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Prokrastinieren mit Popsongs

„Rude“ – Gonna marry her anyway

Graffiti an einer Hallenwand in Heidelberg, die Schrift "Still love you"

In meiner Reihe Prokrastinieren mit Popsongs gibt es pünktlich zum Wochenende einen Neuzugang. „Rude“ von Magic! Anbei eine grobe Analyse und Interpretation dieser Perle der Popkultur. Viel Spaß damit!


Saturday morning jumped out of bed and put on my best suit
Got in my car and raced like a jet, all the way to you

Das Lied beginnt mit einer kurzen Exposition: Ein lyrisches Ich beschreibt in der Vergangenheitsform und mithilfe einer Aufzählung, wie es an einem Samstag morgen „aus dem Bett springt“. Es setzt sich ins Auto und fährt mit vermeintlich stark überhöhter Geschwindigkeit („ich raste wie ein Flugzeug“) zu einem noch nicht weiter bestimmten „Du“.

Knocked on your door with heart in my hand
To ask you a question
‚Cause I know that you’re an old fashioned man yeah yeah

Das lyrische Ich berichtet, immer noch in der Vergangenheitsform, vom weiteren Verlauf der Ereignisse. Das „Du“ des zweiten Verses wird wieder aufgenommen („ich klopfte an Deine Tür“). Um die eigene Gefühlslage zu beschreiben, bedient es sich einer der ausgelutschteren Metaphern aller Popsongs: Eigenen Angaben zufolge trägt es sein „Herz in der Hand“ – womit zweifellos gemeint ist, dass es sich bei dem nun Folgenden um ein Ereignis handelt, das mit starkem emotionalem Engagement seitens des lyrischen Ichs verbunden ist.

Durch die Ankündigung einer an das „Du“ gerichteten Frage („Um Dir eine Frage zu stellen“), wird ein kommender Dialog vorweggenommen. Die Erwartungshaltung des Hörers wird damit auf die nächsten Verse gelenkt. Die Begründung der Frage mit kausaler Verknüpfung („Denn ich weiß, dass Du ein altmodischer Mann bist“) erscheint zunächst seltsam. In Kombination mit den vorausgehenden Versen, die dynamische Verben wie „springen“, „rasen“ enthalten, wird hier der Spannungsbogen auf die nun statische Situation vor der Tür des Angesprochenen gezogen. Es wird deutlich, dass wir uns kurz vor der Klimax des Liedes befinden.

Als geneigte Hörer_innen erfahren wir darüber hinaus etwas mehr über den bisher unbestimmten Angesprochenen: Er ist männlich, und hat eine Tür. Die Frage, die zu stellen ist, leitet sich in den Augen des lyrischen Ichs direkt von einer seiner Charaktereigenschaften, dem „Altmodisch-Sein“ ab. Die Emphase am Schluss („Yeah, Yeah!“) wirkt noch einmal bekräftigend.

Can I have your daughter for the rest of my life? (Say yes, say yes)
‚Cause I need to know

Sprung in die Klimax des Liedes, unterstützt durch einen Wechsel der Erzählhaltung: Von der Nacherzählung im Präteritum springt das lyrische Ich in die direkte Wiedergabe des nun beginnenden Dialogs. Das lyrische Ich bittet das „Du“, das sich als Vater einer nicht anwesenden, aber in das Geschehen verwickelten Person herausstellt, um seine Tochter: „Kann ich Deine Tochter für den Rest meines Lebens haben? Sag ja, sag ja, ich muss es wissen!“. Wiederholt und damit verstärkt wird der Wunsch nach unmittelbarer Antwort des Angesprochenen. Hierdurch ergibt sich folgender Rückschluss auf die Gesamtsituation: Das lyrische Ich ist offenbar an einer Bindung mit der Tochter des Angesprochenen interessiert und hält nach alter Sitte bei ihrem Vater um ihre Hand an. Dies erklärt das vorhergehende „altmodisch“ und lässt Rückschlüsse auf das lyrische Ich selbst zu. Auch der Rest der Brücke des Liedes ist dialogisch gestaltet:

You say I’ll never get your blessing till the day I die
Tough luck my friend but the answer is no!

Das vorgeschaltete „Du sagst“ dieser Zeile deutet an, dass nun der Vater spricht. „Ich werde nie Dein Einverständnis bekommen, so lange ich lebe“ gibt das lyrische Ich ihn wieder, um in der nächsten Zeile die Perspektive zu wechseln. In direkter Rede heißt es dann: „Pech gehabt, mein Freund, denn die Antwort ist ‚Nein!'“. Die Ansprache als „Freund“ wird durch den Kontext ironisiert. Die Ablehnung des Vaters wird in eine generelle Aussage überführt – so sagt er nicht: „meine Antwort“, sondern „DIE Antwort“. „Bis zu dem Tag, an dem ich sterbe“ lässt die zu erwartende Zeitspanne, für die die Antwort gültig ist, erahnen.

Haben wir bisher die unreinen Reime, die Pseudoreime und das ungleichmäßig alternierende Metrum des Liedes akzeptiert, stellt auch die unsaubere Gestaltung der Perspektive in der Brücke kein Problem für die Rezeption mehr dar. Angemerkt werden soll die Schlamperei hier dennoch.

Why you gotta be so rude?
Don’t you know I’m human too
Why you gotta be so rude
I’m gonna marry her anyway

Wir befinden uns nun im Refrain, und das lyrische Ich spricht den Vater direkt an, erneut in Frageform: „Wieso musst Du so grausam sein?“ Die Frage wird wiederholt und zunächst mit der rhetorischen Frage „Weißt Du nicht, dass ich auch ein Mensch bin“ durchsetzt.
Der Refrain mündet in einer Trotzreaktion des lyrischen Ichs: „Ich heirate sie ohnehin“. Damit wird das Umgehen des väterlichen Verbots und damit verbunden ein Akt der Rebellion angekündigt, der ironischerweise in dem durchaus als traditionell zu bewertenden Modell der Ehe münden soll. Die Vaterfigur wurde zwar gefragt, um der Tradition zu genügen, das Überwinden der elterlichen Instanz ist letztlich aber von vorne herein angelegt. Die Abwertung durch den Vater wird als ungerechtfertigt und grob empfunden, der Ausgang des Konflikts zeichnet sich bereits ab. Anzumerken ist weiterhin, dass die Aussage „Weil ich das wissen muss“ aus der Brücke hier konterkariert wird. Denn warum sollte das lyrische Ich etwas unbedingt wissen müssen, über das es sich im Zweifel hinwegsetzen wird?

Inhaltlicher Ausblick auf den Rest des Liedes:
Die zweite Strophe lässt keinen Zweifel mehr an den Absichten und Plänen des lyrischen Ichs. Zwar bedauert es das fehlende Einverständnis des Vaters, letztlich aber handelt es sich vor allem um ein organisatorisches Problem. So wird auch die Flucht mit der Tochter des Angesprochenen angedeutet. In den letzten zwei Versen der zweiten Strophe erfahren wir – wir haben lange warten müssen – auch endlich von der Gefühlslage der Tochter. Diese allerdings wird eher verknappt als „Sie liebt mich, Du weißt das. Sie wird überall hingehen wo ich auch hingehe“ zusammengefasst.
Fazit: Die Faszination dieses Liedes geht deutlich nicht von einem sauber gestalteten und mehrdeutigen Text aus. ABER: Der Song transportiert zumindest so etwas wie eine rudimentäre Handlung, lässt tiefenpsychologische Schlüsse auf die Charaktere der Protagonisten zu und arbeitete einen vollständigen Spannungsbogen in die erste Sektion des Liedes ein. Und jetzt zum Anhören:

  1. Sa

    So oft schon bin ich beim zufälligen Hören über den Liedtext gestolpert…
    Richtig gute Analyse! 🙂

  2. haha, musste so lachen. hab diesen ohrwurm ständig und deine trockene analyse dazu: hammer 😀
    anfänglich hab ich mich ja immer verhört und dachte, der spricht mit der braut selber, mault sie dann noch an von wegen rude und heiratet sie gegen ihren willen…
    aber ich musste trotzdem immer mitsingen, weil mich der reaggie-beat so eingesaugt hat, obwohl ich das eigentlich gar nicht mag….I am going to make you listen anyway…:D

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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