Hier ist ein Bild von einem heruntergekommenen Haus mit einer Freitreppe aufs Dach zu sehen. Die Absperrung mit einem "Zutritt verboten" Schild ist eingetreten.

Kelly

Ich will Euch eine Geschichte erzählen. Eine, die Ihr noch nicht kennt.

Im Frühjahr 1988 wurde mein Vater beruflich nach Amerika versetzt. Ich war damals acht, mein Bruder sechs Jahre alt. Trotz der sprachlichen Barrieren waren wir als Deutsche für unser neues Umfeld wahnsinnig interessant und fanden sehr schnell Kinder, die mit uns spielen wollten. 

1988 war das Jahr des Wahlkampfes von George Bush senior. Und der Bundesstaat, in den wir wegen der beruflichen Situation meines Vaters einreisten, war Texas.

Als Kinder bekamen wir von der erzkonservativen, migranten- und fremdenfeindlichen Stimmung in Texas kaum etwas mit. Erst nach vielen Jahren kam mir im Rückblick manches merkwürdig und einiges falsch vor. So hatte ich eine Freundin, Albina, die stark ausgegrenzt wurde. Als ich sie zu meinem neunten Geburtstag einlud, soll meine Mutter entsetzt gefragt worden sein, wieso sie mich mit einem schwarzen Mädchen spielen lasse. Wir waren in den Südstaaten, und die Menschen hatten scheinbar nichts, aber auch gar nichts dazu gelernt.

Als privilegierte Weiße waren wir vor allem Anlass positiver Aufmerksamkeit. Aber viele unserer neuen Klassenkameraden wollten unsere Freundschaft eher wie ein verzogenes Kind ein neues Spielzeug wollte: Schnell wurden wir langweilig, und sie wandten sich wieder den alten Freunden zu – die, die nicht so fremd waren und die Sprache besser beherrschten. Durchaus eine natürliche Verhaltensweise, wie ich heute finde. Wir suchen unseresgleichen, weil es einfacher für uns ist.

Nicht so Kelly. Kelly umwarb mich seit meiner Ankunft und wollte aufrichtig mit mir befreundet sein. Allerdings stammte sie, wie ich heute weiß, aus einem Haushalt, den meine Eltern mit dem Attribut „bildungsfern“ beschreiben würden. Kellys Eltern waren einfache Menschen mit noch einfacheren Jobs, alle teilten sich ein kleines, ziemlich abgeranztes Bungalowchen, und meine Mutter sah mich damals wesentlich lieber mit anderen spielen als nun ausgerechnet mit diesem Mädchen. Aber etwas an Kelly imponierte mir. Vielleicht war es die Tatsache, dass sie schon am ersten Tag vollkommen ohne Scheu auf mich eingeredet hatte – ohne dass ich ein Wort englisch verstand. Meine ersten Vokabeln lernte ich von ihr. Vielleicht war es die so gar nicht gestellte Herzlichkeit in ihren kindlichen Gesten. Vielleicht auch ihre Beharrlichkeit, mit der sie mich umwarb. Außerdem war sie hübsch; etwas an ihr leuchtete.

Es hat Monate gedauert, bis meine Eltern erlaubten, dass ich bei Kelly übernachte. Und vermutlich gehörte für sie eine deutliche Überwindung dazu, die ich ihnen nicht krumm nehme. Wir sind alle Gefangene unserer Vorurteile.

In Kellys Haus ging es etwas rauher zu als ich erwartet hatte, aber dennoch freundlich. Die Mutter kam von ihrer Arbeitsstelle und orderte Pizza zum Begehen des „feierlichen Anlasses“ meines Besuchs, und ihre Tochter strahlte, als wäre Weihnachten.

Eine normal große Pizza wurde geliefert und unter fünf hungrigen Menschen aufgeteilt. Viel zu wenig für mich, ich war anderes gewohnt, begriff aber sofort, warum Kelly so dermaßen dünn war. Das – wurde mir bitter klar – war das Maximum, das sich diese Familie leisten konnte.

Als wir ins Bett mussten, weinte ich vor Hunger. Ich saß vor Kellys Bett, wollte nach Hause, war verzweifelt, und empfand heiße Scham darüber, dass es nicht jedem Menschen so ausnahmslos gut ging wie es bei uns selbst der Fall war. Kelly tröstete mich, erzählte mir aber auch, dass sie nicht an den Kühlschrank gehen durften. Ich verstand: Auch das Essen darin war rationiert. Dann kramte sie in einer gut verborgenen Kiste unter ihrem Bett und förderte einen zerdrückten Twinkie zutage – eine Art weiche Biskuitrolle mit Cremefüllung. Ein von irgendeinem Ereignis mal abgesparter Schatz, den sie mir mitleidig überreichte. Ich nahm ihn dankend an und verstand dennoch erst Jahre später die Größe ihrer Geste. Sie wollte, dass ich mich um jeden Preis bei ihr wohlfühlte, dass wir Freundinnen wurden, obwohl wir aus so unterschiedlichen Elternhäusern stammten. Sie gab mir das, was sie mir in dieser Situation geben konnte, ohne einen Moment zu zögern – obwohl sie doch selbst kaum etwas hatte.

Auch wenn wir nach diesem Abend, der mit Twinkie im Bauch noch witzig und schön wurde, keine engen Freundinnen wurden: was sie damals getan hat, habe ich nie vergessen. Es scheint mir heute so unglaublich viel mehr zu sein als das wenige, was aktuell von uns erwartet wird. Menschen kommen zu uns aus zerstörten Gebieten, haben Angehörige und Habe zurücklassen müssen und wenden sich an uns in der Hoffnung, dass sie hier vielleicht Frieden finden, und sei es nur kurze Zeit. Und obwohl wir weit davon entfernt sind, ihnen den abgesparten Twinkie geben zu müssen … Obwohl wir INSGESAMT ein so wahnsinnig reiches Land sind, ein Land, das nicht nur Menschen anderer Länder dringend BRAUCHT, sondern eines, das sich besser als die meisten anderen die Aufnahme dieser Menschen LEISTEN kann, tun einige Anwohner_innen so, als ob es ihnen mindestens an diesen einen Twinkie ginge, den sie noch besitzen. Wenn nicht an ihren Leib, ihr Haus und ihr Schnitzel. Das macht mich unendlich traurig und über die Maßen wütend. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Versagen, dem wir aktuell zusehen müssen. Obwohl diese Menschen eine ungeheure Chance darstellen, schaffen wir es nicht, eine Willkommenskultur zu etablieren (An dieser Stelle möchte ein Teil von mir gerne mit Schuldzuweisungen anfangen – in Richtung rechter Mob, sich ausschweigende Regierungsspitze und bestimmten Medien, die Brandstifter-Funktion übernommen haben. Aber das lasse ich zähneknirschend.)

Es sind auch heute, gerade jetzt in diesem Moment, Menschen in Deutschland bereit zu helfen, die kaum selbst genug haben. Sie räumen WG-Zimmer oder rücken mit ihren Kindern enger zusammen. Sie bekochen Flüchtlinge und treiben Nahrungsmittel auf. Sie spenden Wasser, Kleidung und Trost über Sprachbarrieren hinweg. Sie investieren ihre Zeit und ihr Können, um Kinderbetreuung, Übersetzen, Essenausgabe, Spendenverteilung zu gewährleisten. Sie geben ohne zu Zögern ihr aufgespartes Twinkie, um „Hier, nimm. Sei willkommen“ zu sagen.Dies, Leute.

Ich weiß nicht, was Kelly heute macht. Aber ich hoffe, dass sie sich das große Herz bewahrt hat. Mir hat sie gezeigt, dass es nicht darauf ankommt, wie viel man selbst helfen kann. Es kommt nur darauf an, dass man den Moment wahrnimmt. Ihr Opfer aus Kindersicht war so viel größer als alles, was wir zusammen tun müssten, um den Flüchtlingen jetzt und hier zu helfen.

Natürlich mache ich bei #BloggerfuerFluechtlinge mit. Wie könnte ich denn anders …? Für Kelly. :)

(Beitragsbild: Bei uns um die Ecke: Leerstehendes Haus mit „Zutritt verboten“- Absperrung auf der Treppe zum Dach. Im Hintergrund: Unser Quartier. Direkt dahinter: Tausende und Abertausende leerstehende Wohnungen auf dem alten Nato-Gelände, umgeben von hohen Stacheldrahtzäunen. Das ist Deutschland. Aber zum Glück gibt es auch Euch.)

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3 Gedanken zu „Kelly“

  1. Ganz lieben Dank für deine anrührende Geschichte!

    Etwas im Kern Vergleichbares habe ich sogar auf dem Lageso-Gelände erlebt, als ich dort Kleidung und Decken verteilt habe. Dabei fiel mir ein älterer Mann auf, der ganz allein sitzend an einem Baumstamm lehnte, auf dem nackten Boden. Auf Nachfrage, was er denn vielleicht so brauchen könnte, bat er nur um wenige Kleidungsstücke. Weil ich das schlecht ertragen konnte, ihn im niedergetrampelten Gras sitzen zu sehen, brachte ich ihm dann zusätzlich noch eine Decke mit. Stunden später hielt er mich auf dem Gelände an, um mir einen Bonbon in die Hand zu drücken – diese winzige Süßigkeit war alles, was er geben konnte. Ich kriege jetzt noch das Heulen, wenn ich daran denke. Zumal ich diese kleine kostbare Gabe wegen der katastrophalen hygienischen Bedingungen vor Ort noch nicht mal genießen durfte. So blieb mir nichts weiter, als mich strahlend zu bedanken und sie einzustecken …

  2. Danke. Danke für diesen sehr persönlichen Text. Der uns Lesern ansatzweise klar macht, was „Teilen“ wirklich bedeuten kann: Vom Letzten geben. Den Hunger vertreiben. Das Gefühl des „Willkommenseins“ vermitteln.

    Ich bin – wie Du – zutiefst betrübt darüber, wie viele Mit“menschen“ sich Urteile bilden. Ohne auch nur den Ansatz von Wissen zu haben. Ohne sich für die zu interessieren, die wirklich Hilfe brauchen. Aus der tiefen Angst heraus, etwas verlieren zu können, verpassen sie die Chance, auch etwas dazugewinnen zu können: Vielfalt, Offenheit, neue Impulse, engagierte Nachbarn und wertvolle Menschen.

    Dein Text ist der letzte Impuls, den es bei mir noch gebraucht hat. Ich werde mir zeitnah eine Möglichkeit suchen, wo ich aktiv zupacken kann. Bisher habe ich beobachtet, zugehört, zu verstehen versucht und mitgelitten. Doch ich habe noch nichts selbst aktiv getan. Ja auch ich habe Respekt vor dem Fremden. Doch ich sehe die Chancen darin für uns alle. Auch für mich selbst. Denn neue Sichtweisen, Wissen aus erster Hand und menschliche Kontakte haben noch niemandem geschadet. Und ja – bei #bloggerfuerfluechtlinge bin ich auch dabei.

    1. Liebe Bettina,

      vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich bin gespannt auf Deine Berichte, wenn Du etwas für Dich gefunden hast, bei dem Du helfen kannst und Dich wohlfühlst – denn ich glaube auch das ist wichtig: Sich damit wohl und nützlich zu fühlen. Ich finde es darüber hinaus sehr mutig von Dir und damit ein tolles Beispiel, dass Du Dir eingestehst, Respekt vor dem Fremden zu haben. Das ist, denke ich, für uns alle wichtig – nur so können wir am Ende wirklich helfen.

      Nochmal Danke!

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