas unerwartet Schönes. Das sie dankenswerterweise verbloggt hat:

Irgendwann spricht mich die Tochter des älteren Pärchens an, doch ich kann sie nicht verstehen, weil ich gerade wieder damit beschäftigt bin, den Mittleren vor einem Absturz vom Stuhl abzuhalten und zeitgleich das Baby aus der Tragehilfe zu hieven versuche.
„Entschuldigung. Wie bitte?“ frage ich höflich zurück, während das Baby auf meinem Schoß landet und beide großen Kerle erneut ihre Stühle verlassen, weil sie Papa entgegengehen wollen, der aber noch nicht in Sicht ist. Mir rasen alle möglichen Rechtfertigungen durch den Kopf, während ich mich ihr zuwende.
„Ich sagte, wie gelassen Sie doch sind!“

Über den Blogpost von Sonja aka Mama notes habe ich mich über den Juni hinaus einfach wahnsinnig amüsiert. Ich empfehle ihn immer noch regelmäßig meinem Offline-Netzwerk, einfach weil ihre Selbstironie so wunderbar ist. Aus „Zehn Dinge, die ich dachte, bevor ich Mutter wurde“:

Punkt 6: Meine Studienfreundin wurde schwanger. Ich: Schön, dass sie das Baby bekommt. Aber wieso will die jetzt ein Freisemester? Babys schlafen doch so viel!
(Eben, die schlafen doch! Die Babys! Schlafen! So viel! Die Babys! Jaha! *hysterisch ab*)

Noch eine starke Frau, noch ein extrem starker Text: Ebenfalls im Juni rantet Juramama über das Magazin SHAPE. Ihre subtile Gesellschaftskritik tarnt sich als Anleitung zum korrekten Beischlaf, um Deutschland endlich die Kinder zu schenken, die es so dringend benötigt. Danke, Juramama, für die praktische Lebenshilfe:

Ich kann Euch nach meiner Lektüre des Artikels „Heißer aussehen beim Sex!“ der Autorin Christy Forer unter der Rubrik „Psychologie“ (Seite 109 – 111) nun nicht nur die Erklärung für den Geburtenrückgang, sondern auch noch die Lösung für einen neuen, deutschen Baby-Boom präsentieren.
Noch nie war ich dem Nobelpreis so nah wie jetzt. Die Erklärung ist so offensichtlich wie erschütternd:
Der Geburtenrückgang liegt an fehlerhaftem Sexualverkehr.
BÄM.

Noch eine starke Frau, noch ein … halt, das hatten wir gerade schon mal. Stimmt aber trotzdem: Andrea Harmonika kommentiert, ebenfalls im Juni, einen HuffPost-Artikel. In diesem wird die etwas steile These ausgeführt, dass die heutige Erziehung die Kinder verweichliche. Eine Beobachtung, die Andrea in den richtigen Kontext zu setzen weiß:

Überall kann ich sie sehen: Eltern, die Apfelsaft verdünnen. Eltern, die Fahrradhelme kaufen. Eltern, die Schultaschen tragen. Eltern, die Sicherheitsgurte anlegen. Eltern, die mit mehr als Lichtschutzfaktor 3 eincremen.
Ein deutsches Sprichwort lautet nicht umsonst: Früh krümmt sich, was ein Nagel werden soll.

Bis zum Juli 2015 organisierte ich mit anderen Herzensmenschen die Teilnahme am NCT-Lauf für das #teamschnipsflausch. Der Lauf war einer meiner persönlichen Jahreshöhepunkte – nicht unbedingt aus sportlicher Sicht, sondern weil ich Heike – Motivation des Teams – zum ersten Mal im meatspace getroffen habe. Auf unserem in Zusammenarbeit mit vielen anderen Verfasser_innen befüllten Blog schreibt sie selbst:

Laufen, ach ja. Vor der Krebsdiagnose bin ich mit meiner Freundin Katrin, die auch in Heidelberg dabei sein wird, wöchentlich an die 8 km gejoggt.
Die Krebstherapie hat mich ziemlich platt gemacht – Kraft und Antrieb geraubt. Und als ich fast nicht mehr richtig laufen konnte nach der Therapie, durfte ich ganz von unten wieder anfangen mit dem Sport.

(Aus den erwarteten 2,5 sind am Ende sogar fast sechs Kilometer geworden, die Heike mit dem Minischnips gelaufen ist. Chapeau! Und bis in 2016 :))

Eine kleine Sommerpause in meinem Feedreader später schreibt Thomas über Emma Watson, Feminismus, Gesellschaft und Männer- und Frauenbilder. Ein Post, an den ich mich durch die Aktion #liebsteblogposts auf twitter vor kurzem sehr gerne wieder erinnert habe:

Männer haben Schwächen. Frauen auch. Frauen haben Stärken. Männer auch. Biologisch sind wir nicht gleich, keine Frage, aber wir sind beides Menschen, wir stehen in der gleichen Kultur und wenn wir die Hoffnung haben wollen, dass wir kulturell einen weiteren Fortschritt erlangen wollen, dann ist dies nur als „Wir“ möglich.

Ebenfalls im September schreibt die Odenwälderin über die Geflüchtetenhilfe. Ich lese den Post zwei Monate später und bin aus ganz unterschiedlichen Gründen beeindruckt. Zum Einen vom Schreibstil der Verfasserin, zum Anderen von der Selbstverständlichkeit und Menschlichkeit der vielen permantent helfenden Hände, ohne die aktuell in Deutschland einfach nichts, so gar gar nichts mehr funktionieren würde. Schön beschrieben und zeitlos lesenswert:

Wir haben uns die Situation ja nicht ausgesucht, sagt die junge Frau und lächelt verlegen unter ihrem Mundschutz und zuckt mit den Schultern, wir nicht und die da auch nicht. Hier werden keine bunten Fähnchen geschwenkt, keine welcome-Transparente in die Höhe gehoben, keine juchuu-ich-war-dabei-Fotos für facebook gemacht. Die Helfer helfen einfach. Der Verwaltung und damit auch den Flüchtlingen, oder umgekehrt, ganz, wie Sie wollen.

Die Situation der vielen Geflüchteten beginnt im Herbst, meine Filterbubble zu dominieren  – zu Recht. Wäre ich selbst in der Lage gewesen, ich hätte quasi nur noch über das Thema geschrieben. Glücklicherweise haben das andere viel besser übernommen, wie zum Beispiel Wolfgang:

Was die „normalen“ Menschen im Stadtteil, die hier zum ersten Mal in ihrem Leben ehrenamtlich aktiv werden und mit Vertriebenen laufen, mit ihren Kindern spielen, Kleidung ausgeben, – was diese Menschen mir zurück gegeben haben, ist der Glaube an das Gute. Und die Naivität.
Ja, verdammt. DANN SIND WIR EBEN NAIV.

Einen auch für mich sehr wichtigen Blogpost schreibt Mel im Oktober. Da psychische Erkrankungen immer noch häufig tabuisiert werden, ist jeder Text mit persönlichen Erfahrungen hilfreich – er weckt Verständnis, klärt auf und versichert anderen Betroffenen, dass sie weder mit ihren Problemen alleine noch „falsch“ sind:

Depressionen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Sie können langsam in dein Leben kriechen und manchmal lassen sie sich von der Decke fallen und erschlagen dich mit ihrem Gewicht. Sie können sich auf deine Schultern laden und dich gen Erde drücken, oder Hand in Hand mit dir gehen, bis der Zeitpunkt gekommen ist, um zuzuschlagen. So oder so: du hast immer die Arschkarte.

Ebenfalls im Oktober, noch einmal Makellosmag, über ihr problematisches Beziehungsmuster mit dem Internet. Kam mir alles sehr bekannt vor! Aus der Phase der „Flitterwochen“:

Ein Adrenalinhoch stellt sich ein, jedes Mal wenn mein Lieblingsbrowser sich öffnet, ein neuer Kommentar erscheint oder eine Nummer im blauen Kreis. Ich bin verliebt, es soll nie wieder aufhören. Der erste Griff der Vergewisserung am Morgen gilt nicht dem Menschen neben mir im Bett sondern dem Smartphone gefolgt von 20.000 Interaktionen während des Tages. Ich habe vergessen, die  Minuten – ach, Stunden – zu zählen. Jeder Moment ist besonders. Niemand hat mich je so geliebt wie das Internet. Ich möchte es fest an mich drücken & nie wieder los lassen.

Berlinmittemom ließ uns im November an ihrer kaputten Komfortzone teilhaben: Ihre Familie rückte zusammen und nahm kurzfristig eine kleine afghanische Geflüchtetenfamilie auf, die Frau damals hochschwanger. Ihre Blogposts aus dieser Zeit machen Mut und sind schlicht überwältigend herzlich:

„Simin, Simin!“, hallt es durchs Haus und das Goldkind läuft, treppauf, treppab und sucht nach dem kleinen Mädchen aus Afghanistan, das schon auf sie wartet. Kichernd laufen sich die Mädchen in die Arme, Hand in Hand geht es weiter, alle Stufen wieder hinab bis ins Wohnzimmer. Dort schieben sie die dicken Sofakissen zusammen, breiten Decken darüber und fangen an, in einem Affenzahn Purzelbäume zu schlagen. „Rosanna, schau!“, lacht die kleine Simin und kugelt sich kopfüber über das selbstgebaute Lager. Die beiden lachen glücklich. „Mama, siehst du? Wir sind Freundinnen!“, ruft das Goldkind. Und das stimmt.

Und last, but not least, äußert Kathrin im Dezember ein paar Wünsche in lyrischer Form. Für 2016? Für das Leben an sich? Nun:

Ich wünsche mir, dass man Angst aus sich heraustanzen kann, dass Schreien gegen Kummer hilft, dass Computer heilen können, Lungen aus Drucker, Drinks ab vier, Zigaretten aus Luft, gesunden Schnaps und nie wieder Nachrichten aus Schmirgelpapier. Ich wünsche mir nie wieder Kopfweh und nie wieder ein Bordsteinherz, nie wieder drücken, nie wieder weglaufen, nie wieder „Zu dir oder zu mir? Keine Ahnung, wir sind doch beide falsch hier.“

 

Leider fehlen, der Notwendigkeit einer Auswahl geschuldet, viele meiner Lieblingsblogger_innen in diesem Jahresrückblick. Wer sie vermisst, kann auch noch einmal durch den 2014-er Rückblick schnuppern und dabei wundervolle Texte z.B. von Andrea, Martin, Alena, Frau Auge und vielen anderen entdecken.

Ich wünsche Euch schöne und hoffentlich noch lange nachklingende Lektüren und einen sanften Rutsch ins neue Jahr. Möge die Macht mit Euch sein. Aber auch die Gesundheit, das Glück und die Liebe!

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5 Gedanken zu „2015 – in Euren Worten“

  1. Liebe juna! Danke für diese wunderbare Zusammenschau. Sie hat mir gerade nochmal vor Augen geführt, was eigentlich alles passiert ist. Nicht nur in meinem chaotischen Familienleben, sondern darüber hinaus. Mond, Finsternis und Flugzeugkatastrophen… Und es hört nicht auf. Inmitten meiner persönlichen und unserer gesamten Flüchtlingshilfe… Danke für deine Arbeit an und in diesem Artikel.
    Und ich werde rot unter solch tollen anderen Bloggerinnen erwähnt zu werden. Danke!!

  2. Mannometer was für ne Mühe. Tolle Texte und beschämtes Entzücken, dass ich dabei bin.

    Danke liebe Juna im Netz und für das kommende Jahr alles Liebe und eine extra Portion von genau dem, was Du Dir am meisten wünschst.
    <3

  3. Was für ein fullminanter Rückblick! Und so viele neue Lektüre, ich freue mich darauf, habe gerade sehr viele Tabs offen. Ganz lieben Dank, dass ich dabei sein darf, ich fühle mich sehr geehrt.
    Liebste Juna im Netz, hab ein glückliches neues Jahr! <3

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