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In eigener Sache, Kinder

Aufs Kotzen warten

Hier ist ein Toilettenschild inmitten einer Grünanlage zu sehen. Es deutet nach links.

Ist es möglich, achtsam darauf zu warten, dass ein Kind sich übergibt? Ja, meint die Betreiberin dieses Blogs.

[Triggerwarnung: Dieser Text ist nichts für Menschen mit Emetophobie oder Essstörungen. Oder mit ausgeprägter Empathie.]

Meine Mittlere hat einen sehr empfindlichen Magen. Ich schließe, wie so oft im Leben, von mir auf andere und behaupte: Das wird auch so bleiben. Falsches Essen zur falschen Zeit, Stress, Kummer, Streit und, natürlich, Infekte schlagen ihr so sicher auf den Verdauungsapparat wie die Empörungswelle auf twitter nach Jens Spahn-Äußerungen hoch schlägt. Und natürlich nervt das alle Beteiligten, sie selbst am meisten.

Denn vor dem Kotzen kommt die quälende Übelkeit. Das ständige Aufstoßen. Die Unsicherheit, was passieren wird, die Bauch- und Magenschmerzen. Der kalte Fußboden der Toilette, auf den sie sich kauert, weil sie sich in unmittelbarer Nähe des Klos so viel sicherer fühlt. Meistens dauert es etwa eineinhalb Stunden, bis es tatsächlich losgeht.

Und während der noch so kleine und zarte Körper mit Tränen in den Augen auf das Unvermeidliche wartet, macht mein eigener Körper solidarisch den ganzen Stress gleich mit durch. Jedes einzelne Mal.

Denn natürlich hat sie diese lästige Empfindlichkeit von ihrer Stressmagen-Mutter. Mein System funktioniert genau wie ihres, mit einer Laktoseintoleranz als Kirsche auf der Torte. Obwohl, naja, die könnte ich mir auch einbilden, wenn ich ehrlich bin. Dazu die Empathie, die echt ein Arschloch ist, denkt man ans Kotzen. Wenn meine wunderbare Tochter so dasitzt, neben dem Klo, und wartet, ob sich die brennende Übelkeit nicht endlich in das erlösende, konvulsische Entleeren des Mageninhalts verwandeln will, möchte ich heulen.

Achtsames Kotzen

Aber das bringt natürlich nichts. Stattdessen versuche ich es mit Achtsamkeit. Und mit Präsenz, denn nichts ist in meinen Augen schlimmer, als mit dem Warten auf das Kotzen auch noch alleine zu sein. Ich hole also Kissen für den Popo, und manchmal auch eine Decke für die hochgezogenen und angespannten Schultern des Kindes. Ich setze mich zu ihr, in das kleine Klo, und wir reden. Von der Übelkeit getriggert, berichtet mein ansonsten stilles Kind, was ihr gerade alles auf den Magen schlägt. Streit mit Schulfreunden, angespannte Situation zu Hause, Versagensängste bei Klausuren. (Dass Fünftklässler schon Versagensängste haben, macht mich ehrlich fertig, btw.) Wir reden also über ihre Sorgen, über unsere gemeinsame Sensibilität, über Strategien, mit einem sich vor Übelkeit krümmenden Körper umzugehen. Also, achtsam umzugehen. Die Übelkeit irgendwie zuzulassen und trotzdem zu atmen und ganz sicher zu sein, dass der Spuk auch wieder vorbei gehen wird. Wie jedes Mal. Und ich spreche darüber, wie positiv es sein kann, einen so feinsinnigen Magen zu haben. Weil der natürlich auch schützen kann. Uns anzeigt, was wir lassen sollten, zum Beispiel.

Manchmal weiß ich nicht, wem ich das erzähle. Vermutlich rede ich mit mir, und sie ist quasi zufällig auch dabei. Ihr Warten auf das Kotzen einfach ein Kommunikationsanlass. Ich streichle ihre Beine oder halte ihre Hände, und wir sprechen alles durch, das ganze aktuelle Leben mit all seinen Höhen und Tiefen und allem Blödsinn, der mir noch so einfällt. Ich reiße ein paar Witze und ernte manchmal ein gequältes Lachen. Sowie den wiederholten Hinweis, sie wolle mir nicht zur Last fallen oder mir den Abend verderben.

Wie hört man sich so etwas an, ohne dass das Herz bricht?

Wenn sich die Übelkeit dann endlich löst, gibt es mehrere Optionen für mich. Manchmal habe ich das Gefühl, sie erträgt meine Späße gut. Dann feuere ich sie an. Manchmal halte ich ihr einfach die Haare, rede ihr gut zu und streichle ihr den Rücken. Immer hoffe ich, dass sie es mit einem, vielleicht zwei Mal übergeben geschafft hat. Denn bei Infekten sind es gerne auch 10 Anläufe oder mehr. So erschöpfend und auch angstmachend, dass ich sie schon wider besseren Wissens in eine Notaufnahme schleppte aus lauter Sorge.

Wenn sie es geschafft hat, einzuschlafen, ist in 90% der Fälle alles vorbei. Vielleicht isst sie den nächsten Tag wenig. Sie lernt, mit ihrem sensiblen Magen umzugehen. Und ich lerne, diese Stunden mit ihr wertzuschätzen. Denn trotz meiner Sorge und solidarischen Übelkeit, trotz ihrer Angst und ihren Magenschmerzen verbringen wir Zeit zusammen. Wir sitzen dort, und zwischendurch sehe ich mal nach den anderen oder nehme am restlichen Familienleben teil. Dann bin ich wieder da, zeige ihr und gleichzeitig mir, dass sie nicht alleine ist. Und lasse alles zu – meine Unmut über Termine, die verschoben werden müssen. Unsere Angst, Übelkeit, Sorgen, Tränen, Unwissen, Kälte, Schmerzen und Kummer. Alles ist. Und wir sind auch.

Vielleicht werden es diese Momente sein, an die sie sich einmal erinnert. Die körperlichen Empfindungen verblassen zum Glück. Aber vielleicht bleibt ihr das Gefühl, aufs Kotzen nicht alleine warten zu müssen.

 

[Disclaimer: Meine Tochter ist gesund, sie hat wirklich nur einen sehr empfindlichen Magen. Bitte also keine Sorgen oder medizinischen Ratschläge! Dafür ist dieser Text nicht online gegangen. Sondern, weil ich dachte, vielleicht geht es ja jemandem genauso. Oder vielleicht gewinnt jemand anderes einer solchen Situation ebenso etwas Positives ab.]

Beitragsbild: pexels.com. Danke!

  1. Hackenporsche

    Für mich ist Übergeben das Sschlimmste überhaupt, lieber eine Woche Durchfall als einmal übergeben. Eine Freundin hat auch einen empfindlichen Magen, das gleiche Programm wie bei Euch wohl – Übelkeit, Magenschmerzen, Aufstossen – und sie geht recht gelassen damit um, sie ist froh wenn alles raus ist und aie weitermachen kann. Aber Durchfall, Durchfall ist ein Horror für sie. So ist jeder anders.
    Mir tut Deine Tochter (und auch Du) ganz furchtbar leid, vielleicht mehr als Ihr braucht. Aber ich finde es großartig, dass Du bei ihr bist. An “geteiltes Leid ist halbes Leid” ist schon etwas dran, wenn man alleine ist, ist alles viel überwältigender, mächtiger, schlimmer. Und Zeiten in denen man sich öffnen kann sind kostbar. Und so hat das Schlimme dann doch auch etwas Gutes.
    Liebe Grüße, Katrin

  2. Was ich richtig gut finde, dass Deine Tochter mit Dir spricht.
    Und ganz vielleicht lernt Deine Tochter über die Jahre, sich den Frust, Ärger und Stress vorher von der Seele zu reden. Das wäre toll und ich wünsche es ihr und Euch sehr.

    • Deine persönliche Leistung will ich damit natürlich nicht kleinreden.
      Du hast meine Hochachtung dafür, dass trotz eigener “Empfindlichkeit” mitzutragen und bei ihr zu sein.

  3. ich hatte das genau in dem alter auch total schlimm und bei mir ist das mit der zeit verschwunden. ich drücke ihr die daumen, dass sie da vielleicht mehr glück hat als die mama, die sich damit anscheinend immer noch rumschlägt :/

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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