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Partielle (Sonnen)Finsternis

Hier ist ein Bild von einem Bild von einer Sonnenfinsternis zu sehen. Im prä-digitalen Zeitalter habe ich dieses Bild aufgenommen - 1999 - und nun einen Digitalisierungsversuch gewagt. Das Bild zeigt sehr klein eine partielle Sonnenfinsternis.

Ich bin WÜTEND. Ernsthaft WÜTEND.

Dass wir morgen bei vermutlich relativ wolkenlosem Himmel eine partielle Sonnenfinsternis erleben werden, haben sicher alle mittlerweile mitbekommen. Dass es sich dabei nicht nur um eine kleine „Eclipse“ handelt, sondern um eine etwa 75%ige SoFi, vermutlich auch. Und dass das ein äußerst seltenes Naturereignis ist, das nur alle Jubeljahre einmal vorkommt, muss ich auch nicht unbedingt erwähnen.

Also habe ich in meiner naiven Sicht auf die Dinge gedacht, dass natürlich morgen um die betreffende Zeit mindestens halb Baden-Württemberg vor der Tür stehen und das Spektakel ansehen wird. Was Deutschlands Fauxpas mit den Schutzbrillen angeht – geschenkt. Auch der Kapitalismus hat schließlich Fehler. 😉 So sind wir leider morgen alle schutzbrillenunterversorgt. Es gibt Schlimmeres, denn auch mit anderen, sicheren Methoden ist ein „Beobachten“ der SoFi möglich.

Warum mir gerade mal die Luft wegblieb, ist schnell beschrieben. Die Schulleitung unserer Grundschule schickt eine Mail an uns Elternvertreter, zur Weiterleitung an die Klassen. Ich leake private Dokumente und zitiere:

wegen der morgigen Sonnenfinsternis haben die Vertretungen der Eltern und die kommissarische Abteilungsleitung der Grundschule Folgendes beschlossen:

  • Von 8.30 Uhr bis 12.00 Uhr halten sich die Kinder der Primarstufe in ihren Klassenzimmern auf und lassen die Jalousien runter.
  • Wenn Kinder von Ihren Eltern zum Beobachten der Sonnenfinsternis in diesem Zeitraum abgeholt werden, wird dies genehmigt.

BITTE????!?!?!

Bei heruntergelassenen Jalousien???? You got to be fucking kidding me!!!!

Noch heute morgen lachte ich über diejenigen Schulen, die in diesem Beitrag im Schulspiegel ein wenig durch den Kakao gezogen werden. Nachdem meine mittlere Tochter gerade beim Zubettgehen sagte, sie habe nun „Angst, aus Versehen doch in die Sonne zu schauen“,  ist mir leider so gar nicht mehr zum Lachen.

Mein erster Elternvertreter schrieb bereits eine deutliche Mail an die Schulleitung und die Beiräte, und ich tat es ihm nach. Es ist vollkommen unverständlich, wie man im Jahr 2015 den Kindern Panik vor einem unbeschreiblichen und großartigen Naturereignis machen kann. Ja, kein Mensch sollte morgen direkt in die Sonne sehen. Aber DAS kann doch nicht ernsthaft eine angemessene Vorsichtsmaßnahme sein …

 

Wer denkt, er oder sie sei dem Mittelalter bereits entwachsen, kann sich über den Twitter-Account des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wirklich klasse Informationen holen. Eine Art Lochblende ist in zwei Minuten gebaut. Auch Smartphones und Tablets bieten durch die eingebaute Kamera eine tolle Möglichkeit. (EDIT: Der Vorschlag fällt bei Physikern, also Menschen mit Ahnung, ziemlich durch. Im Zweifelsfall also darauf verzichten.)

Bitte … hört auf, den Kindern Angst vor einem unglaublichen und seltenst beobachtbaren Naturereignis zu machen. Sonst zünde ich doch noch ernsthaft irgend etwas an.

+++ EDIT: Aufgrund der vielen Reaktionen habe ich einen zweiten Blogpost mit Links und Tweets zum Thema veröffentlicht. +++

(Bild: Foto von mir mit heißgeliebtem Fotoalbum. Darin: Bilder meiner 1999 miterlebten totalen Sonnenfinsternis. Klein zu sehen: Eine partielle, wie wir sie morgen beobachten könnten – sofern nicht Lehrer_innen uns in Klassenzimmer sperren. Bei heruntergelassenen Jalousien.)

  1. Ich hatte schon darüber gelesen, dass es das geben soll – und sogar Lehrer, die die Ritzen noch mit Klebeband verkleben lassen sollen.
    Ja, das ist total krass, irre, absurd!

    Aber es zeigt viel vom heutigen Verhältnis Lehrer/Schüler/Eltern – den entsprechenden Schulalltag kann man sich vorstellen.

    Offenbar ist es so, dass die Lehrer sich nicht sicher sind, dass die Schüler auch punktgenau und ohne Widerrede/Widerstand/Fehlverhalten ihren Anweisungen folgen: eben NICHT direkt in die Sonne zu sehen.

    Des weiteren gehen Lehrer und Schule offenbar davon aus, dass Eltern sie bis ans Ende ihrer Tage verklagen, verfolgen und öffentlich zur Schnecke machen werden, wenn DOCH etwas passieren sollte,

    Aus beiden Aspekten folgt Verdunkelung ODER Übergabe der Verantwortung an die Eltern. Traurig, aber verständlich.

    Rechtzeitige Brillenbeschaffung wärs wohl gewesen, aber daran hat wol kaum jemand gedacht.

    Was mich an der Sonnenpanik auch wundert: ich hab im Leben durchaus schon öfter in die Sonne gesehen, in Kindertagen manchmal bis es schmerzte (=dauert nicht lange!) – und bin doch nicht erblindet. Mal kurz (!) auf eine 80% verdunkelte/abgedeckte Sonne gucken – da glaub ich jetzt nicht, dass das gleich MEHR schadet als der Blick in die unverdeckte Sonne.
    Dass das medial teils so kolportiert wird, dass jeglicher direkte Blick in die Sonne unwiderbringliche Netzhautschäden verursacht, trägt auf jeden Fall zur Lehrerpanik bei!

    • Eigentlich wollte ich auch einen kurzen Kommentar schreiben, aber ClaudiaBerlin hat bereits alles gesagt. Deswegen ist dies hier nur die Zustimmungsbekundung ihr und ihrem Kommentar gegenüber.

    • nk

      Der Kinderbeschützungswahn heutzutage ist wirklich schwer zu ertragen.

      Aber bitte hören Sie doch auf, hier so Tricks und Selbsterfahrungen (beim ersten Mal wird schon nichts passieren) zu verbreiten. Gleißendes Sonnenlicht ist durchaus schädlich, UV-Verbrennungen kann man nicht spüren. „Glauben“ ist eben nicht wissen und so lange solche Argumente von Erwachsenen verbreitet werden, kann man die Lehrkräfte fast schon wieder verstehen…

      • Es geht um den Stellenwert der Warnungen! Nahezu jede und jeder hat schon mal in die Sonne gesehen und ist nicht erblindet. Da in Berlin die Verdunkelung kaum sichtbar war, hab ich das auch heute kurz gemacht, um evtl. die „verdeckende“ Sichel zu erkennen (=nicht gelungen, zu gleisend hell!) Es steht nicht zu erwarten, dass irgendwer dazu neigt, das länger aushalten zu wollen als einen Augenblick lang! Sonst hätte nämlich die große Mehrheit der Bundesbürger extreme Augenschäden…

        Niemand vertraut mehr auf Selbstwahrnehmung und daraus resultierendes Normalverhalten. Bzw. nicht ganz niemand: Von meiner Wohnung aus schaue ich auf einen Spielplatz, auf dem während der gesamten SoFi-Zeit Kinder spielten wie immer. Sie schauten nicht in die Sonne, auch deren Eltern / Erzieherinnen hatten keine Brillen dabei und verhielten sich wie immer.
        Es gibt sie also noch, die unverzagten Alltagsmenschen, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen…

      • Darum ging es Claudia nicht. Es geht hier wirklich mehr um ein Ins-richtige-Verhältnis-Setzen. Wie Martin richtig schreibt: Die wenigsten Menschen schaffen es, überhaupt länger als wenige Millisekunden direkt in die Sonne zu sehen – weil es Schmerzen verursacht. Ich habe einen Vergleich zu dem Thema gefunden und vertwittert: 1999 nach der totalen Sonnenfinsternis gab es in Deutschland insgesamt drei Fälle von schwereren Augenschäden. Aber alle 19 Minuten kommt in Deutschland ein Kind unter 15 Jahren im Straßenverkehr ernstzunehmend zu Schaden. Allein das, finde ich, reicht, um mal die Relation herzustellen. Kein Mensch propagiert auf diesem Blog, dass ein Blick in die Sonne harmlos sei. Aber es ist schon abstrus, dass wir die Kinder ausgerechnet bei einer Sonnenfinsternis derart einschüchtern, dass sie Angst haben, eventuell aus Versehen hineinzusehen. An normalen Tagen lassen wir sie auch ohne Schutzvisier spielen. Um mehr ging es hier nicht, da war kein Tipp in dem Erfahrungsbericht enthalten.

  2. Anita

    Zitat Claudia Berlin:

    „Aus beiden Aspekten folgt Verdunkelung ODER Übergabe der Verantwortung an die Eltern. Traurig, aber verständlich.

    Rechtzeitige Brillenbeschaffung wärs wohl gewesen, aber daran hat wol kaum jemand gedacht.“

    Tja, an den Schulen bzw. in den Ministerien scheint niemand wirklich langfristig im voraus sich Gedanken gemacht zu haben.

    Es wäre ein leichtes gewesen, im Vorfeld den Kindern in RUHE zu erklären, was passiert.
    Es wäre ein leichtes gewesen, im Vorfeld, frühzeitig Schulsätze an Brillen zu beschaffen und zu planen, mit den Schülern das Ganze zu beobachten. Es gibt nur gaaaaaanz wenige Schulen, die dies tun.

    Mir ist es irgendwie „durchgerutscht“, dass diese Tag ein Schultag ist.

    Zitat Claudia Berlin:
    „Offenbar ist es so, dass die Lehrer sich nicht sicher sind, dass die Schüler auch punktgenau und ohne Widerrede/Widerstand/Fehlverhalten ihren Anweisungen folgen: eben NICHT direkt in die Sonne zu sehen.“

    das ist genau DAS Problem!

    Und halt eben die fehlende Vorbereitung.

    Dann der Hype der Medien von
    – total begeistert, ein „must have“
    – Panikmache wegen der evtl. Schäden

    Und das die Schulen sich davor schützen wollen, in Regress genommen zu werden, das verstehe ich vollkommen!

    Und es ist nicht nur mein kleiner, 8jähriger Aspie (der mit solchen „unerklärlichen“ Phänomen aufgrund der fehlenden Routine) hier mit Angst reagiert. Nein es sind ganz viele andere Kinder, denen ebenfalls die Aufklärung fehlt oder die aus dem Elternhaus nur Halbwissen (wenn überhaupt) besitzen.

    Als Lehrer möchte ich heute nicht in der Schule sein!

    • Ich verstehe diese Einteilung in die Lager „Eltern – Lehrer“ hier überhaupt nicht. Wir wussten bereits vor 20 Jahren, dass es heute eine Sonnenfinsternis geben wird. Nach der Handhabe der totalen Sonnenfinsternis 1999 konnte kein Mensch damit rechnen, dass Lehrer_innen aufgrund einer Erklärung durch das Schulamt kurzfristig in Paranoia verfallen.

      Ja, das mit den Brillen ist ärgerlich. Ich habe auch nicht rechtzeitig daran gedacht, weil es sie vor 16 Jahren einfach überall gab. Aber zwischen dem Treffen von Vorkehrungen und einer blinden Panikmache vor … was eigentlich? Sonnenstrahlen, oder? liegen für mich Welten.

      Wäre ich Lehrerin an der Schule, ich würde heute einen super coolen SoFi-Unterricht machen. Und niemandem würde irgend etwas dabei passieren. Regressansprüche … bei Verkehrs- und Sportunfällen kräht kein Hahn. Aber Augenschäden bei ner SoFi. …. Mannmannmannn.

      • Anita

        Aber das ist es ja eben………….

        meine Mädchen haben eben heute KEINEN coolen SoFi-Tag und auch keinen entsprechenden Unterricht. Und das, obwohl die Kleine (7. Klasse) vor VIER Wochen noch Optik im Fach Physik gehabt hat!!!

        Und es ist ja ein bundesweites „Problem“ der NICHT-Vorbereitung! Auch wenn es das nun nicht besser macht!

        Und für mein Empfinden ist es mittlerweile tatsächlich so, dass wenn Eltern nicht mit anschieben, dass es sowas wie coolen SoFi-Unterricht nur vereinzelt gibt. Und nur, weil einzelne Lehrer hier so denken wie Du!

        • Anita

          nur ganz kurz
          die Mädchen sind zu Hause
          und ratet mal was einige Lehrer heute bei uns gemacht haben

          richtig, Jalousien runter,
          EY mann, wir hatten Nebel mit Sichtweiten unter 50 m 🙄

          Der Zwerg hatte Spaß, er war hier und wir habens mangels Livestream im Fernsehn geschaut. Aber mal so richtig Spaß!

    • nk

      > Es wäre ein leichtes gewesen, im Vorfeld, frühzeitig Schulsätze an Brillen zu beschaffen
      > Mir ist es irgendwie “durchgerutscht”, dass diese Tag ein Schultag ist.

      Merken Sie selbst, oder?

      • Anita

        Tja, einer Mutter von vier autistischen Kindern darf auch mal etwas durchrutschen. 💡

        Und da heute die Schule für den Zwerg einfach nicht ginge, hier alles voller dickem Nebel ist, sitze ich jetzt mit meinem Kind vor dem Fernseher und genieße seine Begeisterung!!

      • Interessanterweise hat wordpress Ihre Kommentare nicht in die Moderationsschleife geschickt. Blöd, denn diesen hier hätte ich Ihnen nicht durchgehen lassen.
        Wer mich beschimpft oder antrollt, wird hier in aller Regel freigeschaltet, ich bin da hart im Nehmen. Aber auf meine Kommentator_innen geht hier niemand los, ist das klar?

        Sonst mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch. Wer sich nicht benimmt, wird moderiert. 😀

  3. Hallo,
    durch Twitter bin ich auf deinen Post gestossen, während ich selbst ähnlich Gedanken dazu schrieb.
    Ich hab Deinen Artikel mal mit bei Dir verlinkt weil ich Dir in vielen punkten zustimme.
    Auch ich habe für dieses ganze Theater nur wenig Verständnis,
    LG Ela

    • Hallo Ela,

      vielen Dank für die Verlinkung, und auch für Deinen Beitrag dazu! Ich werde ihn noch in den zweiten Post einbauen. Sehr lesenswert!

      • Danke für´s lesen 🙂
        Ich denke mittlerweile haben sich ja alle Gemüter beruhigt.
        Einige Schulen haben in den Medien gezeigt, dass sie offen damit umgehen konnten, andere wiederum haben es leider nicht getan.
        Mit dem Blick „hinter die Kulissen) kann man einige Entscheidungen nachvollziehen. Es stimmt mich dennoch traurig, dass es überhaupt soweit gekommen ist.

  4. Hier ein passender FAZ-Artikel zum Thema

    „Im Mainstream der Angstmache“

    Erfreulicherweise kritisieren Kommentierende darunter, dass es ja im wesentlichen die Presse sei, die fortwährend Gefahr, Panik, Horrorszenarien kolportiere.

  5. Hey Juna,

    nachdem mein Ärger, oder war es Wut, Hass, keine Ahnung, etwas verflogen ist, kamen mir folgende Gedanken:

    1) Warum trauen wir unseren Kindern so wenig vernunft zu? Kein Kind schaut länger als 17,3 Millisekunden in die Sonne. Das tut weh. Kinder wissen sowas.

    2) Das ich am Schulsystem verzweifel, brauchen wir nicht extra drüber reden. Kann ich auch gerade nicht.

    3) Was bitte ist in der Sozialisation und Erziehung unserer (ich schließ dich jetzt mal ganz frech mit ein) Generation so fürchterlich schief gelaufen, dass solch eine panische, unsachliche, idiotische, beliebigenflucheinsetzen Reaktion möglich ist? (Das Fass mit der Impfpanik und der Lassdenfahrradhelmaufdemklettergerüstan-Scheiße mach ich jetzt mal lieber nicht auf …)

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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