Überwiegend sprachlos …

… habe ich in den letzten Tagen vor meiner Timeline sowie den Livestreams vom Maidan in Kiew gesessen. Dass ein Präsident eines Landes im Jahr 2014 Scharfschützen gegen die eigene Bevölkerung einsetzt, will mir nicht in den Kopf. Heute, quasi im Sinne einer Katharsis, ein paar unsortierte Gedanken und Links dazu.

Es ist mir völlig unmöglich, alle Hintergründe des Konflikts zu beurteilen, am besten auch noch politisch fundiert und in diachroner Analyse des letzten Jahrzehnts. Deswegen möchte ich mich nicht in laufende Diskussionen, z.B. über eventuelle rechtsextremistische Beteiligung in der Opposition, mischen und so tun, als würde ich irgend etwas davon verstehen.

Ich kann aber sagen, was ich in diesen Tagen nicht gesehen oder gelesen habe. Ich habe keine Terroristen gesehen. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für das gezielte Exekutieren dieser Menschen. Man muss sich mal vorstellen, was der Präsident der Ukraine da von seinen Sicherheitskräften und dem Militär? Einer Söldnertruppe? Weiß es jemand? verlangt hat. Der Vergleich mit einem Bürgerkrieg, bei dem die Seiten willkürlich besetzt sind, drängt sich auf.

Heute gab es im Stundentakt neue Meldungen, und zum Glück beinhaltete keine einzige noch mehr Tote. Vorbei ist es deshalb wohl noch lange nicht. Das Land steht eventuell sogar vor einer Spaltung.

Zu den Konflikten hat somlu auf ihrem Blog jede Menge Quellen gesammelt und so versucht, einen Überblick über die Hintergründe zu geben. Die Sammlung wird von ihr ergänzt, ein Besuch ihres Blogs ist hiermit nachdrücklich empfohlen.

Während die Social Media Kanäle im Fall der Ukraine (so wie auch bei den occupygezi-Protesten) ausgesprochen gut funktionierten und ich den Eindruck hatte, dass vor allem der Druck auf die Medien durch den Protest im Netz sehr schnell sehr groß wurde – was nicht unbedingt zu einer befriedigenden, aber immerhin deutlich verstärkten Berichterstattung führte, – hören wir fast nichts von Venezuela und den Aufständen dort. Susanne hat in diesem Beitrag  etwas dazu geschrieben.

Auch somlu schreibt auf twitter:

Und Marina Weisband, die mittlerweile in Kiew ist (ein Folgen via twitter ist nachdrücklich empfohlen, sie berichtet unter dem Handle @Afelia), nahm sich während der sich überschlagenden Ereignisse die Zeit für diese wichtige Bemerkung:

Zu diesem Zeitpunkt gingen wir alle davon aus, dass das Internet- und Telefonnetz von der Regierung abgeschaltet werden würde.

Die Kanäle, auf denen wir kommunizieren, haben eine ungeheure Macht. Sie wird nicht von uns allen wahrgenommen, das ist richtig. Menschen wie Yanukowitsch und Erdogan wissen dafür ziemlich genau, was diese Kanäle mit ihnen und ihrer Macht anstellen könnten. Mitunter setzen wir nicht die richtigen Prioritäten, wie Thomas in diesem Beitrag schreibt. Mitunter verlieren wir uns in Katzenbildern, Stellvertreterdiskussionen, Streitereien ob dem Für und Wider der Weiterleitung von Informationen … Dann heißt es manchmal milde lächelnd „Klicktivismus“ oder „Smartphone-Wars“; dann gibt es Meta-Diskussionen darüber, dass sich die Zustände ja eh nicht bessern, könne man es gleich sein lassen, das mit dem Einsetzen, dann wird man gefragt, weshalb man sich nicht für Syrien/die Delphine/ das Waldsterben engagiert, sondern wie wild Tweets aus der Ukraine weiterleitet – als gäbe es eine Art Prioritätenliste, an die wir uns alle zu halten hätten, und davor brauche man quasi auch nicht über den Sinn von Engagement zu diskutieren …

Ja, manchmal möchte ich schreien: „Macht die Leitungen frei!!“

Unabhängig von der Nutzung dieser Instrumente aber sind ihre Möglichkeiten und ihre potentielle Reichweite unglaublich wichtig geworden. Die Aufregung über WhatsApp oder die x-te Petition gegen Lanz sind nicht das Schlimmste, was wir mit der Social Media anstellen. Das Schlimmste ist das Zusehen, wie uns diese Kanäle wieder weg genommen werden – durch Zentralisierung, Regulierung und Zensur. In der Türkei gehen die Menschen auf die Straßen, ungeachtet des Tränengases, von dem ich so gerne wissen möchte, woher ZUR HÖLLE Erdogan das eigentlich noch bekommt.

Was werden wir tun?

 

(Dieser Beitrag hat Entwurfscharakter und wird nun, ungeachtet meiner Unzufriedenheit mit ihm, dennoch veröffentlicht. Ich plane nächste Woche eine Überarbeitung, wenn sich bei mir die Eindrücke dieser Woche etwas gesetzt haben. )

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7 Gedanken zu „Überwiegend sprachlos …“

    1. Ich danke Dir für die Links. Das Video hat mich auch sehr bewegt. Und entschuldige bitte, dass ich auf den letzten Kommentar nicht geantwortet habe, diese Woche war … nun.
      Freue mich schon auf das Stöbern in Deinem Blog, wenn es jetzt (hoffentlich) wieder ruhiger wird.

  1. Ja, das was in der Ukraine passiert macht uns alle fassungslos. Vor allem, wenn es stimmt dass die Scharfschützen auch auf Sanitäter geschossen haben, das ist dann schon besonders ekelhaft, aber so was kennen wir ja auch von „Collateral Murder“.
    Was das Thema „Terroristen“ angeht, da solltest Du doch wissen, dass seit dem 11. September 2001 jeder der für eine Regierung lästig oder unbequem ist einfach mal zum Terroristen deklariert wird. Goerge W. Bush hat dem Terrorismus den Krieg erklärt und alle möglichen Despoten und Diktatoren springen auf diesen Zug auf um sich so unliebsame Kritiker auf einfache und international akzeptierte Weise vom Hals zu schaffen. Klar, als einer der selbst permanent unter Terrorverdacht steht – warum sonst bräuchten wir Überwachtung und Vorratsdatensspeicherung – sehen die Terroristen die man uns in anderen Ländern zeigt „ganz normal“ aus, aber das liegt bestimmt daran, dass wir schon zu sehr assimiliert sind. Ok, sorry für den Sarkasmus, aber ich bekomme jedesmal das Kotzen wenn irgendeine Regierung irgendwen als „Terrorist“ bezeichnet, das passiert ja alle Naselang und macht auch vor z.B. randalierenden Fußballfans nicht halt.
    Wir werden sehen, was die nächsten drei Monate bringen bis die heute angekündigten Wahlen durchgeführt werden. Ob es so kommen wird oder ganz anders möchte ich jetzt nicht vorhersagen müssen, aber ein latent mulmiges Gefühl habe ich weiterhin im Bauch.

  2. Bei dem Thema „Terrorismus“ sind wir bei „Wahnehmungen“ aus jeweils persönlicher Sicht und der Macht des Wortes angelangt.

    Und ich bin ehrlich froh, dass wir „aus der Ferne“, die Möglichkeit haben, verschiedene Wahrnehmungen zu betrachten. Und die Macht des Wortes zu analysieren.

    Was in den nächsten 3 Monaten geschehen wird, kann keiner voraussagen. Mir ist die nächste Woche auf alle Fälle mehr als unheimlich.

    Schließlich endet heute DAS Vorzeigeprojekt, dass auf KEINEN FALL einer Störung unterliegen durfte! 💡 :roll:

    Wenn es allerdings stimmt, dass östliche Grenzschützer die Flucht von Janukovic verhindert haben, dann zeigt es , dass die Strukturen im Land selber Risse zeigen!

  3. Es hat über eine Woche gedauert, bis die Olympiade eben nichts mehr überlagert.

    Der Blick gen „Osten“ ist mehr als nur sorgenvoll geworden.

    Nur bedauerlich, dass unsere Politiker dies nicht haben kommen sehen. Den Kommentar von unserem Außenminister Steinmeier von heute, hätte ich mir schon wesentlich früher gewünscht.

    Das wird nicht „lustig“.

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