Oh doch. Oh ja. Weil es nämlich viel zu interessant war, was Merkel mit der Äußerung des Internets als „Neuland“ da gestern losgetreten hat.

Meine Tante würde sagen, die Reaktionen auf den Neuland-Fauxpas unserer Bundeskanzlerin hätten Ähnlichkeit mit einer Frikadelle: Von allem war ein bisschen was dabei.

Der Sturm auf Twitter, zu 90% aus Spott, Schadenfreude und dem ein oder anderen wirklich guten Witzchen bestehend, brach quasi in Echtzeit los. Einmal nicht in meine Timeline geschaut, schon war für mich alles Neuland – im wahrsten Sinne des Wortes. Und während auf golem.de unter der Überschrift: „Merkel macht sich zum Gespött der Netzgemeinde“ ein paar hübsche Tweets und Tumblr gesammelt wurden, schrieb @ennomane im Blogpost sichtlich angekotzt: „Auf meiner Twitter-Timeline orgasmieren gerade sehr viele Menschen […]. Diese künstliche wie genüssliche Aufregung derjenigen, die eine Tastatur und einen Twitter-Account haben, nervt.“ Hihihi. Ja, das haben wir! Und: ja, das tat sie. Ich sah das allerdings ein bisschen so wie @tarzun:

neuland3

Aber natürlich sprang nicht nur das deutlich aufgeregte Twitter auf die Äußerung an. Das journalistische Neuland ließ sich ebenfalls nicht lange bitten. Die Pressekonferenz von Merkel und Obama war gefühlte 10 Minuten vorbei, da hatte Zeit Online schon „Die Kanzlerin von Neuland“ getitelt. Patrick Beuth schreibt in seinem Artikel: „Das World Wide Web […] ist 23 Jahre alt. Wer das als Neuland bezeichnet, betreibt Gegenwartsverweigerung“ und findet, „Wer es gut mit [Angela Merkel] meint, kann den Neuland-Satz als typischen Mutti-Moment abhaken. Es war einfach nicht die beste aller Gelegenheiten, um die Welt im Merkel-Duktus zu erklären.“

Viele andere verteidigten „uns Angie“ und versuchten, die Aussage in einen brauchbaren  Kontext zu setzen. Die Mehrheit der Menschen sei auch in Deutschland noch internetfern. Der Satz müsse als diplomatische Taktik gesehen werden. Die Äußerung verrate viel über die unzureichende Netzpolitik der Regierung, und über die gesellschafts-politische Einordnung der Chancen und Probleme des Netzes. Und so weiter.

Das ist alles sicher richtig. Darüber hinaus auch möglich ist aber, dass Angela Merkel sehr genau wusste, was sie da sagte. Denn das Provozieren eines Witzelsturms in der, zugegebenermaßen, etwas selbstverliebten Internetgemeinde, war vor allem eines: Eine phantastische Möglichkeit, ein wenig Aufmerksamkeit von einem sehr heißen Eisen abzuziehen – sozusagen Brot und Spiele für das (Netz)Volk. Denn wer sich lustige #Neuland-Tweets ausdenkt oder satirische Montagen photoshoppt, kann sich nicht zum gleichen Zeitpunkt über #prism aufregen!

Humor ist heilsam

An der Art unserer Auseinandersetzung lässt sich ablesen, wie wenig wir in letzter Zeit – rein politisch gesehen – zu lachen hatten. Da wird die nächstbeste Möglichkeit mal exzessiv ausgeschlachtet. Das darf man den Leuten auch nicht übel nehmen. Wenn wir genug orgasmiert haben, wischen wir uns die Tränen aus den Augenwinkeln und konzentrieren uns wieder aufs Wesentliche. Wer das gerne gleich tun möchte, dem sei Markus Beckedahl empfohlen.

Bei allem Verständnis für alle Seiten und Meinungen, eines aber lasse zumindest ich nicht auf mir sitzen: Für die Süddeutsche schreibt Johannes Kuhn heute morgen:

„[Statt eine klare Haltung der Bundesrepublik in Bezug auf Netzpolitik zu fordern, (Paraphrasierung von mir)] diskutieren wir über einen Kanzlerinnen-Nebensatz in einer Pressekonferenz. Wenn der Rest der Deutschen einmal im Neuland der progressiven Internet-Versteher angekommen ist, er dürfte sich wundern, wie spießbürgerlich es dort zugeht.“

Lieber @kopfzeiler, das ist nicht nett. Da macht man einmal ein paar Witzchen…:))