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Last Observation Carried Forward

Es gibt da so ein statistisches Verfahren … HALT, nicht gleich wegklicken! Ich verspreche, es einigermaßen kurzweilig zu halten!

Also, es gibt da so ein statistisches Verfahren, das ich vor allem aus der klinischen Forschung kenne. Wenn Medikamente entwickelt werden, muss die böse Pharmaindustrie sie in die vorgeschriebenen und von der Europäischen Behörde streng reglementierten klinischen Studien schicken. Da gibt es die Präklinik (z.B. Tierversuche), die so genannten „First in Man“-Studien, in denen das Medikament das erste Mal am lebenden Menschen getestet wird, und dann die Profilierungs- und Zulassungsstudien, die als „Phase 2, 3 und 4“ bezeichnet werden. Die Götze der Behörden ist dabei seit einigen Jahrzehnten die „full randomized double-blind-study“, denn das Verblinden soll Verfälschungen und Einflussnahme vorbeugen und … wie dem auch sei.

In dem Ganzen steckt auf jeden Fall eine Menge Statistik drin, denn man muss die Patientendaten aufnehmen, organisieren und kreuzvergleichen und das Ganze unter voller Verblindung aller personenbezogenen Daten.

Gerade bei wirklich schwierigen Studien – Alzheimer, Krebs, Demenz …- passiert es leider immer wieder, dass Patient_innen, die an einer Zulassungsstudie teilnehmen, schon vor Ablauf der Studie sterben. Dann muss die Statistik ran und ihr magisches Ding machen. Und das ist in diesem Fall eigentlich gar nicht so magisch. Das Problem: Auch wenn ein Patient aus der Studie „fällt“ (dafür gibt es auch weitere Gründe als einen vorzeitigen Tod), muss die Anzahl der Datensätze erhalten bleiben. Also hat sich die Statistik etwas ausgedacht, das sie „Last Observation Carried Forward“ nennt. Die letzte gemachte Beobachtung wird in jeden neuen Beobachtungszeitpunkt übernommen und so bis zum Ende der Studie „durchgeschliffen“. Wenn der Patient vorzeitig aus der Studie ausscheidet, werden die bisher erhobenen Daten also eingefroren und zu jedem noch kommenden Zeitpunkt in die Rechnung mit aufgenommen. Das macht doch Mut, oder? ^^

Tatsächlich stellt das Verfahren nicht nur mathematisch die einfachste Lösung dar, sondern lässt sich auch vielfach in anderen Kontexten finden, z.B. wenn man einen Bankkredit für eine Immobilie beantragt. Antizipiert wird hier nicht die eventuelle Entwicklung, die statistisch wahrscheinlich ist. Vielmehr wird der Ist-Zustand quasi über die gesamte Laufzeit des eventuellen Kredites verlängert. Eine mögliche Entwicklung wird nicht oder nur als kleiner Einflussfaktor im zugrunde gelegten Algorithmus berücksichtigt. Und das ist nur ein Beispiel für eine Planung, die auf dem Prinzip „Last Observation Carried Forward“ basiert.

Dieses Prinzip, diese Annahme, dass die zuletzt beobachteten Werte einfach durchgeführt werden, ist im Grunde genommen die Grundlage für all unsere menschliche Planung. Wenn wir planen, sei es ein Ereignis, einen Lebensabschnitt, ein Lebensziel, dann nehmen wir an, dass der Status quo immer so weiter existieren wird wie er zu dem gegebenen Zeitpunkt ist. Wir planen Lebensabschnitte und antizipieren die Umstände, die in unserer Vorstellung einfach gleichbleiben. Gleiches Gehalt, Partnerschaft, Ausbildung, Eltern, Umfeld, was auch immer …

Zu einem späteren Zeitpunkt stellen wir durch eine Änderung eben dieser Umstände manchmal fest, was wir nicht bedacht haben. Dass wir bestimmte Faktoren eben NICHT einfach als „Letzte Beobachtung“ weitertragen können. Und dass uns das Leben einen fetten Strich durch die Statistik macht, wenn wir es versuchen. In diesen Augenblicken erscheint es uns dann vollkommen unlogisch, überhaupt eine solche Annahme einer bestimmten Planung zugrunde gelegt zu haben. Denn Umstände, Partner, Familie … das alles sind anfällige, dynamische Systeme. Vollkommen unplanbar, eigentlich. Allein ihre fortdauernde Existenz in unserem Leben anzunehmen ist im Grunde genommen arrogant.

Gleichzeitig verhält es sich so: Jegliche Planung wird obsolet, sobald wir uns mit dem Fakt angefreundet haben, dass das Prinzip, das wir zum Planen benötigen, in einem Prozess eigentlich gar nicht zugrunde gelegt werden kann. Soll heißen: Sobald wir uns darüber im Klaren sind, dass lebende dynamische Systeme (Menschen eingeschlossen) mit dem Prinzip „Last Observation Carried Forward“ gar nicht erfasst werden können, wird alle Planung unmöglich. Es herrscht nur noch die unmittelbare Gegenwart, der Augenblick.

Ein Dilemma, das wir nicht lösen können. Aber wir können es uns ab und an bewusst machen, wenn wir planen.

 

(Titel des Beitragsbildes: Die unmögliche Tür)

  1. „Planen heißt, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen.“ Keine Ahnung von wem das Zitat stammt, aber ich weiß dass es stimmt. Beim Thema „Bankkredit für Immobilien“ hast Du eine Erinnerung bei mir geweckt hast. Es war im Jahr 2000, wir brauchten eine Finanzierung für unser Haus. Der Bankberater meinte „Ja, am Anfang sieht das heftig aus, aber überlegen sie mal, wie ihr Gehalt in den nächsten 10 Jahren steigen wird.“ Tja, und dann kam Spaßkanzler Schröder, Agenda 2010 und „Lohnzurückhaltung“ um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern…

    Andererseits, auch wenn es extrem holprig war, es war trotzdem richtig. Planen heißt ja nicht zwingend, dass ich den kompletten Weg zu meinem Ziel minutiös vorausplane, sondern dass ich dieses Ziel setze und es dann auch erreiche, wenn ich mal eine Umleitung nehmen muss. Als ich noch große Urlaube in Südafrika gemacht habe war der Plan einzig, am Rückflugtag am Flughafen zu sein um ins Flugzeug einzusteigen, alles andere war „mal sehen wie es wird“. Und es war großartig.

    Ganz wichtig ist aber Dein Schlußsatz. Es herrscht die Gegenwart, wir leben hier und jetzt, nicht gestern (das können wir nicht mehr ändern) und nicht morgen (das ist zwar meist planbar, aber manchmal wirbelt die Welt unser „morgen“ durcheinander). Heute und jetzt ist die Zeit Dinge zu tun, die Erfahrungen des „gestern“ können uns hierbei nütlich sein und die Erwartungen an ein „besseres morgen“ (Ziel) steuern unser Handeln.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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