juna im netz

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In eigener Sache, Wege zur Selbstständigkeit

Off topic – vom weiblichen Weg in die Selbstständigkeit

Hier sieht man Buchstaben auf Steinen, die einen Spruch ergeben. Der Spruch lautet "manchmal liegen eben Steine im Weg"

Die Rubrik, die ich mit diesem Blogpost starten werde, tanzt thematisch noch stärker aus der Reihe als Prokrastinieren mit Popsongs, Spaß mit Ämtern oder meine am häufigsten geklickten Blogposts, die DIY und die “Liebeserklärung an unsere ICE-Nachbarin”. Deshalb auch der vielsagende Titel “off topic”, über den ich lange sinniert habe.

Warum nur tue ich Euch das an?

Weil ich mich in den letzten Monaten auf einer interessanten Reise durch die deutsche Bürokratie und das ebenso deutsche Sozialwesen (bitte denkt Euch die Anführungsstriche selbst hinzu) befinde. Auf dieser Reise begegnen mir Kuriositäten en masse. Es gibt Gespräche und Begegnungen, die glaubt mir später kein Mensch mehr. Weil es mal erheiternd, mal aufregend, mal schockierend ist, was ich auf dem Weg in die Selbstständigkeit erlebe, habe ich mich entschlossen, das Ganze hier hoch zu stellen. Vielleicht hilft das lachende Auge in allen Texten jemandem, der Ähnliches erlebt – und der sich auch permanent fragt, in welchen drittklassigen Film er vor kurzem gerutscht ist.

Die Erlebnisse werde ich nicht chronologisch erzählen. Heute zum Beispiel gibt es einen Einblick in eine Info-Veranstaltung für Frauen, die eine Selbstständigkeit planen.

 

Die Vortragende sieht aus wie maximal Ende 30. Zumindest von meinem Platz aus. Sie zeigt Bilder von Räumen und Produkten, für die das Wort „minimalistisch“ eigens erfunden wurde. Klare Linien, weiße Wände, edles Vollholz. Sie ist Inhaberin einer Firma für Raumkonzepte, und schaltet ihrem Vortrag zur Veranstaltung „Besser gründen für Frauen“* einen 20-minütigen Werbeblock vor. Würde ich Wohnungen auf diese Weise umgestalten können, ich würde vermutlich auch zu jeder Gelegenheit Bilder davon zeigen.

Dann kommt sie zum wesentlichen Teil – denn hier sitzen ungefähr vierzig Frauen, die sich alle selbstständig machen wollen. Und die diese Veranstaltung besucht haben, um zu hören, wie das geht: Das Gründen. Vor welchen Schwierigkeiten frau steht. Und was sie beachten muss.

Ganz in diesem Sinne berichtet die Referentin nun von ihrer Situation vor der Gründung. Drei Jahre ist das her. Sie war mit vier Kindern zuhause, ihr Mann arbeitete unter der Woche im Ausland. Vor der letzten Geburt war sie als promovierte Politikwissenschaftlerin jahrelang in einem großen Unternehmen tätig, parallel zu ihrer halben Dozentenstelle an einer Universität. Zuhause lief es gut, berichtete sie, aber eine Rückkehr in den alten Beruf erschien ihr zu diesem Zeitpunkt als nicht wirklich erstrebenswert.

Also begann sie mit dem Renovieren und Gestalten von Wohnraum. Was frau halt so macht, wenn der Haushalt, die Kinder, der Brotberuf, der Gatte und das Leben an sich eine nicht auslasten. An diesem Punkt ihrer Situationsbeschreibung fällt mir ein Tropfen Speichel auf die Hand. Erst da merke ich, dass mir die Kinnlade in Richtung Brust gesunken sein muss. Unauffällig sehe ich mich um. Erleichtert stelle ich fest, dass es meinen Mitstreiterinnen um die selbstbestimmte Existenz genau so geht.

Die Vortragende berichtet von Selbstzweifeln, von existentiellen und nicht allzu existentiellen Fragen und schließt mit dem munteren Rat einer Selfmade-Powerfrau: „Niemals aufgeben“. Das Publikum ist angetan von der Macherin, die sich neben der Familie einen Doktortitel, zwei beeindruckende Jobs und eine eigene Firma erarbeitet hat. Erst die vorsichtigen Fragen offenbaren eine gewisse Unsicherheit der Zuhörerinnen. Denn mit ihnen wird schnell klar: Aus einer solchen Situation heraus gründen die wenigsten Frauen. Viele der Anwesenden können nicht in ihre alten Anstellungen zurück – sie haben sie durch ihre Familienplanung oder widrige Umstände oder beides längst verloren. Viele der Anwesenden haben keineswegs einen so beeindruckend-schillernden Lebenslauf. Sie werden seit Monaten und Jahren von Unternehmen abgelehnt (Oft, weil sie Kinder haben). Und die meisten Frauen, die zu der Referentin aufblicken, können auch nicht aus einer finanziell sicheren Situation heraus einfach mal ausprobieren, was sie sonst im Leben noch tun möchten. Viele hier müssen sich selbst unterhalten. Trotz eventueller Zuschüsse und Kredite häufig vom ersten Tag ihrer Selbständigkeit an. Sie beneiden nicht, die Blicke der anderen Frauen. Sie bewundern nur. Und bedauern etwas, dass das Leben für sie bisher einen anderen Weg bereit hielt. Stellvertretend für sie alle betreibe ich auf twitter ein wenig Psychohygiene. Außerdem schreibe ich dem Gatten stilistisch etwas abgehackte Nachrichten:

„Promovierte Mutter von vier Kindern … eigene Firma … krasser Scheiß“

„Sieht aus wie Ende 30 von hier aus“

„Keine Ahnung, was sie nimmt, aber ich wills auch.“

Bei seinen Antworten muss ich kichern:

„Vermutlich ist sie total durchtrainiert, ernährt sich vegan, läuft viermal die Woche und ihre Ehe ist superglücklich?“

„Das ist alles fake! Ich kann die nirgends im Netz finden!!!“

Und die letzte:

„Meine Güte, ich wusste nicht, dass das ein Upper Benchmarking werden soll!“

Bei der letzten Nachricht lache ich unabsichtlich auf. Gut, dass gerade geklatscht wird. Ich freue mich, dass es so erfolgreiche Frauen gibt. Aber ich zweifle auch: War das, was die Referentin vorgetragen hat, für dieses Veranstaltungsformat tatsächlich sinnvoll? Wie viele der anwesenden Frauen empfanden ihren Vortrag wie der Gatte und ich? Quasi als Anlegen einer vollkommen unerreichbaren Messlatte? Wer von den Neu-Gründerinnen war denn überhaupt in der Lage, sich selbst an ihre Stelle zu denken? Ich grüble. Dann nehme ich mein Selbstwertgefühl, das sich weinend in eine Ecke des Raumes gedrückt hat, und verpisse mich heimlich, still und leise. Denn der nächste Punkt auf der Tagesordnung lautet „Speed-Dating“ für Gründerinnen. Und nach dieser Vorlage will ich nicht heiter-selbstironisch meine „Business-Idee pitchen“. Und ich will auch nicht „wertschätzend zuhören“, während meine Leidensgenossinnen sich in Selbstvermarktung üben. Ich will lieber meine Wunden lecken.

Zum zweiten Teil des Tages werde ich wieder da sein. Und ich werde so viel Kuchen vom Buffet essen, wie nur hineinpasst.

 

 

* So lautete die Veranstaltung selbstverständlich nicht Der dämliche Titel ist von mir.

  1. Hey Julia,

    Daumen hoch dafür, dass du dich selbstständig machst. Find ich gut. Ich bin ja selbst noch ziemlich am Anfang meiner Selbstständigkeit und damit ein absoluter Newbie. Selbstzweifel und Existenzängste gehören zur Tagesordnung, aber alles in allem war der Absprung die beste Entscheidung, die ich in meinem Berufsleben bisher getroffen habe. Die freie Zeiteinteilung und das A**** aufreißen für die eigenen Projekte sind purer Luxus. Zudem hat mir die indonesische Währung dazu verholfen, dass ich mich (zumindest noch bis nächste Woche) Selfmade-Millionär nennen darf. Das fühlt sich gut an.

    Ich freue mich auf deine neue Rubrik und noch viel mehr auf ein Treffen (irgendwann mal wieder), das definitiv kein Speed-Dating werden sollte. Kuchen gibt´s dann sicher auch.

    Viele Grüße aus Bali, Daniel.

  2. Als ob das “off topic” wäre!
    Topiger geht es doch gar nicht. Super Reihe, bitte bleib dran und erzähl uns alles darüber. (Früher waren diese Gründungsseminare von sehr viel älteren Damen gehalten, die uns über ihre Brille hinweg taxiert haben und “du”, “du”, “du nicht”, “du auch nicht”-Pfeile mit ihren Blicken geschossen haben. Da habe ich mich dann nicht getraut, nur eine einzige Frage zu stellen…)

  3. Liebe Juna, ich habe mich vor 6 Jahren ohne Berufserfahrung im engeren Sinne selbstständig gemacht. Daher bin ich über deine Darstellungen hier sehr dankbar und freue mich über jeden weiteren Beitrag! Es gibt so viele steile Behauptungen rund ums Gründen. Warum nur? Vielleicht starte ich selbst so eine Reihe aus der Retrospektive. Bis hoffentlich bald mal im RL.

  4. Ich habe mich unterdessen schon so oft selbständig gemacht, dass ich mich im Selbständig machen selbständig machen könnte.
    Mein Tipp: Such Dir ne Coach, die auf derselben Wellenlänge ist und lass Dich von Ihr (oder ihm) wenn nötig zwischendurch an die Hand nehmen. Aber es muss unbedingt jemand sein, der dir ggf. auch mal einen Tritt in den Allerwertesten gibt.

    Und alles, alles Gute beim Selbständig werden! Es lohnt sich!

  5. BAH! Da kann ich auch ein paar Liedchen von singen. Supergut geschrieben und schön, dass Du so das gleich so absurd finden kannst, wie es auch ist. Gerade die, die viel finanzielle Rückendeckung hatten, fühlen sich besonders als Gewinner*innen, wenn es mit der Selbständigkeit dann klappt. Oder sogar, stellen sich als große Macher*innen vor, aber könnten vom Verdienst nicht leben. Dafür habe ich kein Verständnis, das ist einfach nur unsolidarisch und verlogen.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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