juna im netz

Das Netz ist das, was Du draus machst

Das Netz und so, Internet und Gesellschaft

“Lieber Staat. Danke, dass Du mich regierst!”

(Farin Urlaub)

In der vergangenen Woche hinterließ ich einige digitale Spuren der Empörung zum Thema prism, auf so Seiten wie der Welt oder Cicero (Qualitätsjournalismus!!). Grund war die zum Teil groteske Abwiegelung des Überwachungsskandals durch gewählte Volksvertreter und/oder unabhängige Journalisten. Ein Beispiel aus der Rubrik „Oberfrechheit“: 

„Bitte mehr Bescheidenheit, liebe Landsleute. Auch Dankbarkeit. Ohne die USA gäbe es keine bundesdeutsche demokratische Republik.“ Michael Wolffsohn für die Welt. Aha.

Um die (absurd erscheinende) Gegenwart besser zu verstehen, entblöde ich mich nicht, gleich mal die Bibel heranzuziehen. Für das, worauf ich jetzt hinauswill, braucht Ihr allerdings zwei Minuten Geduld;)

Aus Markus 15, 1 und 2:

„Und alsbald am Morgen hielten die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Hohen Rat, und sie banden Jesus, führten ihn ab und überantworteten ihn Pilatus. Und Pilatus fragte ihn: Bist Du der König der Juden? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Du sagst es.“

Jesus steht kurz vor der Kreuzigung, der Mob will seinen Tod. Eigentlich ist der liebe, gute Pontius Pilatus daran überhaupt nicht interessiert – er ist im Gegenteil ein ganz liberal Denkender und hat gar keine Probleme mit Menschen, die die Kirche infrage stellen. Aber da der Pöbel es fordert, muss er Jesus befragen. Der nimmt zu dem Vorwurf, er habe sich „König der Juden“ genannt, irgendwie unerwartet Stellung. Pilatus scheitert an einer Interpretation zugunsten Jesu und gibt dem dummen Pöbel, was dieser haben will. Seit der Passion Christi kennen die Geschichte auch wirklich alle.

Es ist dies eine der ersten und historisch sicher einflussreichsten Lektionen in puncto Staat: Der Staat schützt das Individuum vor der Dummheit der Masse. Der launische Schwarm hat sich – eben hamse ihn noch bejubelt – überlegt, doch lieber Jesus ans Kreuz schlagen zu lassen, und Pilatus versucht alles, scheitert aber in letzter Instanz. Und so wird deutlich: Wenn man auf dieser Welt vor etwas Angst haben muss, dann sind es die Menschen! Gottseidank gibt es die gewählten Repräsentanten, die uns beschützen!

Findet Ihr übertrieben? Ja, ich gebe zu, mein Ton ist heute extrem ironisch. Wir spulen 2000 Jahre vor. Habt Ihr Euch den Trailer zum neuen Film The Purge angeschaut?

Handlung verknappt: Das zukünftige Amerika ist das Land der Träume, es gibt kaum Arbeitslose, kaum Verbrechen, die Regierung macht nen super Job. Aber an einem Tag im Jahr dürfen alle ihr kriminelles Wesen rauslassen und so richtig auf die Kacke hauen: Morden, Rauben, Anzünden – alles erlaubt. Die Regierung nennt das „Die Säuberung“ und bedankt sich per TV bei allen Einwohnern fürs „Teilnehmen“. Das Instrumentarium ist das Gleiche wie oben, und das Gleiche, das auch unsere Regierung einsetzt, um uns prism schönzureden: NUR Gesetze und STAATLICHE Kontrolle halten Menschen davon ab, Menschen zu töten. Dank sei dem Staat, dass er uns überwacht und beschützt. Das Individuum soll Angst vor der Masse der Menschen haben, am besten Todesangst. Jemandem, der Angst hat, lässt sich viel besser erklären, warum Überwachung nötig ist.

Immer noch übertrieben? Auf facebook wurde folgende Grafik geteilt:

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Unverhältnismäßige Angstmache vor terroristischen Anschlägen durch Regierungen und Presse schränken Meinungs- und Handlungsfreiheit der Menschen ein. Und lassen eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung plötzlich plausibel erscheinen. Schade, dass diese Überwachung gar nicht vor den Nr. 1-Gefahren schützt. Nehmen wir die Kinder. Effektiv schützen könnten wir unsere Kleinkinder unter sechs, indem wir Gartenteiche zuschütten und Kinder nicht unbeaufsichtigt in Badewanne oder Planschbecken lassen. Hättet Ihr das gewusst?

Wenn wir uns gegen Überwachung wehren, geht es hier nicht nur „ums Prinzip“. Es geht hier auch darum, wie oft, wie viel und wie weit wir uns verarschen lassen wollen. Alex spricht auf recentr.com von Filmtrailern, die die Menschen präkonditionieren. Meint: Die Menschen sollen eine Extremsituation vor Augen geführt bekommen, damit sie sich, sollte eine solche Situation eintreten, auch wie geplant verhalten. Soll wiederum heißen: Tritt ein Ausnahmezustand ein, MUSS es marodierende Horden geben, damit der Staat uns vor diesen beschützen kann. Um zu erkennen, dass das wahrscheinlich ist, muss man gar kein Verschwörungstheoretiker sein.

Ich persönlich glaube nicht daran, dass die meisten Menschen anderen Menschen keinen Schaden zufügen, nur weil Gesetze sie daran hindern. Sonst würden höhere Strafen mehr Menschen von Verbrechen abhalten. Ich glaube auch nicht daran, dass Überwachung effektiv Verbrechen verhindert. Sonst würden Überwachungskameras ja mehr bewirken als nur die Aufklärungsrate zu verbessern. Und ich glaube Pilatus nicht, dass er Jesus nicht am Kreuz sehen wollte.

Ich denke vielmehr, Menschen sehen davon ab, anderen Menschen Schaden zuzufügen, weil sie nach bestimmten Werten leben. Wir erleben momentan an verschiedenen Orten dieser Welt, wie die Menschen für diese Werte einstehen. Auf der anderen Seite beobachten wir die vom Volk eingesetzten demokratischen Regierungen, wie sie versuchen, das Volk zu unterdrücken und/oder zu verarschen. In der Türkei mit 10-Jahres-Vorräten an Tränengas, in Deutschland mit der Mindestspeicherfrist und den Abwiegeleien zu prism.

Ich sehe Angstmache, Unterdrückung und Schönreden. Aber ich habe in letzter Zeit ziemlich wenige Volksvertreter gesehen.

Mehr Bodenlosigkeiten zusammengefasst hat Sascha Lobo, und auch bei Wolfgang Michal finden sich schöne Zitate zum kollektiven Verriss.

Nachtrag:

Der Regierungssprecher gerade eben zu prism:

„Es gilt heute wie vor einer Woche das, was ich gesagt habe, nämlich dass es jetzt die Aufgabe der Bundesregierung ist, sich um Sachaufklärung zu bemühen. Dafür ist sozusagen ein Prozess in Gang geleitet worden.“

Deutschland betritt den Rasen: Deutschlandweiter Protest gegen Prism: Stop Watching Us!

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Und danke, danke! für deine vielen Tipps! Vielleicht nicht retten, aber ein kleines bisschen besser machen! Das kriegen wir hin! 🙂

  2. Vielleicht sollte man auch mal in eine andere Richtung denken. Geben wir nicht freimütig unsere Daten in sozialen Netzwerken, wie facebook preis? Warum empören wir uns, wenn das jemand, in diesem Fall die Geheimdienste einsammeln. Senden wir nicht unsere eMails unverschlüsselt? Warum wundern wir uns, dass die von Dritten gelesen werden. Vielleicht sollten wir die Schuld bei uns selbst suchen.

    • Nein, ich denke, wenn wir anfangen, die Schuld bei uns selbst zu suchen, machen wir einen kapitalen Fehler:) Die Daten, die wir selbst in sozialen Netzwerken preisgeben, sind öffentlich, so viel ist wahr. Aber was ist mit der privaten Kommunikation? Wer hat das Recht, meine Chats, E-mails, meine Telefonate und meine Briefe zu öffnen? Wer gibt einer Regierung das Recht, Metadaten abzufangen und zu speichern? Das geschieht nicht zu unserem Schutz. Ich, und viele andere, nehme meine privaten, bisher als “nur für Freunde sichtbar” geschalteten Informationen aus den öffentlichen Netzwerken, benutze keine Bilderdienste mehr, und Fotos markiert habe ich nicht mehr, seitdem mir klar wurde, was man damit anstellen kann. Ich habe auch neulich erlebt (bei einer Routineüberprüfung), dass Facebook auch meine privaten Angaben öffentlich geschaltet hatte, weil ich ein Posting öffentlich gemacht habe. Das ist zwar eine Frechheit, war mir aber auch eine weitere Lehre, die Fotos meiner Kinder einfach runterzunehmen. Unser eigenes Verhalten überdenken, Mails verschlüsseln? Ja, da hast Du meine volle Zustimmung. Die Schuld bei uns suchen? Nein, auf gar keinen Fall! Ach so: Vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar! (das wäre eigentlich der erste Satz gewesen… sorry:))

  3. Ich kann mich nur wiederholen: Vielen Dank für Deinen Beitrag! In der Masse der Posts und Kommentare zu diesem Thema treffen Deine Gedanken immer wieder meinen Gedanken…

    Nur zu Facebook muss ich noch was sagen: Es könnte durchaus mehr in das Bewusstsein der Menschen kommen, wie mit ihren Daten bei FB umgegangen wird und was das für sie bedeutet (z.B. wie die Relavanzfilter für die eigene Timeline funktionieren und FB entscheidet, was man sehen darf.) Die Entscheidung über die Nutzung muss dann jeder selbst treffen…

    Beste Grüße
    Dietmar

    • Danke, Dietmar, für Deine liebe Rückmeldung. Und auch ganz gut, dass Du nochmal auf die facebook-Sache hinweist. Wie @hscm oben ja auch schon angesprochen hat, wir selbst können vieles eindeutig verbessern, soviel ist klar. Und dafür braucht es zunächst einmal auch Aufklärung, denn wer weiß schon so genau, was das ist, ein Relevanzfilter, und was der macht. Ich meine mich hiermit, denn ich weiß zum Beispiel erst seit einer Woche, was filterbubble heißt;) Es hilft, die Menschen im direkten Umfeld zu sensibilisieren und ihnen zu sagen, warum welcher Dienst gerne welche Daten hätte und dass es keine gute Idee ist, ein E-mail-Adressbuch auf ein soziales Netzwerk zu laden, zum Beispiel. Aber mit immer neuen Bestätigungen der “alten Verdachte” wird ja deutlich, dass wir mittlerweile wirklich zum privateren Gespräch in den Wald gehen müssen. Briefe, Telefon, Internet – alles wird überwacht. Und in einer Demokratie ist Privatsphäre kein Privileg, sie ist ein Grundrecht. Ganz liebe Grüße an Dich! Ich lese Dich nachher noch beim Surfen auf den Iron-Blogger-Beiträgen;)

  4. Es gibt 4 Dinge, die mich an dem NSA-Skandal stören:
    1. Das Versagen unserer Politiker
    2. Die Leute, die angeblich eh nix zum Verbergen haben
    3. Die scheinbare Überraschung der User
    4. Witze, denen zufolge man den Obama anruft, wenn man seine PIN vergessen hat.
    LG
    Sabienes

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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