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In eigener Sache

Leben in Zeiten der Hasenherzigkeit

In einen Baum mit Blüten hinein fotografiert, dahinter die Sonne

Hasenherz und Löwenfuß
gingen mal spazieren
Hasenherz hat Puschen an
konnte nichts passieren.

von Betty Berger

Ich habe diese Woche ein Wort gelernt, das ich unbedingt mit Euch teilen muss. Hasenherzig. 

Es ist kein neues Wort, der Duden kennt es bereits und erklärt seine Bedeutung mit den Adjektiven „ängstlich, feige, furchtsam“. Das aber finde ich nicht zutreffend. Und kein bisschen vollständig. „Hasenherzig“ klingt nach so viel mehr. 

Vielleicht sind es meine aktuellen Lebensumstände, die mich so empfänglich für dieses Wort machen. Wenn man sich wie ich monatelang mit der Angst vor dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest herumschlägt, dann fallen Worte, die das eigene Gefühl beschreiben, mehr auf. Sie leuchten quasi aus den Texten heraus. Hier meine Definition meines neuen Lieblingswortes:

Hasenherzig heißt, dass ein lästiger Fluchtreflex immer dann einsetzt, wenn man selbst mutig sein und voran gehen möchte.

Hasenherzig bedeutet Mutlosigkeit angesichts der schieren Größe und Unbegreifbarkeit dieser Welt.

Hasenherzig heißt, dass man sich mit seinen Möglichkeiten konfrontiert sieht – und sich dann lieber in einem Erdloch verkriechen würde.

Hasenherzig, das bedeutet, dass der Glaube an sich selbst mühsam rekonstruiert werden muss.

Hasenherzig sein ist nicht gleich ängstlich sein. Angst ist eine Reaktion des Körpers auf ein Gefühl. Hasenherzig aber ist selbst das Gefühl.

Hasenherzigkeit hat auch nichts mit Feigheit zu tun. Feige sind für uns Handlungen (bzw. deren Unterlassung), die sich meist aus Angst ergeben. Der Hasenherzige unterlässt aber die Handlung nicht, die er sich vorgenommen hat. Er fühlt sich dabei lediglich sehr, sehr klein.

Auch Furchtsamkeit trifft das Hasenherzige nicht. Die Furcht resultiert aus dem Gefühl einer konkreten, nicht eingebildeten Bedrohung. Der Hasenherzige fühlt sich von der Welt nicht bedroht. Er fühlt sich ihr lediglich kein bisschen gewachsen.

Hasenherzig, das ist genau das Gefühl, das du hast, bevor du das erste Mal vom Drei-Meter-Brett springst. Bevor du in diese eine, lebensentscheidende Prüfung gehst. Bevor du dem Menschen, der dir jahrelang Unrecht getan hat, so richtig die Meinung geigst. Im Gegensatz zum Ängstlichen sieht der Hasenherzige nicht überall Gefahren. Er sieht Möglichkeiten, die er vielleicht noch nicht wahrnehmen kann. Die ihm zu groß erscheinen. Und obwohl er sich klein, schwach, unbedeutend und nicht bereit fühlt, obwohl er sich nach der kuscheligen Enge und Begrenztheit seines Erdlochs sehnt, bleibt der Hasenherzige stehen. Er betrachtet sich sein kleines, klopfendes Herzchen und wünscht sich, er wäre mutiger. Dabei ist er es im Grunde bereits.

Der Weg zum Mut führt von der Angst durch das Hasenherzige. Es ist die Vorstufe zum Mut, die Vorstufe zum Leben, die Vorstufe zu allem. Der Hasenherzige hat die Angst längst besiegt.

  1. Ein wunderbarer Text, der mein Herz berührt. Vielen herzlichen Dank dafür!
    (das Lieblingstier meines 6jährigen Sohnes ist übrigens der Hase und zwar, weil der so tapfer ist)

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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