Wenn Du ein Popsong wärst, welcher wärst Du dann? Zwar wechselte meine Antwort auf diese Frage durchaus im Lauf der Zeit, aber zu einem Lied komme ich immer wieder zurück: „Hello (Turn Your Radio On)“ von den unvergesslichen Shakespeare Sisters. Warum? Ich denke, es liegt vor allem am Text. Bei mir liegt es eigentlich immer am Text. Willkommen zu einer neuen Runde “Prokrastinieren mit Popsongs”!

Zu Beginn dieses wunderbaren Songs beschreibt das lyrische Ich das eigene Aufwachen nach einem alkohollastigen Abend. 

Woke up this morning, and the streets were full of cars

All bright and shiny like they’d just arrived from mars

And as I stumbled through last night’s drunken debris

The paperboy screamed out the headlines in the street

Während die blankpolierten Autos wie nicht von dieser Welt scheinen, und sich das lyrische Ich seinen Weg durch die Hinterlassenschaften einer feucht-fröhlichen Nacht bahnt, verkündet der Zeitungsjunge die Schlagzeilen des Tages. Die gesamte Szene, die das lyrische Ich mit wenigen Worten entwirft, wirkt anachronistisch – kann es sich um die ungefähre Gegenwart (ca. 1990) handeln? Wann rief der letzte Zeitungsjunge die letzte Schlagzeile laut auf der Straße aus? Die Hoch-Zeit der Zeitungsjungen waren wohl die “Roaring Twenties”, aber wann war mit dieser Arbeit und Tradition Schluss?

Another war, and now the pound is looking weak

And tell me, have you read about the latest freak?

Mit diesen Liedzeilen werden die genannten Titel der Zeitung aufgegriffen. „Another war“, steht an – ein weiterer Krieg, der sich laut lyrischem Ich bzw. laut der wiedergegebenen Zeitschrift auf das Pfund auswirkt. Die englische Währung leidet also unter einem schlagzeilengebenden Krieg. Der Golfkrieg? Ein Krieg viel früher, zur Hoch-Zeit der Zeitungsjungen? Oder ist gar keine konkrete militärische Auseinandersetzung gemeint? Geht es mehr um die Mitteilung einer fernen, aber doch Auswirkungen habenden Bedrohung?

We’re bingo numbers, and our names are obsolete

Why do I feel bitter when I should be feeling sweet?

Das lyrische Ich weigert sich, die Umstände des Liedes zu konkretisieren, und postuliert stattdessen die eigenen Befindlichkeiten in einem inklusiven „Wir“. „Wir sind Bingo-Nummern, und unsere Namen braucht es nicht mehr“, singt es im Pluralis Majestatis. Wen schließt es ein? Den Freundeskreis, den Zeitungsjungen, die Autos, wir alle? Wir können nur vermuten. Interessant ist dabei nicht nur die angedeutete Durchnummerierung und die damit einhergehende Überwindung des Individuums („Names are obsolete“), sondern auch die Kontextualisierung als Teil eines Glücksspiels. Wer ist wohl derjenige, der die Bingo-Nummern aus der großen Trommel zieht? Der Zufall, das Schicksal?

Gott?

Mit der nächsten Zeile stellt sich das lyrische Ich eine Frage: Warum fühlt es sich bitter, wenn es sich eigentlich süß fühlen sollte? Ich wage mich nach vorne und behaupte, das lyrische Ich spricht nicht vom schalen Geschmack nach zu viel Alkohol. Sondern beschreibt einen allgemeinen Gefühlszustand. Der zweite Teil des Satzes ist der interessantere: Wer sagt denn, dass das lyrische Ich sich „sweet“ fühlen sollte? Wohl kaum die Umstände (Krieg, schwache Währung, blanke Autos), und wohl kaum das Gefühl, selbst eine Bingo-Nummer zu sein. Aber gehen wir in den Refrain:

Hello, hello, turn your radio on

Is there anybody out there?

Help me sing my song

La, la, la, life is a strange thing

Das Radio war als Medium noch vor dem 2. Weltkrieg am präsentesten. Seitdem hält es sich zwar wie kaum ein anderer Kanal, aber es verlor mit dem Fernsehen und später mit dem Internet stark an Bedeutung. Mit der Konzentration auf das Radio als Empfänger wichtiger Botschaften untermauern wir die These, dass das Lied deutlich nicht in der Gegenwart spielt. Obwohl die nachfolgenden Zeilen uns zeigen werden, dass die erzählte Zeit nicht weiter von Belang ist. Denn die verzweifelt klingende Aufforderung an ein ominöses „Draußen“ – Is there anybody / Ist da irgend jemand? – doch bitte beim Singen des Liedes zu helfen, münden in einer zeitlosen Anapher: „La la la“. Direkt gefolgt von dem Allgemeinplatz Life is a strange thing – “das Leben ist seltsam”. 

Im Lied der Shakespeare Sisters ist es das zweifellos. Der Refrain schließt mit der näheren Erläuterung:

Just when you think you learned how to use it

It’s gone.

Zusammen mit der gewählten Musik kann man nicht umhin, dabei schwermütig zu seufzen und zu nicken. Werfen wir einen Blick auf die nächsten Liedzeilen, denn zweifellos ist die zweite Strophe des Liedes die wesentlich interessantere:

Woke up this morning, and my head was in a daze

A brave new world has dawned upon the human race

Das lyrische Ich bezieht sich hier entweder auf den gleichen Morgen, oder es hat eventuell ein Alkoholproblem. Mit „brave new world“ bezieht es sich auf den berühmten Roman von Huxley, der 1932 erschien und trotz seines wunderschönen Titels eine fiese Dystopie war. Der „Aufgang“ dieser schönen, neuen Welt wiederum, die sich der menschlichen Rasse hier zeigt, kehrt einen bereits in Strophe eins angedeuteten Aufbruch in ein neues Zeitalter ins Ironische. Was verkörpert die „brave new world“? Zwischen den Anachronismen bleiben lediglich funkelnde Karosserien und das eigene Leben als Glücksspiel. Und nicht einmal als interessantes Glücksspiel, ich meine: Bingo, ehrlich?

Where words are meaningless, and everything’s surreal

Gonna have to reach my friends to find out how I feel

Hier schlägt das lyrische Ich die nächste Brücke zur ersten Strophe: Nicht nur die Namen sind ungebräuchlich geworden, auch die Wörter scheinen die Bedeutung verloren zu haben. „A rose is a rose is a rose is a rose“ schrieb Gertrude Stein in ihrem weltberühmten, 1922 erschienenen Gedicht. Sie wollte damit unterstreichen, dass ein Wort den Bezug zu seinem Gegenstand verlieren kann, wenn es nur häufig genug gebraucht wird.

Mit der Surrealität wiederum könnte das lyrische Ich die korrespondierende Kunstform seit den 20er Jahren meinen: Das Ineinanderfließen von Formen, das Traumhafte, Unbewusste, das sich nicht nur in der Kunst, sondern auch als Lebensform manifestierte. Was war Sein, was Schein? Hier glückt die Überleitung zur nächsten Zeile perfekt:

And if I taste the honey – is it really sweet?

Infragestellen einer Sinneserfahrung –

And do I eat it with my hands or with my feet?

Infragestellen eines kulturellen Codes, einer angelernten Verhaltensweise. Beides schreit nach Freud oder Lacan, oder zumindest finde ich das. Nach Entfremdung von Identität und von Sozialisation klingt auch die nächste Zeile: 

Does anybody really listen when I speak

Or will I have to say it all again next week?

Hört irgendjemand wirklich zu, wenn ich spreche? Oder werde ich alles nächste Woche wiederholen müssen? Auffällig ist hier zum einen die als Frage formulierte Feststellung, dass im Grunde niemand zuhört – so oft das lyrische Ich auch nach einem Menschen „dort draußen“ fragt. Der nächste Satz aber nimmt die existentielle Schärfe heraus und gibt zumindest die Bereitschaft zu erkennen, „alles“ kommende Woche zu wiederholen. Möglich, dass wir hier dem Kampf des Individuums um Aufmerksamkeit als einer Art modernem Sisiphos beiwohnen. Auch möglich, dass das lyrische Ich sich der mangelnden Bedeutung seiner Botschaften durchaus im Klaren ist und sich einfach nur fragt, wie oft es die eigene Sendung im Radio wiederholen muss, bis … ja, was eigentlich?

Hello, hello, turn your radio on

Is there anybody out there?

Help me sing my song

Hello, hello, turn your radio on

Is there anybody out there?

Tell me what went wrong

La, la, la, life is a strange thing

Life is a strange thing

Das Leben, es ist seltsam. So wie dieses Lied. Spannend für mich sind nicht nur die existentiellen Fragen und die vielen Anlehnungen an Kultur und Literatur. Sondern auch der sich durch das Lied ziehende Widerspruch. Denn letztlich ist das Radio ein reiner Sender – nicht für den Empfang von Nachrichten konzipiert. Und so singt zwar das lyrische Ich seinen Schmerz, nicht gehört zu werden, in die Welt hinaus. Aber um Antwort schert es sich im Grunde nicht. Und auch nicht um die Botschaften der anderen. 

Hello, hello, turn your radio on

Is there anybody out there?

Help me sing my song

La, la, la, life is a strange thing

Just when you think you learned how to use it

It’s gone.