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In was für einer Welt möchte ich leben?

Das fragte sich in der Woche vor der Bundestagswahl mein guter Freund Nathan und verbloggte ein paar lose Gedanken dazu. Anstoß gaben die Entwicklungen der letzten Jahre, aber Nathan macht hier nicht halt, kümmert sich nicht wie gerade so ziemlich jedes große Medium um Schuldzuweisung, Erklärungen oder Abgrenzung. Er formuliert auch keine Bitte an uns, die Wählerinnen und Wähler von morgen. Er fasst nur zusammen, wie die Welt in der er leben will, aussehen soll.

Ich halte das für einen hervorragenden Ansatz und für eine bedeutende Frage, gerade vor einer Wahlentscheidung. Daher möchte ich der einzigen impliziten Bitte von Nathan folgen und – kurz und entwurfsartig, weil bereits so wahnsinnig viel von so wahnsinnig klugen Menschen geschrieben wurde – auch zusammenfassen, in was für einer Welt ich leben möchte.

Respekt, Anstand und Achtung vor dem Leben

Mein wichtigster Punkt zuerst: Ich möchte in einer Welt leben, in der wir uns, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt mit Respekt begegnen. Wir sind wie wir sind, und wir können nicht ändern, dass wir bestimmte Dinge und Menschen nicht mögen. Es wird auch weiterhin Menschen geben, die es unästhetisch finden, wenn Männer sich küssen. Die sich aufregen, wenn Babies in Cafés gestillt werden. Die glauben, sie wären etwas Besseres, weil das Leben gut zu ihnen war und sie Glück hatten. Wenn wir alle akzeptieren, dass es andere Lebensentwürfe, Ansichten, Vorlieben und Schicksale gibt, wenn wir zugestehen können, dass wir das meiste nicht verstehen, wenn wir begreifen, dass die Welt sehr komplex, Homosexualität keine Krankheit, Frauen keine minderwertigen Menschen, Tiere keine reinen Objekte sind – dann gibt es eine Chance, dass wir allem und allen anderen mit Respekt und Achtung begegnen. Sollte Respekt außer Reichweite für Einzelne sein, reicht mir nötigenfalls auch der Anstand.

In der Welt, in der ich leben möchte, begegnen wir uns mit Respekt, Anstand und Achtung vor allem Leben. Weil wir begreifen, dass alles im Grunde gleich ist.

No borders, no nations

Staaten und Länder sind eine wunderbare Sache, wenn es um Essen, Kultur und Musik geht. Eine globalisierte Welt aber, die längst jenseits unseres Verständnisses die Märkte mit Freihandelsabkommen gleich gemacht hat, die zulässt, dass Waren aus Deutschland andere Gesellschaften kaputt machen – eine solche Welt braucht keine Grenzen. Wovor sollten wir uns denn schützen? Vor den Auswirkungen unseres Handelns? Vor den Menschen, die aus Ländern fliehen, die wir zerstört haben, wenn auch indirekt? Was für eine Gesellschaft tut so etwas? Eine, in der sich die Menschen mit Respekt begegnen, nicht. Grenzen vermitteln ein falsches Bild von Schutz vor dem „Außen“. Es gibt aber kein „Außen“, es gibt nur Menschen wie wir. Überall.

Fairchain, Kreislaufwirtschaft, Verantwortung

In einer Welt, wie ich sie mir vorstelle, sind also Grenzen hinfällig und alle Menschen gleich, nicht nur vor dem Gesetz. Das hat Konsequenzen für die Wirtschaft. Denn wenn wir keine Entwicklungsländer mehr ausnutzen können, müssen wir aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Neue wirtschaftliche Modelle müssen als Standard etabliert werden. Social Startups und Sozialunternehmen, fairtrade-Siegel und Stiftungen gehen bereits seit vielen Jahren diese anderen Wege. Sie versuchen, wirtschaftlich zu arbeiten und sich dennoch nicht wie Arschlöcher zu verhalten. Und sie zeigen ständig, dass das geht: Verantwortung, Respekt, Achtung … und Kapitalismus.

Kapitalismus überwinden

In der Welt, in der ich leben will, brauchen wir nur sehr wenig Geld. Denn die Existenz ist gesichert, Tauschen ist wieder sehr modern, und wir nehmen nicht mehr maßlos alles, was wir kriegen können, während wir neidisch auf des Nachbarn Auto schielen. Die fetten Zeiten am All you can eat-Buffet für uns sind vorbei, dafür muss aber auch kein anderer Mensch mehr für unseren Überfluss leiden. In meiner Welt ist das ein fairer, guter Tausch, den alle mittragen. Das goldene Kalb des ewigen Wirtschaftswachstums ist geschlachtet und gemeinsam gegrillt worden, und das Essen war selbst für Vegetarier ein Festmahl. Das Geld hat aufgehört zu regieren.

Direkte Demokratie

Als Demokratiefan glaube ich nicht an ein anderes politisches System. In meiner Welt sprechen wir bereits mit den Kindern über Politik und Mitbestimmung. Politikverdrossenheit oder das Gefühl, nicht vertreten zu werden, verhindern wir schon ganz früh durch transparente Demokratie mit direkter Mitbestimmung. Lokal, regional, bundesweit und global. Vor den umwälzenden Prozessen und den Problemen, die dabei auf uns zu kommen, haben wir keine Angst. Wir reden miteinander, immer und immer wieder. Und schaffen es schließlich, weil wir einander respektieren.

Das ist die Welt, in der ich leben möchte. Ich bin froh und stolz sagen zu können, dass ich mich für diese Welt auf ganz verschiedene Weise einsetze. Das ist schwierig, oft frustrierend, und vieles macht Angst. Aber je mehr ich mich mit den Gedanken, die auch Nathan formuliert hat, auseinander setze, desto sicherer weiß ich, dass es ohne diesen Einsatz – meinen, unseren – nicht geht.

Ich wähle morgen wie so viele das kleinere Übel. Und übermorgen, ganz unabhängig vom Ergebnis, werde ich weiter arbeiten. An einer Welt, in der es sich zu leben lohnt.

  1. stefanolix

    Ich möchte in einem Land leben, in dem die wesentlichen Freiheiten nicht nur garantiert sind, sondern auch aktiv gelebt werden. In einem Land, das in Sachen Freiheit keine Doppelstandards zulässt. In einem Land, das möglichst viele seiner Bürgerinnen und Bürger in die Politik einbezieht.

    Ich möchte in einem Land leben, das für seine Bewohner so attraktiv bleibt, dass nicht Jahr für Jahr viele Leistungsträger weggehen. In einem Land, das seine Zuwanderung sorgfältig kontrolliert und gleichzeitig seine Handels- und Entwicklungspolitik Jahr für Jahr kontinuierlich ein kleines Stück fairer macht. Das sich aber auch verteidigen und für den Frieden kämpfen kann.

    Ich möchte in einem Land leben, das im Inneren seine Balance zwischen Wirtschaft und Sozialem, Wettbewerb und Kooperation, Lebensstandard und Umweltstandard, Einnahmen und Ausgaben, Investition und Konsumtion wiederfindet. Das schließt ein grundsätzliches Festhalten an der sozialen Marktwirtschaft ein.

    Ich möchte in einem Land leben, das ein hohes Maß an Daseinsvorsorge gewährleistet: Sicherheit von Leib, Leben und Gesundheit, Versorgungssicherheit bei Wasser und Energie, Entsorgungssicherheit bei Abwasser und Abfall.

    Ich möchte in einem Land leben, in dem Recht und Gesetz gelten, Verträge eingehalten und Rechnungen pünktlich bezahlt werden. Das schließt die öffentliche Hand, die Wirtschaft und alle Privatpersonen ein.

    Ich möchte in einem Land leben, das auf manchen Gebieten als Vorbild für andere Länder dient und das auf anderen Gebieten von den anderen Ländern lernen kann.

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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