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Alltag, Kinder

Berufswunsch: Karla Kolumna

Juna als kleine rasende Reporterin mit Notizbuch

Unsere Neunjährige möchte seit einiger Zeit gerne Polizistin werden, und ärgert sich ab und an, dass es zwar eine Kinder- und Jugendfeuerwehr gibt, aber keine Kinder-Kriminalpolizei. Da unser Nachwuchs überdies im Hörspiel-Alter ist, weiß ich wieder ganz genau, was ich mit 9 werden wollte: Karla Kolumna, ihres Zeichens rasende Reporterin.

Selbstverständlich habe ich nicht Journalismus studiert. Wer von uns wird denn auch tatsächlich das, was er oder sie mit 9 werden wollte. Heute weiß ich zudem: Eine Ausbildung im journalistischen Bereich hätte mich meinem damaligen Ziel auch kein Stück näher gebracht. Denn Karla ist unserem modernen Verständnis nach keine Reporterin.

Für Karla ist die (Um-)Welt das Setting, eine Art Rahmenerzählung für die zahlreichen spannenden Geschichten, die aufgeschrieben werden wollen. Oft hat sie bei den vielen Abenteuern von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg selbst eine aktive Handlungsrolle. Dennoch bleibt ihr Blick auf den jeweiligen Plot der eines Kommentators, der immer bereits so wirkt, als würde er das Erlebte aus der Retrospektive zu Papier bringen. Ihre Standard-Bewertung der Ereignisse, „Sensationell“, wird häufig begleitet von aus dem Stegreif heraus formulierten und bereits zusammenfassenden, manchmal sogar abstrahierenden Schlagzeilen. Ihren erschreckenden Mangel an Empathie – ist hier bereits in den 80ern eine Kritik an der Sensationslüsternheit mancher Skandalblättchenreporter geübt worden? – verzeiht man der schrulligen Karla Kolumna, weil sie stets das Positive sieht und immer an den guten Ausgang des Geschehens glaubt. Die Welt, in der sie lebt, ist ein schöner Ort, und ihre Funktion ist die Verbreitung guter Nachrichten. So berichtet sie mit dem gleichen Feuereifer von der Überführung eines Diebes durch Bibi Blocksberg, wie von der Eröffnung eines Restaurants im Neustädter Zoo durch Otto und Benjamin Blümchen. Oft scheint sie sich dabei nicht nur erzählerisch, sondern bereits figurentechnisch auf einer anderen Ebene zu befinden als die Protagonisten ihrer Geschichten. So wird der Bürgermeister der Stadt gerne zum „Bürgermeisterchen“, den die Reporterin auch vor versammelter Mannschaft zurechtzuweisen weiß, während sie Bibi, Benjamin und Otto  zu ihren Schützlingen stilisiert, um die sie sich allerdings nie ernsthafte Sorgen macht. Dazu sind ihre Handlungen zu „sensationell“. Das Adjektiv rasend in ihrer Berufsbeschreibung weist darüber hinaus auf ihre geradezu unheimliche Fähigkeit, zur richtigen Zeit am Ort des sensationellen Geschehens zu sein – um beinahe gleichzeitig in der Redaktion ihre Beiträge dem Druck zu übergeben. So steht sie durch ihre kommentierende Funktion quasi über der Handlung, um dennoch ein Teil von ihr zu sein. Die Zeitebene des Ereignisses (Gleichzeitigkeit) und ihr Bericht in der Retrospektive (Nachzeitigkeit) fallen dabei eigenartigerweise zusammen. Eine Superheldenkraft? Wir erfahren es nicht.

Was bei Karla alles „Sensation“ ist, geht in der wirklichen Welt(TM) höchstens als upworthy– Schlagzeile durch. Sie gehört zu dem Typus Journalisten, den Jim Carrey im Film Bruce Allmächtig parodiert – diejenigen, die zu den Bäckern des weltgrößten Kekses geschickt werden, und die doch eigentlich Nachrichtengeschichte schreiben möchten. Man könnte auch sagen, Karla sei trotz ihres überraschend kreativen Umgangs mit der Sprache, ihrer Spontaneität und Flexibilität eine ausgesprochen schlechte Reporterin. Weil ihre Berichte sich in der aktuell durch uns konstruierten „Realität“ schlicht nicht verkaufen würden. Schade, eigentlich.

Vielleicht ist mein Blick auf die Welt heute noch ein durch und durch Karla-Kolumna-geprägter. Ich glaube nicht daran, dass gute Nachrichten keine Nachrichten sind. Ich halte upworthy-Schlagzeilen für eine Art von Bericht, der elementarer Bestandteil aller Nachrichten sein sollte. Auch und gerne im eher empathiebefreiten Modus einer Kolumna, die uns das gefühlsduselige „bei Zeile 32 musste ich weinen“ vermutlich ersparen würde. Und so kommt ja auch Bruce Allmächtig am Ende zu dem Schluss, dass Nachrichten über den weltgrößten Keks deshalb Nachrichten sind, weil sie uns etwas über das Setting der Welt sagen, in der wir uns befinden. Und in der es Emotionen, Menschlichkeit, Güte, Gemeinschaft und Kekse gibt.

Ich zumindest möchte mehr davon lesen. Vermutlich wäre ich immer noch gerne Karla Kolumna.

 

Hier sieht man ein Bild eines jungen Elefanten im Heidelberger Zoo

Einmal mit Benjamin Blümchen arbeiten …

Bild oben: juna als Miniatur-Karla-Kolumna mit gezücktem Notizbuch

  1. Anita

    Ist Karla Kolumna wirklich empathielos??

    Erkennbar sarkastisch an einigen Stellen. Zum Teil manipulativ. Aber bar jeder Empathie?? ^^

    Was erwarte ich denn von einer guten Berichterstattung?

    Klar und deutlich, ohne manipulativ zu sein. Wäre doch schon mal ein Anfang.

    Aber ist das Karla Kolumna??

    Mit Gefühl für die Sache, Unterstützer des Guten, auf der Suche nach Wegen, das Gute zu fördern.

    Oder liege ich jetzt schon wieder falsch in meiner Einschätzung?

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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