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Carrie Fishers „Wishful Drinking“

Hier ist das Buchcover der autobiographischen Erzählung "Wishful Drinking" von Carrie Fisher zu sehen.

Nach dem Tod von Carrie Fisher habe ich zwei ihrer Bücher bestellt. Ich bewundere die Darstellerin, die so früh als „Prinzessin Leia“ weltberühmt wurde, aber weit mehr war als die Figur aus Star Wars. So ging sie als eine der ersten in der Öffentlichkeit stehenden Frauen offen mit ihrer bipolaren Störung um. Als Autorin hatte ich sie aber bis vor kurzem nicht wahrgenommen.

Wishful Drinking ist Carrie Fishers Tochter gewidmet:

„To my DNA jackpot. I want to be like you when I grow up“.

Aus den verschiedenen Bühnenfassungen ihrer eigenen, autobiographischen Show erstellte Carrie Fisher eine Buchversion, als sie knapp über 50 war. Das episodische Erzählen einer One-Woman-Show zieht sich durch das gesamte Büchlein, ständig springt sie in ihrem Leben hin und her, arbeitet mit Einschüben, Füllwörtern, heiter-ironischen Referenzen und unheimlich viel Witz. Wer Carrie Fisher in Videos oder Interviews sieht, kann sich das Geschriebene hervorragend als auf einer Bühne gesprochen vorstellen.

Zu Beginn allerdings nervte mich das sprunghafte Erzählen, das mich mehrfach mitten aus den Sätzen heraus warf, um irgend einem vollkommen irrelevanten Gedankengang zu folgen, und um erst viel später den Faden wieder aufzunehmen. Oder manchmal gar nicht. Dann verstand ich die Konzeption besser. Carrie Fisher hatte sich aufgrund ihrer bipolaren Störung und ihrer Akohol- und Drogensucht einer Elektrokrampftherapie unterzogen. Sie sagte gerne und oft, dass die Menschen ihr danach helfen müssten, Ereignisse in die richtige Reihenfolge zu bringen. Die Ansage auf ihrem Anfrufbeantworter aus dieser Zeit soll ungefähr so gelautet haben:

„Wenn sich Carrie nach ihrer Therapie an Dich erinnert, ruft sie zurück“. Dieses lückenhafte, ständig etwas abgelenkte Erzählen wird bei Carrie zum Stilmittel, erst auf der Bühne, später im Buch. 

Viele Rückblenden erzählen ihr Leben als das Kind zweier Hollywood-Stars, oft in selbstironischem Bezug zu ihren späteren Krisen:

„I grew up visiting sets, playing on backlots, and watching movies being made. As a consequence, I find that I don´t have what could be considered a conventional sense of reality. (Not that I´ve ever had much use for reality – having spent much of what I laughingly refer to as my adult life attempting to escape it with the assistance of a variety of drugs“. (7)

Sie berichtet ausführlich und offen über ihre Flucht vor der Realität mithilfe von Alkohol und Drogen. Sie erklärt, wann sie ihre Diagnose bekam, und wie sie von der Elektrokrampftherapie in ihren Augen profitierte, auch wenn ihr bestimmte Erinnerungen wohl für immer verloren gegangen seien. Den Grund, warum sie das alles geradezu schonungslos erzählt, verrät sie ebenfalls: Weil es wichtig ist, zu wissen, dass psychische Erkrankungen existieren, und dass die Menschen mit ihrem Kampf gegen sich selbst nicht alleine sind. Sondern sogar in sehr prominenter Gesellschaft:

„Oh! This’ll impress you – I’m actually in the Abnormal Psychology textbook. Obviously my family is so proud. Keep in mind, though, I’m a PEZ dispenser and I’m in the Abnormal Psychology textbook. Who says you can’t have it all?“ (114)

Nicht nur in Wishful Drinking setzte sie sich für einen transparenten, ehrlichen Umgang mit psychischen Störungen ein. Ihre konsequente Entscheidung, über alle Aspekte ihrer eigenen Krankheit und vieler daraus resultierender Krisen zu sprechen, wäre kaum auszuhalten, wenn das schmale Buch tatsächlich im Stil einer Autobiographie verfasst wäre. Dass Carrie ganz offensichtlich über sich selbst lachen konnte, und ihre Leserschaft kontinuierlich dazu auffordert, es ebenso zu halten, verpackt die Geschichte ihres Lebens in leichter zu konsumierende Happen. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass Wishful Drinking genau so gemeint war. So erzählt sie eine Episode, in der ihre Tochter über ihre Eltern und ihre eigene Lebensgeschichte herzlich lacht. Carrie entgegnete ihr: „Allein der Fakt, dass Du denkst, das sei alles ziemlich lustig, wird Dein Leben retten, Schatz!“

Mit der Wiedergabe solcher Szenen schafft Carrie Fisher etwas, das gemeinhin als ein ziemlich schwieriger Spagat angesehen werden muss. Nämlich eine wahrheitsgemäße und trotzdem gänzlich untragische Erzählung eines extrem turbulenten und dabei schwierigen Lebens. Carrie ist nichts heilig, schon gar nicht sie selbst, und dennoch schafft sie es, zentrale Erkenntnisse aus ihrer Krankheitsgeschichte unterzubringen:

„[Until that time] I thought I had to like everything I did. And for me to like everything I did meant, that I needed to take a boat load of dope. […] But if what this person told me were true, then I didn’t have to actually be comfortable all the time. If I could, in fact, learn to experience a quota of discomfort, it would be awesome news.“ (106)

Über allem Berichteten liegt Dankbarkeit für die Menschen in ihrem Leben, die genossenen Privilegien und die gemachten Erfahrungen – auch die schmerzlichen. Ich habe das Buch gerne gelesen, das Englisch des Originals ist eingängig und leicht zu verstehen, und ihr Wortwitz ist bestechend klug. Carrie Fisher starb im Dezember 2016, ertrunken in Mondlicht, durch ihren eigenen BH erdrosselt.

„So I tell my younger friends that no matter how I go, I want it reported that I drowned in moonlight, strangled by my own bra“. (88)

 

Fisher, Carrie: Wishful Drinking, London 2008.

  1. Ich hab das Buch auch in einem Rutsch durchgehabt. Lustig, abstrus, traurig, nachdenklich. Da war echt von allem was dabei.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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