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In eigener Sache

Behaviourismus

In einem früheren Leben habe ich mal vier Semester Philosophie studiert. Dass aus der Philosophie und mir damals kein Paar wurde, ist ihre Schuld. Sie ist zutiefst bindungsunfähig.
Weshalb ich mich vor kurzem an Teilaspekte dieses Studiums erinnerte, lag an einem Tweet von Ernst Koch:

Was ist wirklich wichtig? Das entscheidet jeder,indem er einer Sache, einem Menschen usw. seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. ErnstKoch

— Ernst Koch (@ArkanumSolution) 9. Februar 2014

Mich hat das an den Behaviourismus erinnert. Der Behaviourismus ist eine meiner Kenntnis nach bereits überholte verhaltenspsychologische Theorie, die in den 1980er Jahren von ein paar Menschen, die scheinbar nichts Besseres zu tun wussten, probeweise in die Philosophie übertragen wurde. Sehr verkürzt gesagt, gingen die philosophischen Behaviouristen von der Idee aus, ausschließlich vom Verhalten des Menschen auf seine Gedankenwelt schließen zu können. Die verhaltenspsychologische Annahme dahinter war, dass unsere Gedankenprozesse lediglich eine direkte Folge von bestimmten Reizen der Außenwelt waren, aber auf so etwas ließen sich die Philosophen natürlich nicht runterbrechen. 🙂

Unser Professor hat versucht, uns mit ein paar simplen Beispielen an diese sicherlich etwas krude Theorie heranzuführen, etwa so:
„Ich weiß noch nicht so genau, was ich heute abend machen soll. Da beobachte ich mich dabei, wie ich meinen Schlüssel suche, meinen Mantel hole, vielleicht nach dem Kinoprogramm schaue. Ich schließe: Ah, sieh an! Ich will also ins Kino gehen.

Was mich daran damals begeistert hat, war das vereinfachende Element. Durch den neuen Fokus auf das Verhalten wird im Grunde angenommen, bestimmte Entscheidungen seien bereits gefallen, auch wenn unsere Gedankenwelt davon noch gar keine Kenntnis hat. Eine solche Herangehensweise könnte von Vorteil sein, wenn man vor einer schweren Entscheidung steht, die nicht ad hoc getroffen werden muss. In diesem Fall wäre es möglich, sich und das eigene Verhalten etwas genauer zu beobachten, um vielleicht daraus auf die eigenen Wünsche zu schließen. Und sich damit einen langen und oft zermürbenden Entscheidungsprozess zu sparen.

Behaviouristisch gelesen heißt der Tweet von Ernst also etwa: Beobachte Dich selbst: Wem oder was schenkst Du Aufmerksamkeit? Nun, voilà, der- und dasjenige scheint Dir wichtig zu sein.

Eine Art Shortcut zum Herzen.

  1. Also ich weiß schon was ich tun soll(te), denn das sagt mir mein GTD-System. Am Ende hänge ich dann doch wieder stundenlang in der Twitter-Timeline die ich doch nur kurz checken wollte. 🙂

    Fällt aber IMHO weniger unter Behaviourismus sondern eher unter Prokrastinatismus. 🙂

  2. Das mit dem Wünsche durch Handlung und Beobachtung derselben ergründen funktioniert sogar. Wenn man sich nicht zwischen zwei Optionen entscheiden kann, eine Münze werfen. Emotionale Reaktion beobachten: Ist man vom Resultat enttäuscht oder darüber erfreut? Das macht den bis dahin nicht bewussten Wunsch sichtbar.

  3. Wie Katharina mit dem Beispiel zeigt, gibt es Möglichkeiten, das Unbewusste bewusst zu machen. Insofern ist die „Beobachtung“ nützlich und sinnvoll.

    Allerdings ist dieses Unbewusste nicht immer eine verantwortungsvolle Erwachachsene, sondern auch mal ein quengeliges Kleinkind, ein egozentrischer Teenager, eine beleidigte Leberwurst, eine zickige Alte, eine faule Sau!

    Mit „bloß beobachten“ kommt man darüber dann nicht hinaus. (Sondern bleibt z.B. in der Twitter-Timeline aus Rainers Beispiel hängen).

    • @Claudia
      Hehe. Absolut! Allerdings finde ich den handfesten Vorschlag mit der Münze von Katharina sehr brauchbar und werde das vermutlich nun öfter einmal ausprobieren. Von einer Zufallsentscheidung enttäuscht sein, das habe ich schon erlebt. Diese Enttäuschung dann als „Sichtbar-Machen“ der eigenen, unbewussten Wünsche zu interpretieren, leuchtet mir ein. Die philosophischen Behaviouristen hätten ihre Freude daran gehabt!

      Den Einwand, dass wir oft nicht wissen, welcher Teil der Persönlichkeit da gerade spricht, lasse ich als bekennende Freudianerin natürlich gelten – die Behaviouristen allerdings schieben das in die unbeobachtbare Black Box unserer Gedankenwelt und betrachten das, was wir „Persönlichkeit“ nennen, als untrennbares Ganzes.

      Ich möchte allerdings folgendes entgegnen: Nicht immer hat das trotzige Kleinkind oder der egozentrische Teenager in uns so unrecht, wenn er etwas will oder ablehnt. Manchmal liegt gerade in den Spontanentscheidungen aus dem berühmten Bauch heraus das, was uns im Gesamten zufriedener macht – und die vielen Lagen, die wir als vernünftige Erwachsene drumrum wickeln, versperren lediglich den Blick. Naja, manchmal halt. ;))

      Das eigene Kind zu beobachten ist auch gängiger Vorschlag bei Achtsamkeitsübungen. Fiel mir gerade ein.

      @alle
      Danke an Euch drei für Eure Kommentare!

  4. Genial. Das nächste Mal wenn ich wieder zu lange in der Timeline hänge werfe ich eine Münze… und wenn sie auf der Kante stehen bleibt höre ich halt auf die Timeline zu checken. :-)))

    SCNR this one 🙂

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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