Hier ist ein Plakat mit einem Aufdruck einer Anonymous-Maske zu sehen. Der Spruch, der ergänzend darunter steht, lautet "You get what you vote for". Das Schild habe ich auf der "Freiheit statt Angst 2013" in Berlin aufgenommen.

An der Zukunft vorbei gestalten

 

Wir machen alles falsch.

Entschuldigt, so dramatisch wollte ich eigentlich nicht anfangen.

Und trotzdem stimmt es. Wir machen alles falsch.

In welchen Bereich wir auch sehen: Alte Menschen bestimmen, wo es langgeht. Das wäre an sich nicht einmal so schrecklich verkehrt. Wenn nicht permanent am eigentlichen Bedarf vorbei regiert, gemanaget, gedacht würde.

Es liegt in der Natur des Menschen, eine eventuelle Machtposition vor allem zur Sicherung des eigenen Wohls und Wahrung der eigenen Interessen zu nutzen. Das moralisch kritisieren zu wollen ist eigentlich ein Fass ohne Boden. Dennoch mache ich das Fass immer öfter auf, und zwar aus einem sehr wichtigen Grund:

Die Beschlüsse einer meist deutlich jenseits der 40 angesiedelten Generation in Staat, Wirtschaft, Sozialwesen, Europapolitik, Gemeinwohl … wen werden sie in aller Regel tatsächlich betreffen?

Sie betreffen eine Generation, deren Bedürfnisse wir nicht kennen, deren Zukunft wir kaum erahnen können, und der zuzuhören uns offenbar Angst macht: Die Generation unserer Kinder. Wir haben keinen blassen Schimmer, wie die Welt aussehen wird, in der sie bestehen und als Gesellschaft funktionieren müssen, und doch maßen wir uns permanent an, diese Welt alleine gestalten zu können. Durchaus in bester Absicht! Aber das macht es nicht richtig.

Ein Beispiel aus unserer Schule:
Im letzten Jahr ist unsere Große zur Klassensprecherin gewählt worden. In der Schule wollen sie Demokratie und Mitbestimmung stärken und haben daher Klassen- und Schulrat eingeführt. Was sehr löblich ist. De facto bestanden die Sitzungen mit den Grundschülern im letzten Jahr allerdings darin, diesen durch zwei Lehrkräfte vermitteln zu lassen, dass sie den anderen Kindern doch bitte die Schulregeln näherbringen sollen. Wenn die Klassenlehrerin während des Unterrichts den Raum verließ, sagte sie den Kindern, die Klassensprecher seien ihre Vertretung und würden der Lehrerin später berichten, wenn sich jemand daneben benähme. Die Große war über diese Zustände unglücklich und konnte dennoch, da gerade neun, nicht benennen, was ihr aufstieß. Aus der Außenperspektive ist das leichter:

In bester Absicht (und aus Bequemlichkeit) wurde den Kindern suggeriert, die Erwachsenen wüssten schon genau, was sie, die Kinder, bräuchten. Also teilten die Erwachsenen den Kindern mit, was sie zu tun hätten. Und die Kinder folgten, eigentlich in einer Art Übersprungshandlung, und beschlossen, im nächsten Jahr nicht mehr in den Klassenrat zu gehen.

Im Kleinen wurde für mich beobachtbar, was im Großen seit Jahrzehnten passiert: Weil Systeme stets auf ihre eigene Erhaltung als oberstes Ziel ausgelegt sind (Hallo, Frank!), haben die Personen, die das System beeinflussen können, kein veritables Interesse daran, ihre Aktionen an der Generation auszurichten, die die Veränderungen betreffen wird. Die Folge ist eine Demokratieverdrossenheit bei den Regierten, und ein Stillstand in wichtigen Belangen bei den Regierenden.

Es folgt der Headfake dieses Blogposts: Wir können jetzt alle „Buuh, Scheiß Regierung, typisch, tut nichts für die Jugend, aber die Kinder sind unsere Zukunft!!!1elf“ rufen und uns dabei super aufgeklärt fühlen. Aber fragen wir uns doch vorher dieses:

Wann haben wir das letzte Mal versucht, unsere neunmalklugen Erwachsenenansichten wegzuschieben und die Kinder und Jugendlichen selbst zu fragen, was sie brauchen könnten. Oder sich wünschen. Oder woran sie mitbestimmen wollen? Haben das die Erwachsenen getan, die die #idpet unterschrieben? Und haben die Eltern, die die verpflichtende Ganztagsschule JETZT per Petitionen ablehnen, daran gedacht, dass das Thema IHRE schulpflichtigen Kinder überhaupt nicht mehr betreffen wird? Sondern die Kinder ihrer Kinder? Haben sie ihre größeren Kinder mal gefragt, wie sich diese ein (Arbeits- und Familien-)Leben vorstellen? Fragen sie sie nach Lerninhalten? Freizeitgestaltung? Partizipation? Wenn wir uns alle so sicher sind, für unsere Kinder das Richtige zu entscheiden, wo bleibt dann die Umwälzung des Bildungssystems, um unsere Kinder auf eine diverse, ethnisch sehr unterschiedliche Gesellschaft vorzubereiten, oder die Bestrebung, ein Sozial- und Rentensystem einzuführen, das unsere Kinder und Enkel von der Bürde ihrer Generation zumindest teilweise entlastet? Von wenigen Pilotprojekten im ein- oder anderen Bereich abgesehen?

Soll ich Euch sagen, woran es liegt, dass so viele Dinge noch nicht passiert sind, die längst hätten passieren müssen? Oder Dinge passieren, bei denen man sich an den Kopf fassen müsste? In der Politik, in der Gesellschaft, aber auch in der Nachbarschaft? Weil es uns im Grunde VOLLKOMMEN EGAL ist, wie die Welt unserer Kinder aussehen wird.

Das tut jetzt weh, oder?
Individuell stimmt es auch nicht. Uns ist gar nicht egal, wie die Welt für unsere eigenen Kinder aussieht. Uns ist aber vollkommen wurscht, wie die Welt für alle Kinder aussehen wird, als wäre unser Kind kein Teil davon, als wäre es egal, solange es dem eigenen Nachkömmling gut geht. Ist ein bisschen wie mit den Klimaflüchtlingen. So lange die Erderwärmung, die die Industriestaaten verursacht haben, vor allem die armen Länder trifft und wir uns in Deutschland überlegen können, einfach seeeeehr hohe Zäune zu bauen, können wir es uns leisten, die Erderwärmung weiter zu ignorieren. Oder gleich ganz zu leugnen. Weil es in unserer Wahrnehmung das eigene Kind nicht betrifft.
Aber das ist eine Fehlannahme. Denn alle Kinder, fernab von ihren eventuellen Privilegien, werden Teil der zukünftigen Gesellschaft sein, und sie können mit 10, 12, 14 schon recht differenziert sagen, wie diese Gesellschaft aussehen sollte.
Aber statt sie zu fragen, denken wir permanent, wir sollten das alles selbst entscheiden, wählen Elternbeiräte, bilden Schulkonferenzen, treffen uns in Parteien, Ausschüssen, Initiativen, AKs, lassen uns zu Abgeordneten wählen … Und wie viele Kinder sind da eigentlich regelmäßig dabei …?

„Du denkst einfach nicht in der 4. Dimension, Marty“. „Stimmt, damit habe ich echte Probleme“. Zurück in die Zukunft III

Wir leiden am Marty Mc Fly-Syndrom. Er kann sich nicht vorstellen, dass eine Reise durch die Zeit auch Raum und Umstände signifikant verändert. Er sieht nicht, dass seine jetzigen Taten zwar die gesamte Gesellschaft beeinflussen, aber genau die Situation, die er gerade individuell fürchtet, durch die zeitliche Verschiebung marginal werden kann. Wir machen den gleichen Fehler, und dieser Fehler ist uns egal. Oder? An einer Lösung interessiert?

Die Lösung ist so simpel wie anstrengend: Zu jeder Entscheidung, die wir fällen, müssen die Generationen befragt werden, die mit den Konsequenzen leben müssen. Und nicht nur die, die laut Gesetz wahlberechtigt sind. Dazu müssen wir die Voraussetzungen schaffen, dass auch Kinder und junge Menschen in ihrem Engagement bestärkt und nicht gebremst werden. Kinder in Gemeinde- und Stadträten sollten ein normales Bild sein, und nicht lediglich ab und an zu Schauzwecken dazu geholt werden. Aber selbst wenn ich bei meiner Partei, den Grünen, nachfrage, wie es mit regelmäßiger Beteiligung von Kindern aussieht, höre ich eigentlich nur, wie schwierig sich das die Erwachsenen vorstellen.

Schwierig und anstrengend ist es allerdings nur, weil wir junge Mitglieder unserer Demokratie bereits in ihren wenigen Gremien unmittelbarer Mitbestimmung so enttäuscht und übergebügelt haben, dass diese von politischem Engagement schlicht nichts halten. Weil ihnen ohnehin nur wieder überall gesagt wird, was sie zu tun haben. Glaubt ihr nicht? Schaut Euch mal an, was Erstwähler heute wählen. Spoiler: Es ist das, was Mama und Papa wählen. Wenn sie  wählen gehen. Viele Jugendliche resignieren.

Wir haben sie resignieren lassen. Die wenigen, die sich dennoch im Kindes- und Jugendalter engagieren, deckeln wir. Anstatt sie zu unterstützen, machen wir ihnen die Gefahren und Enttäuschungen klar. Anstatt sie zu bestärken, erzählen wir ihnen, was alles nicht gehen wird. Warum? Haben wir wirklich Angst vor ihrem Scheitern?

Ich denke nicht. Ich denke, unter all dem schönen Schein, dem Engagement für das eigene Kind, dem Von-sich-selbst gerührt-Sein, weil man „die Sicherheit der Kinder“ ja über alles stellt, Kosten vollkommen unwichtig, wenn es zum Beispiel um die Errichtung von Zäunen um Schulen geht, unter all diesen „Maßnahmen“ zur Gestaltung einer Welt, in der unsere Kinder aufwachsen,

IST ES UNS EGAL.

Wir wollen unsere Kinder nicht beschützen, das ist vorgeschoben. Wir wollen die Welt um uns herum genau so gestalten, wie wir sie selbst haben wollen. Das ist absolut menschlich. Aber es macht uns kein bisschen besser als die regierenden Politiker, denen wir vorwerfen, ihr Volk nicht zu vertreten und lediglich ihr System zu erhalten. Wir sind die Frau Merkel unserer eigenen Kinder. Eine Merkel mit einem Marty Mc Fly-Syndrom. Und wir haben gar nicht die Absicht, das zu ändern.

Denn sonst würden wir die Kinder fragen, wie sie sich die Gesellschaft vorstellen, in der sie leben müssen.

 

 

Links, noch mehr Links!

Auf der ohnehin besuchenswerten Tollabox hat Bea die Beschreibung eines Kindes durch ihre Mutter veröffentlicht. Und die implizite Frage gestellt, ob es sich bei dem ungeheuren Potential unserer Kinder tatsächlich um ein vorausbestimmtes Scheitern am System handeln müsse. Absolut lesenswert! Auch in Bezug auf unsere Diskussion in den Kommentaren.

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10 Gedanken zu „An der Zukunft vorbei gestalten“

  1. Kinder an die Macht. Yeah! Ob es wirklich so einfach ist? Ich bin ja ein Vertreter der „Alten“ und hege manche Zweifel. Natürlich hast Du recht dass es einfach total daneben ist, wenn in der Schule der Klassensprecher die Funktion des „Blockwartes“ übernehmen soll.

    Einspruch muss ich allerdings anmelden, wenn Du behauptest, wir würden die Bedürfnisse unserer Kinder nicht kennen. Natürlich kennen wir nicht die individuell ausgeprägten Bedürfnisse eines jeden Kindes auf diesem Planeten, aber Maslow hat da schon mal ein sehr solides und nachvollziehbares Fundament gelegt, sprich unsere Kinder haben einfch erst mal die elementaren Grundbedürfnisse. Natürlich gestaltet ab einem bestimmten Level dieser Bedürfnis-Pyramide jeder seine eigene Pyramide, aber wie Maslow sehr richtig bemerkt hat, kannst Du ein höheres Level erst dann erreichen wenn Du dir den darunterliegenden Level erarbeitet hast.

    Kinder an die Macht? Katapultiere sie auf Level x und dann? Woher nehme ich den Optimismus, dass Kinder von der Macht nicht ebenso korrumpiert werden wie es unsere derzeigiten „Machthaber“ sind? Macht sollte weise eingesetzt werden, doch wenn daran schon die eigentlich Erwachsenen scheitern, wie kann ich da hoffen, dass es den Kindern nicht ebenso ergeht? Ich weiß, das hört sich jetzt maximal pessimistisch an, aber wenn unsere Berufspolitiker sich von den Lobbyisten und Ideologen manipulieren lassen, wie groß ist dann die Gefahr, dass sich junge Menschen ebenso manipulieren lassen.

    Ich war 1989 in Südafrika. 19 Millionen Menschen legten gerade das Joch der Apartheid ab und durften zum ersten Mal in ihrem Leben wählen. Die Welt hatte dem Land sozusagen die „Demokratie“ gebracht und nun 25 Jahre später stellen wir fest, dass die Großstädte dort unter extremer Kriminalität leiden, die Regierung durch und durch korrupt ist und wichtige Gemeingüter einfach vergammeln weil niemand etwa dagegen tun will.

    Kinder sind nach meiner Erfahrung erst mal ausgesprochene Egoisten. Für Babys ist das überlebensnotwendig und kann natürlich später „wegtrainiert“ werden. Deine (und meine Kinder) haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie mit Geschwistern groß werden und daher schon sehr früh lernen, auch auf die Wünsche und Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen zu müssen. Sie lernen das Teilen. Doch wieviele junge Menschen sind Einzelkinder, einfach weil der Wohnungsbau heute gar nicht mehr mit mehr als einem Kind rechnet bzw. derartiger Wohnraum viel zu teuer ist. Marty McFly hatte Geschwister, war ein ganz netter und patenter Kerl, aber im zweiten Teil der Trilogie hatte Einzelkind Biff Tannen das Zepter in der Hand, weil er durch einen Besuch seines späteren Ichs in eine Machtposition katapultiert wurde für die er nicht die geistige Reife besaß.

    Haben unsere Kinder diese Reife? Würde ich meinem autistischen Sohn die Entscheidungsmacht verleihen gäbe es jeden Tag Pizza, jedes Haus hätte Rolltreppen und einen Anschluß an das örtliche Straßenbahnnetz. Könnte meine Tochter bestimmen hätten wir nicht 12 Wochen Ferien im Jahr sondern eher 12 Wochen Schule. Und natürlich gäbe es jede Menge Bespaßung und unbegrenzt Geld für alle damit man sich alles kaufen kann was man will. In der Pubertät wird das Gehirn neu geordnet und geht dabei manchmal durch Ausnahmezustände in denen Dinge gemacht werden, die total daneben sind.

    Engagement ist super und ja, meine Tochter arbeitet fleißig an einem Referat über das Thema „Mobbing“ und das finde ich ausgesprochen gut. Aber reicht Engagement alleine aus oder braucht es nicht doch ein wenig Faktenwissen? Wer soll ihnen dieses Wissen vermitteln, wenn nicht die „Ältern“? Und welches Wissen soll vermittelt werden? Hier stimme ich Dir zu, unser Schulsystem ist total daneben, denn es fehlt an Pluralität und wenn man heute in Deutschland ein Studium der Volkswirtschaft „erfolgreich“ beenden kann ohne jemals während des Studiums in Kontakt mit Karl Marx gekommen zu sein, dann ist das höchst bedenklich.

    Den aktuellen politischen Prozessen fehlt die Pluralität. Das erkennt man schon daran, dass jeder Gesetzentwurf unter „Alternativen“ schlicht „keine“ schreibt, einfach weil man von der eigenen Ideologie so verblendet ist, dass man gar keine Alternativen erwägen will. Und ja, Politik ist ein Geschäft der „alten Säcke“ die sich an ihre Macht klammern. Will man Platz für Nachzügler machen, dann muss man die alten Säcke irgendwohin entsorgen, manche landen dann in Unternehmen (was ja auch schon ein Geschmäckle hat), andere entsorgen wir in die EU und nun merken wir, dass die Dinge wie TTIP einfädeln wollen, also mehr Schaden anrichten können als wir uns erhofft haben.

    Auf der anderen Seite hast Du natürlich das Problem, dass jeder ja älter wird und es zwar ein Mindestalter gibt um ein politisches Amt bekleiden zu dürfen, aber eben kein Maximalalter. Und ja, wenn man älter ist, dann empfängt man manche Botschaften anders. Bei uns war diese Woche Betriebsversammlung und ein Mitarbeiter hat sich über die Überalterung der Belegschaft beklagt und die Firma mit betreutem Wohnen verglichen. Ja, er hat Recht zum langfristigen Überleben braucht die Firma auch junge Mitarbeiter, aber dummerweise haben auch die „Alten“ Bedürfnisse und würden gerne noch ein wenig Arbeiten bevor sie dank total verfehlter Rentenpolitik sich in die Altersarmut abschieben lassen.

    Und jetzt? Das Wahlalter senken? Damit noch mehr Wähler das wählen was Papa und Mama gewählt haben? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht. Klar gibt es Kinder wie Malala die in jungen Jahren schon tatsächlich politische Ziele formulieren und verfolgen können. Aber es gibt halt auch die vielen Biff-Tannen-Clones die eher nach dem Motto „Wenn jeder nur an sich denkt ist auch an alle gedacht“ leben. Klar, irgendwann werden die auch auf dem Papier „erwachsen“ und dürfen wählen, aber ich wage mal zu behaupten dass diese trotzdem noch nicht die Stufe der Malsowschen Pyramide erklommen haben in der sie tatsächlich reif sind die Welt für „alle“ mitgestalten zu können. Vielleicht bin ich ja zu pessimistisch, vielleicht habe ich auch zuviel Lebenserfahrung um hier noch in Optimismus zu verfallen.

    Schlußwort: Ja, diese Welt wäre eine andere wenn die Kinder mehr mitbestimmen könnten als sie es heute können. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es eine bessere Welt wäre…

    1. Lieber Rainer,

      danke Dir für die Mühe eines so ausführlichen Kommentars, und die entsprechende Gegenposition. Ein wenig scheinst Du mir in diesem Fall in eine leichte Polemik zu verfallen :-). Denn ich habe ja keineswegs geschrieben, dass ab sofort Kinder alle Belange unserer Welt alleine entscheiden sollten. Es ist selbstverständlich in jedem unserer zum Teil hochkomplexen gesellschaftlichen Gefüge unsere Aufgabe als Erwachsene, unser Wissen zu benutzen, um unsere Kinder und Jugendlichen anzuleiten – sie also zunächst einmal in den Stand zu versetzen, Entscheidungen überhaupt treffen zu können.

      Das tun wir nicht, im Gegenteil. Wir belächeln altersmilde die Ideen und Ansichten unserer Jugend, und beschränken die Auseinandersetzung mit ihrem Engagement auf ein „Warten wir es mal ab“ oder ein „Wenn Du erst einmal in meinem Alter bist …“. Es ist nicht mein Punkt, zu sagen, ab sofort sollten Kinder entscheiden. Mein Punkt ist, wir kümmern uns einen Scheiß darum, wie sich unsere Kinder die Welt vorstellen, in welcher Gesellschaft sie leben müssen, und ob sie dazu in der Lage sein werden, weitreichende Entscheidungen zu treffen. Wir bilden sie nicht aus – Medienkompetenz, Umgang mit Wissensarchiven, politische Bildung, gesellschaftlicher Wandel … nix. Aber dann, mit 16, geben wir ihnen plötzlich das Wahlrecht und sagen, JETZT hätten sie die entsprechende Reife, Entscheidungen treffen zu können. Diese Reife fällt in unserer Vorstellung scheinbar vom Himmel, denn vorher wird kein Kind dieser Welt ernst genommen – es sei denn, Terroristen haben bereits versucht, dieses Kind umzubringen. Dann machen wir eine Ausnahme.

      Was das Tragische ist: Wir schieben diese Verantwortung von Erwachsenem zu Erwachsenem ab. Ich beschwere mich konstant über diesen Missstand im Großen. Zuhause aber fällt es mir aus einer Bequemlichkeit (und auch aus Desinteresse, ja, das muss ich zugeben) kaum ein, meine Kinder in wichtige Familienentscheidungen einzubeziehen. Und wenn ich es doch mal mache? Wenn ich meinen Kindern gestatte, den Einkauf zu übernehmen? Dann erlebe ich so manche Überraschung, denn neben der unvermeidlichen Schokolade und den Keksen sind auch Äpfel, Bananen, Gurken und Vollkornbrot plötzlich im Einkaufswagen. Oft beziehen die Kinder nur deshalb eine extremere Gegenposition (Nur 12 Wochen Schule im Jahr ;)), weil sie hoffen, der Kompromiss in der Mitte falle zu ihren Gunsten aus. Im Grunde machen das Erwachsene nicht anders.

      Ein bisschen mehr Vertrauensvorschuss könnten wir leisten, finde ich, und uns Gedanken darüber machen, wie wir Kinder und Jugendliche nicht zu enttäuschten Demokraten machen, sondern sie anleiten, ihr Engagement einzubringen und ihre Welt zu gestalten. Sie dabei ernst nehmen. Und solange wir das alles nicht tun, behaupte ich, sind uns die Kinder letztlich egal. Ihre Welt ist uns egal, und ihre Zukunft auch.

      Biff war übrigens bereits als Jugendlicher schwer gestört. Er hat unter seinem dominanten Vater gelitten, der ihn nie ernst genommen oder in irgend etwas einbezogen hat. 😉 Außerdem war er ein Arschlochkind. Kommt leider auch immer wieder vor. Umso wichtiger, den Kindern, die keine sind, den Rücken zu stärken.

      1. Liebe Julia,

        natürlich will ich Dich nicht falsch verstehen. 🙂 Und ja, Du rennst bei mir offene Türen ein wenn Du bemängelst, dass wir unseren Kindern in der Schule zwar die vom „Markt“ gefragten Skills einimpfen, aber ihnen eben genau das nicht beibringen was sie bräuchten um an der Zukunft der Gesellschaft mitzugestalten. Wäre ja auch noch schöner, wenn man sich kritische Bürger heranzüchten würde die am Ende auch noch alles hinterfragen…

        Nun denn, Du hast ein paar sehr gute Denkanstöße geliefert. Mit meinem Söhnchen gehe ich übrigens immer einkaufen, und tatsächlich kauft er nicht nur die Süßigkeiten sondern erinnert sich auch wenn er eine neue Zahnpasta oder Zahnbürste oder sonst was für die Schule braucht. Er ist da einfach supertoll struktriert, meine Tochter hingegen leidet an pubertätsbedingten lateralen Inhibitionen. Trotzdem, ich wage es mal und werde einfach die Kinder mitgestalten lassen, sprich sie sollen sagen was sie sich für jeden Tag der Woche zum Essen wünschen und wir sehen dann, ob das machbar ist. Und wer dann die dazu notwendigen Zutaten besorgt.

        Mal sehen wie gut das klappt. Und ja, Du hast natürlich recht, wir können nicht die Kinder bis zum Stichtag ignorieren und dann sagen „jetzt bist Du erwachsen, jetzt darfst Du alles selbst entscheiden“. Und verdammt, bei meiner Tochter ist das in 4 Jahren schon so weit. Vielleicht ist das ja auch der tiefere Sinn im Zickenkrieg während der Pubertät, das senkt den Trennungsschmerz bei beiden Seiten. 🙂

        Sag Deinen drei Juniordemokraten ganz liebe Grüße von mir und dass sie stolz auf ihre Mama sein können. Irgendwann werden sie es verstehen.

        1. Das ist ein schönes Projekt! Ich bin auf Deine Berichte gespannt und habe mir ähnliches vorgenommen. Auch wieder die eigene Bequemlichkeit, die mich da manchmal schwer ausbremst …

          Als ich Deinen ersten Kommentar las, dachte ich bereits, dass wir nicht weit von einander weg sind, wenn wir nicht aus argumentatorischen Gründen die Gegenstandpunkte vertreten. Deine Skepsis in bestimmten Belangen kann ich sehr gut nachvollziehen, und sie ist sicher auch oft richtig. Lass uns an dieser oder gerne auch an anderer Stelle wieder über unsere Erfahrungen und Möglichkeiten „im Kleinen“ sprechen. In den groben Zügen der, naja, „Bildungslücken“ und der daraus resultierenden Probleme sind wir ja grundsätzlich der gleichen Ansicht. 🙂

          Einen herzlichen Gruß auch an Deine zukünftigen Demokraten, die sich über ihren Vater genauso wenig beschweren können! Und ich gebe Dein liebes Kompliment gerne weiter, sobald meine zukünftigen Stützen der Gesellschaft damit fertig sind, Monopoly-Figuren durch die Gegend zu werfen … seufz. 😉

  2. Beim Lesen musste ich unwillkürlich an ein Aha-Erlebnis aus meiner eigenen Jugend denken. Ich muss so vierzehn Jahre alt gewesen sein. Im Fernsehen war irgendeine größere politische Veranstaltung (vielleicht auch eine Art Messe), auf der irgendein Sender „Kinderreporter“ losgeschickt hatte.

    Einer dieser Kinderreporter, ebenfalls um die 14, stellte nun einem Politiker – ich bin ziemlich sicher, dass es ein CDUler war – eine Frage bezüglich der Atommüllendlagerung. Woraufhin dieser alte Herr (mindestens Mitte 50) knallhart sagte: „Nun, das ist schon ein Problem, das allerdings erst in 20, 30 Jahren akut wird und darum wird sich dann die nachfolgende Generation kümmern.“

    Dem Kinderreporter fiel fast das Mikro aus der Hand und ich reagierte auf der Couch ähnlich. Ich war vollkommen sprachlos. Seitdem habe ich nie wieder einen Politiker so unverblümt sagen hören, was vermutlich die meisten denken. Außerdem wurden mir zwei Dinge klar:
    1. Atomkraft gehört abgeschafft und
    2. Dieses ganze System, das nur auf hirnlosen Wachstum ausgelegt ist und sich keine Gedanken um Nachhaltigkeit macht, muss zerstört werden.

    Solange ich immer noch Empörung, die mein vierzehnjähriges Ich an diesem Tag verspürte nachfühlen kann, habe ich mich noch nicht ganz aufgegeben…

  3. @ Rainer

    Da Ihr Eure Tochter erzogen habt, wirst Du bestimmt positive Überraschungen erleben. 😉

    @ Juna

    ich denke schon, dass wir den Kindern zumuten können, mit zu entscheiden.

    Und ich denke auch, dass verantwortungsbewusste Eltern dies auch zulassen. Auch wenn es schwer fällt. *seufz*

    Mein Großer wird diesen Monat volljährig. Meine Große ist gerade 16 geworden. Und abseits des Pubertäts-„Krieges“ merke ich doch immer wieder, dass wir trotz Autismus die Kinder schon recht gut auf Mitbestimmung und auf ihr selbstständiges Leben vorbereitet haben.

    Manches werden sie allerdings erst aus der Lebenserfahrung heraus besser verstehen können. Auch einige unserer autoritären Entscheidungen.

    Aber wie stützt Du Deine Kinder, wenn sie in der Schule was verändern wollen?
    Gehst Du in den Clinch und wirfst den Lehrern vor, dass diese die Kinder zur Aufsicht nötigen?
    (vorausgesetzt, Deine Kinder bitten Dich bzw. erlauben Dir dies)
    Dass diese den Sinn und das Ziel des Klassenrates unterlaufen?
    Was machen Kinder, die sich engagieren wollen, aber von zu Hause keine Hilfe erhalten?
    Wie erlebst Du die Elternschaft in den Klassen Deiner Kinder?

    Und, wieviel Macht möchtest Du der Schule einräumen?
    Denn das dass Schulsystem ein entscheidender Machtfaktor in diesem Bereich ist, dessen sind wir uns ja einig.
    Der Politik-, SoWi-, Geschichts- und Philosophie-Unterricht ist in diesem Bereich so etwas von defizitär…………………………….. und es —- mich sowas von an. Jedes Thema wird nur angerissen. Nichts vertieft. Ich kann dies zwar nur auf die Schulen meiner Großen beziehen (Gymnasien), aber es erschreckt mich massiv, denn es sind mehrere.

    Und die SV wird ja oft nicht von den Jung-Demokraten bestritten. Denn diese wird ja nach Beliebtheit gewählt und nicht nach Fähigkeit.

    Liebe Grüße
    Anita

    1. Gute Fragen, Anita. Und ich weiß es selbstverständlich auch nicht. Aber ja, ich neige dazu, auch hier nötigenfalls Konflikte auszutragen – oft sind unsere Bildungseinrichtungen die ersten Betonwände, gegen die wir laufen. Mein Vater hat, als ich klein war, meist gesagt, man könne „da nichts machen“. Und so weiß ich zumindest, was ich meinen Kindern nicht vermitteln möchte. Auch wenn ich seine Motivation dahinter mittlerweile verstehe. Die Kinder müssen MITgestalten dürfen, am besten von Anfang an. Wie das in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und auch später aussehen kann … ja, darüber müssen wir uns Gedanken machen. Um ihnen „die richtigen“ Möglichkeiten zu zeigen und ihnen beizubringen, dass es ihre Welt sein wird. Und dass sie ernstgenommen werden. Also, zumindest wäre das mein Ziel. 🙂

      1. Dann werde ich mich freuen, wenn Du eine der wenigen Mütter sein wirst, die auf einer Planungsrunde zum Thema „Projekttage => Schule, wir gehen unseren Weg“ beim Thema Inklusion NICHT aufstöhnen wirst. Dass Du NICHT sagen wirst, „das Thema ist zu komplex“. Und Du Unterstützung anbieten wirst. Sogar für ein Dir fremdes Kind.

        Denn das ist die Reaktion, die meine Große erhalten hat. Wohlweißlich hat sie den Vorschlag über einen Lehrer machen lassen. Saß aber in der Planungsrunde und musste sich diese Kommentare anhören.

        Das einzig gute an diesen Kommentare war, dass sie mir die Erlaubnis gegeben hat, sie hier zu unterstützen und zusätzlich mit den Lehrern ins Gespräch zu kommen. Denn alleine würde sie aufgeben. Aber auch das ist Mitbestimmung, dass meine Tochter das Tempo vorgibt.

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