Hier sieht man einen Straßenkünstler, der einem sehr kleinen Jungen die Hand reicht

Leo Lausemaus nimmt sich eine Auszeit

Hausaufgaben mit unserer Drittklässlerin zu erledigen erfordert eine gewisse Menge an Wein. Dafür finden sich in ihrem Übungsheft lustige Dinge, die ich zu Bloganekdoten umschreiben kann. Heute las ich ein paar Fragen, die die Kinder nach dem gemeinsamen Lesen einer Geschichte beantworten sollten. Die Geschichte handelte von der Kindererziehung „zu Omas Zeiten“, und zwar an Omas konkretem Beispiel. Die Oma in der Erzählung berichtet ihren Enkeln von ihrer Kindheit und einer schweren Bestrafung im Schulunterricht wegen Fehlverhaltens. Hier zwei der Fragen mit den Antworten meiner Mittleren:

„Findest Du die Strafe gerecht?“
„Nein, ich finde sie nicht gerecht.“
„Wie hättest Du den Konflikt gelöst, wenn Du die Strafe nicht gerecht findest?“
„Ich hätte der Oma einfach eine Auszeit gegeben. Und Ende.“

Dazu hat sie noch einen traurigen Smiley gemalt.

Vermutlich ist der Oma damals nach heutigen pädagogischen Maßstäben Schreckliches passiert, und auch wenn diese Oma eine fiktive Figur ist, so steht sie doch für so viele andere ehemalige Kinder. Also wäre über die Geschichte und die Antworten meiner Tochter NICHT lachen vermutlich die angemessenere Reaktion gewesen. Allein:

Die Antworten unserer Mittleren enthüllen auf so entzückende Art mein komplettes pädagogisches Repertoire im Konfliktfall, dass ich nicht mehr an mich halten konnte.

„Ich hätte der Oma einfach eine Auszeit gegeben. Und Ende.“

Als die Kinder noch viel kleiner waren, witzelte oder jammerte ich je nach Gefühlslage, dass den modernen Eltern keinerlei probate „Erziehungsmittel“ mehr bleiben würden. Mit einem sehr fordernden ersten Kind gesegnet, war ich mit dem Erziehungslatein vieler verschiedener Ratgeber schnell am Ende. Die Bestrafung bei „intolerablem Fehlverhalten“ (bei uns: Mit dem Essen werfen, beißen, schlagen, versuchen, das Baby umzubringen) musste folgenden Kriterien entsprechen: Sie musste:

unmittelbar erfolgen
einen direkten, logischen Bezug zum Geschehenen haben (also nix mit „wenn Du Deine Schwester beißt, gibt es heute kein Sandmännchen!!“)
respektvoll sein, das Kind also dennoch als Mensch in seiner Individualität achten
nicht bedrohlich wirken
keine offensichtliche Erpressung beinhalten
keine Bestechung beinhalten.

Erpressung und Bestechung, die Grundpfeiler meiner eigenen Erziehung als Kind, fielen damit also auch weg. (Nebenanekdote: Wenn wir Kinder damals nicht aufräumen wollten, landeten unsere Sachen gerne einmal nach einem Flug aus dem Dachfenster auf unserer Terrasse. Pädagogisch ziemlich uncool, Mama. Merkste jetzt selbst, ne?)

So blieb mir nach eingehender Reflexion und ein paar erfolglosen Versuchen in puncto psychologischer Kriegsführung, achtsamer Kommunikation sowie Guerilla-Taktiken, die ich  hier näher zu beschreiben außer Stande mich sehe, lediglich die vor zehn Jahren noch sehr aktuelle „Auszeit“ als pädagogische Maßnahme. In dieser kurzen räumlichen Trennung, bei der Super Nanny auch als „stille Treppe“ bekannt, kann das Kind sein eigenes Verhalten reflektieren. Klappte bei uns sehr mäßig, nur so als Spoiler für alle Jungeltern. Als wir dann später begannen, die Bände des kleinen Mäusejungen Leo Lausemaus zu lesen, witzelte ich erneut über moderne Erziehungsmethoden in ihrer praktischen Anwendung. Die Bände sind allesamt Geschichten über den manchmal etwas störrischen Mäuserich Leo, der sich z.B. nicht die Zähne putzen möchte, kein Gemüse essen, nicht schlafen, und überhaupt und sowieso nicht auf die liebevollen, sich rührend sorgenden und sehr pädagogischen Eltern hören will. Ich kommentierte die Geschichten gerne mit: „Bei mir hießen die Bände alle gleich. Sie hießen: „Leo Lausemaus nimmt sich eine lange Auszeit“. Ich fand das angesichts meiner Ohnmacht in allen Erziehungsfragen sehr amüsant.

Das ist nun schon einige Jahre her, und spätestens seit dem dritten Kind versuchen der Gatte und ich, Erziehung nicht mehr ganz so ernst zu nehmen, und einfach zu hoffen, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Umso lustiger war es heute zu sehen, wie meine Mittlere unseren damaligen maximalen Bestrafungsstandard verinnerlicht hat, und der Oma einfach eine Auszeit gegeben hätte. Wie ich Leo Lausemaus in Gedanken, immer und immer wieder. Vermutlich schrieb sie diesen Satz zudem im vollen Bewusstsein, dass die Auszeit mehr zum eigenen Durchatmen ist, als dass ein Kind aus dieser kurzen Trennung tatsächlich etwas lernt. „Auszeit. Und Ende“. Nicht umsonst ist schließlich auch die Super Nanny mittlerweile keine Verfechterin der „stillen Treppe“ mehr. 🙂

Erziehungsstandards ändern sich mindestens einmal im Jahrzehnt. Das sollte ich meiner süßen Drittklässlerin vielleicht noch sagen. Bei Gelegenheit. Wenn ich mit grinsen fertig bin. Vielleicht.

 

(Beitragsbild: Vielleicht ist Erziehung nichts weiter als das Anbieten einer Hand. Die freiwillig angenommen wird, oder eben nicht.)

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3 Gedanken zu „Leo Lausemaus nimmt sich eine Auszeit“

  1. Daumen hoch für den tollen Beitrag!!! Eine Auszeit für alle vs. oft unkonstruktives Wortgefecht oder noch pädagogisch unwertvolleres. Bin dafür! Viele Grüsse! Claudia

  2. Eine Auszeit 😉

    ja, kann trotz und alledem mal sinnvoll sein.

    Nicht als „stille Treppe“, sondern zum runterkommen. 🙂

    Für ALLE!
    Auch für mich als Mutter!

    (jeder geht in sein „Eck“ und danach noch mal mit Ruhe das Thema angehen 💡 / hier der Alltag in meinem „Irrenhaus“ 🙂 )

    Deine Tochter – vielleicht hat sie mehr kapiert, als Du gerade meinst.

    Für diesen Beitrag bin ich Dir gerade Heute sehr dankbar!

  3. Grandios. Auszeiten sind wichtig um Abstand zu den Problemen zu bekommen. Weiteres Eskalieren bringt ja gar nix, aber so eine Auszeit hilft um „runterzukommen“ und wieder nüchtern und vernünftig an das Problem (welches auch immer) ran zu gehen.

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