Menschen meines Netzwerks schreiben nicht nur großartige Blogposts, nein! Sie sind manchmal gar nicht mehr aufzuhalten und veröffentlichen sogar Bücher. Zwei dieser Bücher möchte ich etwas näher vorstellen. Heute: Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith von Christian Hanne, besser bekannt als Familienbetrieb

Christian bloggt unter Familienbetrieb schon seit einigen Jahren so witzig, anrührend und lesenswert, dass ich mich auf sein Buch über den Start ins Familienleben sehr gefreut habe. Die liebevollen Rezensionen aus seiner Elternbloggerblase (hui, was für ein Wort) ließen hoffen. Um das Exemplar gebeten habe ich Christian selbst, nur falls das jemand wissen möchte, von wegen Werbung und so.

Modernes Elternwerden: Die großen Themen und der allgemeine Wahnsinn

Christians Protagonist, der selbstredend nur zufällig genauso heißt wie er und aufgrund der geschickten Konstruktion aus der Ich-Perspektive berichtet, ist zu Beginn des Büchleins leicht unorganisiert und nicht ausreichend vorbereitet auf dem Weg zur Hochzeit seines Bruders. Auf dieser beschließen seine Freundin und er, dass Heiraten zwar nicht ihr Ziel, das Gründen einer Familie aber eine hervorragende Idee sein könnte. Alles, was danach passiert, erzählt der Protagonist mit viel Liebe zu seiner offenbar recht leidensfähigen Frau. (Der Gatte und Christians Ich-Erzähler teilen den gleichen Humor, und nein, das ist wirklich nicht immer einfach.) Dazu thematisieren die beiden sowohl direkt als auch indirekt viele Themen unserer Generation: Gemeinsame Familiengestaltung, Partnerschaft auf Augenhöhe, oder wie es ist, sich als feministischer Mann und moderner Vater zu verstehen. Allein die titelgebende Sequenz hat mir dabei unheimlich gut gefallen:

„Die Freundin schlägt vor, wir sollten uns bei der Namenswahl nicht von kruden Männerfantasien treiben lassen, sondern sollten das Kind, wenn es ein Mädchen wird, Judith nennen. Aber englisch ausgesprochen, so wie Judith Butler. Das sei eine poststrukturalistische Feministin, die sehr überzeugend argumentiere, dass Geschlecht keine biologische Kategorie, sondern sozial konstruiert sei. Indem wir unsere Tochter Judith – englisch ausgesprochen – nennen würden, könnten wir zeigen, dass wir progressive Eltern sind, denen an einer Gleichberechtigung der Geschlechter gelegen ist. „Quatsch!“, werfe ich ein. „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith. Das wäre mal richtig progressiv.“ (50)

Darüber hinaus geht es in den Geschichten rund um die Geburt der Tochter um den ganz normalen Wahnsinn, den wir kennen: Das Leben in einer Großstadt, andere Eltern und Erziehungsvorstellungen, sowie die buckelige Verwandtschaft. Entzückenderweise ist aber auch der eigene Grad an Irrsinn ein zentrales Thema. Ich persönlich halte es für notwendig, für eine Familiengründung noch etwas Wahnsinn in sich zu tragen.

Einen deutlichen Einschlag von Ephraim Kishon, den Christian auch explizit als Vorbild nennt, haben alle seine Geschichten. Im Gegensatz zu Kishon aber, der seine Anekdoten durchaus auch mal mit dem Einsatz des Militärs beendet, bleiben viele Ereignisse im leisen, zwischenmenschlichen Bereich – und werden auch dort gelöst bzw. einfach so stehen gelassen. Das ist wesentlich unaufgeregter als Kishons Katastrophen. Trotzdem mein Lektüre-Pro-Tipp: Das Buch abschnittsweise und mit Pausen lesen. Erstens verlängert es den Genuss am schmalen Buch, und zweitens nutzt sich der Effekt der Überzeichnung nicht so leicht ab. Außerdem ist dann Zeit genug, das ein- oder andere Fremdwort nachzuschlagen, mit dem die beiden eloquenten Protagonisten in ihren Debatten um sich schmeißen. 🙂

Sonst noch Manöverkritik?

Im Bändchen von Christian hat mich eigentlich nur ein Punkt enttäuscht: Der vorangestellte Disclaimer, dass die Ähnlichkeit mit lebenden Personen rein zufällig sei – vor allem, wenn Personen meinten, sich wieder zu erkennen, und eine Klage gegen den Autor erwägten. Denn einmal abgesehen von der fiktionalisierenden und immer leicht in die Katastrophe abrutschenden Beschreibung der Ereignisse rund um die Familiengründung, wünschte ich mir, sie alle würden genauso existieren: Der Brautvater, der auf der Hochzeit des Bruders von stürmischen Seen und Leichtmatrosen spricht, oder die Großtanten, die sich zur Geburt des Töchterchens in einen wettbewerbsähnlichen Rausch stricken. Die Cousine, die selbst kinderlos ist, aber dennoch mit Erziehungstipps um sich wirft, und die Hebamme aus dem esoterischen Geburtsvorbereitungskurs, die die werdenden Eltern dazu anhält, „Ich werde mich öffnen wie eine Blume“ zu rufen. Obwohl sie natürlich alle überzeichnet sind, kommen sie mir extrem vertraut vor. Vielleicht ist gerade das das Besondere an den Geschichten.

 

 

Hanne, Christian: Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith. Aus den Gründerjahren des Familienbetriebs, Berlin 2016.

Bei Interesse bitte im lokalen Buchhandel bestellen. 🙂