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St. Martin oder deutsche Doppelmoral

Hier sieht man einen Aufkleber auf einer Straßenbahnhaltestelle, der Text lautet "Refugees welcome"

Heute hatten wir Laternenfest in unserem Kindergarten. Es heißt offiziell Laternenfest, weil unser Kind in einen städtischen Kindergarten geht, und St. Martin streng genommen ein katholischer Heiliger war. Seine Geschichte spielt bei dieser „Anpassung“ (denken Sie sich eine typische Handbewegung) keine Rolle. Man hängt sich lieber an so Nebensächlichkeiten wie seiner Konfession und seinem Job auf. Aber was solls. Laternenfest also.

Der Kindergarten unseres Sohnes macht das immer ganz süß, es gibt eine Liederauswahl, eine kleine Wegstrecke, und verschiedene Punkte, an denen alle Familien zum Singen anhalten. Und bei der Ankunft im Kindergarten verkauft der Elternbeirat Martinsmänner und schenkt Kinderpunsch aus. An dieser Stelle vermisse ich unseren alten katholischen Träger, da wurde den Erwachsenen ein Glühwein gegönnt. Aber was solls. Kinderpunsch also.

Nun steht man traut beisammen, trinkt ziemlich üblen und obendrein alkoholfreien Punsch und singt das Lied vom heiligen Martin. Ja, das Lied darf immer noch gesungen werden. Die Eltern sind ganz gerührt von den vielen bunten Laternen und den herumspringenden Kindern, manch Elternteil verdrückt sogar ein kleines Tränchen ob der Barmherzigkeit des St. Martin, der mit einem Bettler seinen kostbaren Mantel teilte. Dann wird aufgerufen, doch eine kleine Spende zu leisten, ein Sparschwein ginge herum.  Die Spende ist für den grenzwertigen Kinderpunsch gedacht, um den Elternbeirat zu entlasten.

Jedes Jahr denke ich mir: Warum nicht einen Zweck außerhalb des Kindergartens wählen? Könnten sich die städtischen Träger nicht darauf einigen, an St. Martin zum Beispiel für die Obdachlosenhilfe zu sammeln? Könnten die Eltern, die es sich leisten können, nicht trotzdem die 15 Euro für den Punsch irgendwie zusammenlegen? Ist es nicht das, was eine Solidargemeinschaft tun sollte, gerade wenn sie sich so schnuckelig zusammenfindet und die Güte eines bestimmten Menschen feiert, der obendrein schon ein paar Jahrhunderte tot ist? Irgendwie kommt es mir jedesmal … falsch vor, ein Fest der Barmherzigkeit zu organisieren, und dann doch nur Spenden zu sammeln, die den eigenen Kindern zugute kommen. Aber was solls, Sparschwein undsoweiter.

Jedes Jahr aber erlebe ich eine ziemlich unangenehme Überraschung. Denn das Sparschwein ist nicht im Ansatz so gut gefüllt, wie ich es erwarten würde. Genießbar hin, alkoholfrei her: Ein paar mickrige Euro für den Punsch, die Elternbeiratsarbeit, den Kindergarten oder das gemeinsame Frühstück der Schulanfänger können bei dem Background unserer Eltern nicht zu viel erwartet sein. Oder?

Und dann frage ich mich, wie wenig wohl zusammenkäme, wenn das Geld tatsächlich den wirklich Bedürftigen gespendet würde.

Und dann kotzt mich unsere Doppelmoral aber sowas von an.

 

 

Wenn Ihr das ähnlich seht, möchte ich Euch ganz aktuell den Frank und sein Team ans Herz legen. Jeden Tag helfen sie Menschen, die zu den (finanz)schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft gehören. Und sie sind über jeden Euro mehr als dankbar!

Was sind Eure Projekte, die Ihr gerne mehr unterstützt sehen würdet? Schreibts in die Kommentare!

  1. Die Mehrheit sieht das Fest wohl tatsächlich als Ereignis, das für die Kinder und für die Eltern und vielleicht noch für die Elternarbeit organisiert wurde. Aus dieser Sicht ist es sogar konsequent, den Bezug zum Martinstag unsichtbar(er) zu machen.

    Ich würde es aber auch trennen. In Anlehnung an einen bekannten Spruch aus der Bibel: Gebt der Kita, was der Kita ist, und gebt den Armen, was der Armen ist. Es ist zu komplex, beides zu verbinden. Man kann in ein einziges Kinderfest nicht noch mehr Bedeutungen packen, wenn die meisten Eltern schon jetzt überfordert zu sein scheinen.

    Ich spende in den letzten Jahren an das ökumenische Nachtcafé für Obdachlose in Dresden. Da kommt die Hilfe relativ direkt an. Zum Glück ist die Zahl der obdachlosen Empfänger in Dresden bezogen auf die Einwohnerzahl relativ gering.

    • Ich höre aus Deinem Kommentar vor allem „Dafür ist XYZ nicht zuständig“ heraus. Beware, beware of the deutsche Bürokratie in the Köpfen of the Menschen. 🙂
      Also, erstens sehe ich das Problem dahingehend überhaupt nicht, denn wie schon gesagt ist unsere Kita städtisch, und die soll sich ja gar nicht an alten Bibelsprüchen orientieren. 😀
      Jetzt kommt das tatsächliche Argument: Wieso trennen? Die Kinder sind Mitglieder unserer Gesellschaft. Hat nicht gerade eine Kita den Erziehungsauftrag, den Kindern (und ihren Eltern nebenbei mit) beizubringen, dass es sich bei gesamtgesellschaftlichen Gefügen um eine Form der Solidargemeinschaft handeln sollte, weil es anders nicht wird gehen können? Wieso überfordert das die Eltern oder die Kinder? Eine solche Trennung leuchtet mir genausowenig ein wie das Nicht-Feiern von St. Martin (obwohl dann doch über ihn erzählt und gesungen wird), weil er katholischer Konfession war. Who the fuck cares? Geht es in der Geschichte nicht um Güte, Barmherzigkeit, Teilen und Miteinander? Die selbstverständlich im Kindergarten auch vermittelt werden? (Übrigens von unseren Erzieherinnen sehr gut)

      Das einzige, was ich sehe – und das erschreckt mich – ist, dass oft die Eltern, die gerührt über St. Martin reden, nicht in der Lage sind, ein paar Euro locker zu machen. Ob das für den Kindergarten oder für sonst irgend einen Zweck ist. Vielleicht tue ich Menschen da Unrecht, die es genauso machen wie Du (tolle Initiative, das Nachtcafé!). Aber meistens geben die Menschen, die für solche Zwecke spenden, auch ein bisschen Geld für ein Kita-Sparschwein. Und der Rest macht eben gar nichts. Doch! er kauft sich Taschentücher, weil das mit dem Thema Güte so doll rührend ist. *würg*

      Meine deutliche Emotionalität bezieht sich nicht auf Deine Antwort, das weißt Du hoffentlich. 🙂 Ansosnten sei es hier noch mal gesagt. Ich bin immer dankbar für Einwand und Diskussion, auch wenn ich hier etwas aufbrausender reagiere. Danke Dir!

  2. Ich denke mal, wenn man das entsprechend kommunizieren würde, würde für einen sozialen Zweck mehr gespendet als für den Kinderpunsch. Das lässt sich doch auch gut vermitteln: Jetzt sammeln wir für einen ganzen Mantel für jemanden, der friert… etc.

    Hast du das schon mal an einem Elternabend vorgeschlagen?

    Ich selbst sammle auch dieses Jahr Spenden für das Übersetzungsprojekt „Formulare verstehbar machen“ zu Gunsten von Flüchtlingen und Migranten. Es ist durch Spenden tatsächlich ermöglicht worden und im April gestartet. Ein Zwischenbericht dazu findet sich hier.

    • Danke, Claudia! Auch ein ganz tolles Projekt von Dir, wie ich finde. 🙂
      Der Vorschlag, das an einem Elternabend anzusprechen, ist gut. Wieso nicht? Vielleicht gibt es doch einige, die eher so denken wie wir zwei. Bei einem Versuch vergibt man sich ja nichts.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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