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Literatur, Minenfelder

11 Bücher, die Du gelesen haben solltest …

Hier ist ein Bücherautomat am Berliner Alexanderplatz zu sehen. Gegen Einwurf von Münzen lässt sich eine Lektüre ziehen

Die Welt hat eine Liste mit Büchern veröffentlicht. Genauer gesagt: Eine Liste mit 11 Büchern. Und dem schönen Zusatz, diese Bücher unbedingt noch vor dem 30. Lebensjahr zu lesen. 

Diese Liste hat mich tatsächlich etwas sauer gemacht. Nicht, weil ich das wohl nicht mehr schaffen werde. Mein Alter spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Sondern weil jedes dieser 11 Bücher von einem Mann geschrieben wurde.

Es gab ein „Früher“, da war es auch in der westlichen Welt für Frauen schwierig bis unmöglich, Literatur zu schreiben. Sie taten es dennoch, allerdings oft heimlich und unter Pseudonymen. Unnötig zu sagen, dass die Zahl der männlichen Schriftsteller durch die untergeordnete Stellung der Frau weitaus höher war als die Zahl der Autorinnen. Aber viele großartige Werke der Literatur hätte es nicht gegeben, hätten sich nicht mutige und besondere Frauen wie George Sand, Mary Shelley, die Brontë-Schwestern oder die bewundernswerte Masha Kaléko über alles hinweg gesetzt – und trotzdem geschrieben.

(Ja, George Sand ist eine Frau. Entsetzt?)

Heute steht der Literaturmarkt prinzipiell allen offen. Ja, er wird in vielen Teilen sogar von Frauen dominiert. Die meisten Romane werden von Frauen gekauft, die meisten Literaturbloggerinnen sind Frauen. Frauen sitzen als Lektorinnen und Autorenbetreuerinnen in den Verlagen. Und dann stellt eine junge Frau für die Welt diese Liste rein männlicher Autoren zusammen.

Ich werde mich nicht auf die Diskussion einlassen, wie schwer es ist, einen Kanon zusammenzustellen. Ich habe Literaturwissenschaften studiert und weiß das. Aber selbst in den häufig als verknöchert und veraltet wahrgenommenen Universitäten dieses Landes ist ein Kanon ohne Frauen mittlerweile die absolute Ausnahme. Sicher, in den Listen zur kanonischen deutschen Literatur wirken Ingeborg Bachmann, Else-Lasker-Schüler und Elfriede Jelinek manchmal wie nachträglich eingefügt. Aber immerhin stehen sie da. Selbst in Listen, die mit dem Jahr 1970 aufhören als wäre es eine akademische Zumutung, Gegenwartsliteratur wahrzunehmen. Die Welt dagegen tut gerade offiziell so, als sei es eine Zumutung, schreibende Frauen zur Kenntnis zu nehmen.

Ihr mögt einwenden, dass jede Literaturliste eine individuelle Zusammenstellung je nach persönlichem Geschmack ist. Und auf Privatpersonen trifft das sicher auch zu. Aber ist Repräsentanz in einem Massenmedium wie der Welt noch persönlicher Geschmack? Sind die Vorstände dieses Landes dann auch individuelle Zusammenstellungen nach persönlichem Geschmack? Und Meinungsbildung durch mediale Berichterstattung und Talkshows, Weiterbildung durch Universitäten und Literatur?

Nein, ich denke nicht.

Eine solche Exklusion, ein solch öffentliches Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen einer großen Gruppe von Menschen hat mit persönlichem Geschmack nichts mehr zu tun.

Liebe Welt, eine solche Liste geht durch ein halbwegs brauchbares Redigat nicht durch, und Punkt.

Feministische Grüße. Eine schreibende Frau.

Nachtrag: Sophia hat eine sehr schöne Liste von lesenswerter Literatur zusammengestellt. Von Frauen. Dankeschön!

Über den kleinen Band „Frauen, die schreiben, leben gefährlich, habe ich in einem Blogpost berichtet. Ich kann die Lektüre sehr empfehlen.

  1. Bravo. Ja, es ist ein Armutszeugnis wenn man es nicht schafft, hier eine ausgewogene Liste zu erstellen, andererseits ist die „Welt“ ja ein Blatt des Axel Springer Verlages, da erwarte ich persönlich auch gar nichts mit Qualität oder Tiefgang.

    Tatsächlich gibt es (wie die von Dir verlinkte Liste zeigt) eine Menge guter Bücher die von Frauen geschrieben wurden. Bei Romanen fällt einem natürlich spontan J.K Rowling mit Harry Potter ein. Aber es gibt noch mehr. Meine ersten Schritte beim Lesen von englischsprachiger Literatur machte ich mit den Büchern von Joy Fielding, das mag ein wenig wie „Trivialliteratur“ sein, aber diese Bücher waren für mich gut zu verdauende Kost, verständlich zu lesen und halbwegs spannend. Und ich musste kaum englische Vokablen nachschlagen, ganz anders als beim Versuch „1984“ von Orwell zu lesen. Dann fällt mir da noch Nancy Springer ein, deren Buch „I am Morgan LeFay“ habe ich unlängst gelesen und unsere Tocher bekam die deutsche Version zum Geburtstag und hat dieses Buch regelrecht verschlungen. Und wenn wir in unsere Twitter-Runde schauen fällt mir sofort Pia Ziefle ein die auch sehr gute Bücher schreibt.

    Auch auf der Sachbuchebene gibt es viele sehr gute Autorinnen. Denken wir nur an Naomi Klein (Schockstrategie) oder Naomi Wolf. Bei IT-Fachbüchern lese ich gerne auch Kathrin Passig und ich habe sogar das Geek-Kochbuch von Mela Eckenfels im Regal stehen.

    Tja, stellen wir also mal wieder fest, dass das Weltbild der Welt sehr verzerrt ist. 😉

  2. Oh Schade. Ich hatte gehofft eine Empfehlung von dir zu lesen ☺ Unabhängig davon: ich verstehe deinen Ärger.

    Kurz überlegt welche Bücher von Autorinnen mir einfallen. Es sind nicht besonders viele. Die meisten schrieben Kinderbücher¹, eine verfasste ein fantastisches Typografie-Handbuch² und „Pride and Prejudice“ habe ich auch gerne gelesen (Edit: nachdem ich jetzt auch Rainers Kommentar gelesen habe: ein paar IT-Fachbücher von Frauen müsste ich auch haben). Und was sagt mir das jetzt? Hm. Vermutlich erstmal nichts. Aber ich könnte reflektierter an meine Bücher Auswahl herantreten.

    Danke für die Anregung ☺

    ¹ Fällt Harry Potter in die Kinderbuch-Kategorie?
    ² Buchstaben kommen selten allein von Indra Kupferschmid. Sehr zu empfehlen.

    • Empfehlungen von mir! Oh! Gerne!

      Neben der wunderschönen Liste von Sophia drüben bei Unprätentiös sind meine Heldinnen der letzten Jahre Herta Müller mit „Atemschaukel“, Siri Hustvedts „Sommer ohne Männer“ (obwohl die zitternde Frau besser sein soll!), quasi alles von Cornelia Funke, vor allem aber die Tintenblut-Reihe. Wer es düsterer und weniger kindlich mag: Reckless. Dann schätze ich die Kurzgeschichten von Alice Munro sehr, ebenfalls eine Nobelpreisträgerin. Die Gedichte von Mascha Kaléko begleiteten mich sehr lange, und auch nach dem Studium habe ich sehr begeistert die Frauen aus der Gruppe 47 mit fast allen Texten gelesen. Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ ist toll, ja, und natürlich die großartige Pia Ziefle. „Suna“ wird wohl noch lange unter meinen Lieblingsbüchern sein. Außerdem „Sturmhöhe“ von Emily Brontë, das habe ich bereits mehrfach gelesen.

      In meinen Augen einen sehr gelungenen Porno schrieb Benoite Groult mit „Salz auf unserer Haut“. In dem Namen ist bestimmt ein Fehler. ^^ Tanja Blixen schrieb die Vorlage für „Ich hatte eine Farm in Afrika“ – wunderschön, nur langatmig, aber umwerfend. Und von Juli Zeh habe ich das meiste einfach verschlungen, unter anderem „Das Spiel“, „Corpus Delicti“, „Unterleuten“.

      Ansonsten: Was Rainer und Sophia sagen! Und Danke für Deinen Kommentar!

      • Wer Kinderbücher mag, darf Kirsten Boie nicht verpassen. Und selbst für Halblinke schreibt Jutta Ditfurth strikte, gut recherchierte politische Bücher. Den wundervollsten Science-Fiction mit Fantasy-Einschlag hat mir Anne Mccaffrey mit ihren Drachenreitern von Pern beschert – und nicht nur mit ihnen. Unvergessen bleibt auch Marion Zimmer Bradley – weniger wegen der Artus-Saga in den Nebeln von Avalon – sondern ihrer wunderbaren feministischen Darkover-Serie. Tabitha Kind, Steven Kings Frau hat auch ein paar wenige, aber lesenswerte Thriller verfasst. Und was wäre die Welt ohne Susanna Tamaro. Ja, ich weiß, alles altes Zeugs und lange nicht vollständig. Aber hey: ich bin 50! 🙂

        • Tom Burck

          Kirsten Boie is großartig. Kaum ein Buch hab ich lieber vorgelesen als den Kleinen Ritter Trenk!

  3. Marie_me

    Bitte nicht Isabel Allende vergessen. Das Geisterhaus ist ein wundervoller Klassiker!

  4. Alu

    Ganz klar Allende und Zusa Bank und Karsten Fuchs sollte man gelesen haben, es gibt soviele tolle Frauen. ♡

    • Großartig, Dank an alle bisher! Und mir ist gerade noch eingefallen, dass ich Marguerite Duras „Der Liebhaber“ wirklich gern gelesen habe.

  5. Was die Welt da fabriziert hat, ist eine Art Literaturpopulismus, ein Kanon für Leute, die mit der Literatur eigentlich schon lange ihre Verständnisschwierigkeiten haben, insofern tatsächlich „für Männer“, denn im allgemeinen sind es die jungen Männer, die sich als überzeugte Leseverweigerer durchs Leben quälen – und für solche scheint die Liste – ehem – kuratiert zu sein. Man spürt: Die Bücher, die eventuell dem hochmodischen Motto gerecht würden, „… Bücher, die uns berühren, uns nicht mehr loslassen, unser Sein erschüttern“, – yo, unser Sein erschüttern, also die kommen gar nicht mehr auf die Liste, sondern vom großen geilen Literaturbetrieb das Magere und Leichtbekömmliche. Von DFW eben nicht die Kritik und Zerstörung genau dieses Fulltime-Entertainments, das uns die geistig etwas zerknüllt wirkende WELT hier ans jugendlich pochende Herz legt, sondern eben sein Büchlein mit den leicht verdaulichen, lustigen Nebenarbeiten. Dass da Plath, Bachmann, Änais Nin fehlen, würde ich als vornehme Zurückhaltung der Damenwelt deuten, die sich mit Grausen von diesem erschütternden Sein abwendet. „Lesezeit: 8 Minuten“ vermutet Julia Hase für den Artikel, offenkundig ist sie pessimistisch, was die Lesefähigkeit der kmpkt-Leser angeht.
    Aber was soll’s? Die Möglichkeit, solche Listen halbwegs begründet aufzustellen, ist doch eh seit Jahrzehnten vorbei. Listings sind nur noch ein Clickbait-Trick, und genau das war vermutlich die Aufgabe des Artikels in dieser Online-Fabrik („NEWS TO GO, EINZIGARTIG ANDERS“). Wer ist eigentlich so blöd und sagt da innerlich zu sich: „Einzigartig anders? Genau mein Niveau! So was habe ich schon lange gesucht …“
    Was für eine einzigartig erschütternde Horrorveranstaltung! Man kann nur hoffen, dass einen dies kmpkt wieder loslässt.

  6. Ich empfehle auch Antonia S. Byatt, Possessions (dt. Besessen) – ein großartiger Roman über Literatur und Liebe.

  7. Ich glaube, ich habe mehr Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, in meinen Regalen.
    Unter den Neueren dann auch Suzanne Collins „Die Tribute von Panem“.
    Peark S, Buck und Agatha Christie gehören zu den älteren Büchern hier im Haus.

    Meine Große mag die Bücher von Ursula Poznanski.

    Ich weiß also beileibe nicht, woran es liegen könnte, dass auf dieser „Liste“ nur Männer stehen. Gute Autorinnen zu finden (wenn man denn will) ist kein Kunststück. Hier wurden schließlich schon viele andere genannt.

  8. Kat

    „Jane Eyre“ von einer der Brontë-Schwestern darf nicht fehlen, ebensowenig „To Kill a Mockingbird“ von Harper Lee.

    …jetzt mal ganz ohne meine Bibliothek tiefer konsultiert zu haben.

  9. Margaret Atwood???

    Ja, solche Listen, wie die von der ‚Die Welt‘ sind doof. Ist ein Patt – ich find ja auch ‚Die Welt‘ doof. Eigentlich alle Meinungsblaetter, die meinen, die Deutungshoheit vererbt bekommen zu haben … und fuer die „Zweifel“ eine schlechte Charaktereigenschaft ist. Braucht kein Mensch. Nicht mal der Buchmarkt.

    Was ich aber uebel finde, dass man ausgerechnet in einem frauenrechtlerischen Diskurs Margaret Atwood vergisst(*). Das geht gar nicht – oder?

    (*) Und zwar sowohl im FB-Anreisser, in diesem Beitrag und auch in der oben verlinkten Liste.

    • Also, bitte. Anders als bei einem Artikel für eine große Online-Zeitung, hatte hier niemand die Absicht, einen Kanon von unbedingt zu lesender Frauenliteratur aufzustellen. In meinem Blogpost oben sind lediglich ein paar hingeworfene Namen, in Sophias Liste ihre Lieblingslektüren, in der Aufzählung von Martina zig Beispiele guter Literatur. Der Anspruch NACH dem Veröffentlichen des Blogposts war, gute Empfehlungen für Literatur auch hier in den Kommentaren zusammenzutragen. Margaret Atwood ist ein wunderbares Beispiel, aber auch noch längst nicht die Einzige, die hier fehlt.

      Also, danke für Deinen Beitrag! Für den Ton allerdings bedanke ich mich nicht, den finde ich unangebracht.

  10. Ich wurde drüben auf FB beauftragt, meines Amtes zu walten, um auch hier auf die stets fehlende und überaus großartige

    Ursula K. Le Guin

    hinzuweisen. Mir ist völlig unerklärlich, wie Atwood und Le Guin auf irgendwelchen Positivlisten fehlen könnten. Un-be-greif-lich! 😉

    Von den zeitgenössischen Schriftstellerinnen möchte ich übrigens ausdrücklich Kameron Hurley und Nnedi Okorafor erwähnen, obwohl es mir wohl nicht mehr gelingen wird, sie vor meinem 30. Lebensjahr zu lesen. Ahem.

    Und Kerstin Ekman, Marlen Haushofer. Wurden die erwähnt? Ich muss nochmal durchscrollen, vielleicht habe ich sie übersehen.

  11. Ohne jetzt irgendeinen Kanon gelesen zu haben, fallen mir spontan auch noch die Schriftstellerinnen Jean Webster(„Daddy Langbein“ / „Daddy Longlegs“) und P.L. Travers (Mary Poppins) ein.

  12. …. und nicht zu vergessen: Marlen Haushofer „Die Wand“ – aber was mir schon lange auf den Senkel an solchen Artikeln geht, ist diese neue Altersgrenze von 30 und dass sie anscheinend nicht mehr ohne „neckische“ Bildchen auskommen, bei denen Epileptiker gefahr laufen, einen Anfall zu bekommen.

    Am liebsten hätte ich denen geschrieben: 30? Are you really kidding me? and where are the female writers? Aber leider muss man dazu registriert sein, und das möchte ich nicht.

  13. Schöne Sammlung so far und es darf natürlich nicht sein, dass wir hier Nina George mit ihrem tollem „Traumbuch“ und dem „Lavendelzimmer“ vergessen!
    Viel ungewöhnliches Lesevergnügen bereiten auch Felicitas Hoppe („Hoppe“) und Siri Hustvedt („Die Verzauberung der Lily Dahl“).
    Für zeitgenössische Lyrik, die gleichzeitig tiefsinnig und überaus witzig ist, sorgt Nora Gomringer.
    Im Bereich historischer Roman hat Diana Gabaldon mit ihrer Highland-Saga Maßstäbe gesetzt, inzwischen sogar verfilmt wie übrigens auch „Die Frau des Zeitreisenden“ von Audrey Niffenegger.

  14. Brendan

    Ursula K. Le Guin und die wunderbare Anna Gavalda. Und gerade als Serie gelaufen wie schon erwähnt: Diana Gabaldon. Herrlich dicke Schmöker für die Herbstzeit. Für die Freunde historischer Krimis unbedingt zu empfehlen: Lindsey Davis mit dem großartigen Marcus Didius Falco. Simply the best!

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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