Muttertag wird in meinen Augen stark überbewertet. Der großen Freude auf Seiten der Blumengeschäfte und -speditionen (Ey, Fleurop, Ihr werdet auch jedes Jahr teurer!) steht ein unverhältnismäßiger Erwartungsdruck gegenüber: Kinder haben zu schenken, Mütter haben sich zu freuen. Einmal abgesehen von der berechtigten gesellschaftspolitischen Kritik, gut nachzulesen unter dem hashtag #muttertagswunsch, kann ich persönlich den Muttertag allerdings recht gelassen nehmen. Denn zumindest muss ich nicht zusätzlich zu Terminen rennen, um das personifizierte Muttertagsglück zu geben. 

Das nämlich erlebte meine Gastautorin. Sie möchte ihre Eindrücke und Gedanken zum Muttertag anonym mit uns teilen. Vielen Dank für diesen Text, liebe Gastautorin. Er macht sehr nachdenklich.

Warum ich nächstes Jahr eine brave Mutter sein will
Oder: #muttertagsfail

Der Muttertag naht und damit die Muttertagsfeier im Kindergarten. Eine Woche vorher kommt die Einladung. Ich soll am Mittwoch um 12 Uhr in den Kindergarten kommen, steht da.

Ein Termin, der zwar nur eine Viertelstunde dauert, aber mitten am Tag liegt. Schwierig. Ich arbeite nicht in der Bäckerei um die Ecke, sodass ich in der Mittagspause zum Kindergarten laufen könnte. Ich müsste mir mindestens den halben Tag freinehmen. Auch mein Mann kann mittwochs nicht. Deswegen ist Mittwoch ja auch Babysittertag. Da holt die Babysitterin ab, wenn alle gesund sind. Und es sind alle gesund. 

Also bedanke ich mich im Kindergarten für die Einladung und bedauere, dass ich nicht käme.

Einwand der Erzieherin: „Aber alle Mütter kommen.“

Okay. Alle Mütter sind eingeladen. Aber heißt das automatisch, dass auch alle kommen? Bin ich ein Alien? Schlagen nur Aliens eine Einladung aus?

„Letztes Jahr kam nur eine Mutter nicht und deren Kind hat schrecklich geweint.“

Jetzt verstehe ich. Man muss kommen. Man muss kommen, damit die eigenen Kinder nicht weinen. Wenn ich nicht komme, stehen meine beiden Kleinen in Tränen aufgelöst in der Ecke und klammern sich aneinander, zu Tode enttäuscht darüber, dass ihre Mutter – als Einzige! – nicht zum Entgegennehmen ihres Geschenks gekommen ist.

Der Gedanke daran macht mich so traurig, dass ich weinen und zu meiner eigenen Mutter auf den Arm möchte.

Die Erzieherin: „Es hat ganz schrecklich geweint, wir konnte nichts machen.“

„Ja, das liegt daran, dass Sie seit Jahren eine überflüssige Feierlichkeit austragen, bei der Ausgrenzung und Enttäuschung zu Lasten der Jüngsten und Schwächsten von vorneherein programmiert sind, es sei denn, alle teilen Ihre altmodische Auffassung, dass eine Mutter aufgrund eines mehr als zweifelhaften Gedenktages, der nicht einmal ein Feiertag ist, sowie aufgrund der absurden Logik, dass sie eine Frau ist, die Kinder hat, einer Einladung in den Kindergarten mitten an einem Werktag Folge zu leisten habe.“

Will ich sagen. Stattdessen sage ich unsicher: „Wenn bei Ihnen Kinder weinen – oder das eben passieren könnte – erwarte ich, dass Sie etwas dagegen unternehmen. Mit dem Kind in einem anderen Raum etwas spielen oder so.“ 

Die Antwort: „Das können wir nicht leisten. Sehen Sie zu, dass Sie am Mittwoch Ersatz finden. Fragen Sie doch eine der Großmütter.“

 „Die Großmütter. Ich soll die Großmütter fragen, sagen Sie? Lassen Sie mich kurz ausholen. Also, eine der Großmütter arbeitet, so wie Sie und ich an ganz normalen Mittwochen arbeiten. Abgesehen davon, dass sie eine ganze Tagesreise weit entfernt wohnt. Die andere würde bei meinem Vorschlag („Komm, steig doch nächste Woche in den Zug, zwei Stunden hin, zwei zurück, der Zug hält nur einmal pro Stunde bei uns im Dorf, aber sei bitte trotzdem ganz pünktlich um 12 Uhr im Kindergarten, du sollst da ein Geschenk für mich entgegennehmen“) kurz auflachen und dann zur Tagesordnung übergehen.“

Will ich sagen. Stattdessen erkläre ich unbeholfen, wie oft die Großmütter in letzter Zeit schon hier waren, um Ausfälle abzufangen.

 „Sehen Sie zu, dass Sie Ersatz finden“, wiederholt die Erzieherin. Es ist ihr letztes Wort.

Mittwoch. Ich habe Ersatz für mich gefunden, es ist natürlich die Babysitterin. Sie wird heute Mittag da sein. Ich gebe die Kinder ab mit einem etwas mulmigen Gefühl. Beim Rausgehen aus dem Kindergarten treffe ich eine andere Mutter, von der ich mir gut vorstellen kann, dass sie es heute ebenfalls nicht zur Feier schafft.

„Und, schaffst du es heute zur Feier?“, frage ich sie.

„Ich habe gesagt, ich versuch’s“, sagt sie. „Aber es ist, gerade an Mittwochen, nicht zu schaffen. Ich hoffe, meine Kleine ist nicht allzu enttäuscht.“

Sie kommt näher und sagt mit gesenkter Stimme: „Vor zwei Jahren war sie als Einzige ganz alleine bei der Muttertagsfeier. Aber sie hat es überlebt!“ Sie senkt ihre Stimme noch mehr: „Wenn ich sage, ich komme nicht, sind die Erzieherinnen sauer.“ Dann steigt sie in ihr Auto und fährt los.

Note to myself: Nächstes Jahr werde ich eine brave Mutter sein. Ich werde strahlend Einladungen von links und rechts annehmen. Kommen Sie zur Shoperöffnung. Kommen Sie zur Zahnvorsorge. Kommen Sie zum Kuchenverkauf. Machen Sie ein Update.

Ja, ja, ja, ja werde ich sagen. Jedes Mal. Das wird eine gute Übung sein für die Annahme der Einladung zur nächsten Muttertagsfeier. Ja, ich komme.