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Living with entropy

 

Entropie ist eine in der Thermodynamik bekannte Größe, die verwendet wird, um in geschlossenen Systemen das Maß der Unordnung zu bestimmen.

„[Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik] konstatierte das Wachsen der Entropie, die als messbare Größe so zunimmt, wie die Ordnung in einem Kinderzimmer abnimmt, wenn niemand aufräumt, […]“ (Ernst Peter Fischer)

Es hat Physiker gegeben, die – eher erfolglos – versuchten, die Entropie auf das gesamte Universum zu übertragen, quasi als eine für die Chaostheorie verwendbare Größe. Das funktioniert deshalb nicht, weil man bereits bei einfachen Lebensformen – allein durch Prozesse der Nahrungsaufnahme und -abgabe – von offenen Systemen sprechen muss.

Um das wundervolle Wort dennoch anzuwenden, tue ich einfach mal so, als ob es sich bei unserem Haushalt um ein geschlossenes System handelte:

Wenn zwei Erwachsene quasi immer irgendwie zwischendurch, sagen wir mal, arbeiten, und dabei ab vier Uhr drei Kinder betreuen, entsteht zwangsläufig Chaos. Spätestens am Ende jeder Woche meint der geneigte Hausgast (sollte er_sie sich noch hertrauen), wir seien klar auf dem Weg zum Messie. Und damit behandlungsbedürftig.
Samstags ist Aufräum-/ Einkaufs-/ Organisationstag. Es sei denn, ich bin freitags  ausnahmsweise sturzbetrunken um vier nach Hause gekommen gediegen ausgegangen. Dann verbleibt Sonntag. Es sei denn, es ist Kindergeburtstag. Dann eben Montag. Und so weiter.

Gerade in Zeiten innerer Unstrukturiertheit wäre mir weniger „Außenchaos“ sehr lieb. Doch meine Chaosbewältigungsstrategien sind eher dürftig. Ich fange irgendwo an, den Laden aufzuräumen. Meist seufzend, denn ich bin es leider ziemlich leid. Früher oder später (in letzter Zeit eher früher) wird mir die Sinnlosigkeit meines Tuns bewusst und ich gebe an für den Betrachter eher willkürlicher Stelle auf.
Das momentane Maß der Entropie ist gefühlt hoch. Und das System reguliert sich nicht von alleine. Nein, das Chaos wird schlimmer. Das frustriert.

Umso schöner heute ein kleiner Comic aus der Sendung mit der Maus. In der gezeichneten Geschichte ging es um einen kaputten Familienkühlschrank und einen freundlichen Handwerker namens Knorps. Herr Knorps versuchte, den Kühlschrank zu reparieren. Am ersten Tag heizte der Kühlschrank nach seinen Bemühungen und der Herd kühlte. Am zweiten Tag klingelte die Spülmaschine und der Mixer sang (Oder so ähnlich). Herr Knorps kam immer wieder, „reparierte“ weiter dies oder das, die Entropie wuchs. Und Herr Knorps wurde ein guter Freund der Familie. Oft wurden nun auch die Abende miteinander verbracht. Wenn die Familie abends das Geschirr zum Abwaschen in den Herd gestellt hatte, holte man die Getränke aus dem Fahrstuhl und öffnete dem fleißigen Handwerker beim dreimaligen Schellen der Spülmaschine. Dann wurde Karten gespielt, bis der Mixer 12 Uhr schlug (Oder so ähnlich). Dann stieg Herr Knorps in den Kühlschrank und fuhr nach unten, um am nächsten Morgen wieder fit für die Reparaturen zu sein. Und das Fazit der Familie:
„Unsere Wohnung ist schon sehr ungewöhnlich. Aber wir finden sie so sehr gemütlich“.

Die „komplizierte Variable“ der Entropie kann „nicht abnehmen und nur größer werden. Wichtig ist, dass mit diesem Konzept und seinem Hauptsatz die Physik in der Lage ist, die Richtung zu bestimmen, in der die Zeit läuft – eben hin zu größerer Entropie. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik ist also eine Aussage über die Zeit, […]“ (Ernst Peter Fischer)

Soll wohl heißen: Das muss so. Da kann man nichts machen.

In diesem Sinne: Hallo, Entropie, lass Dich umarmen!

Fun fact, nachgereicht: Chaos produziert Komplexität. Scheinbar sind sowohl unser Herz als auch unser Gehirn auf ein gewisses Chaos als Grundzustand angewiesen, um ihre beste Arbeit zu leisten. Das macht Hoffnung.

  1. Chaos ist IMHO überhaupt kein Chaos, sondern nur eine (ins Unendliche wachsende) Komplexität. Insofern sind wir und das, was wir produzieren, nicht chaotisch, sondern nur sehr, sehr komplex. Auch ein recht tröstlicher Gedanke, wie ich finde … 🙂

    • Das ist eine interessante Gegenthese, wie ich finde, da wir ja nur zu gerne Komplexitätsreduktion in allen Bereichen anstreben 🙂 Vielleicht sollten wir genau diesem Trend entgegen wirken und Chaos tatsächlich als das annehmen, was es in Deinen Augen ist 🙂 Danke für den schönen Kommentar, und entschuldige die verspätete Freischaltung! (Böses WordPress!)

  2. Aha!
    Sie kennt sich doch ein bisschen mit der Systemtheorie aus! 🙂

    Euren Haushalt würde ich übrigens gleichsam als offenes wie geschlossenes System definieren, was wie ein Widerspruch aussieht, aber kein Widerspruch ist. Offen, weil er Energie von Außen aufnimmt (Einflüsse). Geschlossen, weil er die Realität vorrangig mit eigenen Routinen bewältigt.

    Entropie gibt es übrigens auch in der Informationstheorie. Es ist eine Maßzahl beim Vermessen von Information und beschreibt die Informationsdichte einer Nachricht (mittlerer Informationsgehalt).

    Tja, und schon sind wir wieder bei dem Grund angekommen, warum ich deinen Output hier und woanders so gerne lese. 😉

    • Hey, Marco!
      Gegen Dich habe ich nicht die geringste Ahnung. 🙂 Sehr interessante Definition von Dir! Unser Haushalt also als die Schrödinger-Katze der Systemtheorie. 😀 Das werde ich mir definitiv merken.
      Ich glaube, es gibt diese Größe auch noch in weiteren Kontexten. Aber nachdem ich Ernst Peter Fischer in Göttingen mal live habe sprechen hören, bin ich ein großer Fan von der physikalischen Entropie. In ihrer Unabwendbarkeit liegt etwas richtig Tröstliches, finde ich. 🙂
      Danke für den lieben UND informativen Kommentar! Schon wieder zwei Dinge auf einmal …

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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