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Juli Zehs „Unterleuten“. Beinahe eine Rezension

Hier ist der Titel des Buches "Unterleuten" von Juli Zeh zu sehen

Vor kurzem habe ich den Roman Unterleuten von Juli Zeh gelesen. Ein Zeitungsartikel der SZ hatte sich vor einigen Monaten mit Unterleuten befasst, und ich fand es total spannend, zu lesen, was Juli Zeh mit ihrem neuen Roman geschaffen hatte. Unterleuten ist nicht nur ein Roman, sondern mehr das Zentrum eines Gesamtkunstwerks – denn im Internet wird die Fiktion des Romans fortgeführt. So werden Orte, Vereine, sogar Bücher, auf die die Romanhandlung Bezug nimmt, zumindest im WWW real. Das ist für mich, weil ich selbst so lange an dieser Grenze von Internet und Literatur gearbeitet habe, natürlich extrem spannend. Was mich bei der Lektüre von Unterleuten fasziniert hat, war am Ende allerdings etwas anderes. Achtung, Spoiler!

Für mich ist Unterleuten eine Gesellschaftsstudie im Kleinen. Der winzige Ort gleichen Namens umfasst mehrere Generationen von Menschen, die alle irgendwie miteinander verwandt sind. Abgesehen von den wenigen Zugereisten, die im Ort trotz anderer Absichten immer nur kurz sesshaft werden. Sowohl der Konflikt zwischen den Generationen, als auch die Spannungen zwischen Dorfbewohnern und Städtern, als auch das ganz besondere Beziehungsgeflecht der Unterleutner unter einander wären eine eigene Betrachtung wert. Der wichtigste und für mich beeindruckendste Aspekt aber war die ständige Auflösung von Identitäten.

Die oft mühevolle Konstruktion und anschließende Auflösung von Identitäten ist nicht nur ein Problem der jüngeren Generation. Am Anfang scheint es so, als hätten zumindest die Identitäten der älteren Generation Bestand. Später und vor allem in Bezug auf den Basiskonflikt erkennt die Leserin aber, dass alle Identitäten fließend sind. Niemand weiß genau, wer er ist, und alle Ereignisse dekonstruieren fortwährend die Identität der Personen. Mehr noch: Identität scheint lediglich im Verbund zu existieren, also in der (variablen) Beziehung zu einander. Stark identitätsstiftend ist zum Beispiel die Freund-Feind-Beziehung. Sie hält verschiedene Personen der Geschichte lange aufrecht. Bis zum Schluss des Romans, an dem die Ebene der Fiktion durchbrochen wird und die vielen konstruierten und wieder aufgelösten Identitäten vom Roman zu uns in die Wirklichkeit hinüberschwappen – oder zumindest in die Welt des Cyberspace. Ein paar Beispiele:

[Ok, bis hierhin ging es noch. Jetzt spoilere ich aber wirklich. Ich verrate sogar Teile vom Ende, jawohl. Letzte Chance, mit dem Lesen aufzuhören. ]

Da wäre Kron als eine der zentralen Figuren. Krons Identität besteht fast nur aus Hass auf seinen Feind. In diesem Hass bleibt er als Figur stabiler als der Rest. Nachdem er feststellen muss, dass der Sieg über seinen Feind Gombrowski nicht den gewünschten Effekt hat – ihn also nicht glücklich machen wird – weiß er, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Sein Streben ist bedeutungslos geworden, seine Identität löst sich auf:

„Seit er aber wusste, dass er Gombrowski besiegen konnte, ohne dass es das Geringste bedeutete, sah die Sache anders aus. Wenn Unterleuten so verkommen war, dass es noch nicht mal zum Schauplatz für ausgleichende Gerechtigkeit taugte, dann zeichnete es sich nicht durch eine eigene, sondern durch die Abwesenheit jeder Moral aus. Dann war es den Boden nicht wert, auf dem es stand, und verdiente die Auslöschung, die schon im Gange war.“  (613)

Kron hat in seinem Hass alte Mitstreiter, mit denen er Gombrowskis angebliche oder tatsächliche Intrigen bespricht. Ihre Identität ist ausschließlich durch eine Loyalität bestimmt, die keiner von ihnen mehr erklären kann:

„[Kron] hatte sie ins Hinterzimmer des Landmanns bestellt, und sie waren vollzählig erschienen. So war es immer: Die Veteranen kamen, wenn er sie rief. Vielleicht um der guten alten Zeiten willen, die in Wahrheit weder gut noch alt, sondern einfach nur vorbei waren. Vielleicht weil sie einander lange genug kannten, um zu einer Familie geworden zu sein, in der man – wie in allen Familien – Dinge tat, ohne die Gründe zu kennen.“ (275)

Krons Antagonist, der alte Gombrowski, scheitert an seiner Identität. Er konstruierte sich seinen Lebenszweck und, damit verbunden, die einzige stabile Identität aus den Frauen seines Lebens und seiner jeweiligen Beziehung zu ihnen. Seine Ehefrau nimmt jahrzehntelang an, dass er sie mit einer anderen Frau betrügt, was allerdings nicht der Fall ist. Ihre Identität löst sich auf, als er ihr offenbart, dass ihre Annahme über ihn falsch ist. Sie sah sich selbst nur in Bezug auf ihn als betrogene, geschlagene, still leidende Ehefrau. Als sie ihren Irrtum bemerkt, fällt ihre Identität in sich zusammen. Allerdings setzt sie diesen Zerfall in eine direkte Handlung um. Sie ändert ihr Leben und verlässt alles bisher Identitätsstiftende:

„Eine Tatsache stand ihr so klar vor Augen, dass sie gar nicht darüber nachdenken musste: Es war zu Ende. Gombrowski hätte sie umbringen sollen. Er hätte sie beschimpfen können, ihr alle Knochen brechen […]. Er durfte ihr alles nehmen, nur nicht sein Verhältnis zu Hilde Kessler. Der Satz „Hilde war niemals meine Geliebte“ ließ Elenas Universum in sich zusammenfallen. Gestern und heute, Täter und Opfer, Schuld und Unschuld tauschten die Plätze. Jenseits dieses Satzes herrschte Sinnlosigkeit und freier Fall.“ (522)

Nachdem seine Ehefrau ihn zusammen mit der Hündin verlassen hat, kann Gombrowksi nur noch auf eine Art und Weise handeln. Sein vorgeschobener Lebenszweck hat sich nicht erfüllt. Er setzt seinem Leben ein Ende.

Georg, der Vogelschützer Unterleutens, wird aus der Perspektive seiner Frau im Laufe des ganzen Romans changierend geschildert:

„Sie kannte den Kneipen-Revolutionär mit Freude an Rotwein und Weltformeln. Sie kannte den fortschrittsmüden Melancholiker, der vor einem entkernten Altbau in Tränen ausbrechen konnte. Den Soziologiedozenten, der flammende Reden gegen die Realitätsferne der Luhmann’schen Theorie hielt. Seit Neuestem kannte sie auch den zufrieden vor sich hin werkelnden Heimgärtner, den engagierten Naturschützer und den Exil-Intellektuellen, der am Küchentisch über das völlig unerforschte Phänomen von Rousseau’schen Nischen im ländlichen Raum spekulierte und in der Lage war, Unterleuten als „anarchische Achselhöhle eines überregulierten Gesellschaftskörpers“ zu bezeichnen. Den Feldherren hingegen kannte sie noch nicht.“ (371)

Während ihr Mann aktiv verschiedene Rollen überstreift, ist Jule, Georgs Frau, vollkommen unbestimmt. Bis zuletzt weiß sie nicht, wer sie ist – oder wer sie sein könnte. Im Rückblick hält sie all ihre Identitäten für den jeweiligen Umständen geschuldet. Sie sind mehr passiv erduldet als aktiv angenommen. Während sie ihren Rucksack packt, um mit ihrer Tochter ihren Mann zu verlassen, wird ihr klar, dass es offenbar ganz leicht ist, die angenommene Identität wieder abzustreifen. Sie macht im Laufe des Romans die größte Wandlung durch. Sie ist junge Geliebte, dem Fatalismus und der Undeutlichkeit Entflohene, Aussteigerin, Mutter, politisch Engagierte, Getriebene, Enttäuschte. Sie verlässt einen Lebenstraum, der vermutlich doch nicht ihrer war, und baut sich eine neue Identität auf:

„Je mehr sich der Rucksack fühlte, desto selbstverständlicher schien das Packen. Plötzlich fühlte sich Jule wie ein Gast, der schon zu lange an einem Ort geblieben ist und dringend sehen muss, dass er weiterkommt. Sie fragte sich, ob sie vielleicht unter Schock stand. Konnte es wirklich sein, dass sich Mann und Haus so leicht abstreifen ließen?“ (576)

Unterleuten hat weitere Zugereiste. Auch Linda, eine junge Frau, will sich auf dem Land mit ihrem Freund eine Existenz aufbauen. Linda stülpt sich bereits sehr früh eine Identität über, an der sie hartnäckig festhält. Ihre Erkenntnisse hat sie aus einem Buch, das ihr Handeln bestimmt und dessen Terminologie in ihren Augen jeden ihrer Schritte rechtfertigt. Sie beeinflusst mit ihrem Handeln nicht nur die Beziehungen Unterleutens, sondern setzt auch ihren Freund großer Gefahr aus. Erst als dieser am Ende des Romans schwer verunglückt, stellt sie fest, dass sie an dem einmal gefassten Plan nicht festhalten kann:

„In der Gortz-Terminologie war sie ein „Mover“, also ein Mensch, der auf der Welt war, um sich und andere zu bewegen. Wie Gortz schrieb: „Wer sitzt, wird zurückgelassen. Nur wer läuft, hält mit.“ Oder: „Macht ist die Antwort auf die Frage, wer wen bewegt.“ Für eine Moverin war es schwer erträglich, in den Kissen einer Sitzgruppe zu versinken und darauf zu warten, dass ein Killjoy (ein Mensch aus der anderen Kategorie) seinen ersten Schachzug machte.“ (264)

Felix, Lindas Freund, verunglückt mit dem Auto schwer, als er sich auf dem Weg in eine neue Teilidentität befindet. Während er im Laufe des Romans vor allem reagiert hat, will er sich für die bis dahin stabile, aber für alle anderen gefährliche Identität von Linda opfern. Das misslingt.

Auch in vielen der weiteren Figuren ist der Auflösungsprozess der Identitäten zu sehen: Schaller, der sein Gedächtnis verliert, und seine Tochter Miriam, die verschiedene Identitäten wie Kostüme anzuprobieren scheint. Arne Seidel, der Bürgermeister, der vermittelnd zwischen den Menschen des Dorfes steht und wenige Eigeninteressen hat. Nach dem Tod seiner Frau stellte sich heraus, dass sie für die Stasi arbeitete. Seitdem weiß Arne kaum mehr, wer er war oder ist. Kathrin, Krons Tochter, die nach dem Versuch, Unterleuten zu verlassen, wegen ihres Vaters zurückkehrt, obwohl sie eigentlich lieber nicht für ihn sorgen würde. Ein wenig eigene Identität klingt bei ihr ganz zum Schluss des Romans an.

Aber scheitern müssen letztlich alle: Der von vorne herein in seiner Identität unbestimmte Felix, der zwischen den Welten wandelt und meistens nur für seine Lebenspartnerin handelt, die in ihrem Hass aufeinander festgefügten Gombrowski und Kron, Überbleibsel des alten Unterleutens, die ambitionierte junge Linda Franzen, die alle anderen Figuren zeitweise wie eine Puppenspielerin kontrolliert und dirigiert, der changierende Georg, die fließende Jule. Alle scheitern an ihren Konstruktionen von Identität und Scheinidentität, und für einige bleibt am Ende des Romans lediglich die Flucht aus Unterleuten. Sie scheitern aber nicht am Dorf selbst, sondern am Verlust des Eigenen im Beziehungsgeflecht, das sie erst am Ende verstehen. Das Scheitern jedoch wird dem Dorf an sich zugeschrieben:

„Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv.“ (Miriam Schaller) Oder: „Unterleuten ist ein Gefängnis“ (Kathrin Kron)

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Romankonstruktion, die Juli Zeh gewählt hat. Das Geschehen wird in wechselnder Perspektive erzählt. Der ständige Wechsel zwischen den Personen zeigt, dass es zwischen den Verwicklungen der Geschichte keine objektive Wahrheit gibt. Keiner der Akteure ist tatsächlich böse oder will den anderen etwas Schlechtes. Alles entsteht nur durch wechselnde Zuschreibungen.

Am Ende überschneiden sich die Ebenen der Fiktion durch die Wiedergabe eines Berichts, einer entsprechenden Recherche und der dadurch entstehenden Romanvorlage für das gerade Gelesene. Denn zum Schluss des Romans wird eine weitere Erzählperspektive eingeführt: Die der Journalistin Finkbeiner, die die Dorflegenden mit ihrer eigenen Recherche zum Teil widerlegt, zum Teil bestätigt. Es befinden sich damit nicht nur alle Identitäten in einem permanenten Auflösungsprozess, sondern auch die durch den Leser vorgenommene Objektivierung zwischen den Perspektiven der Figuren. Gerade haben wir gedacht, wir hätten zumindest einen brauchbaren Überblick. Schon grätscht die Recherche zwischen das mühsam Konstruierte und löst es auf.

Zurück bleibt – neben dem Gefühl, einen beeindruckenden Roman gelesen zu haben – eine gewisse Ratlosigkeit. Allerdings nur, bis Unterleuten vor den Augen der Leserin zur Metapher wird. Zu einer Studie der Gesellschaft unserer Zeit, in der wir mit einer vollständigen Auflösung der bisher gültigen Identitäten konfrontiert sind. Mehr denn je müssen wir selbst finden, wer wir sind und sein wollen – und befinden uns in einem ständigen Prozess von Konstruktion und Dekonstruktion. Vielleicht lässt sich in unserem Alltag aber ein Fehler der Unterleutner verhindern. Denn sie scheitern nicht an der Variabilität ihrer Identitäten. Die Figuren mit den fließendsten Identitäten sind die, die am Ende weiterleben. Sie scheitern eher am Festschreiben des Eigenen an ein Beziehungsgeflecht, an ihren Annahmen über die Menschen, zu denen sie sich in Relation sehen und definieren. Sie wiegen sich in Stabilität, bis sich ihre Annahmen als falsch herausstellen.

So ist der Roman auch eine Frage nach Identitäten und Identitätsstiftung, nach Kollektivität und Individualität, nach starren und flexiblen Beziehungen und Gemeinschaften.

  1. Jetzt wo ich den Roman gelesen habe, muss ich sagen, dass mich deine Betrachtung sehr beeindruckt. Zum Glück hatte ich damals diese Rezension im Trubel zwischen den Dingen nur überflogen und dann quasi vergessen. Sonst hätte mir der Roman nicht so viel Spass gemacht. Gerade der beschriebene Auflösungsprozess und die Abwesenheit von Gut und Böse haben mir sehr gut gefallen. Ich selbst bin auch in einem verschrobenen Dorf aufgewachsen und entsprechend lebendig waren meine Bilder beim Lesen. Der Roman war ein richtiges Vergnügen. Genauso wie deine Rezension!

    • Danke für Deinen Kommentar, und für das Lob! *freu*
      Was mich noch interessieren würde: Gibt es Typen, die Du wieder erkannt hast? So aus dem Dorfleben? Ich hab da lange drüber nachgedacht …

      • Also aus meiner Sicht waren die Figuren im Grundsatz nicht überzeichnet. Und auch die Problematiken sind nicht aus der Luft gegriffen. Ich konnte diese Dinge fast durchgängig mit erlebten Ereignissen und bekannten Personen verknüpfen. Nur die Stereotypen waren vielleicht ein bisschen zu konzeptionell, das verstreut sich in der Realität besser. Und manche Aspekte wie das Tauschgeschäft sind vielleicht ost-spezifisch (weiß nicht). Allerdings bin ich auch in einem landwirtschaftlichen Umfeld aufgewachsen bin (meine Familie gehört also nicht zu den „Zugezogenen“). Aus all diesen Gründen heraus war mir der Roman eine große Freude. Wenn ich mir die Netzdiskussionen so anschaue, zum Beispiel über Datenschutz oder Feminismus, denke ich oft, mein lieber Mann, wie weit das weg ist, vom Alltag der Menschen ein, zwei Generationen vor mir, im ländlichen Umfeld.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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