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Menscheln ist irrlich

„Erfolg ist gewöhnlich der Höhepunkt kontrollierten Scheiterns“ sagte Sylvester Stallone. Das mag aus dem Mund eines berühmten Schauspielers etwas merkwürdig klingen. Sollte uns aber daran erinnern, dass der Weg eines Einzelnen meist weder geradlinig noch stetig ansteigend verläuft. Trotzdem scheinen immer mehr Menschen genau danach zu streben.

Vor kurzem las ich den Artikel Das tollere Ich in der Zeit. Es geht darin um einen angeblichen Trend. Vorgestellt werden junge Menschen, die ihr Leben der permanenten Selbstverbesserung verschrieben haben – sie nennen sich Selbstoptimierer.

Sie unterziehen sich der permanenten Eigenüberwachung, technologiegestützt, denn ohne diverse Sensoren und Smartphone-Apps lassen sich die vielen Daten, die analysiert werden wollen, nicht erheben. Schrittzähler notieren die Bewegungen, die Apps ins Kalorien umwandeln. Stirnbänder messen die Hirnaktivität beim Schlafen. In digitale Notizbücher wird penibel genau die eigene Produktivität eingetragen, die dann mittels Grafiken dargestellt werden kann. Diagramme und Kurven informieren z.B. auch über gelesene Bücher oder sich selbst gestellte Aufgaben und deren Erfüllung.

Der Ausgangspunkt dieser rigiden Selbstkontrolle klingt nachvollziehbar: Selbstoptimierer wollen das Beste aus sich machen, der bestmögliche Mensch sein, der man selbst sein kann. Hierzu gehören gesunde Ernährung, Sport, Effektivität und Leistung, selbstverständlich auch irgend eine Form von Karriere. Also alles, was sich in Zahlen messen lässt. Ist das die neue, ultimative Form des Auf-Sich-Acht-Gebens? Mit dem Ziel der schnellen sowie vollständigen Ausschöpfung des eigenen Potentials? Oder doch eher eine neue Verkörperung einer handfesten Zwangsneurose?

Versuchen Menschen, die sich freiwillig verschiedenen, den Körper und das eigene Verhalten aufzeichnenden, technischen Hilfsmitteln unterwerfen, nur die eigene Selbstdisziplin zu stärken? Oder steckt hinter der Zahlenhörigkeit auch eine Wertung, ein bestimmtes Ranking der eigenen Aktivitäten? So etwa: Alles, was messbar ist, hat einen darstellbaren Wert. Alles, was nicht messbar ist, ist Zeitverschwendung.

Mein Mann würde das wahrscheinlich gerade unterschreiben. Vor ein paar Monaten hat er sich selbständig gemacht. Seitdem ist das Leben mit ihm eine Achterbahn. Über lange Strecken gibt es kaum etwas zu tun. Dann wieder kann er sich vor Aufgaben kaum retten. Er schaltet von „Bald muss ich jemanden einstellen“ zu „Oh Gott, wir können den Laden dichtmachen“ in unter 50 Sekunden. Und die Zeit des Wartens, des Vor- und Nachbereitens zwischen den Aufträgen? Vertane Zeit, mangelnde Produktivität, keine Möglichkeit der Aufzeichnung von Quantifizierbarem. Es zählen nur die Stunden, die dem Kunden in Rechnung gestellt werden können. Alles andere ist Prokrastination und frustriert.

Ich dagegen kann die Selbstoptimiererei nicht nachvollziehen. Natürlich finde ich Selbstdisziplin richtig, und ständig versuche ich, mir selbst in den Arsch zu treten, wenn ich mal wieder denke, dass da was aus dem Ruder läuft. Aber quasi nichts von dem, was ich in meinem Leben bisher gemacht habe, hat Zahlen verursacht. Ich könnte versuchen, die genaue Zahl der Bücher, die ich bisher gelesen habe, zu rekonstruieren. Darüber hinaus habe ich nichts, aber auch gar nichts an Messbarem vorzuweisen. Sollte ich mir Gedanken machen?

Die Selbstoptimierer sind nicht allein. Meine Freundin wies mich vor kurzem auf einige Wahlplakate im derzeitigen Wahlkampf hin. Slogans wie „Gemeinsam erfolgreich“ oder „Klarer Kurs“ finden sich dort. Aber der schlagkräftigste Satz kommt von der FDP: „Aufstieg durch Leistung“.

Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Optimierer. Es geht nur voran, und dabei immer auch gleich aufwärts. Alternativen zum vorgezeichneten Weg sind nicht angedacht. Dabei wird leicht übersehen, dass der Weg der meisten Menschen nicht geradlinig verläuft. Und daher auch sehr schlecht planbar ist, geschweige denn einteilbar in verschiedene Etappen des gesteckten Ziels. Ich bin nicht gegen Ziele. Aber wo bleibt das Einkalkulieren des kontrollierten Scheiterns? Wo bleibt die Akzeptanz für eine Neuorientierung? Wo die eventuelle Chance in einem neuerlichen Scheitern?

Und: Noch entscheidender: Wo sind die vielen, wesensverändernden Erfahrungen und Entscheidungen, die nicht quantifizierbar sind, als da wären: soziales Engagement, Mitgefühl, Quality Time mit der Familie, Gespräche und Diskussionen mit engen Freunden, das kreative Potential der Faulenzerei, und so vieles mehr. Entgeht uns nicht unglaublich viel, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nur auf das lenken, das in Zahlen ausdrückbar ist?

Sylvester Stallone hatte seine erste bezahlte Rolle in einem Softporno. Später sagte er, er habe die Rolle aus Verzweiflung und Geldnot angenommen. Sein Smartphone würde ihm heute eine solche Abweichung vom Plan vermutlich einfach verbieten.

Bild: Ich vor einem Spaceshuttle im Technikmuseum. Was wäre eigentlich ohne die vielen Irrtümer und das großartige Scheitern unzähliger Projekte in der Raumfahrt geworden?

  1. Sehr treffend. Was dein Mann da grade durchmacht, kenn ich gut. Mir geht es genauso, und das auch noch nach 10 Jahren Selbstständigkeit. Wenn man sich selbstständig macht, ist die Optimierung von Prozessen auch definitiv ein Stück weit notwendig. Allerdings habe ich mittlerweile auch die Erfahrung gemacht, dass Zeit, die ich in Projekte oder Tätigkeiten gesteckt habe, die kein Geld gebracht haben, nicht zwingend verloren ist. Denn man gewinnt an Erfahrung, an Fertigkeiten, die einem bei späteren Bezahlprojekten wieder helfen. Und ich habe mich in diesen 10 Jahren mehr als einmal neu orientiert. Man kann gar nicht alles planen und optimieren. Und spätestens wenn die Optimiererei in das Privatleben rüberschwappt, sollte man die Notbremse ziehen. Da hat das meiner Meinung nach im Normalfall definitiv nix verloren. Wir sind Menschen und keine Maschinen.

    • Danke Dir! Ich habe Deinen Kommentar vorgelesen. Es ist immer heilsam, zu hören, dass es anderen genauso geht – auch mit mehr Erfahrung!

  2. Der optimale blogpost und Artikel für meinen Lazy Sunday 🙂

  3. annazschokke

    Puh, die dauernde Selbstoptimierung ist mir unheimlich. Und ich bin auch zu faul, um vieles davon zu tun (No sports) und finde nicht, dass ich es tun muss. Lieber persönliche Weiter- und Herzensbildung, wie es mir passt.

    Toller Post 🙂

    • Danke! Die persönliche Weiterbildung nach Talent (und Lust) halte ich auch für sehr wichtig. Und wenn das bei jemandem, der sich „selbst optimiert“ so hinhaut – also sportliches Pensum, messbare Ergebnisse, Effektivität, – dann findet es sogar meinen Zuspruch. Ich frage mich nur: Wer stellt hier den Maßstab auf? Wer bestimmt meinen Erfolg?

      Freue mich auf Deinen Post zu Deiner Bio!

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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