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In eigener Sache, Kinder

Kinderweisheit

 
Im Gespräch mit Kindern bewegen wir uns viel zu oft im Bereich von Platitüden. Das ist schade, denn auch die einfachen persönlichen Wahrheiten erscheinen, gespiegelt durch die Kinder, in einem völlig neuen, irgendwie bedeutenderen, Licht. Ein Beispiel:

Meine achtjährige Tochter hatte heute ihre erste offizielle Jugend-Vorsorge-Untersuchung. Für alle, die das nicht kennen: Das sind Zusatzleistungen, die nach den berühmten U-Untersuchungen angeboten werden. Die Jugendvorsorge soll sowohl medizinische wie auch emotionale Hilfe und, naja, Beobachtung sein, um Probleme schnell zu erkennen und gegenzusteuern (Ihr wisst ja, Brille, Schuheinlagen, abgeklebte Augen, Zahnspangen, Verhaltenstherapie, Ergo. Normkinder und so). Auch wenn meine Klammer nun eine leise Kritik daran ausdrückt: Prinzipiell finde ich diese Untersuchungen wichtig. Ich fülle nur keine Fragebögen über Medienverhalten, Trotzanfälle oder schulische Leistungen aus, dazu vielleicht später einmal mehr.
Bei den Jugenduntersuchungen ist das auch gar nicht mehr nötig, schließlich ist das Kind alt genug und erzählt alles frei von der Leber weg. Soviel zu Privatsphäre. Wie es mit dem Datenschutz aussieht, weiß ich da auch nicht so genau, immerhin werden einige Angaben mittlerweile zentral gesammelt. Angeblich anonymisiert. Kennen wir ja.
Jedenfalls stellte die Ärztin, die ich insgesamt für kompetent halte, auch Fragen nach dem emotionalen Befinden meiner Tochter. Meine Tochter hat mir abends davon erzählt. Besonders interessant fand ich diese Frage hier:

“Zu wie viel Prozent, würdest Du sagen, magst Du Dich selbst gern?” Und sie hat erklärend und lachend hinzugefügt: “Kinder mögen sich ja immer zu 100%, nicht wahr?”

Welche tiefenpsychologische Idee auch immer hinter dieser Frage stecken mag, meine Tochter entgegnete:
“Ich mag mich höchstens zu 80%”.

Das klingt für eine Mutter dann erst einmal bitter. Habe ich vielleicht nicht alles getan, dass sich das Kind wohl fühlt? Fühlt sie sich nicht geliebt genug?

Ich frage sie also, warum sie sich nur so zu 80% mag und wie sie das gemeint hat. Sie antwortet mir wie eine 20-jährige:
“Mama, manchmal mache ich Dinge, die ich nicht gut finde. Und manchmal reagiere ich böse, obwohl ich lieber nett sein möchte. Manchmal bin ich wütend und gemein. Und das mag ich an mir nicht.”

Mutter-Tochter-Gespräch. Ich mittendrin. Mist. Sollte ich ihr jetzt sagen, dass sie sich zu 100% mögen MUSS? Oder dass ich sie zu 100%  mag? Oder dass sie ja einfach die Dinge, die sie an sich selbst nicht mag, ändern kann?

Der Bullshit-Detektor in meinem Kopf springt bei jeder Phrase wild an und dreht sich am Ende rauchend im Kreis.

Aus Gründen der Glaubwürdigkeit entscheide ich mich am Ende, ihr meine Sicht einfach mitzuteilen und zu schauen, was sie draus macht. Ich sage also:

“Jedem Menschen auf der ganzen Welt geht es so wie Dir. Wir haben – egal, wie alt wir sind – alle unsere Mühe mit dem, was uns mitgegeben worden ist. Und die wenigsten Menschen mögen sich einfach so, wie sie sind, zu 100%. Weißt Du, was ich denke? Dass das auch gar nicht so wichtig ist. WAS aber wichtig ist, ist, dass sich jeder zu 100%…”

“Ich weiß, Mama! Zu 100% akzeptiert, oder?”

Kluges kleines großes Mädchen.

Die allermeisten Menschen können sich, klein wie groß, nicht sonderlich leiden. Das Beste, was wir erreichen können, ist eine gute Version unseres Selbst. Das ist anstrengend, und es gelingt uns mal mehr und mal weniger. Vielleicht sollten wir uns mitunter sagen: Gerade mag ich mich nicht sonderlich. Aber auch das ist in Ordnung. Ich darf mich mal nicht mögen. Ich sollte mich nur in jedem Fall akzeptieren.

  1. Schön! Ein ähnliches Gespräch hatte ich mit meiner Tochter letzte Woche! Die Mädels sind einfach schlau. Also haben wir auch einiges richtig gemacht 🙂 Wobei meine Neunjährige mit der Klassifizierung in Prozent sicher nicht viel anfangen könnte!

    • Da war ich, ehrlich gesagt, auch ziemlich überrascht. Aber sie wird es hier aufgeschnappt haben, bei Formulierungen wie: “Ich bin zu 40% geneigt, heute die Küche aufzuräumen” oder ähnlichem Schwachsinn, den wir manchmal von uns geben 🙂 (Derartige Sätze sind bei der von @kinghaunst angesprochenen Quantifizierung hoffentlich nicht mitgemeint;)) Grüße an Dein aufgewecktes Kind, und Grüße an seine liebe Mama! Danke für Deinen Kommentar, wie immer.

  2. Wieder ein sehr schöner Artikel von Dir den ich zu 89,471% mag. Die Zahl ist natürlich frei erfunden und die drei Nachkommastellen sind angegeben weil im Buch “So lügt man mit Statistik” steht dass man so wissenschaftliche Exaktheit vortäuschen kann wo keine ist. 😉

    Ja, ich weiß Du kannst nichts dafür, aber was mich sehr nachdenklich macht ist dieser “Messwahn” mit dem wir versuchen alles zu quantifizieren. Ich esse jeden Tag in der Arbeit einen Apfel den ich mit dem Taschenmesser viertele und dann das Kerngehäuse rausschneide. Soll ich jetzt das was ich esse und das was ich wegwerfe wiegen um rauszufinden, dass ich den Apfel vielleicht auch zu 98,471% mag. Und was würde es mir bringen zu wissen, dass ich den Apfel genauso mag wie Deinen Artikel hier? 😉

    Mögen ist relativ. Natürlich hat jeder eine individuelle Rangfolge, ich mag z.B. den Apfel lieber essen als eine Banane, wenn ich aber einen Milkshake daraus mache, dann siegt die Banane, denn Bananenmilch schmeckt mir persönlich besser als Apfelmilch. Aber es zeigt, dass dieses Mögen eben sehr kontextabhängig ist und die Angabe einer “Meßgröße” ist absoluter Bullshit. So ähnlich wie die Waschmittelwerbung die jedes Jahr die Wäsche nochmal um 5% weißer macht, wenn ich das zurückrechne war bei meiner Geburt das weiße Hemd pechschwarz. Aber selbst das Bilden von Rangfolgen birgt jede Menge Tretminen, so wie es Paul Watzlawick in seinem Buch “Anleitung zum Unglücklichsein” als Ratschlag für die gerne unglückliche Frau (welch ein Oxymoron) beschreibt: “Schenken sie ihrem mann zwei Hemden. Egal welches er zuerst anzieht, sie können dann sofort sagen ‘Oh, das andere Hemd gefällt Dir also nicht'”.

    Und wo man beim Mögen noch irgendwelche Rangfolgen bilden kann sehe ich beim Akzeptieren eigentlich nur eine binäre Größe. Entweder ich akzeptiere etwas oder eben nicht. Entweder läßt mich der Türsteher in die Disco oder nicht. Ich muss es nicht mögen, dass meine Tochter ihr Taschengeld für (in meinen Augen) Ramsch ausgibt, aber ich kann es akzeptieren dass sie die Budgethoheit über ihr Taschengeld will und ich da nicht reinreden muss.

    Natürlich kann ich die Dinge ändern die ich nicht mag, hier möchte ich vielleicht meinen Leitspruch Deiner sehr aufgeweckten Tochter mit auf den Weg geben.

    “Gott[1] gebe mir die Kraft, das zu ändern was ich zu ändern vermag und die Geduld, das zu ertragen was ich nicht ändern kann. Und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden.”

    [1] Als Platzhalter für den jeweilig präferierten Religonsobermotz, Anhänger des Pastafarianismus können hier als auch das große Spaghettimonster einsetzen.

    • Und das haust Du mal eben so zwischen Spaziergang am Morgen und Mittagessen raus? :)) Ich danke Dir herzlich für den schönen Kommentar und nicht zuletzt für die Erwähnung des geschätzten Paul Watzlawick – den leider kaum einer mehr kennt!

      Diese ganze Quantifizierung könnte ja durchaus etwas mit unserer ins Big Data Zeitalter eingetretenen Gesellschaft zu tun haben, was meinst Du? Ich schrieb hier schon mal über das Selbstoptimieren (Im “Scheitern”-Post), das Menschen offenbar zwanghaft dazu veranlasst, Ihr Leben in Zahlen auszudrücken, um Optimierungspotential zu sehen. Ich selbst käme nie auf die Idee, jemanden zu fragen, zu wie viel Prozent er sich mag. Aber dass unsere Ärztin die Frage so gestellt hat, hatte etwas enorm Gutes! Ich weiß jetzt, dass es ein Buch namens “So lügt man mit Statistik gibt”, ich habe mich gerade totgelacht über Deinen Kommentar (so, dass ich die Stelle mit der Bananenmilch beim Vorlesen kaum mehr rausgebracht habe), und meine Tochter bekommt Deine Lebensweisheit weitergegeben. Danke!

      • Watzlawick kenne ich schon seit dem Studium. Unser Prof hat den damals erwähnt und gemeint, er wäre der gewesen der zwei Psychologen aufeinenaderhetzte und ihnen sagte, dass sie jetzt einen Patienten treffen der sich für einen Psychologen hält. 🙂

        Ja, so was haue ich mal schnell raus wenn meine Kreativität inspiriert ist. Manchml habe ich ja Schreibblockaden, manchmal flutscht es einfach. 🙂

        In Twitter hast Du ein Foto vom Statistikbuch. Ja, dieses zwanghafte Alles-in-Zahlen-ausdrücken-wollen begegnet mir immer wieder. Im Job wollen sie “Scorecards”, doch wie misst man die Produktivät von einem Geistesjob? In der Schule wird zwanghaft versucht die Notenverteilung in der Klasse in eine Gauss’sche Glockenkurve (Normalverteilung) zu pressen, klappt das nicht, dann kann das für den Lehrer böse Konsequenzen haben.
        Siehe http://youtu.be/yokOG-nn73k?t=5m17s

        Gerade vorhin im Radio wieder die Top-Nachrichtenmeldung über die Entwicklung des IFO-Geschäftsklima-Indexes. Also letzlich die Bekanntgabe des Ergebnisses des Würfespiels das Hans-Werner Sinn jeden Monat veranstaltet… 🙁

  3. Ich glaube, wenn man mit jemandem 24/24, 7/7 und 365 Tage im Jahr (in Schaltjahren sogar noch mehr!) zusammenlebt, geht man sich manchmal ganz tierisch auf den Keks. Was haben sich mein Ich, mein Es und mein Über-Ich schon gezofft!

  4. WOW…so kleine Wesen sind manchmal so weise…so oft eigentlich. Man unterschätzt sie einfach zu oft. Danke fürs teilen!

  5. Mir fällt dazu noch ein, dass es sehr gesund ist, nicht immer nur lieb und nett, sondern auch mal wütend und sogar gemein und böse zu sein. Darin zeigen sich dann nämlich die Gefühle, die wir vor lauter lieb und nett sein gerne verdrängen, die aber auch zu uns gehören und gehört werden wollen.

  6. Claudia

    toll 🙂 dann kommt ja noch einiges auf uns zu (ich dachte schon die bisherigen U-Untersuchungen – auch wenn das jetzt doppelt gemoppelt ist -können nicht getoppt werden).

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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