juna im netz

Das Netz ist das, was Du draus machst

Alltag, Kinder

Warum ich nun das Hexen erlernen werde …

Hier sind Buchstaben auf einem Tisch zu sehen, die einen Spruch von Kurt Tucholsky bilden: "Entspann Dich, lass das Steuer los"

Über meine Bemühungen, in unserem Haushalt nicht irgendwann unterzugehen oder mit meinem Körper an den Wänden festzuschimmeln, schrieb ich bereits. Mein Haushalts-Favorit auf diesem Blog ist immer noch der so wunderbar positive Entropie-Artikel. Weil ich wirklich, WIRKLICH gerne selbst so wäre, so … annehmend, so verständnisvoll und so ruhig, wenn um mich herum das Chaos wütet.


Allein, ich kann nicht. Alles andere ist einfach gelogen. Ich bin nicht verständnisvoll, wenn ich stundenlang die Kinderzimmer aufräume, die Bäder putze und die Wäsche versorge, nur um dann in Wohnzimmer und Küche eine Art Playmobil-Vorhölle vorzufinden. Wo zum Henker haben die bloß das ganze Zeug her? Und wie landet es in meinem Wohnzimmer, wo meine Kinder doch angeblich nicht in der Lage sind, sich von alleine ein Glas Wasser zu holen? Ich bin auch nicht annehmend, wenn ich den gesamten Tag über Gegenstände steigen muss, um mir nicht in meinen eigenen vier Wänden die Haxen zu brechen. Und ich bin kein bisschen ruhig, wenn meine Kinder auf “Trägst Du Deinen Kram bitte hoch?” einfach “Später” antworten. Weil ich weiß, dass das “Später” im Grunde “Nie” heißt.

Ich habe verwöhnte Bälger, das steht absolut außer Frage. Und ich liebe ihre Kreativität, ihren freien Umgang mit Raum (selbst, wenn es meiner ist), und ihre zumindest gelegentliche Fähigkeit, die Kindheit voll auszukosten. Ohne so nervige Unterbrechungen wie “mal etwas selbst wegräumen” oder “mal den Tisch decken”. Aber ich bin erschöpft. Ich möchte meine Zeit anders verbringen. Mir eigene Räume schaffen und gestalten. Und bin doch seit einem Jahrzehnt lediglich in der Re-Aktion, im permanenten und sisyphosartigen Versuch, das Chaos zumindest einzudämmen. Oft fühle ich mich wie mitten in einem Tsunami aus Dingen.

Daher auch der eigene Trend zum Minimalismus. Ich setze der Flut an Gegenständen im Haushalt, die ich nicht kontrollieren kann, eine eigene Bewegung zur Verweigerung von Konsum entgegen. Schaffe nichts mehr an, brauche nur noch auf, freue mich an jedem Gegenstand, der geht, und für den kein neuer mehr kommt. Aber ach, das ist auch nur höchstens die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Ich bin bekennende book-addict – Buchsüchtige. So ziemlich alles was hier an Gedrucktem ins Haus kommt, geht auf mein Konto. Dazu habe ich mir gerade eine neue Teekanne gekauft. Also nix mit Minimalismus und Konsumverweigerung. Was brächte es auch? Erklärt mal drei Kindern unter 12, dass Ihr jetzt auf dem “100 Dinge”-Trip seid. (Nein, ganz ehrlich: Versucht das nicht, es ist schrecklich. Hitchcocks Die Vögel steht dem Drama an Geräuschkulisse in Nichts nach.)

Also räume ich mich weiter seufzend und klagend durch die eigenen vier Wände. Immer auf der Suche nach dem Kompromiss zwischen meinem Bedürfnis nach Aufgeräumtheit und Klarheit, meinem Unwillen, noch mehr Lebenszeit in den Haushalt zu stecken, und meinem Wunsch, meine Kinder einfach machen zu lassen. Aufräumen kann ich ja theoretisch auch, wenn sie ausgezogen sind. Theoretisch. Nur, woher nehme ich die Geduld, die Akzeptanz, die innere Ruhe, den dafür notwendigen Alkohol Tee?

Aber nun habe ich die Lösung für das Problem: Kennt Ihr “Verliebt in eine Hexe”, diese alte Comedy? So muss Haushalt! Ein Nasenwackeln, und der Müll trägt sich von alleine hinaus. Ein Zwinkern, und die Küche räumt sich mal schnell auf. Oder das leckere Essen wird punktgenau serviert. Das will ich auch. Ohne die Mutter, die den Ehemann nicht leiden kann, natürlich.

Also übe ich jetzt sehr intensiv, hexen zu lernen. Der einfache Plan lautet, so viel Zeit in den Versuch des Zauberns zu investieren wie nur irgendwie möglich. Denn wie wir wissen, wird jede Fähigkeit, in die wir 10.000 Stunden stecken, bis zur Perfektion erlernt. Das sind doch gute Aussichten! Das kriege ich doch hin!
Und wenn nicht? Na, dann habe ich in der Zeit, in der ich versuchte, zu zaubern, zumindest nicht so viel aufgeräumt und geputzt. Das Traurige am öden Haushalt ist ja, dass wir darauf so viel Lebenszeit verschwenden. Hexen, ja, das lohnt sich zu lernen! Böden wischen, Geschirr räumen, Spielzeug versorgen? So zen-mäßig bin ich wohl einfach noch nicht drauf, dass mich das ausfüllt, beruhigt oder mir zumindest nichts mehr ausmacht.

Falls Euch meine Strategie nicht überzeugt, helfen Euch vielleicht die Haushaltstipps von Mara Kolumna, um nicht verrückt zu werden. Das halte ich für den zweitbesten Weg der Bewältigung.

  1. Willkommen im Club. Auch hier kämpfen wir gegen die Tsunamis aus “Zeugs” (woher haben die das bloß) die sich über das ganze Haus ausbreiten. Und die Verpeiltheit der Pubertierenden was das Thema Ordnung und Selbstorganisation angeht.

    Und falls Du es wissen willst (wahrscheinlich ja eher nicht), es wird erstmal nicht besser. Aus den Bergen von Playmobil werde in der nahen oder fernen Zukunft Berge von Klamotten und Müll werden, das Wort “Mülltrennung” wird eine ganz neue Bedeutung (“Trenne die Klamotten vom Müll”) bekommen und diverse Fundstücke in den Zimmern der Pubertierenden sind womöglich für Biologen auf der Suche nach neuen Lebensformen interessant.

    Dafür wird Deine Waschmaschine partiell entlastet werden, zumindest was ihre Undercover-Tätigkeit angeht, nämlich das Beamen von einzelnen Socken ins Paralleluniversum, denn diese Aufgabe werden die Pubertierenden mit solcher Eleganz erledigen, dass Du sie am liebsten zu den olympischen Spielen anmelden möchtest wenn diese Disziplin jemals olympisch werden wird.

    Dein 10.000-Stunden Plan zum Erlernen der hohen Kunst der Hexerei dürfte an den Realitäten des Lebensalltags scheitern. Sprich, wenn Du die 10.000 Stunden voll hast dürfte die natürliche Evolution von Kindern zu Erwachsenen vollzogen sein und dann hast Du ganz neue Rahmenbedingungen.

    Der Plan des Minmimi, äh Minimalismus hingegen erscheint vielversprechend. Allerdings müssten sich alle im Haushalt lebenden Personen dazu “committen”, denn sonst kämpfst Du gegen Windmühlenflügel aus noch mehr “Zeugs” das die anderen nach Hause bringen.

    Eventuell bieten neue Technologien ja einen Ausweg aus dem Dilemma. Vielleicht kommt ja mal eine Datenbrille die das was Du siehst einfach aufs Brillendipslay projiziiert, dabei aber die Unmut erregenden Objekte herausfiltert. Hilft natürlich noch nix gegen die Tretminen in Form von Plastikteilchen die irgendwo auf den Hauptverkehrswegen der barfuß laufenden Mitbewohner ausgelegt wurden um deren Schmerzempfinden zu testen und sie resistenter gegen spontane Schmerzen zu machen.

    Gerüchten zufolge soll es ja irgendwann von selbst wieder besser werden, aber dazu konnte ich noch keine harten Daten erheben die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Daher muss man diese Vermutung vielleicht sogar in den Bereich der sentimentalen Romantik verbannen.

    Also tapfer bleiben und statt das Chaos mit Entsetzen anzustarren lieber mal den Blick in ein gutes Buch versenken.

  2. Kat

    Habe mir aus genau dem Grund neulich ein dickes Buch namens “Die 5000 besten Zaubersprüche” gekauft. Habe behauptet es wäre Recherche für mein Märchenbuch.
    Erwischt…

  3. Beeindruckend, dieser Post!
    Als Kinderlose hab ich wenig Recht, dazu etwas zu sagen. Aber ich tu es trotzdem: Ich versteh die Mütter nicht wirklich, die sich über kurz oder lang damit abfinden, die Reinigungskraft, Köchin und Organisatorin für die ganze Familie zu sein, während die Kinder kein bisschen in die Verantwortung genommen werden.
    Warum machst du das so? Ist es denn wirklich eine so schlimme Zumutung, die Kinder nach und nach und immer altersgerecht an den Haushaltsaufgaben und Zuständigkeiten zu beteiligen? Und sich nicht mit einem “später” abspeisen zu lassen? Ist es nicht auch Erziehung zur Selbständigkeit, sie an Pflichten zu beteiligen? Wenn ihnen immer alles vom Mutti erledigt wird, wie sollen sie es später packen, alleine zu leben und nicht im Chaos zu versacken?

    • Liebe Claudia, entschuldige die verzögerte Antwort. Ich experimentiere ein wenig mit einem Redaktionsplan, und so ging der Post in meinem Urlaub online. Für twitter hat das Internet gereicht, für das Einloggen in meinen Blog nicht. ^^

      In der Theorie gebe ich Dir völlig Recht. Und natürlich halte ich meine Kinder an, mitzuhelfen. Nicht nur ihren eigenen Kram wegzuräumen, sondern auch beim Spülen, Tisch wischen, Staubsaugen etc. etwas mit anzupacken. Das Ganze möglichst altersgerecht. Aber ich muss ehrlich zugeben: Mittlerweile mache ich das nur noch aus einem einzigen Grund: Weil ich es pädagogisch für richtig halte. Denn wenn die Kinder mithelfen, brauche ich für alles etwa 5 x so viel Zeit. Etwa zwei Drittel dieser Zeit überrede ich die Kinder mit verschiedenen Methoden, im Haushalt mitzuhelfen. Das nächste Drittel reiche ich an, sortiere nach und leiste Unterstützung, wenn etwas nicht gleich gelingt. Bei jeder Haushaltsaufgabe geht das so, denn meine Kinder (ich glaube, die meisten Kinder) haben da keinerlei “Gewöhnungseffekt”, auch beim 34. Mal Tischdecken am Sonntag wird noch verhandelt, diskutiert oder sich gar gedrückt. Das ist sehr kräftezehrend und macht mürbe.

      Hinzu kommt das oben Beschriebene: Ich habe nicht allzu hohe Ansprüche an Ordnung und Sauberkeit (finde ich, meine Kinder und mein Mann finden meine Vorstellungen vollkommen unrealistisch), aber um diese zu erreichen, wenigstens zeitweise, muss ich selbst ran. Zwischen diesen Polen bewege ich mich hin und her, und jedes Mal ist es, als würde ich wieder von Null anfangen. Da würde drohen helfen, Taschengeldentzug etc. Aber das wiederum bin nicht ich …

      Für mich gilt: Ich bin die einzige Stellschraube, an der noch gedreht werden kann. Ich muss lernen, mit dem Chaos zu leben. Allein die Haushälterin zu geben, dafür bin ich mir schon immer zu schade gewesen.

  4. Rano64

    Man kann das noch steigern: Wir haben jetzt auch noch einen Golden Retriever und es ist schier unfassbar, welche Mengen Dreck der ins Haus trägt.

    Aber es erscheint ein Licht am Ende des Tunnels: Der 16jährige durfte jetzt zum ersten Male eine Woche alleine zu Hause sein und…..
    – kein Müll
    – kein Schimmel
    – keine rumliegende Wäsche
    – kein dreckiges Geschirr
    – kein brennendes Licht

    Der Rasen war gemäht, das Zimmer aufgeräumt, ja selbst das Bett gemacht. Und er hatte seine Wäsche selber gewaschen!

    Das Alleine sein zu dürfen scheint ihm wohl wichtig zu sein.

    Das werte Eheweib und ich sind staunend und mit offenem Mund durch dieses Wunderwerk der Zivilisation gewandelt. Also Kopf hoch und die Hoffnung nicht aufgeben.

    Und so mal dezent nachgefragt als Mann: Was tut denn dein Mann gegen das Chaos?

    • Ahhhh! (Das ist das Aufatmen ob Deines Kommentars)

      Danke für diesen deutlichen Lichtblick! Und Glückwunsch zu der tollen Erfahrung mit Eurem 16-jährigen.
      Unsere Kinder zeigen auch hin und wieder, dass es klappen kann. Vorsichtig formuliert. Sie geben sich zum Beispiel bei ihren Großeltern immer sehr viel Mühe, auch über Tage.

      Die Frage nach der Beteiligung des Gatten freut mich sehr! Jahrelang hatten wir die klassische Aufteilung, da war von Beteiligung nicht viel zu spüren. Seitdem ich letztes Jahr eine Vollzeitstelle hatte, übernimmt er mehr und mehr. Mittlerweile teilen wir uns die Arbeit beinahe halb-halb, wenngleich ich ein etwas anderes Verständnis von “sauber” habe. 🙂 Das ist aber ok, da arbeite ich an mir und meinen Ansprüchen. Momentan gilt: Es ist gemacht. Hurra!

      Wie teilt Ihr Euch zuhause die Arbeit? Und habt Ihr Strategien, die Euch letztlich zu Eurem Aha-Erlebnis geführt haben könnten? Ich bin sicher, die Leser_innen mit kleinen Kindern sind sehr dankbar für Lichtblicke und Tipps. 😉

      • Rano64

        Zu Hause? Nun ja, da das holde Eheweib auch Vollzeit arbeitet, darf ich auch mit ran. 🙂 Die ganz groben Arbeiten haben wir ausgelagert, sprich für 1x saugen, schrubben, Staubwischen und die Sanitäranlagen kommt jemand 1x die Woche für vier Stunden. Ansonsten hat sich das ganz gut eingeschwungen:
        Schwerpunkte Frau: Wäsche, bügeln, aufräumen, restliche Putzerei, Garten
        ich: Kochen, Abwasch, einkaufen, Technik, Hausaufgaben und Papierkrieg
        geteilt: Elternabende, Kindertaxidienste und Hund

        Zum Aha-Erlebnis: Wir haben uns immer bemüht, die Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen, auch wenn man da öfter den Atem anhält (weil “gefährlich”) oder die Zähne zusammenbeißt (weil’s nicht klappt). Unser Sohn war letztes Jahr (mit 15) für eine gemeinnützige Organisation in Nepal und er und 25 andere junge Leute haben drei Wochen wie die Berserker geschuftet, um von Hand eine zerstörte Schule wieder aufzubauen. Wir Eltern hatten die ganze Zeit keinen Kontakt zu dem Kind und haben mit angehaltenem Atem darauf gewartet, dass er heile nach Hause kam. Der Effekt war unglaublich: Der Sohn kam nach Hause und war sieben Kilo leichter, aber so stolz und selbstbewusst. Seitdem kann er auch richtig anpacken und ist weitaus zielstrebiger und strukturierter.

        PS: Früher sind wir oft fast verzweifelt, da er sich jahrelang an der Grenze zum ADHS bewegte und z.B. am Gymnasium mit Pauken und Trompeten untergegangen ist. Also: Nur Mut, das wird schon.

  5. Rano64

    und noch etwas: Erziehung ist, wenn es draußen klappt. Die Bemühungen deiner Kinder bei den Großeltern sind ein sehr gutes Zeichen. Jedenfalls aus meiner Erfahrung raus gesehen.

Hinterlasse einen Kommentar

Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

%d Bloggern gefällt das: