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Alltag, Kinder

Barbie – das Leben im Traumhaus

Hier sieht man einen Screenshot aus dem weiter unten verlinkten Video

Nein, meine Kinder haben leider nicht nur pädagogisch wertvolles Holzspielzeug, rennen bei jedem Wetter in den Wald und finden Bildschirme prinzipiell uninteressant. Da wir weder Kabel- noch Satellitenanschluss haben, sehen sie verhältnismäßig wenig “fern”, entdecken aber immer mehr die Vorzüge eines Computers. Sprich: die Vorzüge von youtube. Seit kurzem hören wir häufig die Clips von y-titty. Das ist nicht gerade Bildungsfernsehen, schon klar. Aber so richtig schlimm finde ich es auch nicht, wenn sie sich über die Videos amüsieren. Die neueste youtube-Klickleidenschaft allerdings ist “Barbie – Life in the Dreamhouse”.

Das klingt wie der größte Grützkram und zugleich die bodenloseste Frechheit, die sich die Kinderfilmindustrie je ausgedacht hat. In einem Haushalt, in dem die Themen gegendertes Spielzeug, Rollenmuster und damit einhergehende Sozialisation thematisiert werden, hat Barbie ihren Ruf ohnehin bereits weg, auch wenn meine Mädchen durchaus mit den Puppen spielen dürfen (Verbieten finde ich persönlich unangebracht und kontraproduktiv, kann aber auch verstehen, dass das viele Mütter anders sehen). Meine Begeisterung für die computeranimierten Mini-Filmchen hielt sich also in Grenzen, vorsichtig gesagt. Da man die Kinder ohnehin nicht alleine schauen lassen sollte (hö, hö), setzte ich mich gestern dazu und begann eine kurze Feldstudie im rosa Glitzeralltag von Barbie und ihren Freunden.

Zur Erklärung vorweg: Es gibt scheinbar einen Spielfilm mit gleichem Namen, sowie viele kurze Clips, die man einzeln anschauen kann. Den Film haben wir uns bisher nicht angetan. Zu den Episoden ist ganz allgemein zu sagen, dass Barbie und ihre Freundinnen keine “echten” Menschen darstellen sollen, sondern, naja, Plastikpuppen. Auf ihre Alterslosigkeit, ihr Design und auch ihre Größe wird immer wieder Bezug genommen. Z.B. wenn Barbie die Kreditkarte zückt, und die Karte etwa halb so groß ist wie sie selbst, wenn Ken und Barbie an “Plastikpocken” erkranken, oder wenn thematisiert wird, wie viele Berufe und entsprechende Berufsbekleidungen Barbie bisher hatte. Bereits bei diesen ständig wiederkehrenden Verweisen hatte ich den Eindruck, hier einer Art Meta-Satire aufzusitzen, deren Zielgruppe in Wirklichkeit Erwachsene sind.  Zur Verdeutlichung meines diffusen Eindrucks beschreibe ich nun die Episode “Bürgermeisterwahl in Malibu”:

Zu Beginn der Folge spaziert Barbie mit ihren beiden besten Freundinnen durch Malibu und fragt, ob es nicht einfach großartig sei, was für ein tolles Wetter sie stets hätten. Ihre Freundin Teresa antwortet: “Ja, umwerfend, und das schon 14 Jahre am Stück!” Nicki allerdings meint, ein Donnergrollen zu hören und glaubt, ein Gewitter ziehe auf. Das Gewitter stellt sich als wütende Denkblase über Raquelles Kopf, Barbies Antagonistin, heraus. Diese soll die haushohe Steinstatue von sich selbst im Bikini abbauen lassen, weil sie angeblich Flugzeuge im Landeanflug irritiere. Wie zum Beweis überfliegt ein rosaroter Jet just in dieser Sekunde laut hupend die Statue. Raquelle kommt auf die Idee, sich als Bürgermeisterin zur Wahl stellen zu lassen, um künftig selbst über Anzahl und Ort von Statuen bestimmen zu können. Damit ist die 40-sekündige Exposition zu Ende. Teresa schlussfolgert noch, wenn man selbst bestimme, was man werden wolle, sei sie künftig ein Einhorn, und wiehert einmal.

In der nächsten Szene sitzen die drei Freundinnen auf dem Sofa im Dreamhouse und halten Kriegsrat. Teresa trägt einen selbstgebastelten Einhorn-Haarreif auf der Stirn, das rosa Horn ragt nach vorne. Barbie fragt, was so schlimm daran werden solle, wenn Raquelle Bürgermeisterin wird. In einer kurzen, eingeblendeten Zukunftsvision – eine Referenz auf “Planet der Affen”, wenn ich es richtig erkannt habe – sitzt Raquelle schreiend im Sand von Malibu Beach, und eine in Teile gesprengte riesengroße Steinstatue von ihr selbst liegt halb im Wasser. Auf der Couch blicken Barbie, Nikki und Teresa erschreckt. Barbie soll sich ebenfalls zur Wahl aufstellen, entgegnet aber, als Präsidentin und Botschaftern gäbe es bei der Ausübung des Bürgermeisteramts vermutlich Interessenkonflikte. “Irgend jemand muss Raquelle aufhalten!” ruft Nikki, woraufhin sich Barbies etwa sechsjährige Schwester Chelsea im Ohrensessel umdreht, “Das wäre dann ich!” sagt und eine weiße Katze streichelt. Das bleibt nicht der einzige Verweis auf Dr. Evil, den Gegenspieler von Austin Powers.

In der auf die Ankündigung Chelseas folgenden Szene schauen die drei Freundinnen zusammen die Wahlwerbungen. Der Wahlwerbespot, den Chelsea schaltet, parodiert Barack Obamas “Yes, we can” sowohl in Slogan als auch in Machart. Der Konkurrenz-Spot von Raquelle ist ein Chelsea-Bashing ohne weitere Inhalte. Am Ende des Spots hält Raquelles Bruder eine Barbie-Pappfigur in die Kamera und sagt mit schlecht verstellter Stimme: “Ich bin Barbie. Alles, was gesagt wurde, stimmt!” Barbie reagiert mit einem lang gezogenen “Hey!”

Es folgt ein Wahlkampfduell vor Presse und Zuschauern, in dessen Verlauf beide Kontrahentinnen ihr jeweiliges Rednerpult immer höher fahren. Bis Raquelle gegen die Decke der Halle kracht und in der Schlusssequenz mit Halskrause zu sehen ist. Chelseas Präsentation besteht aus bejubelten und beklatschten Zitaten berühmter ehemaliger Präsidenten. Barbie ist sich daher auch sicher, dass ihre kleine Schwester die Wahl gewinnen wird. Überraschenderweise siegt keine der beiden. Gerhard Blödi-Schrödi (hierzu müsste man sich mal das englische Original ansehen ;)) gewinnt die Wahl, weil er der Sieger der “neuen” Reality-Show “Wer wird Bürgermeister von Malibu” ist. Nikki kommentiert: “Das kommt jetzt wirklich total überraschend”, während sich Chelsea bereits auf ihr mit Stützrädern ausgestattetes Fahrrad gesetzt hat. Dann behauptet sie, noch sehr viel zu tun zu haben. Flüsternd fügt sie hinzu: “Wenn ich Gouverneur werden will”, und legt den kleinen Finger an den Mundwinkel. Die Bürger Malibus bringen die Steinstatue von Raquelle zu Fall, Raquelle rennt hin und wird unter ihr begraben. Sie kommentiert “Nichts passiert”, und nach 3:24 Minuten lässt diese Episode die Zuschauerin deutlich amüsiert, doch gleichzeitig etwas ratlos, zurück.

Neben den häufigen Anspielungen auf Filme, die Kinder im Alter bis 12 Jahre nicht kennen können, gibt es auch jeweils sehr kurz eingeblendete Gags wie z.B. das Foto von Barbie als Botschafterin – auf der gerahmten Fotografie spricht sie mit Außerirdischen. Die Rollenklischees werden sowohl pausenlos angesprochen als auch fortlaufend dekonstruiert. In weiteren Folgen ist dies noch auffälliger gestaltet. Die Fiktion der Malibu-Welt und der Puppen in ihr ist nicht nur beiläufiger, sondern inhärenter Bestandteil der Darstellung – so hat jede Puppe in der Computeranimation die charakteristische Barbie-Halslinie, die durch den aufgesetzten Kopf entsteht, und bewegt sich etwas staksig auf den überproportional langen Beinen vorwärts. Die Denkblase, die Nikki hört und als Gewitter fehlinterpretiert, aufgeklebte Tapeten-Türen, die gleich nach ihrem Aufkleben als Tür funktionieren, und viele andere Verweise auf die Irrealität der Welt schaffen eine Distanz zum Geschehen und verhindern Identifikation mit den so offensichtlich als Puppen geouteten Figuren – man könnte hier von einer Art Verfremdungseffekt sprechen. Die Darstellung von Gender ist, würde ich vorläufig behaupten, gar nicht so platt wie ich vermutet hätte, und verdient eine gesonderte Darstellung.

Vielleicht liefere ich diese noch nach, falls Euch meine dahingehenden Eindrücke interessieren. Vorab aber würde mich etwas interessieren:

Was ist das eigentlich, was ich mir da angeschaut habe? Erlaubt sich hier jemand einen, zugegeben, nicht ganz reizlosen Scherz?

Meinungen? Eindrücke? Ich bin tatsächlich etwas überfragt …

 

(Bild: Screenshot aus dem verlinkten Video)

  1. Anita

    Ich fühlte mich direkt an “Die Frauen von Stepford ”

    http://www.youtube.com/watch?v=fQBocEDt6lk

    erinnert.

    Tja, was ist das nun ……….

    einerseits versuchen die Barbie Filme generell zu suggerieren, dass Frauen alles können (bitte nicht “hauen” 😉 ) und dies in so absurden Beispielen, dass eigentlich das Gegenteil gezeigt wird.

    Andererseits wird den Kindern, gerade in der von Dir angesprochenen Serie / Film eine Kopie (ob als Satire gemeint ^^ ), ein Abklatsch der “kunterbunten” Fernsehwelt für Erwachsene geboten. (der Bachelor, DSDS, GZSZ, GNTM ……….. Liste beliebig fortzusetzen).

    Nun ist die Frage, was hat das für Konsequenzen für das “Fernseh”-Verhalten. Von Kindern und von deren Eltern.

    Einerseits …….
    man kann den Mist einfach nur konsumieren und irgendwann schleicht sich diese Welt als reell in die Köpfe der Kinder (vor allem, wenn sie a) Barbie oder b) die kunterbunte Fernsehwelt alleine schauen).

    Andererseits………
    man kann den Mist aufmerksam schauen, also Kinder und Erwachsene zusammen schauen (sofern denn diese im Stande sind, hier überhaupt den Unterschied zur realen Welt festzustellen) und dann die Dinge, die auffallen sofort zu besprechen. Den Hirnriss also zu benennen.

    Das setzt aber bei den Kindern ein gewisses Alter voraus, damit diese überhaupt reflektiren können, was auf dem Bildschirm passiert und dann auch noch, dass die Eltern es selber erkennen und bennen. können.

    Ich habe mit meiner 15jährigen Tochter tatsächlich mal eine oder zwei Folgen von der seeeehr merkwürdigen Serie angesehen, wo irgendwelche D-Promi-Modells ohne Luxus durch Afrika tingelten. a) weil die Mitschüler/innen dies schauten und b) um eben den Hirnriss klarzustellen.

    Weitere Folgen wurden von meiner Tochter absolut nicht eingefordert, weil sie es eben als Schwachfug identifiziert hatte. Einige Sprüche sind mittlerweile zum Running-Gag mutiert.

    Andere Dinge boykottiere ich absolut. Eben auch Barbie. Soviel “Zuckerwatte” fürs Gehirn macht irgendwann Kopfschmerzen. 🙂

    Für mich sind gerade solche Formate unerträglich und hirnerweichend. Wie eben auch die “kunterbunten” Formate für Erwachsene.
    Allerdings muss ich feststellen, dass seeeehr viele Menschen beides stillschweigend konsumieren. Und es schleicht sich “etwas” (was ich nicht einmal genau benennen kann) in die Gehirne der Menschen ein, welches Verhalten erzeugt, was der Gesellschaft abträglich ist.

  2. Das klingt überraschend … abgefahren.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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