Hier ist ein Bild eines Müllwagens von hinten zu sehen. Zwei Mitarbeiter der Stadt sind gerade dabei, die gelben Tonnen in die Vorrichtungen einzuhängen.

Marktliberalismus: unbezahlte Praktika, Freihandelsabkommen und Billigfleisch

Ein sonntäglicher Rant.

Radikaler Marktliberalismus bedeutet nicht, dass jede_r Angestellte in einem freien Markt genau das erhält, was er oder sie für seine Fähigkeiten verdient. Denn der „Markt“ braucht ständig Expertenwissen von studierten Menschen. Aber die Pflege älterer und kranker Menschen, die braucht der Markt nicht.

Marktliberalismus heißt, dass ich Stellenangebote für unbezahlte Praktika lese, mit Aussicht auf „Übernahme“, obwohl jeder Mensch mit Ausnahme des Bewerbenden weiß, es gibt keine Stelle für eine Übernahme. Es gibt nur ein weiteres Praktikum. Und noch eines. Und dann noch eines.

Marktliberalismus heißt, dass die Arbeitskraft von Menschen, die sich für eine Familie entschieden haben, automatisch als geringer eingestuft werden kann als die Arbeitskraft von Menschen ohne. So wie die Arbeitskraft von Menschen mit Beeinträchtigungen, dem falschen Geschlecht, dem falschen Alter oder dem falschen Modegeschmack. Alles in Ordnung, denn der Markt sucht sich die Arbeitskräfte aus, die er für wertvoll hält. Und das ist deswegen ok, weil es nun mal liberal ist.

Radikaler Marktliberalismus behauptet, dass die Verbrauchermacht das einzige Kriterium ist, das das Angebot des Marktes bestimmt. Aber weil der freie kapitalistische Markt und die Menschen, die die Marktmacht haben, alles daran setzen, die Verbraucher über den Markt, seine Funktionsweise und seine Produkte im Dunkeln zu lassen, ist diese Verbrauchermacht manipuliert. Und das ist freundlich formuliert. Unfreundlich wäre so: Der radikale Marktliberalismus beinhaltet die großflächige Verarsche der Konsument_innen.

Marktliberalismus erklärt, dass nur der absolut freie Markt Innovationen fördert. Obwohl es doch letztlich so ist, dass die Befreiung des Marktes die letzte Innovation darstellen wird. Denn dann sind diejenigen mit der Marktmacht im status- und machterhaltenden Bereich. Und da stören Innovationen nur.

Radikaler Marktliberalismus wirbt für sich: „Ein freier Markt ist toll für die Menschen“ und meint dabei eigentlich: „Ein freier Markt ist super für einige wenige Privilegierte, die ihn verstehen. Für den großen Rest ist er furchtbar, aber was solls?“.

Marktliberalismus gaukelt Demokratie vor und ist in Wirklichkeit die Macht weniger über den Konsum vieler.

Dabei, wirft der in VWL um einiges besser bewanderte Gatte ein, kann ein radikal-liberaler Markt tatsächlich funktionieren. Es müssten nur bestimmte Bedingungen erfüllt sein.
Zum Einen absolute Transparenz. Schluss mit Stellenausschreibungen für unbezahlte Praktika, die mit Übernahme locken. Stattdessen so:
„Sie arbeiten gegen eine unverschämt geringe Vergütung genau wie ein Angestellter. Dabei sind Sie jederzeit kündbar, weil das Arbeitsrecht für Sie nicht gilt. Nach Ihrem Praktikum werden Sie nicht übernommen, denn wir haben keine vakanten Stellen dafür.“
Schluss mit Marketingtexten über gutes und dennoch total billiges Fleisch. Stattdessen so:
„Wir verkaufen ethisch mehr als zweifelhaft produziertes Fleisch aus Massentierhaltung im Ausland. Die Tiere werden in nur wenigen Wochen zur Schlachtreife gebracht, was wir in einem weiteren EU-Land erledigen. Wir benötigen für diese Produktion vor allem Regenwald-Soja, Antibiotika und Benzin (Transport), dafür ist unser Fleisch unschlagbar billig.“
Schluss auch mit dem Gequatsche von Gleichberechtigung und der Vermeidung von Diskriminierung. Wenn der Unternehmer keine Frauen/ POC/ Menschen mit Behinderungen einstellt, dann ist das eben so. DAS ist die Freiheit des Marktes. Das kann man doch offen kommunizieren …

Absolute Transparenz und volle Offenlegung aller Produktionsprozesse, Abschaffung des Marketings als Verkaufshilfe, vollkommene Ehrlichkeit in jeglicher Kommunikation … vielleicht reguliert dann die Konsummacht tatsächlich irgend etwas. Aber was?

Zum Anderen, und das ergibt sich daraus, darf die Marktmacht lediglich bei moralisch integeren Menschen liegen. Um zu gewährleisten, dass das mit der Transparenz auch klappt. Und weil diese wenigen Menschen Entscheidungen für sehr viele fällen werden.
Aber solche Menschen gibt es nicht. Nicht in letzter Konsequenz.

Neoliberalismus ist moderne Aristokratie. Doch während in brauchbaren aristokratischen Systemen versucht wurde, Entscheidungen zu treffen, die auch für das gesamte Volk tragbar sind, betet der Neoliberalismus das goldene Kalb des stetig wachsenden Marktes an – und ordnet, feige wie er ist, jeden ethischen Wert der Selbstregulierung des Marktes unter: „Der Markt wird es schon richten“.

Nein, das wird der Markt nicht. „Richten“ heißt nämlich Regulieren, und Selbstregulation eines offenen, dynamischen Systems ist nicht nur physikalisch gesehen Quatsch. Die Regulierung muss von außen erfolgen. Oder wir leben künftig mit Dingen wie der zunehmenden Privatisierung unserer Grundversorgung, überaus zweifelhaften Produkten und schlechter werdenden Lebensbedingungen vieler, vieler Menschen, während nur einige wenige vom radikal befreiten Markt profitieren werden. TTIP wird in einigen Jahren nur der Anfang gewesen sein. Noch können wir dazu wenigstens etwas sagen.

 

Am 18.4. ist der Aktionstag gegen das Freihandelsabkommen.

 

(Titel des Beitragsbildes: Marktliberalismus: Ist das Kunst oder kann das weg?)

Share Button

4 Gedanken zu „Marktliberalismus: unbezahlte Praktika, Freihandelsabkommen und Billigfleisch“

  1. Es ist schon ein paar Jahre her, es war die große Zeit des Desktop-PCs, Notebooks wurden zwar beliebter, dass der Desktop-PC bald nicht mehr die große Nummer sein würde war auch schon absehbar, aber mit solchen PCs wurde sehr viel Geld verdient.
    Und Intel hatte den P4, Netburst. Verbrauchte viel Strom, war nur bei einfachsten Rechnungen gut, bei denen es auf den puren Takt ankam.
    Der kleinere Konkurrent AMD brachte einen wesentlich besseren Prozessor auf den Markt, weniger energiehungrig, bei komplexeren Rechnungen spürbar schneller.

    Natürlich konnte Intel nicht verhindern, dass AMDs Marktanteil stieg, sie hatten ja den besseren Prozessor, und kleine Bastelverkäufer und Selberbauer verbauten AMD.

    Aber damals wurden viele PCs auch bei großen Einzelhandelsketten verkauft, und die konnte man bestechen.
    Also zahlte Intel mehreren großen Ketten, in Deutschland z. B. MediaSaturn, deren Kunden ja blöd sind, viel Geld, damit sie keine AMD-Systeme verkaufen. (als Alibi, sie hätten ja nicht nur Intel, gabs Rechner mit Transmeta-CPU)
    Tja, und AMD hat an dem damals entgangenen Geld noch heute zu knabbern.

    Mir jedenfalls kommt bis heute kein Intel ins Haus, und jeder vernünftige PC-Nutzer sollte das auch so machen!

  2. Es ist ein Rant und kein Essay – aber ein wenig Widerspruch möchte ich schon wagen.

    1. Es gibt keinen unregulierten Markt. In jedem Markt müssen Regeln gegen unlauteren Wettbewerb, Betrug und Machtkonzentration durchgesetzt werden. Alle drei sind definitiv tödlich für einen Markt, der diesen Namen verdient.

    2. Es gibt keinen intransparenten Markt. Tatsächlich sind Märkte sehr transparent – nur unser Wissen ist beschränkt. Deshalb müssen wir Akteuren vertrauen, die für uns Produkte prüfen, Zertifikate ausstellen und negative Entwicklungen im Markt kenntlich machen. Und wir müssen uns selbst vertrauen, uns bilden und besser aufpassen. Das nimmt uns niemand ab.

    3. Markt und Liberalismus taugen nicht als Feindbilder. Die tatsächlichen Feindbilder sind Machtkonzentration und Unfreiheit – einiges davon steckt in dem Begriff »Neoliberalismus«, für den mir allerdings nach wie vor eine belastbare Definition fehlt.

    4. Soziale Marktwirtschaft hat in den Jahrzehnten seit dem Bestehen der Bundesrepublik den Lebensstandard aller Menschen gehoben, inklusive der Menschen, die von Sozialhilfe leben oder »aufstocken«. Der Lebensstandard zeigt sich u. a. in der stark gestiegenen Lebenserwartung und in den materiellen Gütern, die wir als Volkswirtschaft insgesamt besitzen.

    5. Es gibt in den letzten Jahren eine Tendenz zur Re-Kommunalisierung der Grundversorgung (wenn Grundversorgung in Deinem Rant die Daseinsvorsorge meint: Trinkwasser, Strom, Gas, Fernwärme, Abwasserentsorgung, Müllentsorgung und ÖPNV). Die Unternehmen dieser Branchen haben zwar die Rechtsform AG oder GmbH, aber die Eigner sind mehrheitlich die Kommunen. Im Fall der Bahn ist es der Bund. Privatisierung ist eher auf dem Rückzug.

    Mit herzlichen Grüßen,
    auch an den VWL-kundigen Gatten
    Stefan

    .

  3. Kann Stefan da nur zustimmen. Es scheint mir ohnehin ein Grundsatzproblem, dass in ökonomischen Fragen viele Begrifflichkeiten permanent entweder bewusst (weil politisch motiviert) oder unbewusst nicht korrekt verwendet werden. Neoliberalismus ist dafür vermutlich das beste Beispiel. Die neoliberalen Schulen woll(t)en nun einmal gerade das Gegenteil von dem, was man ihnen jetzt gebetsmühlenartig vorwirft. Die Freiburger Schule und der Ordoliberalismus setzen Grenzen eben dort, wo der Markt die „gewünschte“ Lenkungswirkung nicht erzielt. Fast alle Verfehlungen, die heutzutage beklagt werden, sind dadurch begründet, dass sich Menschen über bestehende Reglen und Normen hinwegsetzen. Auch für die Kostenlos-Kultur in den Medien kann der Markt recht wenig. Er signalisiert nur, dass die Menschen aus welchen Gründen auch immer nicht mehr bereit sind, für bestimmte Produkte zu zahlen, wenn man einmal von der Werbung absieht. Wenn die Mehrheit der Gesellschaft das ändern will, müssen die Regeln überdacht werden.

    1. Niemand ist „bereit“, zumindest nicht aus ökonomischen Gründen, für „bestimmte Produkte“ (mehr) zu zahlen, wenn er sie an anderer Stelle umsonst/günstiger bekommt.
      Genau das ist ja „der Markt“! Angebot und Nachfrage.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *