juna im netz

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Frauen und Frauenbilder, In eigener Sache, Kinder, Minenfelder, Wege zur Selbstständigkeit

Frauen, Mütter, (berufliche) Alternativen

Hier ist ein Bild von einem Baugerüst um ein Haus zu sehen. Auf einer der Bretter auf dem Gerüst steht "no Problems".

Vor kurzem sprach ich mit einer lieben Bekannten über Erziehungszeit und Berufstätigkeit. Und darüber, wie das eigentlich so war, damals mit 25, als wir noch ganz anders über das Thema „berufstätige Mütter“ dachten.

Auf einer Weiterbildung in Stuttgart im Februar diesen Jahres hörte ich einer beeindruckenden Frau zu. Es ging um Körpersprache, Auftreten, um männliches und um weibliches Erfolgreich-Sein. Zu Beginn erklärte die Referentin uns die „Phasen“, die eine Frau in ihrem Berufsleben durchmacht. In den Zwanzigern, erzählte sie, glaubten viele Studentinnen und Berufsanfängerinnen noch daran, dass in Deutschland keine strukturelle Ungleichheit existiere. Sie nannte das die „herrliche Phase der ersten Jahre“. In den Dreißigern erlebten die meisten Frauen, dass Benachteiligung und Diskriminierung alltäglich seien. Benachteiligung bedeutet unter anderem: Trotz gleicher Arbeit befördert der Arbeitgeber vor allem Männer, Weiterbildung für Frauen gilt als „herausgeschmissenes Geld“, und das Gehalt vieler Frauen liegt unter dem Gehalt der männlichen Kollegen. In Einstellungsgesprächen werden Frauen nach ihrem Kinderwunsch gefragt, obwohl das rechtlich nicht erlaubt ist. Frauen und Mütter werden nur zögernd eingestellt, wegen der zu erwartenden Fehlzeiten. Zudem müssen sie nach der Rückkehr aus der Elternzeit häufig Einbußen hinnehmen. Dennoch, so die Referentin, gäben sich viele Frauen selbst die Schuld an den Umständen. Und glaubten, es läge vor allem an ihren persönlichen Entscheidungen. In den Vierzigern erst käme den meisten Frauen der Gedanke, dass sie verarscht würden. Und damit ein Punkt, an dem Feminismus plötzlich gar nicht mehr so uncool wirke.

Plötzlich scheint Feminismus gar nicht mehr so uncool.

Bei mir und vielen anderen Teilnehmerinnen traf die Referentin einen Nerv. Als ich mit meiner ersten Tochter schwanger wurde, dachte ich noch: „Mir passiert das alles nicht“. Ich war sicher, die Frauen um mich herum waren einfach nicht gut genug, nicht engagiert genug, und insgesamt selbst Schuld an ihrer beruflichen Situation. Ich war im Magister, und meine männlichen Betreuer unterstützten mich schwanger noch vehementer als vorher. Als ich meinen Abschluss machte, war ich gerade 25 und verließ die Uni mit zwei Angeboten zur Promotion. Vier Wochen nach meiner letzten Prüfung wurde ich Mutter.

Die Unbeschwertheit der Phase 1

Durch den Beruf meines Mannes waren wir in den kommenden Jahren abgesichert, wenn auch knapp bei Kasse. Das Kind brüllte den gesamten Tag und machte in den Monaten nach der Geburt jeden klaren Gedanken unmöglich. Als ich nach dem ersten Geburtstag meiner Tochter tatsächlich in Freiburg die Promotion begann, schrie sie jede potentielle Betreuerin zusammen. Mir brach das Herz – und sie blieb zuhause bei mir. Ich unterrichtete in kleinem Rahmen, immer am Abend, engagierte mich ehrenamtlich, schmiss zweimal unser komplettes Leben um und schaffte es irgendwie, dennoch an der Promotion festzuhalten.

In den Endzügen meiner Dissertation suchte ich eine Stelle und beschwerte mich: Über den Arbeitsmarkt, die überschaubaren Angebote, die schlechte Bezahlung. Eine Freundin sagte beim gemeinsamen Essen zu mir: „Ich verstehe nicht, wie Du Dich beschweren kannst. DU hast Dich doch für Kinder entschieden!“ Ich sollte viel später begreifen: Sie war in Phase 1, ich war ohne es zu merken in Phase 2 gerutscht.

Drei Jahre nach diesem Gespräch sitze ich mit meiner Bekannten in der Sonne. Beide sind wir – trotz oder vielleicht gerade wegen der Kinder – mittlerweile auf unserem Weg. Beide glauben wir immer noch daran, dass wir nicht nur „irgendetwas arbeiten“, sondern uns in einem bescheidenen Rahmen selbst verwirklichen werden. Beide fühlen wir uns dennoch benachteiligt. Auf die vierzig zugehend, finanziell abhängig vom Partner, (fast) ohne Rentenansprüche. Ich erzähle ihr von einer noch ganz frischen Diskussion mit dem Gatten und meinen Eltern. Wir diskutierten über die Benachteiligung, die Frauen und Mütter im Berufsleben erfahren. Ich brachte Beispiele, erklärte Statistiken, Zusammenhänge, erzählte von den persönlichen Erfahrungen aus meinem Netzwerk. Mein Mann entgegnete, meine Situation sei doch nur eine Folge unserer gemeinsamen Entscheidungen. Dass seine Arbeitskolleginnen einfach weiter gearbeitet hätten. Dass sie heute ein gutes Einkommen haben. Und was ich eigentlich erwarten würde, von der Gesellschaft, vom Arbeitsmarkt. Ich war sprachlos. Wie meine Freundin vor drei Jahren erklärte er mir, die Entscheidung für Kinder rechtfertige massive berufliche Einbußen.

Das Trauerspiel der Phase 2

„Warst Du nicht all die Jahre dabei?“ fragte ich ihn ziemlich bestürzt. „Standest Du nicht neben mir, hast all das miterlebt, weißt genau, wovon ich spreche?“ „Was stellst Du Dir vor?“ fragte er mich. „Hättest Du als 34-jährige Berufseinsteigerin erwartet, die gleichen Positionen, das gleiche Gehalt, die gleichen Möglichkeiten zu bekommen wie jemand, der keine Kinder erzogen hat?“

Nein, erwartet hatte ich das nicht. Aber wenn ich nur einen Augenblick länger darüber nachdenke, frage ich mich: Warum eigentlich? Ist eine Promotion mit Lehrtätigkeit keine Berufserfahrung? Soll ich es gerecht finden, dass mir wegen meiner Kinder vor allem 450.- Euro-Jobs angeboten wurden? Und was ist mit den anderen Frauen, die zum Beispiel nach kurzer Elternzeit in ihren Beruf zurückkehren, und andere Aufgaben bei geringerem Gehalt zugeteilt bekommen? Was ist mit den Müttern, die aus ihren Betrieben herausgemobbt werden? Was ist mit den Frauen, die keinen eigenen Kinderwunsch haben, und dennoch strukturelle Benachteiligung erfahren? Und was ist mit den Alleinerziehenden, deren Arbeitszeiten an die Betreuung der Kitas angepasst werden müssten, deren Arbeitgeber sich aber querstellt?

Ich habe vieles NICHT erwartet, was ich heute als Wirklichkeit wahrnehme. Heute allerdings erwarte ich etwas.

Ich erwarte, dass mein Umfeld, meine Familie und mein Partner diese gesellschaftliche Ungerechtigkeit zur Kenntnis nehmen.

Alternativen

Vor ein paar Monaten schrieb Pia Ziefle etwas Lesenswertes zum Thema. Sie fragte sich, weshalb sich die Gesellschaft mit der Anerkennung von Erziehungsleistungen so schwer tut. Wieso Frauen, die berufliche Erfolge haben wollen, auf Kinderbetreuung, Netzwerk und Großeltern angewiesen sind. Damit es nahtlos weitergehen kann in der Karriereplanung, ohne störende Unterbrechungen wie Babypausen. Wieso wir die Eltern nicht einfach eine Weile Eltern sein lassen können. Eine gute Frage, finde ich.

Statt einfach Mutter zu sein habe ich in meiner eigentlichen Erziehungszeit geschrieben, Vorträge gehalten, Weiterbildungen besucht, ein Stipendium beantragt und erhalten, veröffentlicht, gelehrt und eine ganze Reihe weiterer Dinge gemacht. Gebloggt zum Beispiel. Daneben habe ich organisiert, gewickelt, Termine wahrgenommen, Tränen getrocknet, Pausenbrote geschmiert, die Nächte durchwacht, in Notaufnahmen gesessen. Nichts davon sieht die Gesellschaft als Leistung. Nichts davon führte zu angemessen bezahlten Arbeitsangeboten. Ist da der Gedanke, dass das alles ganz schön unfair ist, wirklich so eigenartig?

Meine Bekannte und ich arbeiten an unserem beruflichen Weg. Und wir sind beide mit unserer persönlichen Entwicklung heute glücklich. Ich denke, in einigen Jahren werden wir vielleicht da sein, wo wir beide hinwollen. Besonders viel Hilfe von der Gesellschaft, berufliche Möglichkeiten in der Wirtschaft oder freundliches Verständnis von jüngeren Freundinnen aber hatten wir beide dabei nicht. Als ich das konstatiere, füge ich lachend hinzu:

„Und dann wundern sich die Männer in unserem Leben, wieso die Alte schon wieder so Scheiße drauf ist, oder?“

Hallo, Phase 3!

Bald sind wir in Phase 3. Dann wählen wir vielleicht Parteien, weil sie eine Frauenquote durchsetzen wollen. Engagieren uns in einem Unternehmen oder ehrenamtlich in Gleichstellungsfragen. Und nehmen uns unsere jüngeren Freundinnen zur Seite, auf ein Wort oder zwei. Wird es etwas bringen? Vermutlich nicht. Aber eine Alternative sehe ich auch nicht.

 

(Beitragsbild: „No Problems / Under Construction“. Wäre das nicht schön?

Dieser Beitrag kann als deutlich verspäteter Post zur Blogparade über Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesehen werden. Da wollte ich nämlich schon im letzten Jahr mitmachen.)

  1. Danke für den tollen Text.

  2. Ich verstehe die Argumentation rein kognitiv, bin allerdings etwas anderer Meinung. Ich denke, dass Erwerbsarbeit nichts mit Erziehungsarbeit zu tun hat, auch nicht in verwandten Berufen wie etwa der ErzieherInnen. Familienarbeit mache ich aus Liebe, Erwerbsarbeit wegen des Geldes.

    Die Lösung ist meines Erachtens, dass nicht nur Frauen im Beruf kürzer treten, sondern die Männer genauso Stunden reduzieren, Elternzeit nehmen und auf Abendtermine verzichten (müssen). Erst wenn Männer und Frauen das Risiko für das Erwerbsleben gleichermaßen tragen, werden sie vom Arbeitsmarkt gleich behandelt werden. Es darf nicht um „Mütter“ gehen, es muss um „Eltern“ gehen.

    Netter Nebeneffekt, den ich als sehr wahrscheinlich erachte: sobald Männer Erziehungsleistung erbringen, wird sie gesellschaftlich – zack! – sofort höher bewertet werden.

    • Michael

      Ich stimme dem Einwand fast zu, sehe aber das Problem eher bei den Arbeitgebern, die Arbeitskraft haben wollen die funktioniert. Dass das alles Menschen sind, mit individuellen Problemen und Grenzen wird schlichtweg ignoriert. Es muss in der Wirtschaft generell wieder mehr um Menschen gehen und nicht nur um Profit.
      Dass Männer mehr in die Erziehung gehen wäre wünschenswert, könnte allerdings beim derzeitigen Druck auf dem Arbeitsmarkt auch zur Folge haben, dass sich wieder mehr Paare gegen Kinder entscheiden, weil sie damit besser gestellt sind. Da muss sicher an verschiedenen Schrauben gedreht werden, als erstes aber in der Einstellung zu Menschen, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen.

      • Lothar

        Hier noch mehr Druck auf die Arbeitgeber zu machen, wäre kontraproduktiv. Dann werden noch weniger Frauen eingestellt.

        • Das kommt ganz auf den Druck an. Wie die Jongleurin oben beschrieb: Es wäre eine große gesellschaftliche Veränderung, wenn noch viel mehr Männer ihre Elternzeit wahrnehmen, und das Elternsein auch im Beruf sichtbar machen. Es gäbe zudem mehr Notfallbetreuer*innen in Unternehmen und Vertrauensarbeitszeiten mit Home Office, wenn Eltern ihre Kinder einfach mit auf die Arbeit nähmen. Macht das eine einzelne, verzweifelte Mutter, ist das sehr kontraproduktiv. Machen das plötzlich alle Eltern, verändern sich Wahrnehmung, Strukturen und auch Arbeitgeber.

          Worin ich Dir aber unbedingt Recht geben möchte: Oft führt gesetzlicher Druck zu noch mehr Ungerechtigkeit. Vor einiger Zeit sollte durchgesetzt werden, dass Frauen für ihre Menstruation einige zusätzliche „geplante“ Krankentage im Jahr bekommen. Für mich als Leiterin eines Unternehmens wäre das ein triftiger Grund, keine Frauen einzustellen. Viele gesetzliche Ideen führen also am Ziel vorbei. Darüber diskutieren sollte man dennoch, denn häufig reicht das stärkere Bewusstsein für die Situation, damit sich tatsächlich etwas ändert. In den Köpfen, und dann in den Strukturen.

          • „Es wäre eine große gesellschaftliche Veränderung, wenn noch viel mehr Männer ihre Elternzeit wahrnehmen, und das Elternsein auch im Beruf sichtbar machen.“

            Hattest du nicht oben geschrieben: „Durch den Beruf meines Mannes waren wir in den kommenden Jahren abgesichert, wenn auch knapp bei Kasse. “ – ?

            So wie du deinen Berufsweg beschreibst, hätte das umgekehrt doch nicht funktionieren können, oder sehe ich das falsch?
            Und was genau meinst du: sollen Väter anstatt der Mütter die lange Elternzeit nehmen, statt nur die zwei Monate?

          • Ich glaube, Du vermischst gerade eine Antwort (mit einem indirekten Zitat aus einem der Kommentare hier) mit meinem persönlichen Weg. Für mich selbst ist der Zug ja abgefahren. 😀 Aber wenn immer mehr Männer ihre Rechte geltend machen, lange Erziehungszeiten nehmen, sich selbstverständlich um kranke Kinder kümmern oder auch mal ein Kind mit ins Büro nehmen … ja, wenn sie nur darauf bestehen würden, dass Meetings VOR der Abholzeit der Kinder stattfinden können … dann würde sich auch die Haltung gegenüber den Müttern ändern. Denn dann gäbe es für Arbeitgeber keine gefühlt triftigen Gründe mehr, Mütter nicht einzustellen, oder Frauen im gebärfähigen Alter zu benachteiligen. Unabhängig von ihrem Kinderwunsch.

            Ich gehe jetzt einen anderen Weg. Aber ich habe mich all die Jahre aus meiner Erziehungszeit heraus trotz der angefangenen Promotion immer wieder beworben. Ich habe also gewisse Erfahrungswerte in der Ablehnung. 🙂

  3. Melanie Zwerg

    Liebe Jongleurin,

    natürlich leisten wir die Familienarbeit aus Liebe, aber es wäre halt sehr schön, wenn dies anerkannt würde. Schliesslich „machen“ wir ein Mitglied der Gesellschaft der Zukunft. Die Wahrnehmung, dass viele Strukturen vorhanden sind, die den Müttern das Leben mit Kindern so steinig machen, ist ja nicht verkehrt. Da über 60 % der Familienarbeit von Frauen geleistet wird, ist es auch gerechtfertigt, die Situation eher aus weiblicher Sicht zu sehen. Deinem letzten Absatz stimme ich daher absolut zu, is‘ scho‘ geil, wenn ein Vater mal 3 Tage daheim bleibt, weil die Tochter Scharlach hat, ist Superman, ’sglatschtglei! Wir brachen wohl alle „Entschleunigung“.

  4. Erst mal Danke für diesen Blogartikel. Auch wenn ich als Teil der „privilegierten Kaste“ mich schäme, dass wir dieses Ungleichgewicht haben.

    Ich möchte aber auch der Jongleurin widersprechen. Ja, es ist natürlich eine unterschiedliche Motivation, ob ich was aus Liebe oder wegen des Geldes tue. Aber, wenn man mal eine bestimmte Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide erklommen hat und dann versucht, sich selbst zu verwirklichen, dann tut man das weil man gemäß Konfuzius sich eine Arbeit gesucht hat, die man „liebt“ und demzufolge nie mehr „arbeiten“ muss.

    Und wenn ich an dieser Stelle feststelle, dass Erwerbsarbeit für mich auch ein Beruf ist den ich „liebe“, dann ist da kaum mehr ein Motivationsunterschied zur Erziehungsarbeit. Außer eben, dass Kindererziehung eine deutlich komplexere Aufgabe ist. Ich habe die höchste Stufe des Tarifvertrages erklommen, bin also Gutverdiener und schimpfe manchmal über den „stressigen Job“. Aber hey, selbst wenn es stressig ist kann ich problemlos nach Hause gehen wenn ich erschöpft bin oder meine gesetzliche Arbeitszeit von 10 Stunden erreicht ist. Und wenn ich es gar nicht mehr packe gehe ich zum Arzt und hole mir einen gelben Zettel.

    Wenn Du Kinder hast, dann ist das Projekt Kindererziehung ein Full-Time-Job, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr. Und wenn Du psychisch und physisch am Ende bist und das Kind trotzdem schreit oder quengelt, dann ist da keiner der sagt „mach mal Pause“ sondern Du musst weitermachen, egal wie fertig Du schon bist. Und es gibt auch keinen „Notfall-Babysitter-Dienst“ den man kurzfristig buchen kann und der in so einer Situation einspringt. Ich kenne das leider aus eigener leidvoller Erfahrung da ich bei der Erziehung unserer Kinder durchaus einen relativ großen Anteil hatte und habe. Und da ist „in die Arbeit gehen“ dann manchmal unter der Kategorie „Erholung“ einzuordnen.

    Und wenn Du in der Arbeit was schlecht machst, dann ist halt ein Werkstück hin und ok, es entsteht ein finanzieller Schaden. Dein „Werkstück“ als Eltern ist aber ein Mensch den Du prägen und formen musst, dem Du ein intaktes Wertesystem vermitteln musst und der Dich (gerade in der Pubertät) aufs Äußerste herausfordert. Allein unter diesen Gesichtspunkten sollte Erziehungsarbeit zu den am besten bezahlten Dingen im Leben gehören. Tut es aber leider nicht, ganz im Gegenteil.

    Wie gerne würde ich in einer Welt leben, in der es nicht nur um Profit geht und in der nicht nur „ökonomisch“ sondern vor allem „menschlich“ entschieden wird. Und in der niemandem ein Nachteil draus entsteht, dass er Kinder hat. Denn ohne Kinder haben wir alle über kurz oder lang ein Problem.

    • Lothar

      Für die Gesellschaft ist es ein Problem, wenn es weniger Kinder gibt, für den Einzelnen ist es Problemvermeidung.
      Viele junge Kollegen brauchen diesbezüglich keinen Rat mehr. Die wissen schon, daß sie sich als MGTOW viele Probleme ersparen. Die bauen schön an der Karriere und verzichten dafür auf Kinder und die Probleme mit den Dramaqueens.

  5. Danke Juna und danke Rainer!

    Erziehung und Pflege von Kindern wird oft schlechter gewertschätzt als ehrenamtliche Tätigkeiten.
    Vielleicht deswegen, weil die Erfolge nicht in Zeugnissen meßbar gemacht werden (können).

    Leider ist es ja auch so das, wenn noch was oben drauf kommt (zB. die Pflege der eigenen Eltern, die selbstverständlich mindestens so gut sein muss wie die von Pflegefachkräften), „man“ nur noch mit überleben beschäftigt ist.
    „Interessant“ wird es, wenn die Kinder nicht der „Norm“ entsprechen.

    Mir scheint Normierung:
    – was gelernt,
    – wie lange Berufserfahrung,
    – wie viel Einsatzbereitschaft bzw. „freie“ Kapazität für den Arbeitgeber
    usw. usf.
    oft entscheidender, als alle Erfahrung die man als „Muttchen am Herd“ mitbringt.

    Leider werden viele Frauen, die einen Teil ihrer Zeit dafür (be-, aus-)nutzen immer noch als solche gesehen.

    • Anita, Da hast Du recht. Das Thema „Pflege von Angehörigen“ ist ja leider auch so ein Ding bei dem man sich furchtbar aufarbeiten kann. BTDT. Unser System ist leider so gestrickt, dass heute in erster Linie nicht mal Deine individuelle Arbeitsleistung zählt, sondern für das Einstiegsgehalt erst mal, welchen Abschluß Du vorweisen kannst. Uni > Hochschule > Ausbildung usw. Egal, ob alle gleich gut arbeiten, der Uni-Absolvent verdient erst mal mehr weil er ja von der Uni kommt.

      Und was Einsatzbereitschaft und „freie Kapazität“ angeht, ich beschäftige mich ja sehr intensiv mit persönlicher Produktivität und Selbstmanagement und die Lehren die man daraus ziehen kann sind die, dass jemand der 10 Stunden in der Firma hockt nicht zwangsläufig um 25% produktiver ist als der, der nur 8 Stunden da ist. Und man an einem durchschnittlichen 8-Stunden-Tag froh sein kann, wenn man tatsächlich 2-3 Stunden „produktiv“ sein kann, der Rest geht im Grundrauschen, Reibungsverlusten usw. unter. Wer sich selbst gut organisiert, der kann durchaus auch bei geringen „Anwesenheitszeiten“ produktiv sein.

      Und wenn unsere Arbeitsministerin so vehement auf die „Flexibilisierung der Arbeitszeiten“ drängt, dann sollte das eben nicht nur eine Einbahnstraße sein bei der der Arbeitgeber Dich heimschicken kann wenn wenig zu tun ist oder Dir Überstunden aufbrummt, wenn viel zu tun ist, sondern eben dass der Arbeitnehmer auch entsprechend seiner persönlichen Prioritäten seine Arbeitszeit verändern kann, auch sehr kurzfristig wenn mal wieder ein Kind krank ist und Betreuung braucht.

      Eigenlich sollte jedes „Muttchen am Herd“ in einer Bewebung nicht als bisherige Tätigkeit „Hausfrau“ angeben sondern „Managerin eines kleinen Familienunternehmens“. Und die DINKs (Double Income, No Kids) soillten ihren Kollegen mit Kindern auch entsprechende Wertschätzung entgegen bringen, denn die Kinder sind es letztlich, die irgendwann auch ihre Rente bezahlen.

  6. Es hilft schon mal erheblich, wenn wir alle weniger „auf die ungerechte Gesellschaft“ schielen und mögliche Lösungen jeweils im uns selbst möglichen Rahmen suchen und finden. Lade ich die Kollegin mit zu dieser oder jener Besprechung ein? Hole ich eher sie oder einen Typen auf das Podium einer Veranstaltung? Wenn’s um Karriere-Gossip geht: Reden wir nur über die üblich verdächtigen Alphatierchen oder über jene, die eigentlich die Arbeit machen und wirklich was bewegen (was nicht immer, aber häufig tatsächlich Frauen sind)? Gehe ich die Milch holen oder erwarte sie einfach im Kühlschrank?

    Wir haben sehr oft die Wahl. Und diese kleinen Dinge, sie sind größer als wir manchmal denken. Und die Mauern im Kopf, die durch ein Anprangern von „denen“ und „die Gesellschaft“ entstehen, sind es ebenfalls.

  7. Ive

    Es gab nie in der Menschheitsgeschichte so viele Vorteile und soviel Absicherung für Mütter. so viele Arbeitserleichterungen, Halbware,, fertige Waren, Betreuungseinrichtungen, usw….

    Es hat nie in der Geschichte so viel Gejammer gegeben, obwohl die Lebensumstände deutlich schwieriger waren und Mütter auch für 10 Kinder sorgen müssten/müssen…

    • Der zweite Punkt ist Unsinn. Du hörst nur einfach mehr Gejammer als vielleicht die Männer der Gesellschaft vor Dir. Bis in die 70er hinein wurden die Frauen unterdrückt und massiv in ihren Rechten beschnitten. Frauenbewegung und gesellschaftlicher Fortschritt haben letztlich zu einer Veränderung geführt, der wir die heutigen Umstände verdanken. Das „Gejammer“ ist der Versuch, in Zukunft einmal tatsächliche Gleichstellung zu erlangen.

      Übrigens: Nur weil etwas nicht mehr ganz so scheiße ist wie es früher war, heißt das noch lange nicht, dass man sich damit zufrieden geben muss. 😉

  8. Wow, was für ein toller Artikel.
    Ich bin Mama von vier Kindern und nebenbei selbstständig. Es gibt schlicht keine Stelle zu denen meine zeitlichen Möglichkeiten passen. Es ist auch nicht so, dass ich unbedingt arbeiten gehen müsste, um zu arbeiten, aber ein Gehalt reicht einfach vorn und hinten nicht aus.

    Hinzu kommt, dass Schulen heute mehr von Eltern erwarten, als vor zwanzig Jahren. Es gab schon einige Wochen, die ich in Hausaufgabenprojekte meiner Kinder investiert habe (z.B. Expertenarbeiten, Wandzeitungen, Vorträge ausarbeiten). Meine Mutter ist da einfach arbeiten gegangen und ich konnte nur abliefern, was ich selbst auch leisten konnte. Es wurde auch nichts anderes gefordert.
    Meine Freizeit habe ich in AG’s der Bibliothek verbracht.
    Alle beklagen sich, dass die Welt verrohen und verdummen würde, aber die Arbeit, die nötig ist, um erfolgreiche, höfliche und gescheite Erwachsene zu erziehen wird nicht anerkannt, nicht bezahlt und es wird den Hauptverantwortlichen auch nicht wirklich zugetraut.
    Dass ich arbeite wird auch von einigen Lehrern nicht akzeptiert, sie rufen mich vormittags wegen Lappalien an und begreifen gar nicht, dass sie mich bei der Arbeit stören. Oder sie erzählen mir, dass wir morgens halb acht einen Termin machen sollen und wenn ich sage, dass das nicht geht, tun sie so als wäre ich schlicht zu faul, um diese Zeit in der Schule zu erscheinen. Das ist aber die gleiche Lehrerin, die mir 14:00 Uhr sagt, dass sie jetzt nicht mit mir reden kann, weil sie Feierabend hat. Dass ich die meisten Tage bis 24:00 Uhr arbeite, das sieht sie nicht …
    Wenn meine Kinder alle aus der Schule raus sind feiere ich eine fette Party!
    Ich bin froh, dass ich meine Kinder bekommen habe, weil mein Leben ohne sie viel ärmer wäre, aber wenn ich etwas für die Eltern verändern könnte, dann wäre es ihnen ideelle und finanzielle Anerkennung zu verschaffen. Das haben sie verdient.

  9. „Und was ist mit den Alleinerziehenden, deren Arbeitszeiten an die Betreuung der Kitas angepasst werden müssten, deren Arbeitgeber sich aber querstellt?“

    Nicht nur wg. der Alleinerziehenden müsste man umgekehrt die Betreuungszeiten der Kitas dem Bedarf anpassen! Es ist auch nicht nachvollziehbar, dass es in Kitas mehrfach „Ferien“ gibt, obwohl die Eltern doch gar keinen Urlaubsanspruch in entsprechender Höhe haben.
    Der Beruf Erzieher/in muss aufgewertet und besser bezahlt werden, damit der Personalmangel in diesem Bereich endet.

    Ganz allgemein: die „Last“ der Kindererziehung sollte von allen gleichermaßen getragen werden – wenn nicht persönlich, dann auf jeden Fall finanziell. Bei Firmen ab einer gewissen Größe (!) sollten Firmenkitas üblich sein – warum nicht gesetzlich vorschreiben? (Die Kosten dafür müssten jedoch steuerlich absetzbar sein).

    „Hättest Du als 34-jährige Berufseinsteigerin erwartet, die gleichen Positionen, das gleiche Gehalt, die gleichen Möglichkeiten zu bekommen wie jemand, der keine Kinder erzogen hat?“

    Diesen Einwand lehnst du ab mit Verweis auf anspruchsvolle Tätigkeiten in der Kinderzeit. Das negiert aber die Sicht der Unternehmen, die Lebensläufe mit Blick auf die konkreten Anforderungen der jeweiligen Stelle beurteilen. Und da hast du mit einer Promotion und etwas Lehrtätigkeit vermutlich schlechtere Karten als jemand, der genau im geforderten Bereich eine ununterbrochene Karriere vorweisen kann.

    Das mag ungerecht sein, aber es ist aus Sicht der jeweiligen Arbeitgeber rational. Sie bewegen sich im Markt, also unterliegen auch ihre Personalentscheidungen dem Gebot der größtmöglichen Effektivität. Mütter, die häufig ausfallen, wenn Kinder krank sind, die früher gehen müssen, weil sie ihr Kind aus der Kita holen müssen, wirken da einfach sperrig und bremsend.

    Und nicht nur bei Unternehmen: Ich erinnere mich grade an Zeiten politisch-sozialen Engagements, das vom Staat am Ende auch mal kurzfristig / phasenweise mit öffentlicher Förderung finanziert wurde, befristet und projektorientiert, wie sowas meistens läuft. Sowas hab ich an verschiedenen Stellen miterlebt: Wenn dann mal Leute eingestellt wurden (befristet, klar), dann waren das keine Mütter! Denn die Finanzierung war eh immer knapp, die Arbeit aber umfangreich und mit vielen Terminen bis in den Abend. Das vertrug sich nicht mit Kindern und Familie, die Jobs gingen an Kinderlose, die „voll einsetzbar“ waren. Trotz linker, sozialer Gesinnung…

    • Ich bin ganz bei Dir, was die allgemeine Last der Kindererziehung und die Kita-Öffnungszeiten angeht. Bzw. was die Maßnahmen angeht, die Du vorschlägst. Fragt sich einfach, ob das umsetzbar ist, wenn wir die Situation so wie sie ist immer noch akzeptieren. Ich will das verdeutlichen: Warum sollten Unternehmen Kitas einrichten, wenn es genügend Männer gibt, die keine fordern? Und man Mütter bzw. solche, die es werden könnten, einfach nicht einstellt? Wer soll den Erzieherberuf aufwerten, wenn nicht die Eltern und Arbeitgeber, die alle versuchen, bei Erziehungszeit und beruflichem Vorankommen an einem Strang zu ziehen? Ich wünsche mir mehr gemeinsam gestaltende Maßnahmen und weniger Ausgrenzung bzw. gerne auch weniger Akzeptanz für solche Dinge. Es gibt Eltern, die halten Vorträge auf Konferenzen und haben ihr Baby im Tragetuch. Als würden sie sagen wollen: „End of discussion“. Das wünsche ich mir. Dass es ganz normal ist, dass man gemeinsame Lösungen sucht. Weil wir letztlich so viel Potential verschenken, wenn die Mütter, die arbeiten wollen, keine Stelle bekommen. Und die Frauen, die (noch) keine Kinder haben, nicht die gleichen Chancen bekommen wie Männer, einfach weil sie Frauen sind.

      Zu meiner eigenen Situation: Ich habe wenig erwartet, wirklich. Und ich halte das aus meiner heutigen Perspektive für einen Teil des Problems. Denn hätte ich nicht still und heimlich lange akzeptiert, was mein Umfeld mir da rückmeldete – „Du hast die Kinder gewollt, vergiss jetzt mal alles andere für 20 Jahre“ – hätte ich vielleicht andere Entscheidungen getroffen. Aber ich dachte ewig, dass sie alle Recht haben. Heute weiß ich, dass das nur sehr bedingt gilt. 🙂 Wir tragen alle eine Eigenverantwortung. Und wenn ich Frauen meines Alters sagen höre, ihr Mann „könne nunmal das Kind nicht wickeln“, dann frage ich mich jedes Mal, ob der Mutter gerade bewusst ist, welche Strukturen sie damit nicht nur akzeptiert, sondern geradezu befeuert. Es gibt aber neben dieser persönlichen Ebene auch noch eine gesellschaftliche, eine strukturelle. Und die haben die meisten Frauen bis 40 irgendwann kennen gelernt. Die Frage ist dann nur, was sie daraus machen.

      Ich habe mich entschieden, das zumindest nicht mehr wegzulächeln. 😉

  10. Super Artikel! Ich wundere mich immer wieder, dass sich in den letzten 40 Jahren so wenig geändert hat. Genau das hätte ich vor 40 Jahren auch schreiben können. Ich habe mich dann selbstständig gemacht. Kind mit ins Büro genommen.
    Am meisten wundere mich, wenn ich von jüngeren Frauen als Feministin beschimpft werde.
    Und ein Mann glaubt sogar, dass ich (weil Emanze) schuld daran sei, dass ihn seine Frau verlassen hat. Dabei kenne ich die Frau gar nicht.

  11. Martin

    Wenn Frauen bei gleicher Leistung weniger kosten als Männer, dann ist jeder Kapitalist ein Dummkopf, wenn er Männer beschäftigt. Offenbar ist es nicht so, dass Frauen einen höheren Deckungsbeitrag erwirtschaften als Männer. Wer braucht promovierte Sozialwissenschaftlerinnen in einem Produktionsbetrieb? Es gibt die 10.000 Stunden Regel. Erst nach 10.000 Stunden üben ist man in seinem Beruf ein Experte. Man muss somit 6 Jahre Berufserfahrung haben, um sein Fachgebiet zu beherrschen. Kindererziehung und Hausarbeit bildet für mich keine Kompetenzen aus, die man in einem professionellen Arbeitsumfeld in Produktionsunternehmen braucht. Die heute noch typischen Frauenarbeiten, wie Assistenz, Kommunikation, Buchhaltung, Personal usw., werden immer mehr automatisiert und erfordern kein Studium. Frauen müssen verstehen warum sie weniger verdienen und weniger berufliche Chancen haben. Denkt bitte in der Kategorie Deckungsbeitrag. Das Studium und eine Promotion in Geistenwissenschaften qualifiziert für den öffentlichen Dienst, das Bildungswesen oder für die Hochschule, doch diese Stellen sind begrenzt. Liebe Frauen gründet Unternehmen, baut in euren Unternehmen alle die Annehmlichkeiten auf, die ihr von männlichen Unternehmern fordert. Zeigt den Männern, dass die Kompetenzen Kindererziehung und Haushaltsmanagement am Markt zu verkaufen sind und einen Wert haben. Unternehmen haben den Zweck Geld zu verdienen und das ist der einzige Zweck. Wenn die Gesellschaft es als ihre Aufgabe versteht, das Gebären und das Erziehen von Kindern zu bezahlen, dann muss dies aus Steuermitteln erfolgen, weil es nicht die Aufgabe von Unternehmen ist dies zu leisten. Unternehmer zahlen Steuerun. Das ist ausreichend. Wenn Gebär- und Erziehungsarbeit bezahlt werden soll, dann muss die Qualität dieser Arbeit messbar sein. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten Mütter zu subventionieren, die ihrerseits subventionsbedürftige Kinder produzieren. Planwirtschaftliche Systeme wollen nicht umsonst die Hochheit über das Kinderzimmer, haben Mütter in Arbeit gezwungen und die Kindererziehung zur Qualitätssicherung an staatliche Einrichtungen übertragen. Es gibt einfache unternehmerische Entscheidungen. Offenbar rechnet es sich derzeit Männer besser zu bezahlen und auf die Mitarbeit von Frauen zu verzichten. Einfache wirtschaftliche Gesetze werder weder durch Quoten noch durch Gesetze geändert. Noch einmal mein Apell: Frauen denkt endlich wie Unternehmer und handelt auch so. Wer ein Kind haben möchte, braucht einen Sponsor. Das kann der Staat oder der Ehemann sein. Der Unternehmer ist es nicht. Wer seinen Sponsor verärgert, der muss die Konsequenzen tragen.

    • Die wenigsten Leistungen haben die von BWLern so angebeteten messbaren Erfolge. Es äußert sich nur sehr langfristig in Statistiken, wie gut zum Beispiel die Ausbildung und Erziehung der nächsten Generation war. Kunst, Musik, Literatur, Ideen … nichts davon produziert „messbare Erfolge“. „Gute“ Kommunikation, intern wie extern – eine der wichtigsten Fähigkeiten unserer Zeit – kann immer nur indirekt gemessen werden. Wer die Gesellschaft auf den freien kapitalistischen Markt reduziert und alles nach Deckungsbeiträgen, messbaren Erfolgen und Wachstumsraten beurteilt, ist ein armer, eingeschränkter Geist.

      „Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Mütter zu subventionieren“. Nein, falsch. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, NICHT in liebevolle Erziehung, gute Bildung, gerechte Chancen, flächendeckende Betreuung und Gleichstellung zu investieren. Denn von der Leistungsfähigkeit und Gesundheit der nächsten Generation hängen die Renten dieser Generation ab. Ich lehne es zwar ab, Kinder so zu betrachten, aber für Deine wirtschaftliche Argumentation muss es wohl sein.

      Deinen letzten Satz empfinde ich als zutiefst sexistisch. Die Abhängigkeit einer Frau von einem „Sponsor“ ist genau das, was auf keinen Fall erstrebenswert ist, und woran wir gesellschaftlich arbeiten MÜSSEN. Es ist eine stark frauenfeindliche und diskriminierende Ansicht, dass diese Abhängigkeit ok geht und die Frau sich dann dem Sponsor gegenüber gefälligst zu benehmen hat. Ich bitte Dich dringend, diese Ansicht zu überdenken. Vermutlich hält es Karma sonst für witzig, Dich im nächsten Leben als afrikanische Frau ins Rennen zu schicken.

      • Martin

        Ich möchte Dir kurz antworten mit dem Zitat von Kostolany, der es auf den Punkt bringt: „Ein Schüler in einem meiner Börsenseminare stellte mir mal die Frage, ob ich meinem Sohn raten würde, Spekulant zu werden. „Gewiss nicht“, war meine Antwort. „Wenn ich einen Sohn hätte, sollte er Musiker werden. Ein zweiter Maler, ein dritter Journalist oder Schriftsteller. Aber der vierte, setzte ich hinzu, „müsste unbedingt Spekulant werden, um die drei anderen zu ernähren.“ Ohne Unternehmen, Steuerzahler und Sponsoren gibt es keine Kunst, Literatur, Musik usw.

        • Dass Du Dir mit diesem Zitat selbst widersprichst, scheint Dir nicht aufzufallen. 😉 Erstens ist das Verhältnis mit 3 zu 1 für die „belles artes“ doch sehr anders als Du es in Deinem obigen Kommentar propagierst. Da sollten nämlich plötzlich alle Mütter endlich „wie Unternehmer denken“ und „eine Leistung vermarkten“. Und zweitens hat der Unternehmer aus Deinem Zitat offenbar kein Problem damit, dass die Wirtschaftszweige alles andere mittragen. Die Wirtschaft als „Sponsor“ schließt Du oben aber aus. Oder gilt das lediglich für die Erziehungsleistungen, weil sie in Deinen Augen eben noch weniger wert ist als die Kunst?

          Insgesamt mag ich das Zitat, danke dafür! 🙂

  12. Ich danke Euch für die vielen herzlichen, anregenden, klugen und zum Teil sehr persönlichen Kommentare. Vieles kann ich gut nachvollziehen! Zum Beispiel, wenn Ihr sagt, dass der Mensch insgesamt wieder gesehen werden muss. Oder wenn Rolando zu Aufmerksamkeit und Bewusstsein im Alltag und Umgang spricht. (Nebenbei, lieber Rolando: Die Grundvoraussetzung für eine Verhaltensänderung ist das Hinweisen auf strukturelle Benachteiligung. Denn wenn keiner die Mauern benennt, woher soll dann das Bewusstsein kommen?)
    Ich möchte die ganzen produktiven Vorschläge nehmen und bündeln, in ein „Was muss sich verändern/ was kann der*die Einzelne tun-Beitrag. Wird allerdings eine Weile dauern.

    Bitte, unterhaltet Euch sehr gerne weiter. Ich lerne viel, auch wenn ich nicht jeden Kommentar beantworte. 🙂

  13. Danke für den guten Artikel. Einen Punkt möchte ich aber doch ansprechen:

    Natürlich ist die Erziehung und Betreuung eines Kindes eine Leistung. Und Mütter können eine Menge. Nun arbeite ich in einem Umfeld, in dem Leistung zum einen fristgebunden zu erbringen ist. Zum anderen in Viertelstunden abgerechnet wird. Eine Mutter, die ein Projekt betreut, aber ihr Kind krank von der Kita abholen muss, rechnet aber in dieser Zeit nichts ab. Sie mag eine wertvolle Leistung für die Gesellschaft erbringen. Diese schlägt sich aber nicht in abrechenbaren Stunden nieder. Weil sie nicht im Büro ist, muss jemand anders ihr Projekt übernehmen, der weniger effizient als die eingearbeitete Projektbetreuerin. Damit ist weniger Arbeitszeit abrechenbar. Mütter sind damit weniger wirtschaftlich. Im Ergebnis werde Mütter, trotz vieler Lippenbekenntnisse in Wirtschaftskanzleien und Beratungen doch seltener befördert. Die Quote weiblicher Equity Partner beträgt weniger als 10%. Wie man das Problem lösen könnte? Keine Ahnung.

  14. Liebe Julia, klasse Text. Freue mich, deinen Blog entdeckt zu haben und ich habe dich schon verlinkt. Dein Zitat „Und dann wundern sich die Männer in unserem Leben, wieso die Alte schon wieder so Scheiße drauf ist, oder?“
    hat mir besonders gut gefallen. Bin in genau dieser Phase… Liebe Grüße von Laura

  15. Andreas

    Danke für den Artikel. Zumindest in meinem beruflichen Umfeld (Softwareentwicklung) gab es bis jetzt keine Gehaltsdiskriminierung von Frauen – natürlich ist das statistisch nicht belastbar, aber es will gesagt sein. 😉 Was denke ich gesellschaftlich falsch läuft, ist die Bezahlung in typischen Frauenberufen. Eine Ursache mag darin liegen, dass diese Bereich stärker gesamtgesellschaftlicher Kontrolle als dem reinen Markt unterworfen sind.
    Eine gesunde Gesellschaft muss die Erziehungsleistung anerkennen, denn sie ist für sie selbst existenziell. Ein Unternehmen muss das allerdings nicht, da es nur Eigeninteressen verpflichtet ist. Wenn jemand jahrelang sein Unternehmen vorangebracht hat, dann verdient er vom Unternehmen mehr als jemand der frisch einsteigt. Wenn jemand Jahre an relevanter Erfahrung besitzt, wird das auch für das Unternehmen wertvoller sein, da er seine Tätigkeit effizienter ausführen kann. In vielen Stellen ist zudem ein berufliches Netzwerk extrem lukrativ und hilfreich. Gehaltsgerechtigkeit ist zwischen Unternehmen ohnehin nicht gegeben – dazu ist unsere Wirtschaft viel zu heterogen. Auch ist Leistung weiß Gott nicht das einzige Gehaltskriterium, aber jedes Unternehmen muss dabei schalten und walten dürfen wie es möchte. Wie soll man dafür allgemein gültige Regeln finden und durchsetzen können?

    Die Verpflichtung der finanziellen Versorgung obliegt eben stärker dem Elternteil, der weniger Erziehungsaufgaben wahrnimmt. Diese Pflicht umfasst jegliche Gehaltseinbußen, die durch die Erziehung entstanden sind. Das ist kein Sponsoring sondern eine familiäre Verpflichtung. 😉 Die Gesellschaft sehe ich an dieser Stelle nicht in der Pflicht, außer bei der Definition entsprechener Rechtsansprüchen für den unglücklichen Fall, dass eine Familie keinen gemeinsamen Weg mehr findet.

    Natürlich sollte ein kluge Gesellschaft stets bemüht sein verfügbare Potentiale auch zu nutzen und das liegt ja auch im Eigeninteresse von Unternehmen, aber echte Karrierepositionen sind eben auch hart umkämpfte Positionen, die nicht jeder kriegt und kriegen kann.

    • Danke für Deinen Kommentar, und entschuldige die späte Freischaltung.
      Was Du sagst, kann ich durchaus nachvollziehen. Ich sehe aber ein weiteres Problem: Viele meiner kinderlosen Freunde sind seit Jahren in Unternehmen. Gut eingearbeitet, erfolgreich in dem, was sie tun, von allen wertgeschätzt. Sie sind in der Theorie also genau die wertvollen Arbeitskräfte, die dem Unternehmen mehr Geld wert sein sollten, weil sie durch ihre Erfahrung schlicht „mehr“ Leistung bringen. (Das ist natürlich nicht generell der Fall, aber das macht jetzt nichts.) Tatsächlich müssen sie aber, um befördert zu werden oder eine deutlichere Gehaltserhöhung zu erhalten, vom Unternehmen weg und in ein neues wechseln. Die Anforderungen sind dort meist anders, es benötigt wieder eine Einarbeitungszeit, und oft hilft nur das ganz allgemeine Wissen, wie es in einem Konzern läuft. Von den Basic Skills der eigenen Ausbildung abgesehen. 🙂 Das heißt, auch hier verschenken die meisten Unternehmen echte Potentiale.

      Natürlich ist das, wie oben schon erwähnt, noch eine andere Baustelle. Für mich zeigt es aber deutlich, dass etwas im Gesamten nicht funktioniert. Und die einen das mehr, die anderen weniger spüren.
      Zuletzt möchte ich noch einmal sagen – ich betone das oft – dass die Wirtschaft, der Markt und all die Dinge, von denen wir sonst so sprechen, Erfindungen sind. Alle tun immer so, als seien diese Dinge gegeben und nun unveränderbar, und man müsse sich nun mal anpassen. Das ist Unsinn. Wir haben diese Dinge erfunden, eingesetzt und weiter entwickelt. Niemand kann das gewachsene System nun einfach so wieder im Ganzen ändern, aber es hilft doch ungemein, mal darüber zu reflektieren, dass wir hier nicht von Naturgesetzen sprechen.
      Ein anderes Arbeitsleben ist möglich. Und die Gesellschaft sollte dringend Verantwortung für alle Menschen übernehmen, die nicht in diesem System arbeiten können. Menschen, die Kinder oder Angehörige pflegen, Menschen, die mit einer Behinderung zur Welt gekommen sind, Menschen, die aussortiert wurden wegen schlechter „wirtschaftlicher Verwertbarkeit“. Wenn der Kapitalismus es nicht schafft, das den Unternehmen als Auftrag zu geben, dann muss es die Gesellschaft tragen.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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