juna im netz

Das Netz ist das, was Du draus machst

Das Netz und so, Der Stoßseufzer, In eigener Sache

Ach, Twitter!

Hier sieht man jemanden, der ein Tablet in die Kamera hält

Oh Twitter, Du mein Lieblingsnetzwerk. Du hast mich mit Menschen zusammen gebracht, die ich nicht mehr missen möchte. Du hast meine Tage (und Nächte) bereichert, wenn ich mit niemandem reden konnte. Du hast mir die Abgründe und das Beste in uns allen gezeigt. Schon jahrelang gehen wir durch alle Katastrophen, aber auch alles Licht gemeinsam. 

Seit kurzem allerdings befinden wir uns in einer Beziehungskrise. Ich sage es ganz offen, es läuft nicht mehr zwischen uns. Und ich traue mich auch, offen zuzugeben, dass es an mir liegt.

Sicher, Du hast Dich über unsere gemeinsame Zeit verändert. Aber wer tut das nicht? Keines Deiner neuen Gesichter hat den Kern Deines Wesens erschüttert. Nicht die unbegrenzten DM, nicht das stärkere Kuratieren der TL, über das sich alle aufregen. Nicht die gifs, nicht die Autoplays, nicht die von Dir so dringend benötigte Werbung (ich weiß, Du bist pleite. Ich auch. Schwamm drüber!) Nein, in ganz vielem warst und bist Du erschreckend beständig, sogar verlässlich. Zum Beispiel in Deiner gleichgültigen Haltung gegenüber Schmähungen und Diffamierungen. Aber auch in Deinem Festhalten an Offenheit, an Teilhabe, an Barrierearmut – zumindest was die Anmeldung und Handhabung betrifft.

Nein, Du bist es nicht. Ich fürchte, ich bin es. Und es tut mir weh, das zu sehen und zuzugeben.

Twitter, ich habe Dich euphorisch gefeiert und tue es noch. Wo sonst stehen die Aussagen einer kleinen Bloggerin aus Heidelberg plötzlich egalitär neben Politikern, gefeierten Journalistinnen, großen Konzernen? Wo sonst kann man so direkt die Macht von Social Media erleben? Wo sonst treffe ich Menschen, denen ich niemals im Leben einfach so begegnet wäre, die danach Bekannte, Freunde, Partner für gemeinsame Ideen und Initiativen werden?

Hier ist ein Graffito an einer Hauswand zu sehen, darauf steht "The revolution will not be tweeted"

Ich habe Dich benutzt, und es tut mir leid. Ich bin nicht sicher, ob es reichte, was ich Dir all die Jahre zurückgegeben habe. Im Nehmen war ich gut – ich nahm die Kontakte, die Informationen, die Plattform. Und gab meine Artikel, mein Wissen und ein überschaubares Maß an Online-Aktivismus im Gegenzug. Ein fairer Tausch? Wenn ich heute darüber nachdenke, nicht. Ich fühle mich unzulänglich, unbedeutend, viel zu klein im Rauschen so vieler klügerer, besserer, lauterer Menschen.

Du bist es nicht, und es sind auch nicht die schweren Zeiten, durch die Du mich geschickt hast. Die Wünsche nach einer baldigen Nahtoderfahrung, die Beschimpfungen als F****, das gelegentliche „Geh sterben“ eines Diskussionspartners … es traf viele schwerer als mich, und Dich trifft nur wenig Schuld an dem, was die Menschen zum Teil „Diskurs“ nennen und „Meinungsfreiheit“ und „Man wird ja wohl noch twittern dürfen“.

BjNBnZuCUAAuuAN

Twitter, es liegt an mir, und ich kann mich nur entschuldigen. Gerade jetzt in diesem Moment lasse ich Menschen im Stich, die mir wichtig geworden sind. Sie wehren sich gegen einen Menschen, der eine Bloggerin öffentlich beleidigt. Und sie tun das in ihrer eigenen Weise. Mit Liebe, Wertschätzung und Nachdruck. Gerne wäre ich dabei, würde wie so oft allen Beteiligten online den Rücken stärken. Aber ich kann nicht. Wir haben eine Krise, wir zwei, und ich kann nicht munter darüber hinweg twittern.

Ich sage es, wie es ist. Ich mache Dich verantwortlich, für so vieles, für das Du im Grunde nichts kannst. Das ist unfair, ich weiß, aber ich kann unser Jahr nicht vergessen. Durch Dich habe ich Chris kennen gelernt und lange begleitet. Durch Dich erfuhr ich, dass er im Sterben liegt. Und von seinem Tod. Während wir Kerzenbilder twitterten, schlief er ein. Ich hoffe so sehr, dass er nicht leiden musste. Aber ich werde es nie erfahren, denn wir kannten uns nur über Dich. Ich weiß gar nichts, gar nichts. Und ertrage es kaum.

Durch Dich lernte ich Johannes kennen. Als er nicht mehr weitermachen konnte, sprach er mit Dir. Ich fühlte ganz kurz vor dem Ende, was vielleicht passieren würde. Und vertraute meinem Gefühl nicht, denn wir kannten uns nur durch Dich. Er fehlt mir, oft. Aber ich erfahre nicht, wie es den Seinen geht. Ich kann nicht mitfühlen, mitleiden, mitsprechen. Du bist der offenste und weitreichendste meiner Kommunikationskanäle, aber bis dorthin trägst Du nicht. Wir erreichen einander, und doch erreichen wir uns nicht, oder? Wir erreichen uns nicht.

Hier ist ein Bild eines Sonnenuntergangs am Meer zu sehen. Kitschig, aber so ist es eben. Auf dem Bild steht "Weiterleben. Weiterlieben. #waszaehlt. Johannes Korten"

Es wird noch unfairer in unserem Beziehungsgespräch, um das Du nicht gebeten hast, ich aber schon. Immer wieder. Es ist doch so: Wenn Du zu mir sagst, guck mal, Du bist so und so, und das sind die Menschen, die ähnlich sind wie Du, und vielleicht magst Du mit ihnen sprechen? Dann machst Du eine Zuschreibung. Du definierst, wie ich bin, und ich lasse mich definieren. Plötzlich bin ich nicht mehr wandelbar und irgendwie, sondern ich bin bestimmt. Du hast mich in eine Ecke argumentiert, in der ich stehen wollte. Und mit Menschen zusammen gebracht, mit denen ich zusammen sein wollte. Aber Du gehst zu weit. Da entsteht ein Bild von mir, online, und das Bild ist fest. Es entspricht mir nur zu einem ganz bestimmten Teil, und alles, was gegen das Bild verstößt, muss erst einmal verargumentiert werden. Und je fester das Bild ist, desto schwieriger wird es, mit Dir meine Interessen zu teilen, meine Meinung zu sagen, echte Menschen hinter den festen Bildern zu finden. Es wird schwierig, ANDERS zu sein als das Bild. Einige Menschen sind an diesem Bild zerbrochen.

Ich bin nicht fest, ich habe kaum je einen Kern gehabt. Keinen wie Du. In den letzten Jahren hast Du äußerlich so viel verändert, aber innerlich bist Du immer noch Du. Aber ich? Ich teile nicht einmal die Zellen mit dem Menschen, der ich noch vor sieben Jahren war. Wie soll ich dann im Kern die Gleiche sein, die ich vor vier Jahren gewesen bin?

In Deiner Gemeinde tobt es, und ich hätte noch vor gar nicht allzu langer Zeit mitgetobt. Ein irrer Soon-to-be-President in Amerika, ein instabiles Europa, Geflüchtete, Rassismus, Sexismus, Hatespeech, ein vollkommen absurdes neues Urteil zur Linksetzung, und Mc Donald´s will in Zukunft die Burger nach Hause liefern. Nicht zu vergessen das grottige Fernsehprogramm, die Diskussionen um das Basteln oder Nicht-Basteln von Adventskalendern und die AfD. Immer die AfD. Es ist zum Heulen, und zum Twittern.

Aber ich kann nicht.

Ich habe mir lange überlegt, warum ich nicht mehr kann. Warum ich gerade nicht bereit bin, in unsere Beziehung zu investieren. Und ich finde mich selbst hässlich dafür. Denn auch ich sollte in schlechten Zeiten zu Dir stehen, Dir Freiheiten einräumen, Dich bestätigen. Gerade fällt mir das unendlich schwer. Ich mache meinen privaten Account auf, um zu folgen oder zu blocken. Das wars. Und ich fühle mich schrecklich, denn da sind so viele Menschen, die ich eigentlich in meinem Leben haben möchte. Aber nicht so.

Du saugst mich auf, meine Energie, meinen Willen. Du polarisierst, hypnotisierst, schreist. Um Dir im nächsten Moment kollektiv gegenseitig die Eier zu kraulen und zu bestätigen, was für ein tolles Netzwerk Du bist. Es gibt nur noch gut und böse, laut und leise, schwarz und weiß. Für einen Grautöne-Menschen wie mich wird die Luft knapp und der Platz eng. Ich sehne mich nach echtem Diskurs und echtem Rückhalt, aber Du lässt diese wunderbaren Menschen in Dir zerfallen in Lager, und sie machen es mit. Und mit jedem neuen Ereignis werden die Lager neu verhandelt, und ebenso hart werden sie umkämpft.

Hier ist ein Screenshot eines Tweets von Stefan Graunke zu sehen. Er schreibt: "Willkommen bei Twitter, dem Netzwerk für mimosenhafte Befindlichkeiten, plakative Intoleranz und größtmögliche Missverständnisse"

Es ist Zeit. Wir sind an dem Punkt, an dem ein Link keine wohlwollende Referenz mehr ist, sondern allzu oft Häme einfordert. Wir sind an dem Punkt, an dem es verwerflich ist, auf Postings zu verweisen und sie zu feiern, weil sich zu viele Menschen dadurch angegriffen fühlen. Wir sind an dem Punkt, an dem die Haltung „Leben und Leben lassen“ öffentlich kritisiert wird, und das dann plötzlich auch noch alle gut finden. Als wäre etwas falsch am Leben und Leben lassen. Wir brauchen eine Pause. Du von mir, und ich von Dir.

Lass uns später weiterreden, vielleicht ist es ja nicht das Ende.

  1. Ach Julia! Ich verstehe Dich glaube ich schon, Deine Zeilen drücken das aus, was wir alle unterschwellig spüren und ja, jetzt ist ja die sogenannte “besinnliche Zeit” und da ist es auch mal nötig, Abstand zu allem zu gewinnen und sich auf die Dinge zu besinnen die einem wirklich wichtig sind und am Herzen liegen.

    Da ist es natürlich klar, das Menschen im “real life” den Vorrang vor allen Online-Kontakten haben. Und ja, manchmal saugt es einen psychisch leer, geht auch mir so und dann schalte ich mein Hirn eben “auf Durchzug” und überfliege nur noch was so in der Timeline abgeht. 140 Zeichen waren eh nie geeignet um fundierte Diskussionen zu führen und das Rauschen ist auf Twitter ja auch ungleich höher als in anderen Kommunikationsmedien. Trotzdem nutze ich es, denn für schnelle Nachrichten gibt es nix besseres. Aber ich vermeide gerne, mich in irgendwelche Schlachten zu stürzen die man eh nicht gewinnen kann und oft zerreisst es mir das Herz, wenn ich von den Nöten und Sorgen der Menschen lese, die mir – obwohl ich sie kaum persönlich getroffen habe – irgendwie ans Herz gewachsen sind.

    Nimm Abstand, finde Dich selbst. Wer für sich in Anspruch nimmt, Dein (Online-)Freund zu sein wird Deine Beweggründe verstehen und Geduld haben. Wir sind ja nicht weg, wir sind da und wir werden auch noch da sein, wenn Du irgendwann wieder kommst. Dennn ich glaube nicht, dass es das Ende ist. Schließlich wird am Ende ja immer alles gut, und wenn Du nicht da bist ist es nicht gut, also kann es kaum das Ende sein. (Ja, ich weiß, ich habe auch schon logisch fundierter argumentiert 😉 )

    Und bis dahin, alles Liebe und Gute zu Dir.

    • Lieber Rainer,
      Dich lasse ich nicht mehr aus meinem Leben. 😉 Ich bin froh, dass wir uns auch im Blog regelmäßig lesen, und hoffe, dass Du mich kontaktierst, wenn Du mich brauchst/ vermisst/ meine Meinung hören möchtest. Egal, auf welchem Kanal. Ich bin immer für Dich da.
      Für 2017 wünsche ich mir übrigens ein Treffen mit Dir und Deinen Lieben. Wir planen eine Fahrt durch DE und würden uns tierisch freuen, wenn Ihr Lust habt, uns zu sehen und mal ganz real in den Arm zu nehmen. Für die vielen Jahre gegenseitigen Lesens, Unterstützens, virtuellen Umarmens.

      Na sicher ist das nicht das Ende … es ist eine wichtige und richtige Pause. Vier Wochen ohne twitter waren früher kaum denkbar. Nun merke ich, wie viel Energie in die Projekte fließt, die mir wichtig sind. Es kommt eine Zeit, da werde ich beides verbinden können. Und bis dahin: <3

      • Liebe Julia,
        ja, solltest Du mal in der Gegend sein dann melde Dich. Ich nehme mir auf jeden Fall Zeit und vielleicht will ja mein Söhnchen auch mal Heidelberg per Straßenbahn erkunden. 😉
        Ja, mach Deine Pause, denn das ist extrem wichtig. Und wenn Du etwas brauchst bin ich da, alle Kontaktdaten hast Du ja.
        Ansonsten ganz viel Energie für Dich und Deine Projekte und ein wunderschönes und hoffentlich erholsames Weihnachten. Bei mir ist noch Tretmühle bis 23.12. angesagt und dann Urlaub bis zum 9. Januar. Dann werde ich vielleicht auch mal zur Ruhe kommen. 😉
        Und drück Deine Kinder ganz fest und genieße jede Sekunde mit ihnen. Jetzt wo meine Tochter flügge wird und so langsam das “Nest” verlässt merke ich, wie sehr das weh tut nicht noch viel mehr Zeit mit ihr verbringen zu können.
        Wir sehen uns in 2017, versprochen.

  2. barbara

    „Wenn Du zu mir sagst, guck mal, Du bist so und so, und das sind die Menschen, die ähnlich sind wie Du, und vielleicht magst Du mit ihnen sprechen? Dann machst Du eine Zuschreibung. Du definierst, wie ich bin, und ich lasse mich definieren.“

    Sorry, das klingt ziemlich neurotisch. Twitter macht dir nur Vorschläge, was für dich interessant sein könnte. Wenn du das als fremde Definition deiner selbst ansiehst, gehst du deutlich zu weit.

  3. Juna,

    ach Mensch

    Gönn Dir die Ruhe, die Du brauchst. Ab und zu ist es “da” sehr anstrengend und oft viel zu schnell.

    LG Anita

    • Liebe Anita, wie schön, dass Du kommentierst! Dann kann ich Dir gleich etwas hier lassen, was ich Dir auf twitter sagen wollte:
      Was für ein Jahr für Dich! Du hast Dich in diesem Jahr wirklich unglaublich viel getraut, und ich finde das bemerkens- und bewundernswert! Deine (Online-) Arbeit ist wichtig, und Du machst sie neben der anstrengenden Familienarbeit. Ich erlebte Dich 2016 gestärkt, und ich finde, Dein Rückrat ist nachahmenswert. Danke, dass ich Dich in diesem Jahr ganz aktiv begleiten und nicht nur als Leserin in meinem Blog wahrnehmen durfte! Ich finde es grandios, was Du geleistet hast, und bin froh und stolz, von Anfang an zu Deinem immer größeren Netzwerk zu gehören.

      Kepp up the good work, aber schau auch nach Dir und nach genügend Pausen. Vielleicht sehen wir uns in 2017? Hierfür gibt es schon Ideen …

      • 🙂 Danke für das Kompliment.
        Die OnlineArbeit ist für mich auch ein Ventil, nicht zu verzweifeln an gewissen Dingen, die ich alleine nur schwer verändern kann.

        Bezüglich Treffen, ich warne vor 😉 ; hier in “meinem” Chaos ist selten etwas planbar bzw. durchführbar, weil der Alltag oft so erschlagend ist. Auch ein Grund, warum ich das Netz so sehr liebe. Denn das “läuft nicht weg” und ist nicht an Termine gebunden.

  4. Kurze Zwischenbemerkung;

    Mit dem “absurden Gesetz” meinst du vermutlich eher das aktuelle URTEIL des LG Hamburg zur Linkhaftung in einem Verfahrung zur einstweiligen Verfügung?
    Das ist ja noch lange nicht Gesetz und ob es sich in einer Haupverhandlung oder vor der höheren Instanz halten würde, ist nicht sicher. Leider hat der Beklagte den Entscheid akzeptiert, also wird dieser Fall nicht zur Klärung beitragen.

    Zu deinem Frust, der mir leid tut, kann ich nicht viel sagen. Bin selbst nicht so involviert, obwohl ich viel tweete. Wer da wen blöd anmacht, beleidigt, nervt, bekomme ich selten mit – eigentlich nur, wenn ich mal per Hashtag über meine Timeline hinaus schaue. Und auch dann sehe ich ja keine zusammen hängenden Gespräche und forsche diesen auch nicht nach.
    So hat halt jede ein anderes Twitter-Erlebnis. Schade, dass deines dir nicht mehr gefällt!

    • Danke Claudia, ja, das meinte ich! Ich editiere noch oben.

      Ach, weißt Du, es ist wie ich im Beitrag schrieb: Ich bin es selbst, ich habe mich verändert, und nun muss ich für mich eine neue Nutzung finden. Ich will niemanden von Euch verlieren – viele Menschen wie Dich lese ich seit Jahren jede Woche. Ihr gehört zu meinem Alltag, und Ihr seid eine Bereicherung.

      Wie ich das Ganze für mich neu aufstelle, werde ich sehen. Erst einmal muss ich den Abstand erweitern. Die letzten drei Wochen habe ich meine Twitterer schmerzlich vermisst, aber es ging mir gut. Besser als vorher. Und dann finde ich auch ein neues, wieder besser passendes Twittererlebnis. 🙂

  5. Ein Text, der bei aller Treffsicherheit auch recht ambivalent ist. Auch wenn Du es hier explizit an Twitter festmachst, ich fürchte, dass es kein Problem von eben Twitter alleine ist, sondern … naja, manchmal ist diese Online-Welt im Großen und im Ganzen zu viel … des Guten und des Bösen, des Traurigen.

    Die Menschen entwickeln sich, auch auf Twitter. Menschen, die man vor fünf Jahren wahrgenommen hatte, sind heute ein Stück weiter gegangen, haben sich verändert – manchmal kommen sie einem selbst damit näher, manchmal entfernen sie sich, manchmal ist man es selbst, der sich entfernt. Das nennt sich Leben – das passiert eben genau in einem sozialen Umfeld. Sozial Netzwerke sind nichts anderes.

    Sehr gut verstehe ich die Tode, die Du angesprochen hast. Dort, wo man mehr Menschen begegnet (oder auf Twitter eben z. B. auch Tieren), wird mehr gestorben. Und es kann sehr wohl sein, dass man einen Tod hier intensiver miterlebt, als man es vielleicht überhaupt schon im realen Leben/Umfeld tun musste. Das kann manchmal zu viel sein. Die von Dir beschriebene Dir fehlende Nähe zur Person oder zu den Hinterbliebenen … Dinge passieren immer außerhalb unserer Reichweite. Das ist ganz gut so. In der Menge wäre es anders kaum zu ertragen.

    So oder so: es ist gut, richtig, wichtig eine Auszeit zu nehmen, wenn das Gefühl einem dazu rät.

    • Vielen Dank Dir! Und ich stimme Dir zu. Als sehr eifrige Twitter-Nutzerin fällt es mir nur in meinem Lieblingsnetzwerk plötzlich viel stärker auf als früher.
      Ja, wir entwickeln uns. Und das ist etwas Gutes! Und dann muss eben alles Bisherige mitunter auf den Prüfstand. Ich finde schön, wie Du das in Worte gefasst hast.

      Nach der Auszeit werde ich sehen.

  6. nk

    Mir ging es vor ein paar Jahren mit einem Fachforum sehr ähnlich. Viele Menschen, die ich mochte, aber noch mehr Rücksichtslosigkeit, Dummheit und Rauschen, dem man als Moderator nicht entkommen konnte. Ein Kürzertreten, eine Pause, haben für mich damals nicht funktioniert, man war zu involviert. Ich habe dem Board damals schweren Herzens den Rücken gekehrt und seit dem vielleicht 2x im Jahr mal reingesehen und gemerkt, dass sich die Welt weiterdreht. Seitdem geht es mir wesentlich besser, ich habe Freiheit und Unabhängigkeit wiedergewonnen.

  7. “wir sollten nur die hälfte von dem tun, was wir so tun – und die so gewonnene zeit dazu nutzen, darüber nachzudenken, ob wir es überhaupt tun sollten …”

    twitter und fakebook nutzen bedeutet im grunde, als unbezahlte contenlieferanten den shareholdervalue von netzdikatoren in spe zu erhöhen …

    aber was sind solche bedenken schon gegen das schöne gefühl – naja, die illusion -, “bekannt” im netz zu sein? ist mir nicht so wichtig und meine zeit ist mir auch zu schade dafür. ich hab’ definitiv besseres zu tun, als im hamsterrad mitzutrampeln.

    wenn mich fakebook und google dafür bezahlen würden, statt die gewinne für sich selbst einzusäckeln, liesse ich ja mit mir reden. so bin und bleibe ich lieber “a-sozial”.

    • Naja, immerhin kommentierst Du einen Blogbeitrag! Das ist doch definitiv Nutzung von Social Media, und Du erhöhst damit den Wert dieses Blogposts, auch wenn ich hier rein privat unterwegs bin. 🙂
      Mediennutzung ist ein ebenso weites wie wichtiges Thema, und ich denke, jede bewusste Entscheidung ( so wie auch Deine) ist zunächst einmal richtig. Vieles passiert allerdings unbewusst, unreflektiert. Ob Social Media aus dem schönen Gefühl, bekannt zu sein, genutzt wird? Manchmal, sicher. Aber ebenso oft ist es die Suche nach Verbindungen, wo vielleicht im RL keine sind. Weil man selbst anders ist als das Umfeld.

      Gestern habe ich ein Interview gesehen, in dem wieder jemand den Gebrauch von Social Media mit Alkoholkonsum gleichsetzt – weil bei beidem Dopamin ausgeschüttet wird und beides somit Suchtgefahr hat. Ich finde diese Ansichten zwar bedenkenswert, sie greifen aber in meinen Augen viel zu kurz. Am Boden einer Flasche erwartet mich lediglich ein ausgewachsener Kater, und am Boden sehr vieler Flaschen ein Problem, eine ruinierte Gesundheit, vielleicht eine Klinik. Am Ende meiner Social Media-Verbindungen aber sitzen Menschen. (Noch) Viele davon tun mir gut, inspirieren mich, schenken mir ihre Gedanken oder ihre Zeit oder beides, wie Du auch mit diesem Kommentar. Ob sich solche Verbindungen lohnen, muss natürlich jeder für sich entscheiden.

      Der Post ging absichtlich von diesen Menschen weg, um unpersonalisiert ein Netzwerk anzusprechen. Ein Stilmittel. 🙂
      Danke für Deinen Kommentar, und guten Rutsch nach 2017!

      • > Aber ebenso oft ist es die Suche nach Verbindungen, wo vielleicht im RL keine sind.

        liebe juna,

        ich bin seit 1992 im netz, damals noch compuserve und dortiges spiegelforum. in den ersten jahren habe ich mit einem guten dutzend meiner gesprächspartner vor meinem kamin oder auf der dachterrasse gesessen … dann habe ich verstanden, daß diese zeiten jetzt wohl vorbei sind und mich für ein paar jahre komplett zurückgezogen und lieber wieder den menschen, die physikalisch in meinem leben waren, den vorzug gegeben.

        im netz hat jedenfalls niemand das tee-trinken beigebracht oder mit mir die nächte bei nie langweilig werdenden gesprächen über die tiefen dinge verbracht. das netz ist nicht das, als was wir es damals noch begreifen wollten, es ist den wohlmeinenden hippies aus den händen geglitten und gehört nun den geldmachern.

        eine milliarde menschen arbeitet unbezahlt für das, was du soziale medien nennen, sie mehren deren vermögen und das einzige, was sie dafür bekommen ist die illusion, von andern gesehen und bemerkt zu werden.

        natürlich reagiere ich auf einem “sozialen” netzwerk auf deine blogpost und natürlich führe ich selbst einen blog, aber … ich lese eine post wie die von michael seemann und denke: yup, du hast recht … aber “who cares”?

        jeden tag treten tausende neuer nutzer ins netz ein, alle unerfahren, alle machen die selben dinge durch, die man selbst erlebt hat, mit dem selben optimismus und der selben naivität … eine wirkliche einsicht oder änderung wird wohl erst kommen, wenn dem letzten klar geworden ist, wie nutzlos vieles ist … und dann kommen tausend neue, die den zyklus wieder beginnen.

        > Am Ende meiner Social Media-Verbindungen aber sitzen Menschen.

        in meinem zimmer sitzen menschen, mit denen ich tee trinke und die nächte durch quatsche. selbst, wenn man ein jahr lang und hunderte von kilometern von einander entfernt ist, hört das nicht auf. alleine in dieser woche hat mein (festnetz, hihi) telefon 4 mal nachts geklingelt.

        es ist halt die frage, ob einem ein publikum wichtiger ist als diese eine person.

        ich hoffe für dich, du findest solche personen auch in deinem IRL.

        im netz jedenfalls bist du nach einem monat schweigen wohl eher vergessen.

        dir auch für 2017 das beste …

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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