Hier ist ein Bild einer Stellwand auf der republica 2014 zu sehen, auf der "Nicht meckern, besser machen" steht.

Marktschreier 2.0 oder Reden in Zeiten des Internet

Die letzte Woche hat mir das Internet nicht viel Freude bereitet. Mir nicht, und den Menschen, die ich via Social Media kennen und schätzen gelernt habe, auch nicht. Viele haben sich von der gemeinsamen Kommunikation zurückgezogen, andere haben sich Gedanken gemacht, was eigentlich – kommunikationstechnisch – gerade schiefläuft.

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass die folgenden Zeilen nicht allzu verständlich sein werden, wenn sich die Leserinnen meines Blogs nicht zufällig im gleichen Teil des Netzes aufhalten. Dennoch habe ich mich entschieden, hier keine Nacherzählung der letzten Woche zu versuchen, sondern mich – wie andere zuvor – auf die Metaebene zu begeben und ein paar detailliertere Beobachtungen zur Kommunikation zu verbloggen. Es sind Gedanken, die mich schon seit langem beschäftigen, die aber mit konkreten Situationen, in die plötzlich jede Menge Menschen meinungsstark involviert sind, neue Konturen erhalten. Und mich zwingen, ältere Annahmen einer erneuten Prüfung zu unterziehen. Der geneigte Leser findet das nötige Vorwissen in den verlinkten Blogposts und Kommentaren, so er denn möchte. Für den Rest gilt: Einfach beherzt weiterklicken! ;D


Vielfach wird postuliert, Social Media begünstige Konflikte zwischen Menschen. Vor allem das auf 140-Zeichen pro Äußerung begrenzte Twitter steht nachhaltig im Verdacht, eine Art Empörungskultur zu katalysieren – soll heißen: Das schnelle, direkte, allen Internetnutzerinnen offen stehende Medium, das grundsätzlich alle Beiträge erst einmal gleichwertig nebeneinander existieren lässt, soll Streitereien und Missverständnisse fördern.

Hier ist ein Screenshot eines Tweets von Stefan Graunke zu sehen. Er schreibt: "Willkommen bei Twitter, dem Netzwerk für mimosenhafte Befindlichkeiten, plakative Intoleranz und größtmögliche Missverständnisse"

Einem Medium die eigene Nutzung dieses Mediums vorzuwerfen ist allerdings ein wenig kurzgegriffen. Das Medium ist zunächst einmal neutral, oder auch: Soziale Netzwerke lassen eher selten aktiv Nutzer auf Nutzer los und genießen dann die Show. Vermutlich sind dahingehende Vorhaltungen ans Medium selbst als Rhetorik zu sehen, um niemanden direkt anzugreifen. (Für die Textfreaks unter uns: Dieses Vertauschen eines Begriffs mit einem anderen, der in direkter Beziehung zum eigentlich gemeinten steht, ist die rhetorische Figur der Metonymie.) Das, was eigentlich kritisiert wird, ist nicht das Medium selbst, sondern ein gruppendynamischer Prozess, der sowohl im Positiven wie im Negativen zu beobachten ist. Klaus Kusanowsky beschäftigt sich mit den Phänomenen „Kommunikation mit Unbekannten“ und „Störungen der Online-Kommunikation“ bereits seit einiger Zeit und hält dabei ein Gelingen von Onlinekommunikation für mehr als unwahrscheinlich. Ich verweise hier gerne auf sein wachsendes Archiv von Gedanken, Posts und Artikeln. Gleichzeitig weichen meine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse innerhalb der Social Media deutlich ab, und da ich zudem immer etwas handlungsorientierter unterwegs bin, beschäftigt mich die Frage: Wenn es so unwahrscheinlich ist, dass Online-Kommunikation gelingt, was können wir alle dann tun, um es vielleicht besser hinzubekommen?

Für solche Fragen eignet sich die Nachbereitung kommunikativer Krisen hervorragend, auch wenn ich ihnen sonst nichts abgewinnen kann. Es folgt, wie gesagt, keine Erörterung im konkreten Fall, sondern eine von diesem und anderem abgeleitete Verarbeitung verschiedener Gedanken. Im besten Falle sind daraus ein paar Tipps, auch für mich selbst, ableitbar. Nicht im Sinne eines Kommunikationskodex, denn dass wir uns gegenüber anderen respektvoll benehmen sollten, wissen eigentlich alle – und viele verhalten sich grundsätzlich auch so.

Ich teile mal in verschiedene Aspekte ein:

Grundlegendes zur Kommunikation

Die Online-Kommunikationssituation – sowohl in der 1:1- als auch in der Massenkommunikation – unterscheidet sich in menschlicher Hinsicht in keiner Weise von Offline-Gesprächssituationen. Die Unterschiede sind vor allem durch die Technik, über die wir kommunizieren, bedingt. Wir sehen uns nicht, das heißt: direkte Rückmeldungen fehlen, nonverbale Kommunikationszeichen müssen ersetzt und interpretiert werden usw. Das ist schon so oft (auch von mir selbst) konstatiert worden, dass eine Wiederholung direkt langweilig ist. Und trotzdem: Ich befürchte weiter, dass hierin ein wesentlicher Grund für die Eskalation von Gesprächen, quasi ohne Aussicht auf Rückkehr zur Normalität, besteht. Was cool sein soll und dabei rotzig oder sogar obszön wirkt, schreibt sich viel leichter als es sich sagt. Denn man muss dem anderen nicht ins Gesicht sehen, man bekommt eventuelle Verletzungen nicht mit. Der Gedankenreiter erinnert an den Verhaltenscodex, der einmal „Netiquette“ genannt wurde – und der, je mehr Menschen kommunizieren, desto häufiger offenbar vergessen wird.

Subjektivität

Oder? Nein, „vergessen“ eigentlich nicht. Zwar muss jede/r von uns erst lernen, welche Möglichkeiten die digitalen Medien haben, und welche Grenzen man eventuell nicht überschreiten sollte. Aber wir lernen es größtenteils!

Ein basisdemokratisches Medium, das heute etwa 3 Milliarden Menschen offensteht, und in dessen Kommunikationskanäle aktiv jeden Tag mehr Nutzerinnen drängen, ist denjenigen, die sich noch ausprobieren, vielleicht etwas ausgeliefert. Neben unbeholfenen Versuchen von Kommunikationsaufnahmen und dem eigenen Austesten relativer Newbies (und ich schließe mich hier ausdrücklich ein) sind da noch die Menschen, denen es aus irgendwelchen Gründen Freude bereitet, andere anzugreifen und zu beschimpfen. Aber, und das sollte man vielleicht auch einfach einmal wertneutral konstatieren: Der überwiegende Teil von Nutzerinnen dieser Kommunikationskanäle versucht, mit anderen ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben. „Die Anderen“, die fehlgeleitete Kommunikation, die Beschimpfungen etc., wiegen subjektiv leider immer schwerer als die vielen interessanten, klugen, witzigen Menschen, denen wir online begegnen. Verletzungen wirken oft realer als Zuspruch, und Gemeinheiten verfolgen manchmal viele Tage. Ein Sich-bewusst-Machen dieser ungleichen Gewichtung, die jeder von uns automatisch vornimmt, ist vielleicht auch schon ein guter Schritt.

Neben einigen Teilnehmern, die eine Art pathologisches Verhaltensmuster aufweisen, agieren also überwiegend ganz normale Menschen in normalen Kommunikationssituationen. Sie gießen mitnichten Öl ins Feuer und holen sich Popcorn, sondern sie bedauern die Situation und ziehen sich zurück. Natürlich fällt das mitten in einem Online-Konflikt kaum auf, sind doch immer noch genügend Menschen mit lautstarken Meinungsäußerungen unterwegs.

Einmischung und Hilfe

Die Haltung bei öffentlichen Streitereien schwankt: Wann sollte man sich einmischen? Was ist tragbar, was nicht? Wo ist es sinnvoll, Position zu beziehen und jemandem den Rücken zu stärken? Und wo macht Deeskalation noch Sinn? Das muss und sollte jede/r für sich entscheiden, und dann möglichst konsequent durchführen. Dabei ist, denke ich zumindest momentan, jedes einigermaßen konsequente Verhalten in Ordnung, denn die Kommunikationspartner stellen sich darauf ein, rechnen nach einer gewissen Zeit mit einer bestimmten Verhaltensweise und können wiederum einen Modus des Antwortens finden. Ein bisschen wie bei einer Freundschaft, auch wenn in der Sache die Meinungen weit auseinander liegen können.

Nicht jede Einmischung ist als Versuch, den anderen möglichst laut zu übertönen, zu sehen. Klar gibt es auch die Marktschreier 2.0. Aber von wenigen Menschen auf alle zu verallgemeinern und dabei anzunehmen, dass Einmischung prinzipiell aus einer Art moralischer  oder intellektueller Überlegenheit stattfindet, ist Quatsch. Oft zielen Einmischungen auf Vermittlung und Deeskalation. Wenn der  Kommunikationspartner sich gemaßregelt oder falsch verstanden fühlt und zum verbalen Angriff übergeht, schlagen die Reaktionen um. Die letzte Woche war dafür ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch.

Zumindest zu einem gewissen Teil halte ich so etwas für vermeidbar, wenn nicht jedem, der sich in die Kommunikation einschaltet, von vorne herein niedere Motive für seine Einmischung unterstellt werden. Das ist enorm schwierig, und mir gelingt es immer noch nicht in allen Fällen. Die meisten Menschen fühlen sich angegriffen, wenn statt eines Sachverhaltes scheinbar die eigene Person kritisiert wird. Und dann zeugt es auch von viel gutem Willen, erst einmal neutral nachzuhaken, was genau mit einer Reaktion gemeint ist.

Meine Grenze zu einer – vielleicht etwas deutlicheren? – Einmischung beruht auf einer ganz persönlichen Entscheidung. Von einer emotional aufgeheizten Debatte lasse ich die Finger, höchstens an der Peripherie versuche ich, sachlich mitzudiskutieren. Bei schlimmen Beschimpfungen oder ähnlichem stelle ich mich dazu – auf die Seite des Beschimpften, auch unabhängig von Faktoren wie Geschlecht, Gruppenzugehörigkeit und ähnlichem. Dafür habe ich Gründe, die ich im Folgenden nenne.

Gleichberechtigung?

Grundsätzlich ist eine Kommunikation im Netz nur dann möglich, wenn zunächst die Information, d.h. die reine Sachebene, im Vordergrund steht. Warum, erschließt sich erneut durch die medialen Besonderheiten: Da ich mir in letzter Konsequenz der Identität des Gegenübers nicht sicher sein kann (Mann, Frau, Transgender, Alter, evtl. körperliche Einschränkungen, sexuelle Orientierung, ethnische Minderheit, künstliche Intelligenz …??), kann ich nicht einfach ein bestimmtes Machtverhältnis, ein Ungleichgewicht oder eine bestimmte Zugehörigkeit meines Gesprächspartners zu einer Gruppe antizipieren. Natürlich machen viele Menschen gerne persönliche Angaben und schaffen ein in sich konsistentes Bild ihrer (Netz-)Identität. Alles, was ich über mich ins Netz stelle, ist ja letztlich ein Kommunikationsangebot an andere. Aber „junaimnetz“ z.B. könnte auch ein Mann Mitte 50 sein. Eine solche Möglichkeit mitzudenken erfordert einiges an Übung. Es schützt aber auch vor vorschnellen Urteilen.

Gleichzeitig stoßen damit Argumentationen, in denen sich ein Kommunikationspartner durch seine untergeordnete Stellung diskriminiert fühlt und einen vielleicht absichtlich aggressiven Ton anschlägt, weil er diesen für angebracht hält, schnell an Grenzen. Denn wenn die Annahmen über das Gegenüber sich als falsch herausstellen, steht man blöd da.

Wir sind im Netz um einiges näher an einer egalisierten Kommunikationssituation als offline. Niemand ist dazu verpflichtet, die gleichen Machtstrukturen und Ungleichheiten der Offline-Kommunikation ins Online mitzunehmen. Das ist durchaus eine Chance. Aber sie fordert von allen Beteiligten auch den Willen, die Kommunikation nicht permanent auf Ebenen zu heben, von denen nicht einmal ganz sicher ist, dass sie im konkreten Fall auch auf diese Ebenen gehört. Ein Beispiel: Ich kann mich darüber ärgern, wie ein Kommunikationspartner über Menschen jüdischen Glaubens spricht. Ich kann ihn hart angehen und ihn als Antisemiten bezeichnen, um im Endeffekt festzustellen, dass er sich selbstironisch über die Gruppe lustig macht, der er angehört. Was ist dann ok bzw. nicht ok? Mein Benehmen? Seine Sprüche? Wer „darf“ hier was, und mit welcher Rechtfertigung? Im Interesse eines echten Dialogs muss ich stets selbst die Forderung nach einer gleichberechtigten Kommunikation einhalten, bis ich die komplette Situation kenne.

Das, soviel zumindest ist sicher, funktioniert nur in der Theorie gut. Natürlich macht sich jeder Kommunikationsteilnehmer von den anderen ein Bild aus den Informationen, die er/sie hat. Vielleicht reicht es ja auch schon, die Möglichkeit mitzudenken, dass dieses Bild falsch sein könnte? Ich weiß es nicht.

„Gleiches Recht und gleiche Regeln für alle“ hat nicht nur einen gewissen Charme (und entspricht dem basisdemokratischen Charakter des Mediums). Es sorgt auch dafür, dass ein Konflikt nicht von allen Beteiligten auf unterschiedliche Ebenen eskaliert wird. Das Ausdiskutieren, wer im konkreten Fall was darf und was nicht, ist im größeren Bild nicht haltbar. Dazu gehört auch das unkonstruktive Diffamieren des Gesprächspartners als „Troll“, wahlweise „Gutmensch“ (und noch unschönere Bezeichnungen). Jemand, der sich in einer bestimmten Situation destruktiv verhält, kann in der nächsten Gesprächssituation bereits wieder ein bereichernder Teil der Diskussion sein, weil ihn das Thema nicht emotional tangiert/er sich nicht angegriffen fühlt etc. Menschen generell als Trolle zu bezeichnen ist die Übertragung eines Teils ihrer Gesprächskultur auf ihr Wesen. Das kann nicht nur, das muss wehtun. Gleiches gilt für den „Gutmenschen“. Einen Kommunikationspartner als moralinsauer und spaßbremsend hinzustellen, weil er sich gegen ein bestimmtes verletzendes Verhalten einsetzt, ist die gleiche unzulässige Generalisierung einer Verhaltensweise oder eines Wesenszugs auf das „große Ganze“. Nachdem ich vor einigen Monaten selbst jemanden als „Troll“ bezeichnete – und es sich nicht besonders gut angefühlt hat – hätte ich ganz gerne, dass wir uns anderer Beschreibungen bedienen. Trollverhalten, Trollkommentar, destruktive Argumentation … etwas, dass das Verhalten kritisiert, aber den Menschen dahinter nicht verurteilt.

Andere nennen es „Achtsamkeit“

Gehen wir davon aus, dass hinter den Accounts immer noch überwiegend Menschen stehen, die verletzt werden können. Sie sind in eine bestimmte Situation hinein geboren und präsentieren im Netz davon zumindest Teile. (Ich argumentiere hier gerade einfach statistisch mehrheitlich – Nicola Döring u.a. gehen davon aus, dass bei Identitätenkonstruktion im Netz überwiegend eine dem Nutzer wichtige Teilidentität dargestellt wird.) Diese Menschen für die von ihnen repräsentierte Teilidentität ohne anderes Kontextwissen dafür verantwortlich zu machen, dass es strukturelle Ungerechtigkeiten gibt, ist ein ziemlich unfaires Vorgehen. Ein Rechtfertigen im Nachhinein durch andere halte ich persönlich sogar für eine peinliche Veranstaltung. Ich schlüssle das nicht auf, denn es gilt in beiden Richtungen, und die Menschen, die die letzte Woche via twitter miterlebt haben, wissen ohnehin, worauf ich hier abhebe.

Jörg Braun und Sabria David haben auf der re:publica 2013 von „verlangsamter Kommunikation“ als Chance gesprochen. Auch Jens Scholz, so wie vor einigen Monaten Peter Tauber, arbeiten das in Blogposts auf. Warum sie und andere für diese Posts kritisiert werden, erschließt sich mir nicht. Unabhängig davon, wer das alles bereits schon einmal gesagt hat, ist es richtig und wichtig, es nach öffentlichen Konflikten zu wiederholen.

Diskursangebote

In der Massenkommunikation des Internet gibt es streng genommen keine Selbstgespräche, sondern Diskursangebote. Die Stärke des digitalen Mediums ist, dass es sowohl senden als auch empfangen kann. Waren wir vorher medial einem asymmetrischen Verhältnis ausgesetzt – wenige Sender, sehr viele Empfänger -, können wir heute alle selbst senden. Eine gesendete Nachricht aber steht, anders als Leserbriefe auf Zeitungsartikel oder Kneipengespräche nach Politiksendungen, zunächst einmal gleichberechtigt neben den Reaktionen, die folgen. Immer wieder lese ich, dass jemand gerne „in Ruhe“ gelassen werden möchte, wenn er/sie „etwas äußert“. Warum aber dann die Äußerung im Rahmen eines öffentlichen Kommunikationsmediums?

Eine öffentliche Äußerung hat immer eine Absicht. Diese wird „Appellfunktion“ genannt. Es reagieren dann Menschen, die die Nachricht bzw. die Appellfunktion der Nachricht interpretiert haben. Wem das aus mitunter verständlichen Gründen zu viel oder auch zu doof ist, der kann sich überlegen, ob es immer eine öffentliche Äußerung sein muss, oder ob man sich der WhatsApp-Gruppe oder dem geschützten und administrierten Forum zuwendet. Ein zunächst öffentlich gesendetes, und dann eingeschränktes oder zurückgenommenes Diskursangebot wird verständlicherweise oft kritisiert. „Monologisiere woanders“ oder „Schreib doch Tagebuch“ führen dabei am eigentlichen Kommunikationsziel weit vorbei. Besser wäre es, eine öffentliche Äußerung jeweils dahingehend zu überprüfen, ob man vielleicht für sich selbst den Kreis der Empfänger lieber einschränken möchte.

Denn öffentliche Kommunikation ist zunächst einmal: öffentlich. Niemand wiederum verpflichtet einzelne Teilnehmerinnen, sich mit jeder Antwort auch auseinander zu setzen. Was einem nicht gefällt, ist man frei zu ignorieren. Die Aufregung über Reaktionen auf eigene, öffentlich gesendete Nachrichten aber bleibt für mich persönlich wenig nachvollziehbar. Wer sich gerne innerhalb geschützter Räume bewegen möchte, hat dazu sowohl das Recht als auch die Möglichkeiten. Auf dem eigenen Blog oder bei facebook lässt sich auch Unliebsames, Gemeines oder Unbequemes blockieren bzw. nicht-freischalten. Das ist keine Zensur, sondern – um eine Raummetapher zu bemühen – ein Hausrecht. Einen Ausschluss von einem öffentlichen Diskurs stellt eine solche Einschränkung nicht dar. Das Internet ist bekanntlich groß.

„Silencing“

Das Wahrnehmen eines Haus- oder Administratorenrechts stellt auch kein Silencing dar. „Silencing“ ist der Begriff für Einschüchterungsversuche, die zum Verstummen führen. Er ist bemüht worden, um das Schließen eines Accounts und das Offline-Nehmen eines Blogs zu beklagen. Es ist furchtbar, wenn sich jemand von einer Kommunikation zurück zieht, weil er/sie sich bedroht fühlt. Natürlich ist auch dies, also eine mögliche Bedrohungssituation, nicht komplett objektiv und von außen zu berteilen.
Vielleicht könnte man sich hier darauf einigen, ein „Ich fühle mich von Dir bedroht“ als vorläufiges Ende eines Gesprächs wahr- und ernstzunehmen. Und andere nicht darüber hinaus zu behelligen. Es vielleicht lieber einmal mehr gelten zu lassen als einmal zu wenig. Und zwar bei jedem Diskursteilnehmer, unabhängig von Zugehörigkeiten und Fakten.

Es ist allerdings gerade im Interesse von Opfern tatsächlicher Gewalt absolut zu vermeiden, dass der Vorwurf einer Gewaltandrohung überstrapaziert wird. Den Hilferuf „Ich werde bedroht“ rein als rhetorische Figur zu verwenden, kratzt nicht nur an der eigenen Glaubwürdigkeit. Ein Mensch, der dahingehend übertreibt, nur weil er einen Punkt machen will, schadet vielen anderen, denen in der Folge nicht mehr geholfen wird. Als ich diese Woche beschimpft wurde, habe ich den entsprechenden Tweet gesichert. Es wurde und wird von verschiedener Seite angeboten, Androhungen und sprachliche Gewalt auch anonym zu veröffentlichen. Wenn Ihr Gewaltandrohungen erhaltet, sichert sie und macht sie öffentlich.

Der Blogpost ist unverschämt lang, und bezieht zum Ausgleich kaum konkrete Position. Das ist nicht unbeabsichtigt. Meine eigene Meinung, wer wann in welchem Moment Recht hatte oder sich falsch verhalten hat, ist vorhanden, aber vollkommen irrelevant. Mich interessiert vielmehr, wie es weitergeht mit uns und diesen Medien. Können wir die Besonderheiten der Kommunikation im Positiven nutzen? Oder bleiben wir in unseren Spiralen aus Wut, der kritisierten Dauerempörung und dem vergleichsweise unverfänglichen und daher vermutlich so beliebten Unsinn? Welche Strategien können wir entwickeln? Was lässt sich an konkreten Impulsen aus solchen Beobachtungen ableiten?

 

Abschließend das Folgende: Ein Twitterer ließ mir vor der Veröffentlichung dieses Posts einen Aphorismus zukommen. Er schrieb:

„Wer über Kommunikation spricht, traut sich meist nicht, über Macht zu sprechen.“

Dem möchte ich entgegnen, dass Sprache Handlungsmacht besitzt. Wer über Kommunikation redet, redet also automatisch auch über Macht. In diesem Blogpost habe ich mich allerdings auf das konzentriert, was mit der Macht einhergeht: die Verantwortung für die Kommunikationspartner. Einer bestimmten Sprache mächtig zu sein rechtfertigt Formen der Ermächtigung nicht. Ich kann mit Sprache unliebsame Ansichten genauso unterdrücken wie Menschen. Ich kann Macht auf sie ausüben. Diese Möglichkeiten können sich vollkommen anders darstellen als sie in unserem Offline-Umfeld wären, weswegen (plötzliche) sprachliche Macht auch verleiten kann, sie nicht gerade zum Guten einzusetzen. Die Frage, ob ein solches Verhalten legitim ist, beantworte ich mir selbst jedoch mit „Nein“.

Was sagt Ihr dazu? Ich schalte allerdings keine Kommentare frei, die meinen Ansichten widersprechen 🙂 Ein Scherz! Bleibt einfach im Ton respektvoll, gerade untereinander.

 

Update 1, 12.08.:

„Code rules!“ – Claudia Klinger wendet – zu Recht – ein, inwiefern die Struktur der sozialen Medien von der früheren Online-Kommunikation abweicht. Damit argumentiert sie ganz ähnlich wie der unten stehende Kommentator mh. Da ist definitiv was dran.

Klaus Kusanowsky schreibt hier über den Zusammenhang zwischen Respekt und Anonymität zwischen Unbekannten, und fragt sich, wie es sich in diesem Zusammenhang mit der künstlichen Intelligenz verhält.

Update 2, 18.08.:

Die Redaktion von neues-deutschland.de hat angefragt, ob sie gegen Honorar eine Kurzversion meines Artikels veröffentlichen dürfen. Ich sagte gerne zu!

Ganz ähnliche Gedanken hat sich auch Don Dahlmann gemacht. Eine unaufgeregte Betrachtung und ein Plädoyer für mehr Langsamkeit in der Kommunikation. Gerne gelesen!

Besser spät als nie verlinkt: cuirhomme berichtet hier von extremen Gesprächssituationen in sozialen Netzwerken und der Kritik(un)fähigkeit der Beteiligten.

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20 Gedanken zu „Marktschreier 2.0 oder Reden in Zeiten des Internet“

    1. Die meisten sicher. Auch daher komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass eine Form der sprachlichen Machtausübung schlicht gar nicht zulässig ist. Auch wenn man ganz fest davon überzeugt ist, das Richtige zu tun – ich halte die Mittel (wie hier beschrieben: Öffentliches Anprangern, Social Storm, aufeinander losgehen, Beschimpfungen …) für eine Form der gruppendynamischen Unterdrückung. Das muss nicht gewollt sein, und es müssen nicht einmal besonders viele Akteure beteiligt sein. Aber letztlich ist Unterdrückung, auch wenn es im besten Zweck geschieht, ein Mittel von Diktatur und Faschismus.

      1. Manche empfinden schon Bildungssprache als Unterdrückung. Und sie wird auch gar nicht selten absichtlich in der Form eingesetzt – nicht zum besseren Verständnis, sondern um Statusunterschiede zu verdeutlichen und Nicht-ExpertInnen vom Diskurs auszuschließen. Menschen, die sich davon angegriffen oder gedemütigt fühlen, wehren sich dann eben oft mit den sprachlichen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Sprache schafft fast immer Barrieren – beabsichtigte und unbeabsichtigte – nach meinen Erfahrungen sogar häufig, wenn DiskutantInnen vermeintlich dieselbe Sprache sprechen.

  1. *ächz* Ich hatte diese Woche (lag das am Mond oder warum war das bei vielen zeitlich synchron?) auch meinen fair share of unwanted Twitter discussions turned argument. Eigentlich will ich solchen Dingen aus dem Weg gehen, denn ich hab die Maßgabe: Know your medium. Verstehe, wie du kommunizierst, was das Medium übermitteln kann und was nicht und brich ab, wenn du merkst, dass die Kommunikation schief läuft.
    Wenn dann die Abbruchversuche aber als Angriff gelesen werden … *seufz*
    Gerade wenn man sich nicht oder nur wenig kennt, geht das Subtile verloren, das man rauslesen kann, wenn man Leute schon länger verfolgt. Dann wird es unschön und missverständlich.
    Und natürlich gibt es die Situationen, in denen Leute unbewusst einen Nerv anschlagen und man überreagiert, ohne dass der Gesprächspartner einschätzen kann, woher die plötzliche Emotionalität kommt. Es ist ein bisschen, als würde man unterschiedliche Sprachen sprechen und jeweils nur die Hälfte von einander verstehen.

    Es ist ein schwieriges Thema und das ganz besonders, weil ich doch denke, dass Online-Medien in vielen Fällen ein Monolog sein wollen. Außendarstellung, Ranting, Venting. All das will nicht zwingend beantwortet werden, will nicht unbedingt Zuspruch, es will nur raus.

    Wenn ein Dialog das Zusammenprallen zweier Monologe ist, dann ist das Netz das Zusammenprallen tausender Monologe. Und das kann im ersten Moment nur schief gehen.

    1. Im ersten Moment ja, vollkommen einverstanden. Und dass ein neuer Sendekanal erst einmal von allen als Sender verwendet wird und man sich später Gedanken um das Empfangen macht – wenn überhaupt – das scheint mir auch irgendwie menschlich. Es soll ja sogar Repräsentanten geben, die so viel Angst vor einer Rückmeldung durch ihr Wahlvieh haben, dass sie sich niemals, unter gar keinen Umständen, in die sozialen Medien begeben würden 🙂 Die Frage ist: Bleiben wir auf diesem Niveau? Treten wir die soziale Revolution, die die digitalen Medien befeuern und begleiten können, mit den Füßen und warten auf das nächste Medium, das dann die Welt retten soll? Oder versuchen wir es einfach ernsthaft, um das beste aus dem Werkzeug, das wir da haben, zu machen? Ein Rückzug aus den Medien hat Vorteile, gerade im Hinblick auf den (Miss)Gebrauch der digitalen Medien durch Ökonomie und Regierung. Aber was würde Brecht dazu sagen? 😀
      Deine Diskussionen habe ich mit einem Tag Verspätung gelesen. Vielen erging es ähnlich. Vielleicht war es einfach die über Tage vollkommen belastete Atmosphäre. Kennst/kanntest Du denjenigen, der da den Abbruch nicht verstanden hat?

      1. Ja, ich kenne ihn flüchtig im RL, wir haben dann in den DMs die Diskussion beendet, nachdem sich eine andere Person unschön eingemischt hatte. Manche Menschen reizen mich zur Weißglut, ich sollte das nicht so an mich ran lassen. *seufz*

        Ich glaube, dass viele erst ein Protokoll entwickeln müssen, wie man mit Reaktion auf seine Äußerungen umgeht. (Zumindest bei mir ist das so, dass ich immer noch denke „Liest ja eh keiner/Interessiert niemand“ und dann bin ich immer ganz überrascht, wenn es Kommentare oder Mikro-Interaktion à la Fav oder RT gibt.) Die meisten von uns haben ja wenig oder keine Erfahrung in öffentlicher Kommunikation, insbesondere in der direkten Form, wie es die Sozialen Medien erlauben.
        Mediation und Kommunikationskultur sollte in dem Aspekt vllt. als ein Aspekt der Medienkompetenz betrachtet werden, den es zu stärken gilt. Aber in der Hinsicht hinken wir ja ohnehin hinterher und das wäre dann nur ein weiterer Punkt auf der To-Do-Liste.

        1. Ein sehr wichtiger Punkt. Zumindest das Hinken können wir vielleicht mal irgendwie beschleunigen 🙂

          Eure Kommentare bringen mich erneut enorm weiter, auch an Dich und die @Netzgärtnerin daher hier kurzen, aber ebenso herzlichen Dank! Zur Diskriminierung durch Bildungssprache ist zwar ebenfalls einiges zu sagen, aber ich fürchte, das bringt die Diskussion hier vom ursprünglichen Gedanken sehr weit weg. Vielleicht nimmt sich der Sidekick-Themen ja jemand liebevoll an? Links dann bitte an mich, damit ich hier verweisen kann.

  2. dem beitrag als gesamtes will ich nicht widersprechen. so für sich betrachtet ist das alles richtig. aber es scheint mir doch schon wichtig zu ergänzen, dass auch das medium selbst seinen beitrag zu der form der kommunikation beiträgt, die auf ihm stattfindet. denn durch die struktur des mediums wird die von den nutzern initiierte kommunikation in pfade gelenkt und nur innerhalb der pfade kann sich die nutzerin dann bewegen.

    bei twitter ist der kern des mediums die followerschaft. sie steht nicht nur per zahl auf der website groß prangernd, sondern bei 99,9% der tweets spürt der user auch, dass sein impact von eben diesen menschen abhängt. man ist dadurch in einer gewissen form an sie gebunden und somit auch an den sozialen druck, den sie ausüben. das heißt die struktur des mediums läuft auf eine art cliquenwirtschaft hinaus.

    befördert wird das ganze durch diverse funktionen, die es dem individuum ermöglichen sollen nur noch zu sehen was es sehen soll. gleichzeitig gibt es aber ausreichend schlupflöcher. man kann sich neue accounts anlegen und leute ungefragt anschreiben, die das dann in einer vielleicht vollkommen unpassenden situation bekommen und sich darüber aufregen. dadurch wird ein teil der kommunikation zu einem eindringen in die privatsphäre. dass twitter generell öffentlich ist und man das wissen müsste, spielt dabei kaum eine rolle, weil das gefühl ein anderes ist.

    kombiniert ergibt sich da ein recht spannendes bild, denn es ist wie in freier wildbahn. eine gruppe steckt ihren claim ab und eine andere gruppe überschreitet diese grenzen. dann rottet man sich zusammen und alle fallen verbal übereinander her. danach ist erstmal wieder friede… die aufregung führte zu neuen bündnissen, alles rüttelt sich zurecht. bis zum nächsten knall.

    der auslöser ist meiner beobachtung nach oftmals banale machtausübung. fappygate ist da bezeichnend, denn auch wenn der herr des skandals da sein ego pflegte, war der auslöser doch ganz woanders zu finden. nämlich bei der dame, die ihre öffentlichkeit dazu nutzte um eine situation, bei der sie sich betrogen fühlte, zu ihren gunsten zu beeinflussen.

    es ging bei beiden seiten die ganze zeit um machtausübungen. und ab einem gewissen zeitpunkt nur noch um das rechthaben und darauf basierend auf unlimitierte solidarität, die sich mit der realität nicht mehr beschäftigte. und diese solidarität ist erst durch die gruppe überhaupt möglich.. nur sie kann sie abverlangen.

    dass diese gruppe aber entstehen kann und diesen zwang ausüben kann, ist im internet in dieser form auch der plattform selbst geschuldet. vergleicht man twitter mit facebook oder normalen foren, dann ist doch auffällig, dass zwar bei allen diese dinge stattfinden, aber nur bei twitter in dieser art und weise institutionalisiert wurden.

    mfg
    mh

    1. Danke für Deinen Kommentar! Ich wollte Deinen Post nicht in einen Zusammenhang gesetzt wissen, in dem ich ganz grundsätzlich anderer Meinung bin. Denn das bin ich nicht. Natürlich führt gerade die Schnelligkeit und die erzwungene Kürze dazu, dass viele Missverständnisse erst entstehen, die kaum ausschließlich über diesen Kanal selbst beigelegt werden können. Was ich allerdings versucht habe, ist, die Kritik an der Struktur deutlich von der Kritik an unserem (Fehl-)verhalten abzuheben. Jens Scholz schrieb in seinem Post, dass viele Konflikte sich gar nicht erst ergäben, wenn man sich selbst und sein Ego ein wenig zurücknähme, erst später oder ggf. gar nicht antworte. Wenn ich selbst das gerade in emotional stark aufgeladenen Debatten ständig ignoriere, kann ich schlecht sagen: „Ja, twitter ist schuld!“. Wie gesagt, halte ich solche Vorwürfe auch vor allem für Rhetorik. Dennoch sehe ich viele Punkte, die Du auch in Deinem Post beschreibst (für alle: der 1. Link), ganz ähnlich.

      Interessant finde ich den Vergleich mit den Clans, bzw. Gruppen, und der eingeforderten Solidarität. Hier allerdings auch noch einmal der Einwand, dass – anders als bei Pausenhof-Cliquen-Verhalten – diese Clans je nach Konflikt in ihrer Zusammensetzung flexibel sind (Smart Mobs ;)), und dass Mitglieder einer bestimmten Gruppe durch die mediale Besonderheit leicht „unsichtbar“ werden – wie viele in meinem Teil der Blase, die sich einfach für ein wenig Offline aus den Medien zurückgezogen haben. Und zwar ausschließlich die moderaten, vermittelten, ruhigen Stimmen, die Konflikte versuchen, sachlich zu diskutieren, auch wenn sie eine bestimmte Meinung zum Thema haben und vielleicht sogar durch Sympathie nicht objektiv sein können (als Beispiel: Viele meiner Follower sind mit der weiblichen Protagonistin befreundet. Sie hätten sich selbst laut einmischen können, haben sich aber anders entschlossen). Während ich das so schreibe, denke ich, Du hast vielleicht auch hier mit der Besonderheit „twitter“ Recht. Der Konflikt muss ihnen wie Dauergeschreie in den Timelines vorgekommen sein. Und wo dermaßen gebrüllt wird, ist eine Einmischung ohnehin sinnlos.

      Ok, EINEN Widerspruch habe ich dann aber wirklich! 🙂 Ich glaube nicht, dass sich so viele über die Öffentlichkeit des Mediums täuschen. Eine unerwartete Reaktion auf eine Nachricht überrascht zunächst, weil man sich den Empfängerkreis immer vorstellt. Dass auch ganz andere Menschen antworten können, ist erst einmal freaky, aber die meisten bekommen darin schnell Übung. Gerade Menschen, die viel in soziale Medien aktiv sind, können an und für sich nicht behaupten, eine Reaktion sei ein Eindringen in ihre „Privatsphäre“. Das Medium gaukelt meiner Ansicht nach da auch nichts vor. Bei facebook suggerieren mir die Einstellungen eine Art privaten Bereich, bei twitter ist die vergleichbare Einstellung der geschützte Account. Es mag Menschen geben, die sich eine Weile darüber hinwegtäuschen und twitter als ihr Wohnzimmer sehen. Aber ich halte das nicht für die Mehrheit der dort Kommunizierenden.

      Was Deine Beobachtungen zu den Machtverhältnissen und dem eigentlichen Auslöser des Konflikts angeht, kann ich zustimmender nicht nicken.

      Da ich Deinen Post im Mouse-Over-Effekt dank eines Verklickers zunächst einem anderen Verfasser zugeordnet hatte, bin ich doppelt dankbar für Deinen Kommentar. So konnte ich das noch korrigieren 🙂

  3. Ohje, wieder ein ellenlanges Posting das meine auf 140-Zeichen getrimmte Aufmerksamkeit sehr strapaziert. 🙂 Ja, Kommunikation ist mal so und mal so und für echte Diskussionen eignen sich manche Social-Media-Plattformen eh nicht.
    Twitter krankt an den 140-Zeichen und daran, dass Diskussionen halt „nebenbei“ laufen und oft im Rauschen der Timeline untergehen. Eine große Diskussion kannst Du eh nur über Hashtags führen, wenn alle Beteiligen namentlich auftauche müssen um auf dem Laufenden zu bleiben sind die 140 Zeichen längst mit der Nennung der Kombattanten, äh Diskutanten erschöpft.
    Facebook ähnliche „social Networks“ sind auch suboptimal, denn oft sehe ich Dinge die „Freunde“ posten gar nicht weil der Algorithmus der mir die Timeline zusammenbaut das gezielt nicht anzeigt. Und bei diesen Netzen wird die Nachricht oft mit Bildern so schön aufghübscht, dass man die Mitdisktuanten so locker an die Wand spielen kann.
    Ich kenne noch das Social-Net 1.0, damals auf IRC. Da konnte man nur tippen und nicht jede Äußerung gleich mit bunten Bildern unterlegen. Alle hatten die gleichen Ausgangsvoraussetzungen und mussten sich damit behaupten und da man themenbezogen seine „Channels“ betrat wurde dort recht gezielt diskutiert oder einfach nur nett gechattet.
    Heute verfolge ich oft auf Twitter wie sich die Streithähne selbst demontieren einfach weil man Verhaltensweisen wie im Kindergarten hinlegt. Und manches läßt auch mich noch verwundert schauen, so z.B. wenn Tweets nicht aufgrund der Botschaft die sie enthalten kommentiert werden sondern man motzt weil sie einer politischen Partei zugeordnet sind die man nicht mag. Was aber im konkreten Fall völlig irrelevant für die Richtigkeit der Botschaft war.
    Aber per Definition war Twitter ja auch nie als Diskussionsmedium angelegt. Also versuche ich mich weitgehend aus den Diskussionen rauszuhalten und nehme Twitter nur noch als kurze Statusmeldungen der Leute in meiner TL oder eben als Pointer auf interessante Artikel im Internet.

  4. Ich denke nicht, dass Twitter an den 140 Zeichen krankt, sondern eher daran, dass einige Twitter wie einen Chat benutzen und von einem Kontext ausgehen, den es aber für andere nicht gibt und nur für die Beteiligten eines Gesprächs. Das sehe ich allerdings nicht als Hauptursache für Flamings und Bashings in diesem Medium. Meiner Meinung (und ich sag mal was ganz unpopuläres) ist die Ursache einzig und allein eine gewisse geistige Unreife. Selber vermag ich Menschen, die sich an solchen gegenseitigen Bashings beteiligen leider nicht als erwachsene, reflektierte Menschen Ernst nehmen. Das gilt auch für Menschen, die sich aufgrund eines gemeinsamen Weltbildes, Sympathie oder was auch immer reflexhaft auf eine bestimmte Seite schlagen und von anderen erwarten, dass diese sich für eine Seite entscheiden sollen und schlägt sich derjenige auf die jeweils „falsche“ Seite oder stimmt nicht zu, denjenigen als Troll zu bezeichnen.

  5. Das ist ein sehr schöner Post. Ich höre eine „Stimme“ durch die Sätze, die Wortwahl, das Bemühen um Sorgfältigkeit. Und damit widerlegst du schon mit dem Text selbst den Kommunikationsdefätismus.
    Ich glaube: Die Netzkommunikation gelingt weit mehr, als es den Anschein hat. Oberflächlich betrachtet, scheint der Standard der Netzkommunikation aus einem kruden Chaos zu bestehen – aus Banalitäten (dies sind schon mal mindestens 80%), flachen Argumenten, Überflüssigkeiten, verbalen Saalschlachten, substanzlosen Meinungskämpfen und überhaupt lauter Posts, die heute geschrieben und noch am gleichen Tag vergessen sind.
    Aber wenn man den Tumult mit Abstand betrachter, jenseits der täglichen Schmerzen, wenn man sich irgendwo persönlich involviert, dann sieht man – meine ich, dass es gerade der Tumult ist, mit dem Netzkommunikation etwas produziert, was man als „Gelingen“ bezeichnen könnte, und zwar eben weil nur hier und nirgends sonst hart und zum Verzeifeln blöd aufeinanderprallt, was endlich einmal aufeinanderprallen muss, um in Bewegung geraten zu können.
    Dabei spielt es eben keine Rolle, ob die Argumente höflich und sachlich ausgetauscht werden wie im Oberseminar. Wichtig ist eher, dass absolut niemand umhin kommt wahrzunehmen, dass es zu seiner eigenen Position auch noch eine andere, oft konträre Meinung gibt. In der Offline-Kommunikation, z.B. am berühmt-berüchtigten „Stammtisch“, ist gerade dies anders – da ist man unter sich und alle meinen das Gleiche. Deshalb sind stammtischförmige Kommunikationsmilieus „inzüchtig“. Die Teilnehmer können mühelos 50 Jahre lang geistig auf der Stelle treten. Im Netzt weh jedem sofort ein anderer Gesichtspunkt um die Ohren, sobald er etwas Entschiedenes äußert – und das ist per se eine aufklärerische Konstellation, weil das Bemerken einer ganz anderen Position einen dazu zwingt, genauer zu denken und zu formulieren.
    Ferner sollte man auch nicht glauben, Kommunikation bestünde nur aus dem manifesten Wortwechsel, dem tatsächlichen Gespräch. Wenn ich hier nichts schreiben würde, dann hättest du ja auch zu mir gesprochen (anonyme Zuhörer). Diese „Hintergrundkommunikation“ ist im Netz vorherrschend. Wer schmeißt sich denn schon ständig an die Kommentarfront? Die wenigsten tun das. Die meisten nehmen nur auf. Und das bleibt nie ganz spurlos, insbesondere Widerholungen wirken verstärkend.
    Die Franzosen haben einen schönen Ausdruck für die Gedanken, die einem leider immer erst nach einem Gespräch einfallen: „Gedanken auf der Treppe“. Die Gedanken auf der Treppe sind der möglicherweise wichtigste Teil aller Kommunikation, weil sie die Nacharbeit zu einem Gespräch enthalten, die eigentliche Reflexion, für die während eines Gesprächs einem die geistige Präsenz fehlt. Streitgespräche im wirklichen Leben lösen sich fast nur so auf! Erst verhärten sich die Abgrenzungen, die Argumente fliegen, keiner scheint dem anderen zuzuhören, die Situation scheint festgefahren. In den Pausen ist das anders. Hört der Schlagabtausch auf, kommt einem in den Sinn, dass die Gegenposition vielleicht ein paar interessante Argumente auf ihrer Seite hat. Diese Nacharbeit findet ebenfalls nicht sichtbar statt.
    Genau an diesen unsichtbaren Stellen der Kommunikation – dem stillen Aufnehmen und dem Nachbearbeiten – scheinen sich wundersame Aufweichungen und Einstellungswandel zu vollziehen.
    Dabei bin ich immer mehr davon überzeugt, was man nicht glauben mag, wenn man durch den täglich Müll watet, nämlich dass die millionenfachen und kolossal redundanten Netz-„Debatten“ und dieses ständige gegenseitige Abschlachten von „gegnerischen“ Positionen gerade der Modus sind, der für Annäherungen, Klärungen und Wandel sorgt.
    Das sind Prozesse, die Zeit benötigen. Ich habe dazu neulich was auf G+ gepostet, nachdem ich auf einen verblüffenden Langfrist-Chart gestoßen war, der die Einstellung der amerikanischen Gesellschaft gegenüber der Legalisierung von Marihuana zeigte. Nachdem sich 20 Jahre lang, also fast eine ganze Generation lang, praktisch nichts im Verhältnis zwischen Gegnern (knapp 80%) und Befürwortern (gut 20%) änderte, kamen die Fronten ab wann in Bewegung? Im gleichen Maße, wie sich das Netz als Kommunikationsort etablierte. Ab Ende der 90er langsam und mit WEB 2.0 immer schneller. Inzwischen haben sich die Befürworter auf gut 60% verdreifacht, während die Gegner sich halbiert haben. Natürlich ist die Frage, ob dafür nicht etwas ganz anderes verantwortlich ist? Keine Ahnung, die Graphik ist verblüffend deutlich, was die Korrelation angeht, mehr nicht.
    Ich bin auch aus den angedeuteten Gründen verhalten optimistsich für den Israel-Palästina-Konflikt. Die Gegner können sich auf Twitter nicht aus dem Weg gehen un d beide Seiten versuchen ständig, Argumente für ihre Sichtweise des Konflikts zu verbreiten. Auch manipulativ, auch dumm und brutal und überhaupt ist das alles ganz schmerzlich und schrecklich. Ich vermute nur, dass das völlig egal ist gegenüber dem großen alles zermalmenden Mechanismus, der ingang gesetzt wird, wenn die Geschichte einmal in di tägliche Umwälzanlage des Netzes gerät. Da sind schätzngsweise einige Millionen Zuschauer beteilgit, mit ihren Likes und Dislikes, mit ihren Widerlegungen und zusätzlichen Argumenten. Gerade der übelste Mist bekommt dabei meistens umgehend einen auf den Deckel. Es gibt kaum geschützte Bezirke, außer z.B. bei den zuweilen besonders dämlichen „Nachdenkseiten“, wo der Autor sich ganz bewusst per Abschalten der Kommentarfunktion dem Schmerz der Gegenmeinungen entzieht.
    Das Netz ist ein hartes Pflaster. Schlechte Argumente überleben nicht wirklich lange, Üble Gerüchte sind binnen 30 Minuten in Zweifel gezogen und aus der Welt geschafft. „The street“ … teil großstädtisch, tolerant, geistreich, demokratisch und eloquent, gleichzeitig auch vulgär, gemein, laut, schweinisch, aggressiv. Solange dann immer wieder Menschen wie du sagen : „Moment mal, so nicht, da sage ich jetzt was dazu, alle auf einen geht gar nicht“ , solange ist der Härtetest-Mechanismus prinzipiell intakt.
    Mit meiner Einstellung, dass das unversöhnlichste, bitterböseste Aufeinanderprallen von Aufklärung und Gegenaufklärung genau das ist, was das Netz der Offline-Kommunikation produktiv voraus hat, stehe ich vermutlich alleine da 😉
    Diese paradoxe Position hat aber einen großen Vorteil: Sie macht nicht pessimistisch und macht gelassen.
    P.S. Trolle sind völlig egal, solange sie nicht versuchen, etwas tatsächlich zu sagen und zu meinen. Das sind Nebengeräusche. Sie schaffen keinerlei Wandel. Nur Geräusch. Stört furchtbar, ist aber harmlos.

    1. Herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar. Du hast mich damit in positiver und doch ausgewogener Weise ganz konkret an die Chancen der digitalen Kommunikation erinnert, über die ich mir zwar seit einiger Zeit sowohl hier als auch andernorts den Mund fusselig rede ;-), die aber tatsächlich in der letzten Schlammschlacht für mich komplett untergingen und hier in diesem Post (und in meinen Gedanken) nur noch diffus greifbar waren – weswegen ich mir selbst eine kleine Pause vom nervenzerreibenden Echtzeit-Zirkus verordnet habe. Nein, tatsächlich denke ich, Du hast nicht nur mit mir für Deine These vom Aufeinanderprallen vollkommen unversöhnlicher Haltung und dem Prinzip der unsichtbaren Beeinflussung (offline oder als stiller Teilnehmer) eine Befürworterin. Ich denke, das sehen andere ganz genauso, denn sonst würde man sich selbst dem vermutlich weniger aussetzen. Beim Barcamp in Dieburg durfte ich mal einen Vortrag über die Beeinflussung in sozialen Netzwerken halten (und habe dort auch über den Faktor der Unsichtbarkeit der Beeinflussung bzw. der Folgen der Kommunikation gesprochen). Das passt auch sehr gut zu Deiner Argumentation.

      Ich schreibe mir ein paar Sätze Deines Kommentars auf einen weithin sichtbaren Zettel, und werde mich so hoffentlich erinnern, dass das, was in Bewegung kommt, mitunter Wellen schlägt, die extrem schmerzhaft sein können. Manchmal schlimm für den Einzelnen, und dennoch im Großen und Ganzen produktiv – das ist wirklich eine sehr schöne, tatsächlich gelassen machende Betrachtungsweise.
      Danke!

  6. Unsere Vorfahren wussten lernen, mit Messer und Gabel zu essen. Deren Enkel mussten lernen mit den ungeheuren Kräften der Dampfmaschine umzugehen. Gleichzeitig mussten Sie die Vor- und Nachteile der neumodischen Telegrafenkommunikation erlernen. Unsere Eltern mussten lernen, die Umstellung von Briefe schreiben zu Telefonate führen zu erlernen. Und wir selbst sind dabei, zu lernen, was es bedeutet, mit Flugzeugen in 3 Stunden Strecken zurückzulegen, für die vor 500 Jahren noch ein ganzes Jahr Reisezeit notwendig war.
    Was also ist ungewöhnlich daran, dass wir auch die Kommunikation im Internet vollständig neu erlernen müssen, wie Neugeboreen, die das sprechen lernen, oder wie Einwanderer in ein neues Land die die Sprache von Anfang an erlernen müssen.
    Diesen Text, auf den ich vom ND aufmerksam gemacht wurde, empfinde ich als sehr hilfreich.
    Danke.

    1. Vielen Dank für den Kommentar! Ich bin absolut der gleichen Ansicht. Momentan schwebt mir ein Projekt vor, das Online-Kommunikation als Medienkompetenz versteht und unterrichtet, damit nicht jeder alles immer per learning by doing selbst herausfinden muss. Denn Medienkompetenz, auch wenn es z.T. bereits an Schulen in Blockveranstaltungen unterrichtet wird, kümmert sich wenig um die kommunikativen Herausforderungen und Chancen des Mediums. Da ist es schön, sich bewusst zu machen, das solche Herausforderungen nicht neu sind, und dass jede Generation hier ihre eigenen Aufgaben hatte – auch im Hinblick auf Mediennutzung. Das heißt nämlich gleichzeitig: Es ist zu bewältigen 🙂 Das macht doch Mut.

  7. Ich gestehe: ich bin ein Troll. Zumindest fühle ich mich so. Ich mische mich ein und halte das für Zivilcourage. Da das im Netz nicht sooo viel Mut braucht, kippen die mit Mütchen getippten Zeilen rasch ins Trollige oder können als das wahrgenommen werden. Du sagst es, liebe Julia, die nonverbalen Kommunikationssignale fehlen; ein Schmunzeln, ein Tippen auf den Handrücken, das Seufzen. Oder so… Obschon, das würde im RL auch nicht helfen. Da, wo ich bewusst auf jemanden los gehe.

    Warum bin ich ein Troll – ich mag mehr die Bezeichnung Kritiker – warum also bin ich ein trollender Kritiker? Es gibt ein paar Dinge im Leben, die sind mir sehr wichtig: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, gegenseitiger Respekt – ich bin also ein Moralapostel und Korinthenkacker. Ausserdem schätze ich: offene Kommunikation, aufrichtige Information, gegenseitige Unterstützung und Kooperation. Oder das, was ich dafür halte. Ein Tugendwächter.

    So bin ich in meiner Twitter-Timeline nach und nach auf Menschen gestossen, die mich brüskiert, erschreckt, geschockt haben. Ich dachte über Nazipisser und Negerschlampen nach, hier: http://cuirhommeblog.wordpress.com/2013/07/24/negerschlampe-und-nazipisser/ Oder – seit den jüngsten Kriegen – wie wir uns für Kriegspropaganda einspannen lassen. Ich sehe die Kinderleichen und die Enthaupteten in meiner TL und Leute, die das teilen und kommentieren. Kriegstreiberei zwischen Sonnenuntergängen und Alltagsgrüssen. You Hate? I like! Ich nicht: http://cuirhommeblog.wordpress.com/2014/07/31/you-hate-i-like/

    Es gibt einige Tuitties hier – ich weiss nicht, wie das in Deutschland ist – die nutzen das Medium einfach als Verlautbarungsinstrument. Das sind Politiker und Aktivistinnen, die Volksinitiativen unterstützen und preisen. Wir sind hier so stolz auf unsere Volkssouveränität. Mit Recht. Auch auf die Debatten, die solche Initiativen anzuregen vermögen. Ich denke, das ist für die Menschen unglaublich wertvoll. Die deliberative Demokratie.

    Nun gibt es in der Schweiz – wie in immer mehr anderen (europäischen) Ländern auch – eine sehr erfolgreiche, national-konservative Bewegung. Deren Protagonistinnen feiern unter dem Beifall ihrer Follower political incorrectness – was ja seit Twitter, Facebook und anderen Online-Plattform boomt. Ihnen widerspreche ich, denn ich finde ihre Aussagen oft verlogen, verleumderisch und verführerisch. Diese Aussagen sollen da nicht ohne Gegenrede stehen bleiben. So öffentlich.

    Und dann kommt das dann zu solchem Meinungsaustausch: https://twitter.com/cuirhomme/status/500759067435237377

    Ja, ich schäme mich gelegentlich dafür. Ich bin eine Nervensäge. Vielleicht ein Marktschreier 2.0? Ja, ein Spielverderber. Ich weiss, das ist nicht nett. Auch wenn ich es immer wieder versuche; ein echter Dialog kommt kaum zustande. Keine gleichberechtigte Kommunikation, gewiss. Ich denke aber, das Medium darf auch die Unmöglichkeit zu kommunizieren spiegeln. Das Scheitern der Übereinkunft. Auch die Zerwürfnisse, die Unvereinbarkeit und das Nichtinsreinekommen gehören zum Menschsein – und zur Kommunikation. Manchmal.

    1. Lieber Cuirhomme,
      natürlich wollte ich Dir bereits früher antworten. Da aber momentan an quasi jedem Tag wieder etwas zur Kommunikations- und Diskussionskultur veröffentlicht wird, was zu Deinen (und auch meinen) Gedanken passt, scheint hier EIN Atnwortkommentar einen unmöglichen Endpunkt zu setzen, den ich nicht haben will. Auch und gerade, weil ich Dich nach den letzten Ereignissen hier noch zusammenhängend und in mehr als 140 Zeichen lesen kann. Ein Update über Deinen eigenen Konflikt möchte ich oben gerne noch einfügen. Ich hoffe, der Verweis darauf wird für Dich ok sein.
      Du als Troll oder Marktschreier? Nein, ich glaube kaum. Tugendwächter, Moralapostel, auch Gutmensch, Einmischer … hat man mich auch schon häufig genannt. Vermutlich zu Recht. Was wir akzeptieren müssen, ist, dass alle diese Schubladen uns letztlich kein bisschen weiterbringen, sowohl, wenn wir hineingesteckt werden, als auch, wenn wir andere dort einordnen. Das Missverstehen eines demokratischen, öffentlichen Mediums als reinen Sendekanal ist, denke ich, in Deutschland nicht minder häufig, und Einwürfe oder Widerspruch von Seiten kommunikativer Menschen werden häufig in ihrem Gehalt an Followerzahlen festgemacht und diskreditiert. Ich bin hier meinen Kommentatoren sehr dankbar, die herausheben, dass es sich dabei auch für die „Nur-Sender“ um Lernprozesse handelt. Und um den Hinweis, dass vermutlich gerade die Heterogenität auch in der Art, wie wir kommunizieren, die eigentliche Stärke ausmacht.

      Heute lese ich eine „Studie“ (mit ziemlich kleiner Stichprobe, wie ich fand) zum Thema „Schweigespirale“ im Internet – das Ergebnis: Der positive Einfluss sozialer Medien auf die eigene Meinungsbildung wird vollkommen überschätzt. Die Menschen, die Offline schweigen, tun dies auch hier. Ich kann ein solches Ergebnis aus meiner eigenen, oft sehr positiven Erfahrung eigentlich nur anzweifeln. Aber ich sehe natürlich eines, und das macht mich unheimlich traurig: Dort, wo gebrüllt, diskreditiert und herausgemobbt wird, gehen nicht nur die unliebsamen Meinungen, weil sie vielleicht kollektiv unterdrückt oder sogar individuell bedroht werden. Es ziehen sich auch Menschen wie Du in der Folge solcher Konflikte zurück. Fällt vielleicht einzeln weniger auf, als wenn ein prominenter Marktschreier verschwindet. Hat aber im Ganzen viel untragbarere Folgen, denn wenn diejenigen mit Zivilcourage, die ohne Angst, aber mit Respekt ihre Meinung äußern, und die Netzkonflikte nicht scheuen, aus der kollektiven Kommunikation verschwinden (und das tun sie in größerer Zahl, als wir vielleicht annehmen), bleiben im Netz noch die Marktschreier, die Katzenbilder und eine mehrheitlich schweigend konsumierende Masse.

      Ich habe mich im letzten Jahr aus verschiedenen Gründen aus facebook zurückgezogen – ein Grund war die mir unkonstruktiv, lahm und zermürbend erscheinende Diskussionsatmosphäre in meinem eher von Offline-Kontakten geprägten Profil. Nun, die Erfahrungen mit Euch Onlinern, die Kontakte unter den Blogger_innen und der Austausch mit Euch, der mit persönlich so viel gebracht hat, ließen mich ein neues Profil anlegen. Ein öffentliches, mit Klarnamen. Denn was facebook von mir in diesem neuen Versuch wissen darf, dürft auch Ihr alle wissen. Ein neuer Ansatz, ein Einrichten in meiner nun auch meine Onliner umfassenden filterbubble, die allerdings immer diskursoffen ist. Ich habe mich entschieden, so lange wie ich es persönlich tragen kann, selbst die Veränderung zu sein, die ich im Netz sehen will. 😀

      Deine Konsequenz aus allem kann ich mehr als gut nachvollziehen. Dennoch hoffe ich, dass es nicht das letzte Mal ist, dass wir alle etwas von Dir lesen können. Das ist noch lange nicht alles, was ich hier sagen möchte, deshalb hat dieser Kommentar noch kein erkennbares Ende 😉 …

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