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Gedankenexperiment für Mütter und Väter

Ein kleiner Zwischenblogpost, zu dem ich mich gerade durch Robin Urban animiert fühlte. Es geht im Wesentlichen um den Inhalt dieses Artikels eines Mannes in Elternzeit, der über Diskriminierung durch Frauen schreibt. Ich habe den Artikel vor ein paar Tagen gelesen und fand ihn recht interessant – mich störte allerdings die etwas larmoyante Haltung,  mit der der Autor Till Krause über das Fehlverhalten anderer weiblicher Personen im Umfeld sprach, die ihm offenbar auf eine sehr unangenehme, bevormundende und diskriminierende Art kamen.

Er schreibt zum Beispiel, er habe sich von der Kassiererin im Supermarkt fragen lassen müssen, ob er wirklich die richtige Windelgröße kaufte, und ob er nicht lieber noch einmal bei seiner Frau anrufen wolle. Wenn das keine Einzelfälle sind, ist das ätzend. Selbstverständlich ist das in höchstem Maße sexistisch und diskriminierend. Dennoch entsprach diese Entgegnung von Anatol Stefanowitsch viel eher meinen eigenen Erfahrungen. Hier schreibt Stefanowitsch, wie häufig Männer, die ihre Kinder in Abwesenheit der Mütter betreuen, hofiert werden. Sehr häufig von Frauen. Und wie die Maßstäbe, die an die Mütter gelegt werden, sich von denen an die Väter unterscheiden.


Hier schrieb ich bereits einmal etwas darüber, wie kritisch Frauen gegenüber Frauen oft sind – und dass das meiner Meinung nach ganz erheblich damit zu tun hat, dass sie ihre Selbstzweifel auf ihre Umgebung projizieren. Warum oft die gleichen Frauen eine wesentlich größere Toleranz gegenüber erziehenden Männern mitbringen … ich kann es konstatieren. Aber über die Gründe kann ich nur mutmaßen.
Während der Jahre, die ich meine Kinder Vollzeit betreute, erlebte ich ebenfalls Fälle von Bevormundung durch andere, sowohl durch Männer als auch durch Frauen. Ich habe mich jedes Mal geärgert, mal laut und mal leiser. Aber ich habe die Diskriminierung (bei mir war es die „junge, überforderte Mutter ohne Ahnung“-Schublade) nicht verallgemeinert. Das aber tut Till Krause, wenn er sich darüber beschwert, von „den Müttern“ nicht ernstgenommen und als Vater abwertend behandelt zu werden. Vielleicht ist es diese Haltung, die ihm überaus unschön den Kommentar „Die Tränen eines Mannes“ für seinen Artikel einbrachte.

Ich würde nun gerne allen Vätern und Müttern ein kleines Gedankenexperiment vorschlagen. Nehmt Euch einen kurzen Augenblick Zeit und stellt Euch eine Szene auf dem Spielplatz/ im Supermarkt/ im Restaurant mit einem alleinerziehenden und offensichtlich gerade überforderten Elternteil und seinen zwei Kindern vor. Vielleicht eine, in der eines der Kinder brüllt, es wolle einen bestimmten Gegenstand/ ein bestimmtes Essen, während das Elternteil auf eine andere erwachsene Person reagieren muss, und das zweite Kind sich gerade offensichtlich angepinkelt hat. Szene da? Gut. Wer ist die alleinerziehende Person? Frau oder Mann? Wie sieht man sich selbst die Szene an? Mitleidig? Will man helfen? Etwas hämisch vielleicht? Denkt man, die Person sei überfordert und hätte keine Kinder bekommen sollen? Und jetzt bitte den Elternteil austauschen. Ist die eigene Reaktion die ABSOLUT IDENTISCHE? Und lügt Euch nicht selbst in die Tasche! 😉

Ich beantworte das gerne ebenfalls aus meiner Sicht: Meine Reaktion ist nicht die Gleiche. Ich habe jedes Mal Mitleid. Aber während ich von der Mutter automatisch annehme, sie würde die Situation schon in den Griff kriegen, ertappe ich mich bei dem Gedanken, dem Vater helfen zu wollen. Weil der Vater in die von ihm heute lautstark geforderte Rolle des modernen und gleichberechtigten Vaters doch erst hineinwachsen muss. Das ist ganz offensichtlich totaler Bullshit, aber so ist das mit tradierten Rollenmustern: Sie sitzen sehr, sehr tief.
Bekannte von mir sind sich sogar so sicher, dass ihr jeweiliger männlicher Partner nichts auf die Reihe bekommt, dass sie ihm vor einem Wochenendtrip die Kinderkleider mit Beschriftung rauslegen und das Essen vorkochen. Um dann auch noch alle Stunde anzurufen, um nachzufragen, ob die Kinder noch am Leben sind. (Btw: Auf so einen Blödsinn komme ich nun auch wieder nicht. DAS finde ICH so richtig diskriminierend.)

Meiner Meinung nach reden wir in der Debatte um diesen Artikel von zwei sehr unterschiedlichen Dingen: Wenn sich ein Mann darüber beschwert, dass der Wickeltisch nur auf dem Frauenklo steht, finde ich es absolut richtig, dass er das einmal thematisiert. Noch besser wäre, es auch den Lokalbetreibern zu sagen. Das sind nämlich auch nur Menschen mit überholten Rollenvorstellung, da ist nicht immer alles Absicht. Wenn ein Mann dagegen die Kritik von Personen zu einer „diskriminierenden Häme durch Frauen“ hochstilisiert, obwohl es zu diesem Verhalten jede Menge Gegenbeispiele zu geben scheint, braucht er sich über abfällige Bemerkungen nicht allzu sehr zu wundern – obwohl ich auch Robin zustimme, was diese „Männertränen“-Nummer angeht. Das hätte mal eine von Euch von einer Frau sagen sollen.

Es sollte keine Rolle spielen, wer das Kind Vollzeit betreut. Und es sollte keine Rolle spielen, ob sich Vater oder Mutter mal darüber ausweinen – wie Robin hier im Zusammenhang mit ihren Erfahrungen richtig bemerkt hat. Natürlich tut es das aber aus diversen Gründen. Die Reflexionen von Till Krause auf seine Elternzeit sind, da der Artikel für das Feuilleton der Süddeutschen geschrieben wurde, sicher zugespitzt. Vielleicht hat er die Kritik auch genauso massiv empfunden, wie er es schrieb. Vielleicht sagt das auch etwas aus über seine eigene Zufriedenheit mit seiner Rolle und seinem eigenen Selbstbewusstsein. Ohne jegliches Gendern würde ich ihm wohl sagen: Tritt selbstbewusst auf, Du machst das gut. Konzentriere Dich auf die vielen positiven Reaktionen (denn die wird es geben, da bin ich ganz sicher). Aber verallgemeinere bitte nicht so schrecklich!

Dass das offenbar ebenfalls keine akzeptable Haltung in diesem verminten Feld von tradierten Rollenmustern ist, zeigen die Diskussionen, die Artikel, Reaktionen und Repliken ausgelöst haben. Daher auch die Aufforderung zu obigem Gedankenexperiment. Denn so häufig wir von der jeweils anderen Seite sagen, sie messe mit zweierlei Maß, so selten fällt uns auf, wenn wir es selbst tun.

Ich danke Robin für den lesenswerten Artikel über die Rollenmuster in ihrem direkten Umfeld, und für den Anstoß zum Hinterfragen.

  1. Anita

    Bei Deinem Gedankenexperiment habe ich für beide Parteien Mitleid, ein aufmunterndes Lächeln und evtl. auch einen positiven Satz übrig.

    Und für beide Parteien, weil ich meinen Mann auch los schicke.

    Und er das kann!

    Ich kenne aber sowohl Männer als auch Frauen, die vollkommen überfordert sind in solchen Situationen und solche die das händeln können. Es ist von der Konstitution der jeweiligen Person abhängig, die man gerade sieht!

    Wenn der Autor des Artikels in dem Moment gewisser Fragen unsicher wirkte, dann muss er sich über gewisse Kommentare nicht wundern.

    Je nach Alter des Kindes, und davon ist viel abhängig, wie unsicher man ist; ist man einfach unsicher und bekommt evtl. den richtigen Input von Menschen, die schon weiter sind.

    Und die ewig unverbesserlichen, die alles „besser“ wissen, die wird man eh selten los! 😉

    Es gibt viele Möglichkeiten, wie es zu gewissen Kommentaren gekommen sein kann. Blöd sind die Kommentare dann, wenn sie von nahestehenden Personen kommen, die die Sachlage „eigentlich“ besser überblicken können sollten, oder eben halt grad gar nicht! 😉

    • Ja, da hast Du vermutlich Recht. Die ewigen Besserwisser beiderlei Geschlechts wird man so schnell nicht los.

      Deine Reaktion finde ich schön. Idealerweise sollte es immer so sein 🙂

  2. Es ist aus meiner Sicht verständlich, wenn Leute davon genervt sind, wenn ihnen etwas aufgrund ihres Geschlechts etwas nicht zugetraut wird, was sie häufiger machen. Ebenso wie es in gewisser Weise verständlich ist, dass man in ungewöhnlicheren Konstellationen eher Zweifel hat, ob derjenige das kann.

    Warum man aber, gerade wenn man bei Frauen sehr sensibel auf solche Sachen reagiert, bei Männern dazu kommen muss, dass diese sich dann nicht beschweren können sollen und das eine als Diskrimierung ansieht, das andere nicht, das finde ich eher unverständlich

    • Danke für Deinen Kommentar! Bin gerade über Deinen Blogbeitrag und die dazu gehörige Diskussion geflogen und werde morgen etwas ausführlicher lesen. Die Behandlungen, die Ihr da beschreibt, hören sich schlimm an. Ich wünsche das keinem. Gleichzeitig muss ich, wie Aurelie bei Deiner Diskussion, auch relativieren. Du ahnst nicht, was für einen Schwachsinn auch frau sich anhören muss. Mal abgesehen davon, dass einen ständig Fremde anfassen. Bei meinem ersten Kind habe ich drei (!) Diskussionen in aller Öffentlichkeit über mein Stillverhalten und meine Brüste (also deren Behandlung für richtiges Stillen) über mich ergehen lassen. In einem Fall von einem Mann. (Sie waren aber alle drei furchtbar;)) Und: nein, ich habe nicht in der Öffentlichkeit gestillt.

      Wie oben im Post gesagt, wir sollten Männern wie Frauen das Recht zugestehen, sich über eine solche Behandlung – sicher ist nicht alles gleich Diskriminierung, aber manches – zu äußern und zu beschweren. Es kommt wohl etwas auf die Verhältnismäßigkeit sowie die eigenen Erfahrungen an. Und dass sich wiederum Mütter, die es großartig finden, wenn sich die Väter intensiv kümmern, ungerecht behandelt fühlen, wenn pauschalisiert wird, ist, denke ich, ebenso nachvollziehbar. Möglich, dass der Artikel durch die Verallgemeinerungen genau diese Polarisierung provoziert hat. Und jetzt machen wir alle brav mit.

  3. baltonwyt

    Also, ich kaufe definitiv in den falschen Läden ein. Mich hat noch keiner gefragt ob ich sicher bin, dass die Windeln passen. 🙂
    Möglicherweise trete ich so selbstsicher auf, dass niemand auf die Idee käme mich so etwas zu fragen, oder meine imposante Erscheinung hält die Leute von Ratschlägen ab. 🙂
    Und als meine Kinder noch Windeln hatten, da hatte ich auch keine Hemmungen die Damentoillette zu betreten wenn dort der einzig vorhandene Wickeltisch war und ich habe da auch nie Probleme mit den anwesenden Damen bekommen. Schließlich kann ich das Kind ja nicht unversorgt lassen nur weil die Infrastruktur nur asymmetrisch vorhanden ist.

    • Hehe. 🙂 Das mit dem Wickeln hat Oli mit unseren Kindern auch so gehandhabt. Und dafür oft auch mal einen anerkennenden Blick bekommen, niemals blöde Kommentare. Die bekam ich immer, siehe „überforderte junge Mutter ohne Ahnung“. Grundsätzlich ist das selbstsichere Auftreten jedem Menschen mit Kindern anzuraten, sonst nimmt der Blödsinn, den einem Fremde erzählen, Überhand 🙂 Danke für Deinen Kommentar!

  4. Heute Mittag hatte ich keine Zeit mehr zu antworten.

    Ich will dir vielen Dank für deinen Beitrag sagen und ich freue mich, dass ich meinen Punkt doch noch präzisieren konnte (mit 140 Zeichen geht das schon schlecht). Vor allem aber freue ich mich über solche Sätze:

    „Selbstverständlich ist das in höchstem Maße sexistisch und diskriminierend.“

    Bisher habe ich hauptsächlich Feministinnen kennengelernt, für die Sexismus und Diskriminierung gegen Männer nicht existieren kann (oder darf…). Ich sehe da keinen Sinn darin. Wenn jemand einen Mann herablassend behandelt, beleidigt oder mit Häme überschüttet, nur aus dem Grund, weil er ein Mann ist, was ist das denn bitte sonst, wenn nicht Sexismus?

    Ich war schon fast soweit zu glauben, ich sei die einzige, die so denkt… daher nochmal: fettes Danke <3

    • Ebenfalls! 🙂 Ich weiß mittlerweile auch viel besser, worauf Du Dich auf twitter bezogst. Habe gestern noch den Post bei antiprodukt gelesen: http://antiprodukt.de/die-tranen-der-neuen-vater/
      Ich denke, auch dort sind es eigentlich zwei Ebenen, von denen wir sprechen müssen. Sie sagt, aus feministischer Sicht ändere ein dämlicher Kommentar auf dem Spielplatz gegenüber einem Mann nicht das ungerechte, Frauen benachteiligende System. Es schaffe das Patriarchat nicht ab. Daraus schließt sie, dann sei es auch keine Diskriminierung. Das erste halte ich für die allgemeine Ebene – auf der haben die Feministinnen in meinen Augen Recht – das zweite ist die individuelle Ebene. Da passt Deine schöne rhetorische Frage: „Ist das denn jetzt NICHT scheiße?“ Doch, das ist es.
      Einiges sehe ich wesentlich entspannter als Antiprodukt. So ist für mich der Wickeltisch „nur“ auf der Damentoilette zwar nicht in Ordnung, ich sehe aber darin auch keine Diskriminierung der Frau als solche, weil der Wickeltisch sie auf ihren angestammten Platz verdonnere, wie sie schreibt. Das hat nämlich die Gesellschaft nicht so entschieden, das entscheiden die jeweiligen Lokalbetreiber. Und da ist der Wickeltisch in erster Linie (immer noch kein normaler) Service. Dann kommt er dahin, wo er halt Platz hat. Das ist oft Pragmatismus, und der würde auch der Diskussion nicht schaden:).

      Ich denke, wir brauchen radikale Feministinnen. Gleichzeitig finde ich es auch als Frau enorm wichtig, gerade im persönlichen Umgang, selbst zu erkennen, wann das Gegenüber aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird. Und das mal infrage zu stellen. Diskriminierung einzelner Männer wird nämlich wirklich rein gar nichts am System ändern. Kann man das also genauso gut sein lassen 😉

      Ja, der Austausch auf den Blogs ist wirklich hoch einzuschätzen. Diese 140-Zeichen-Sache … sagen wir einfach, es ist manchmal recht knapp 🙂

  5. An ungefragtem Einmischen fehlt es keinem „Neuelter“, egal ob männlich oder weiblich. Einfach die Art und Weise der Einmischung ändert sich. Dem Mann traut man nichts zu – und bei der Frau geht man sofort davon aus, sie sei überfordert und hätte nur auf meine ultimativen Tipp gewartet oder sei eine dieser Hartz-IV-Mütter aus dem TV die ihre Kinder nicht im Griff hat und überhaupt…
    Ich glaube die Erfahrung, plötzlich „öffentliches Gut“ zu werden, wo die halbe Stadt auch noch ihr Wort zu sagen hat, ist Teil der Erfahrung „Elternschaft“.
    Mich hat das auch sehr überrascht, war ich mir doch nach 20 Jahren im Berufsleben gewohnt, dass man sich aktiv nach Hilfe bemühen muss wenn man nicht weiter kommt. Handkehrum gilt das natürlich in der Elternschaft auch, denn helfen tun die ungefragten RatSCHLÄGE natürlich nicht, im Gegenteil, sie verunsichern im besten Fall und im Schlechtesten ziehen sie einem noch runter wenn man eh schon im roten Bereich ist.
    Ich kann Herrn Krause deshalb nur dringend empfehlen, die Million Blogposts von Müttern (und anderen Vätern) zum Thema „ungefragten RatSCHLÄGE“ zu lesen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Bei Kinderlosen (Männern und Frauen) wird er nicht auf viel Verständnis stossen und bei anderen Eltern auch nicht, denn die erleben täglich dasselbe. Es heisst dann vielleicht nicht man hätte die falsche Windeln, aber ganz sicher man solle mehr stillen, weniger stillen, länger Stillen, unbedingt mit oder ohne Kind schlafen, es zum Bäuerchen machen an den Füssen hochhalten, kein Bäuerchen machen,……….
    Das ist nicht ein Männer vs. Frauen Ding, sondern ein „Alteltern“ vs. „Neueltern“ Ding. Ganz klar. Es gibt darüber sogar Bücher mit Titeln wie „Von Erziehungsexperten umzingelt“, die das Thema abhandeln. Menschen, die das schon durchhaben möchten unbedingt ihre Erfahrungen teilen, Menschen für die es das erste Mal ist möchten ihre eigenen Erfahrungen machen. Das birgt Konflikte.

  6. Als Nachtrag noch ein kleiner Lesetipp:
    http://www.amazon.de/Von-Erziehungsexperten-umzingelt-notorische-Einmischer/dp/3280054532
    Papas sind unter „Mama“ selbstverständlich mitgemeint!

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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