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Internet und Gesellschaft, re:publica Berlin

re:publica 2017 – wie passt Kritik zu “Love Out Loud”?

Ein Bild von mir, wie ich konzentriert auf die Bühne der re:publica schaue. Credits: Sarah Schäfer, mehrgutezeit.de

Über das Motto der #rp17, meine eigenen Gedanken zum Thema “Love Out Loud”, und wie mir nach einem Gespräch mit meiner Tochter über Bibis neues Lied ein Licht aufgegangen ist. Ergänzt um ein paar Bilder und Links, weil Blogposts nunmal Bilder und Links brauchen.

Bereits auf der Heimfahrt muss ich das einsetzende re:publica-Heimweh wegdrücken. Sehnsüchtig lese ich den Stream. Zumindest immer dann, wenn ich nicht gerade durch Tunnel und Funklöcher fahre. Kaum ist die Abschiedssession mit traditionellem Gesang um, gehen die ersten Rückblicke online. Kaum reisen auch die anderen aus Berlin ab, lese ich mehr und mehr Kritik an der Veranstaltung, die gerade hinter mir liegt. Ein bisschen wie jedes Jahr, und doch anders. Warum genau, bekomme ich noch nicht zu fassen.

Briefkasten der Deutschen Post auf der re:publica.

48 Stunden später sitze ich zuhause am Rechner. Neben dem geplanten Rückblick auf die re:publica, der ich mich auch nach fünf Jahren verbunden fühle, dümpelt ein angefangener Beitrag über Bibis neuen Song in meinem Entwürfeordner herum. Den wollte ich vor der re:publica unbedingt noch auseinander nehmen. Und als ich an die Situation denke, in der ich diesen letzten Blogpost begonnen habe, fällt mir auf, dass die diesjährige Netz- und Gesellschaftskonferenz viel mit dem Lied von Bibi gemeinsam hat. Nein, die re:publica war weder eintönig noch mies getextet. Bei den Reaktionen allerdings erkenne ich Parallelen.

“That´s the way it is. Wap-bab-ba”

Zum Hintergrund: Bevor der Youtube-Star Bibi von „Bibis Beauty Palace“ ihren ersten Popsong veröffentlichte, tat sie zwei Dinge. Sie erklärte in verschiedenen kurzen Teaser-Videos, welche wichtige „Message“ ihr Lied hätte. Sie strich die tiefe Bedeutung heraus und machte damit neugierig auf das Video. Zudem forderte sie ihre Fans auf, das Lied bereits vor der Veröffentlichung für € 4,99 zu kaufen. Als das seichte, eintönige und irgendwie geklaut klingende Lied online ging, waren viele von ihrem Idol enttäuscht. Meine Tochter auch. Ich fragte sie, ob sie diese Enttäuschung denn irgendwo aufschreiben wolle, zum Beispiel als Kommentar oder als Blogbeitrag. Sie antwortete mir: „Nee, Mama, wenn ich das jetzt irgendwo schreibe, dann ist das voll der ‘Hate’.“

#hugsnothate für den Präsidenten? Das ist viel verlangt …

Mit dieser Reaktion war sie nicht die Einzige. Viele Mädchen aus Bibis Zielgruppe trauten sich nicht, offen ihre Meinung zu Bibis Inszenierung zu sagen. Bei all der zuckersüßen Liebe mit Muffingeschmack war kein Platz, Bibi als das zu sehen, was sie ist: Nicht nur Mensch, Youtuberin, meinetwegen sogar Künstlerin, sondern auch erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie ist nicht nur das eine oder das andere, sie ist beides. Und in beidem kann, sollte und muss sie in ihrem Verhalten kritisiert werden.

Was hat das mit der re:publica zu tun?

Als das Motto „Love out loud“ bekannt wurde, war ich erst einmal bestürzt. Seit Jahren versuche ich meinen Mann davon zu überzeugen, dass die re:publica keine Orgie ist.

Neben meinen Sorgen um den häuslichen Waffenstillstand Frieden fragte ich mich, was „Love Out Loud“ für uns als Teilnehmende bedeuten könnte. Als konsequente Gegenbewegung zu dem immer unmöglicher werdenden Diskurs in verschiedenen sozialen Netzwerken gefiel mir das Motto sehr gut. Als Verstärkung von positiven Reaktionen statt unserer Konzentration auf Empörung, Hetze und Hass war „Love Out Loud“ das, was ich als richtig, als zeitgemäß empfand. Immerhin war ich selbst schwer dabei, die Kommentarspalten vollzulieben – zum Beispiel zusammen mit den anderen Mitgliedern von #ichbinhier.

Zusammen mit @primamuslima und @mehrgutezeit auf der re:publica 2017

Auf der re:publica fand ich das Motto überall thematisch und gestalterisch wieder. Die Stimmung in Berlin schien mir wie immer kooperativ, offen, der Kontakt unter einander barrierearm und herzlich. Ich fühlte mich wohl, auch wenn ich vor allem in den letzten zwei Jahren die zunehmende Größe und Kommerzialisierung der re:publica mit Unbehagen betrachte. Dieses Mal aber waren es nicht die (politischen) Akteure oder die großen Sponsoren, die ein sonderbares Gefühl auslösten, das so gar nicht zum Rest passte. Vielmehr waren es die Teilnehmenden selbst, mich eingeschlossen.

Vor lauter Liebe zu wenig Kritik?

In keinem Vortrag, den ich besucht habe, wurde eine kritische Nachfrage gestellt. Kaum eine Auseinandersetzung wurde öffentlich geführt. Unglaublich vielen Tweets zur republica standen nur wenige Interaktionen zwischen den Twitternden gegenüber. Und die kurze Protestaktion beim Auftritt eines Beauftragten der Bundeswehr erntete kaum echtes Verständnis oder sogar Wohlwollen. Vielmehr empfanden viele im Publikum sie als „fehl am Platz“. Politischer Protest als Störfaktor auf einer Gesellschaftskonferenz, die sich in diesem Jahr der Harmonie verschrieben hatte. Oder wie John für metronaut schrieb: Protestschilder nur als Instagrambildchen. Ein großer Kontrast zu der re:publica wie ich sie kenne: Kritisch reflektierend und diskussionsfreudig. Die glatten Inszenierungen einzelner Vortragender, anwesender Politiker*innen und Sponsoren wurden weggelächelt statt besprochen. Auch von mir. Wie konnte das passieren?

Protestschilder nur als Deko?

Durch mein Gespräch mit meiner Tochter erinnerte ich mich: Es ist schwierig, zu kritisieren, wenn man eigentlich liebt. Genau das, ging mir auf, konnte ich die letzten Tage auf der re:publica beobachten. Wir kamen in bester Absicht zusammen, unter einem wunderbaren, auf einen sehr emotionalen Vortrag vom letzten Jahr zurückgehenden Motto. Wir, die Internetblase, die Guten, die Aufrechten, wollten Hass und Häme etwas entgegen setzen. Wir wollten zum Positiven verändern, und verwechselten dabei Kritik und offenen Meinungsaustausch mit Hass. Vor lauter Liebe nämlich haben wir die Schärfe der Auseinandersetzung, die kritische Reflexion lieber den Vortragenden selbst überlassen. Oder uns auf das Auslachen nachweislich dämlicher Politikeräußerungen beschränkt. Wäre höfliche Gleichgültigkeit, wie Carolin Emcke sie vorschlug, für die Gruppendynamik besser gewesen?

Nicht zwingend. Aber vielleicht müssen wir uns darüber im Klaren werden, dass es auch bei „Love out loud“ nicht nur zwei Seiten der Medaille gibt. Es gibt auch in der Liebe kein Schwarz/ Weiß, Für/Gegen, Freund/ Feind. Wir haben uns gegenseitig polarisiert und polarisieren lassen, aufgrund bester Motive. Aber Polarisierung ist immer Mist. Denn sie führt entweder zu Empörung, Wut oder sogar Hass, oder zum Gegenteil: Zu blinder Bestätigung, Abnicken, Feiern, Gutheißen und zum Schweigen über die Fehler und Unzulänglichkeiten. Es gibt aber viele Wege dazwischen.

Liebe und hinterfrage

Meinen Kindern bringe ich bei, wie das geht. Ich spreche mit ihnen, wie man Verhalten kritisiert statt Personen. Aber nach der diesjährigen re:publica weiß ich erst, wie schwierig das wirklich ist. Denn wie Bibis Persönlichkeit mit ihrem Lied und ihrem Verhalten verknüpft ist, so ist auch die Konferenz mit ihrer Vergangenheit, ihrem Team und ihren Veranstalter*innen verknüpft.

Schnaps statt Diskussion – aber was im Panel zu Hate Speech noch passte, darf nicht zu einer grundsätzlichen Haltung werden 🙂

Liebe und Kritik aber schließen sich nicht aus, im Gegenteil. In Liebe geäußerte Kritik ist heute vielleicht so wichtig wie noch nie. Im gesellschaftlichen Diskurs, im direkten Miteinander und in der Kommunikation, wie wir die Welt gestalten wollen. Die re:publica ist für mich schon immer das Format dafür gewesen: Viele idealistische Menschen treffen sich und fragen sich gegenseitig, wo es eigentlich hingehen soll. Unglaublich viel hat sich mit und durch diese Konferenz bewegt. Vielleicht hält sie große Konzerne als Sponsoren genauso aus wie Politiker*innen im Wahljahr, Partner-Talks als Werbeveranstaltungen, gelegentliche Klüngelei im Orgateam und eine steigende Anzahl von Menschen mit Krawatten. Vielleicht schafft sie sogar, einen Auftritt der Bundeswehr unbeschadet zu überstehen.

Vielleicht ist sie inklusiv genug, diese ganzen scheinbaren Widersprüche zu integrieren. Vielleicht aber auch nicht. Wir sollten auf keinen Fall Angst haben, das zu diskutieren.

Eine Bitte

Neben dem seit Jahren immer wieder thematisierten Umgang mit Kindern auf der re:publica gibt es eine andere, schwerwiegende Kritik an den Veranstalter*innen. Wer den Stream verfolgt hat, wird die Vorwürfe kennen. Ich glaube, genauso wichtig wie Kritik an der Konferenz, an bestimmten Situationen, Verhalten oder Entwicklungen ist eine offene Reaktion auf diese Kritik. Eine Haltung, auch wenn sie manchen weh tun wird. „Love Out Loud“, dieses wunderbare, berührende Motto ist nur dann etwas wert, wenn wir uns in unserem Verhalten weiterhin kritisieren. Wir müssen uns gegenseitig in Frage stellen, unbedingt. Wir müssen uns streiten. Trotz oder vielmehr in Liebe. Danke für die diesjährige re:publica.

Eröffnung der re:publica

 

(Beitragsbild: Sarah Schäfer. Danke Dir!)

  1. Sabine

    “Neben dem seit Jahren immer wieder thematisierten Umgang mit Kindern auf der re:publica gibt es eine andere, schwerwiegende Kritik an den Veranstalter*innen. Wer den Stream verfolgt hat, wird die Vorwürfe kennen. ”

    Hierzu heute:
    https://twitter.com/sascha_p/status/914749696404361216

    • Danke! Deckt sich mit meiner persönlichen Einschätzung (aus der Distanz heraus, daher nur sehr vorsichtig geäußert, weil es schwer ist, hier irgend etwas zu beurteilen).

      Ich finde es aber nach wie vor schade, dass es keine offizielle (oder meinetwegen halboffizielle) Stellungnahme aus dem rp-Team dazu gab. Ich hätte es begrüßt, wenn da etwas gekommen wäre – immerhin waren die Vorwürfe auch in ihre Richtung deutlich.
      Wie oben geäußert kann es nicht sein, dass wir vor lauter Angst vor Konflikten keine Positionen mehr beziehen.

      Nochmal Danke für den Hinweis. Ich hoffe, die beiden können das jetzt wirklich hinter sich lassen.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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