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Internet und Gesellschaft

Je suis Charlie – je ne suis pas Charlie

Ein Beitrag zu einer Stellvertreterdebatte – oder zu einer der wichtigsten Debatten überhaupt, je nach Blickwinkel.

Dass ich schockiert und fassungslos über die Nachrichten aus Paris bin, brauche ich vermutlich nicht mehr extra zu erwähnen. Dafür möchte ich ein paar Sätze zu den Diskussionen schreiben, die rund um das Mem „Je suis Charlie“ und die damit verbundenen Solidaritätsbekundungen entstanden sind. Überall, vor allem in Europa, tauschten die Menschen ihre Profilbilder in das schwarz-weiße Logo „Je suis Charlie“.

Das Bild wurde, hundertfach ausgedruckt, vor die französischen Botschaften verschiedener Großstädte gelegt. Ich gehöre ebenfalls zu den Profilbild-Wechslern.

So bin ich in den letzten zwei Tagen gefragt worden, warum ich mich mit einer rassistischen Zeitung solidarisiere und damit die islamophoben Strömungen Europas unterstütze. Ich wurde darauf hingewiesen, dass es in Anbetracht der über 3000 ermordeten Menschen in Nigeria schlicht unmoralisch sei, den Redakteuren einer Satirezeitschrift so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Es wurde kritisiert, dass die Pressefreiheit in Europa sicherlich nicht verteidigt werden müsse. Und wenn sie verteidigt werden müsse, dann aber bestimmt nicht über das Wechseln eines Avatars oder Profilbildes. Und ich wurde gefragt, ob ich mir denn tatsächlich anmaßen möchte, mich mit von Terroristen ermordeten Journalisten gleichzustellen.

Ich halte es für wichtig und richtig, dass alle diese Punkte diskutiert werden. Zum Beispiel, ob Charlie Hebdo eine rassistische Zeitschrift ist, und was die Grenzen von Satire sind – so es sie denn gibt. Es ist wichtig, seinen eigenen moralischen Kompass einer Prüfung zu unterziehen und sich zu fragen, warum man von etwas betroffen ist, und andere furchtbare Ereignisse in der Welt einem nicht so nahe gehen. Es ist auch sicherlich gut, über den Sinn und Unsinn von Klicktivismus, von Solidaritätsaktionen und Internetmemen zu sprechen. Dabei sollte aber eines nicht vergessen werden:

Schwarz-weiß, richtig-falsch, angemessen-nicht angemessen – so einfach ist es leider nicht. Denn es gibt keinen objektiven Maßstab, nach dem sich das alles richtet. Es gibt nicht das schlimmere und das weniger schlimme Verbrechen, oder das vollkommen unnütze und das tolle Engagement. So wenig, wie es eine objektive Grenze bei politischer Satire gibt.

JE NE SUIS PAS CHARLIE
Avatar-Wechsel hin oder her, natürlich bin ich nicht Charlie. Nele Tabler, die gestern unter massiven Druck geriet und ihren Text leider offline genommen hat, schrieb sinngemäß: „Ich bin nicht Charlie. Ich wäre nie mutig genug, weiter zu schreiben, wenn ich bedroht würde.“ Das kann ich nur unterschreiben. Ich habe drei Kinder. Und ich bin um einiges feiger als die Redakteure dieser Zeitung, die bereits seit Monaten nur noch unter Polizeischutz arbeiten konnten. Auch bin ich nicht Charlie Hebdo, in keinem Fall. Die Karikaturen der Zeitschrift stießen mir auf, ich fand sie geschmacklos, den Stil zum Teil ekelhaft. Und wäre ich heute Chefredakteurin irgend einer deutschen Zeitschrift, ich hätte wohl kaum die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Aus Anstand, Feigheit, und einigen anderen Gründen. Dennoch finde ich es absolut richtig, dass Zeitungen genau dies getan haben. Ein Widerspruch? Nein, ich denke nicht.

Ich bin auch nicht Charlie, wenn das bedeutet, einer Bewegung Vorschub zu leisten, die ich aufs tiefste kritisiere. Eine Religion unter Generalverdacht zu stellen ist falsch. Vor allem, wenn das aus einer anderen religiösen Überzeugung heraus geschieht. Aber die meisten Menschen, die in diesen Tagen „Charlie“ waren, tun das auch nicht. Denn eine Solidaritätsbezeugung für die Redakteure mitzumachen bedeutet nicht automatisch, dass man die Muslime dieser Welt in der Verantwortung für eine Tragödie sieht, an der weder sie als Personen noch ihr Glaube an sich Schuld sind.
Meike schreibt in ihrem lesenswerten Artikel sinngemäß: „Ich bin nicht Charlie, denn ich bin nicht tot.“ Auch das ist ein Unterschied zwischen Charlie und uns, denn wir leben noch, und wir schreiben noch. Und unser Leben ist deswegen nicht bedroht.

JE SUIS CHARLIE
Und dennoch bin ich Charlie. Ein Internetmem entsteht spontan. Es wird aufgegriffen, wenn sich genügend Menschen damit identifizieren können. Es ist definitorisch offen, was leider bedeutet, dass es auch von Menschen verwendet wird, mit denen man vielleicht nicht unbedingt einer Meinung sein möchte. Und das dennoch die Gemeinsamkeiten betont.
Meme werden als „kleinste kulturelle Einheit“ bezeichnet, und genau das ist „Je suis Charlie“. Ein winziges Puzzleteilchen, das vielen Menschen aus unterschiedlichsten Gründen in diesem Moment etwas gesagt hat. Eine Möglichkeit, seinen Protest auszudrücken, und dabei seine Solidarität und seine Fassungslosigkeit zu visualisieren. Nichts Ausschließendes, das behaupten will: „Ich bin dieser, und damit bin ich NICHT jener.“ „Je suis Charlie“ will sagen: Ich bin der nächste Kopf der Hydra. Wenn Du den ersten abschlägst, entstehen zwei neue.

Das Übernehmen dieses Mems heißt nur, ein klein wenig Mut für sich beanspruchen zu wollen. Eine gemeinsame Richtung aufzuzeigen. Die Menschen daran zu erinnern, dass wir alle eine solche Tat ablehnen und schockiert von ihr sind. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine zutiefst emotionale und menschliche Reaktion. Die kritisiert werden kann, darf und soll. Wenn sie dabei nicht abgewertet oder in eine falsche Ecke gestellt wird.

Die Welt ist komplexer denn je. Und das ist ihre derzeit einzige Stärke.

In diesem Sinne: Lebt, Liebt, Lacht, Provoziert. Seid emotional, seid laut und diskutiert. Aber habt keine Angst. Schon gar nicht vor anderer Menschen Meinungen.

 

(Anmerkung zum Bild: Ganz ehrlich, das Beitragsbild habe ich bei der Daily News geklaut. Man möge es mir nachsehen, im Sinne des Erfinders.)

  1. Anita

    Ich sitze immer noch oft sprachlos oder heulend vor dem Computer oder diskutiere mit den Nachrichtensendungen.

    Auch gestern Abend, als das vermeintliche „Ende“ dieses Vorfalls bekannt wurde.

    Für mein Empfinden drückten die Worte „Je suis Charlie“ aus, dass man gegen den Terror zusammenhalten will. Nicht mehr und nicht weniger.

    Und hoffentlich auf der Straße, im Supermarkt, der Schule und im Gespräch sich dafür einsetzt, dass nicht im Größeren Verallgemeinert wird.

    Für mich beeinhaltet „Je suis Charlie“, den Aufruf zu etwas Mut im Alltag.

    Ja, die Karrikaturen waren oftmals mehr als grenzwertig und haben viele Grenzen überschritten. Aber haben wir uns denn wirklich mit den Karrikaturen beschäftigt? Mit der Aussage, die in vielen Fällen dahinter steht? So musste ich durchaus lachen, über die Karrikaturen, die über die Kath. Kirche gemacht wurden. Aber da bin ich „im Thema“, habe mich mit der Kath. Kirche beschäftigt und bin in der Lage Hintergründe zusammenzuführen. Und dann kann ich relativieren.

    Geschmackvoll waren diese Bilder oft nicht.
    Aber sie hatten eine Aussage.

    Wie gesagt, „Je suis Charlie“ beeinhaltet die Aussage,

    seit mutig, setzt Euch ein, haltet nicht still

    in Eurem Umfeld, nach Eurem Vermögen und Hintergrund. Das Wort, geschrieben oder gesprochen, hat Gewicht.

  2. Deborah

    Voltaire : « Je ne suis pas d’accord avec ce que vous dites, mais je me battrai pour que vous ayez le droit de le dire. »

    Wie du vielleicht gesehen hast, habe auch ich mein facebook-Profilbild geändert. Natürlich bin auch ich nicht Charlie und der Inhalt oder den Umgang mit politischen Themen des Satiremagazins Charlie Hebdo empfinde ich als Grenzverletzungen.

    Jeder Mensch muss das absolute Recht haben, zu sagen, zu singen, zu schreiben oder zu zeichnen was er denkt. Gilt dies uneingeschränkt? Ja! Gilt dies auch für fanatische Hetzer? Ja! Denn die Rechtsstaatlichkeit gibt uns allen die Möglichkeit diejenigen die schreiben, zeichnen, singen mit den Mitteln der Rechtsstaatlichkeit für ihre Äusserungen zur Verantwortung zu ziehen. Dies ist ja auch mehrfach geschen, gegen Charlie Hebdo wurden viele Gerichtsprozesse geführt.

    Im Anschluss an das absolute Recht auf freie Meinungsäusserung muss die absolute Eigenverantwortung desjenigen stehen, der gesprochen hat.

    Deshalb habe ich mich schwer damit getan #jesuisCharlie zu posten. Aber ich stehe dahinter, es in Verbindung mit dem Denkansatz zu posten; jeder darf sagen, was er möchte – ich muss lernen Andersartigkeit und differenzierte Gedanken zu ertragen. Ich muss es schlussendlich aber nicht unkommentiert stehen lassen. Wer erzürnt ist, hat die moralische Pflicht in eine Diskussion einzusteigen.

    • Hey! Danke für Deinen Kommentar.
      Das Zögern beim Posten des Mems hatte ich auch. Ich hab es mir lange überlegt und dann für mich in den Kontext gestellt, den Du auch beschreibst. Eine krasse Entwicklung finde ich dabei, dass der Voltaire zugeschriebene Satz momentan so – man kann ja fast schon sagen – missbraucht wird. Denn eigentlich drückt er in aller Kürze das aus, was Pressefreiheit im Kern bedeutet. Aber das ist wohl, wie das Instrumentalisieren dieses Anschlags, auch etwas, das wir aushalten müssen.

      Was mir an Deinem wunderbaren Kommentar am besten gefällt, ist aber der letzte Satz: „Wer erzürnt ist, hat die moralische Pflicht, in eine Diskussion einzusteigen“. Ja. Dies. Punkt. 🙂

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Es gibt so vieles was mich an der Reaktion mancher Menschen stört. Du hast das meiste davon auf den Punkt gebracht.

  4. Mal wieder grosse Klasse, alles auf den Punkt gebracht, was mir so durch den Kopf geflutscht ist in den letzen Tagen. Danke!

  5. Danke. Treffend ausgedrückt. Für mehr ist offenbar zurzeit nicht die Zeit und das ist nicht bös gemeint.

  6. Danke für den ausgewogenen Beitrag, ich habe in der letzten Woche viele einseitige Darstellungen davon gesehen und selbst ansonsten bis auf ein paar Retweets die Klappe gehalten.

    Ich hatte eher ein schlechtes Gewissen, weil bei mir das Entsetzen nicht so recht einsetzen wollten. Vielleicht, weil ich dank ständiger Gräueltaten überall auf der Welt inzwischen abgestumpft bin, weil es mich nicht mehr überrascht oder weil das weiterspinnende Hirn schnell bei einem resignierten „Noch mehr Futter für Anti-Islam-Spinner und Überwachungsbefürworter“ war.

    Und dann diese ganze Debatte, die in Political-Correctness-Bashing einerseits und Kritik von Anteilnahme andererseits ausartet.

    Es ist alles sehr traurig und lässt mich bestenfalls verbittert zurück.

  7. BasementBoi (@TheBasementBoy)

    „Es gibt nicht das schlimmere und das weniger schlimme Verbrechen..“

    Aha, dann brauchen wir auch keine Gerichte und Richter mehr, die die Schwere eines Verbrechens festellen.
    Wir behandeln dann z.B. einen Mörder einfach wie einen Kaugummidieb, oder umgekehrt
    Das spart viel Arbeit…

    • Na, sieh mal an, wer wieder da ist. 🙂 Du liest meinen Blog auch nur bei ungewöhnlich hoher Reichweite eines Beitrags, oder?

      Es ging, wie Du natürlich selbst weißt, nicht darum, hier juristische Strafkataloge zu diskutieren. Sondern darum, dass bei jedem terroristischen Anschlag Menschen sterben. Die Schrecklichkeit verschiedener terroristischer Akte an der Opferzahl festzumachen, ist sowohl zynisch als auch unehrlich. Denn wenn z.B. Deine Partnerin, die Schwester, der Vater bei einem Anschlag sterben, ist es Dir mit großer Sicherheit vollkommen egal, wie viele Menschen es dabei noch getroffen hat.

      Wenn Dir der Tod von Menschen, die Dir unbekannt sind, etwas bedeutet, dann meistens, weil er Dir etwas sagt. Du kannst Dich mit irgend einem Aspekt identifizieren. Das heißt nicht, dass die Identifikation von anderen mit anderen Toten weniger wert ist.

    • Anita

      Der Mord an Menschen ist immer gleich schrecklich, tragisch, unnötig und unbedingt gleich zu wichten.

      Punkt!

  8. Behan

    Mir scheint, viele haben gar nicht verstanden, worum es geht – weder beim Anschlag noch bei den „Je suis Charlie“ Reaktionen darauf. Die Anzahl der Toten ist weitgehend irrelevant, ebenso die Frage, ob einem persönlich die Karikaturen gefallen haben oder nicht oder wie weit Satire gehen darf. Es geht auch nicht darum, ob man selbst den Mut hätte wie die ermordeten Redakteure oder irgendeine Gruppe unter Generalverdacht zu stellen.
    Es geht um die Idee und den Symbolcharakter der Tat und der Reaktionen. Hier wurde versucht, das freie Denken und das freie Wort zu töten. Gedankenfreiheit und die Freiheit, diese Gedanken zu äußern, sind fundamental und allen anderen Menschenrechten vorrangig – nicht im wertenden Sinne, sondern funktional. Auf diese Idee wurde ein Mordanschlag verübt. Fanatiker gleich welcher Herkunft mögen keine freien Gedanken und keine freie Kommunikation (und Humor haben die gleich gar nicht). Ein Anschlag auf diese Freiheit in der Stadt, in der die Menschenrechte erklärt wurden, hat eine enorme Sprengkraft. Einem großen Teil der 3 Millionen Franzosen, die gestern auf die Straße gingen, war dies wohl bewusst. Und sie haben demonstriert: Wir lassen und das Denken und das Aussprechen von Gedanken nicht verbieten – auch wenn es mal unter die Gürtellinie geht. Dafür steht das „Je suis Charlie“. Und daran ist überhaupt nichts komplex oder verwirrend.
    Menschen, die darin lediglich die Verteidigung einer angeblich rassistischen und islamophoben Zeitschrift sehen oder meinen, in Nigeria seien viel mehr gestorben und deshalb dürfe man sich nicht derart engagieren, haben nichts davon verstanden. Aber hey: sie dürfen ihre Meinung ruhig äußeren. Soviel Freiheit muss sein.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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