Nach den vielen sich überschlagenden Ereignissen der letzten Tage war mir nach etwas völlig anderem. Nein, das meine ich nicht. Nein, und das auch nicht. Ich wollte leichte Unterhaltung. 

 tl,dr ?

Bei meinen Lieblings-Weltverbesserern im Internet fand ich einen Beitrag zu sexistischen Werbeclips, für die sich die jeweiligen Firmen nie entschuldigt haben. Vielleicht war ich etwas antifeministisch drauf, oder es war mir in Anbetracht von #prism und #occupygezi schlicht egal, aber ich habe doch etwas mehr als nur geschmunzelt. Hier der Link:

http://thinkprogress.org/economy/2013/06/05/2105011/four-sexist-ads-no-company-ever-apologized-for/?upw&mobile=nc

Der erste Clip stammt von peta und zeigt eine Frau, die von ihrem kürzlich zur veganen Ernährungsweise umgestiegenen Freund an die Wand genagelt wurde – im sprichwörtlichen Sinn. Der zweite, eine Werbung für Axe, reduziert zwei einander optisch zugetane Menschen unterschiedlichen Geschlechts auf die „erste“ Wahrnehmung – der Mann rennt als Frisur durch die Gegend, die Frau als Dekolleté. Im dritten wird eine nackte Frau mit Werbebotschaften bemalt und im vierten verhindern sexy Lifeguards, dass ein Mann mit dem „falschen“ Bier eine „unmännliche“ Entscheidung trifft. Alles schön bunt, alles ziemlich übertrieben, aber auch nicht unbedingt gleich eine sexistische Katastrophe.

Lediglich ein Aspekt von Sexismus, wenn auch ein wichtiger, ist das Thema Körper. Wenn ich bisher glaubte, es für mich im vorletzten Blogbeitrag einigermaßen abgehakt zu haben, lag ich falsch. Mal von den Klischees der Werbespots abgesehen, irritieren mich ein paar Dinge an unserem Verhältnis zum eigenen Körper weiterhin. Drei Tendenzen glaube ich, wahrgenommen und in den Clips wiedergefunden zu haben:

  1. Reduktion: Das Reduzieren auf den Körper oder Teile davon als wesentliches, sagen wir: konstituierendes Element. Du bist schön, dann wirst Du auch gesehen. Du entsprichst nicht dem klassischen Ideal, das Sadisten aufgestellt haben und nunmehr verteidigen, dann wirst Du nicht gesehen.
  2. Instrumentalisieren: Das Verwenden des Körpers als Mittel zum Zweck, z.B. für Werbebotschaften oder eine Karriere. Streng genommen eine Form der Prostitution. Macht aber jeder mal mehr, mal weniger, wenn er/sie sich vorteilhaft kleidet. Wie mein Mann vor einem Termin neulich sagte: „Ich ziehe heute Krawatte an, die Chefin steht auf sowas!“
  3. Negieren: Das Verneinen des eigenen Körpers scheint mir so im Alltag die schlimmste Tendenz zu sein, mit sich selbst umzugehen. Nicht nur suboptimal geratene Körperteile werden negiert, schlimmer noch: Körperliche Funktionen oder Bedürfnisse werden verneint. Volle Entkörperlichung. Merkwürdiger Trend. Ich komme gleich noch darauf zurück.

Das mit der Reduktion ist ja einigermaßen klar: Heidis Topmodels sind der beste Beweis dafür, wie umfassend so eine Reduzierung auf den Körper (und die Zickigkeit) ausfallen kann – und die Zahlen der Fernsehzuschauer sind Beweis genug, dass es für den Scheiß immer noch Abnehmerinnen gibt. Ein kleines bisschen Reduktion finden wir in unserem Alltag meist völlig in Ordnung – wenn z.B. der Partner die Beine im Kleid oder den Busen im neuen BH lobt, anstatt auf den Intellekt abzuheben. Auch ein wenig Instrumentalisierung ist akzeptabel, wenn sich beim Bewerbungsgespräch „für den Job“ angezogen wird und der Arbeitsagenturpersönlichkeitsmanagerberater sagt, es dürfe auch ein schönes Kleid mit einem kleinen Ausschnitt sein, *augenzwinker.

Was ist aber mit der Negation? Ein paar unsortierte Beobachtungen:

Kinder werden in Gesellschaft zurecht gewiesen, nicht von den eigenen Toilettengängen zu sprechen oder sich ständig an die Geschlechtsteile zu fassen (was viele Kinder tun, einfach so. Um zu gucken, ob sie noch da sind oder so): „Das macht man nicht“. Man popelt auch nicht in der Nase, obwohl schon Pippi Langstrumpf vor Jahrzehnten fragte: „Und was macht man dann, wenn es einen in der Nase kitzelt?“

Seit dem neuen Knigge ist es angebracht, sich zu entschuldigen, wenn man in Gesellschaft geniest hat. Es gibt kein „Gesundheit“ mehr, man hat sich zu entschuldigen. Fürs Niesen. Eine Körperfunktion, die keiner kontrollieren kann! (Zumindest ich nicht)

Körperteile, die nicht so perfekt geraten sind, werden nach Möglichkeit schon bei Heranwachsenden großflächig ignoriert. Bis sie 16 sind. Dann fangen ebenso betuchte wie beschränkte Menschen an, sich auf eine Schönheits-OP einzustellen. Der Körper als maximal veränderbar, siehe Shows wie „Extrem Schön“ auf RTL2 (auch ein Format, das verboten gehört).

Eine gute Erziehung besteht offenbar auch darin, die Heranwachsenden in der Überwindung ihres eigenen Körpers zu unterrichten – Körperliche Unterlegenheit, Gewichtsprobleme, Zahnfehlstellungen, ein zu kurzes Bein… alles kann, alles MUSS korrigiert werden. Ergotherapie, Logopädie, Geräteturnen mit 4x Training die Woche, Essberatung, Kinderpsychologe. (Und sie werden nicht mehr frei, ihr Leben lang) Die Konsequenz ist dabei mitunter die Verneinung aller Körperlichkeit, die nicht kontrollierbar ist, das Nicht-Reden über körperliche Bedürfnisse oder körperliche Unzulänglichkeiten, und das Krank-Werden der Beziehung zum eigenen Körper – Bilder gibt es da viele, Essstörungen sind nur einige Beispiele. Der nächste Schritt ist dann übrigens das Babydesign.

Aus Kindern, die sich nicht selbst lieben können, werden Erwachsene, die sich nicht selbst lieben können. Und danach? Was ist eigentlich mit der körperlichen (Un)Versehrtheit? Wie nehmen wir eine solche wahr? Und was wird aus uns, wenn unsere Körper aufhören, wie kleine getrimmte Rädchen zu funktionieren? Schauen wir uns die Paralympics mitleidig an, erstaunt oder einfach bewundernd? Erkennen wir, dass die körperlichen Grenzen, die bei Menschen mit Behinderung ausgeprägter sind als bei Menschen ohne Behinderung, für viele Betroffenen erst der Auslöser waren, über sich „hinaus zu wachsen“? Und nicht etwas, „trotz“ dessen bestimmte Ziele erreicht wurden? Wenn wir das verinnerlicht haben, können wir es auf unser Verhalten untereinander und die Erziehung unserer Kinder übertragen? Und was ist mit unserer Zukunft? Wie wird uns die Gesellschaft wahrnehmen, wenn wir das Pech haben, nicht mehr Herr über unseren Körper zu sein? Wenn wir bei unserem eigenen Verfall zuschauen müssen und auf Hilfe angewiesen sind? Wie kämen wir mit einer Reduktion auf unseren verfallenden Körper und der Negation seiner Bedürfnisse zurecht? Was ist mit uns, wenn das letzte Ideal geht? Botox wird doch niemandem ewig helfen, oder?

Ich werde wohl keine abschließende Bemerkung hierfür finden. Vielleicht aber noch diesen Denkanstoß: Die Yogis sehen im Körper das derzeit gültige physische Gefäß auf Erden, sozusagen den Aggregatzustand der Seele (Siehst Du, Papa? Und Du sagst immer, ich hätte in Physik Mathe Chemie nichts gelernt!). Der Astralleib ist dabei mit dem Körper untrennbar verbunden. Um beides gesund zu halten, sind sowohl körperliche wie spirituelle Übungen notwendig – beides geht Hand in Hand. Jeder Körper wird anders wahrgenommen und jeder Yoga-Übende stets darauf hingewiesen, vor allem das zu tun, was dem eigenen Körper gut tut. Keine Perfektion, kein Leistungsdruck. Körperliche Funktionen werden, für viele erst einmal peinlich, immer mit angesprochen und die jeweilige Kontrolle über sie in einem gesunden Maße gestärkt. Und wenn mal einer im Unterricht pupt, ist das nicht gleich ein Anlass, schamesrot zu werden. Ist nämlich eine dieser Körperfunktionen, die sich gemeinerweise auch mal unserer Kontrolle entziehen.

Ich für meinen Teil bin ein Mensch, ich habe einen Körper. Der hat eigene Bedürfnisse, eigene Funktionen und will wahrgenommen werden. Er entspricht nicht dem Ideal, so wie 99,9% der Weltbevölkerung. Aber es ist meiner. Die Nase bleibt, wie sie ist. Der Bauch hat drei Kinder bekommen. Der Rücken wird wohl eines Tages zum Buckel werden. Ich bin schön.

Und ich werde mich wohl niemals fürs Niesen entschuldigen. Es sei denn, ich rotze mal unabsichtlich den Tisch voll. Dann wohl schon.