Nein! Neues Buch! Das wars!
Da heule ich ständig rum, dass es hier viel mehr um Literatur gehen sollte, und komme bei all den aktuellen Debatten doch nicht dazu, mal ein Wort oder zwei über ein neues Buch zu verlieren. So kam mir ein Twitter-Aufruf des geschätzten Tauben-Vergrämers gerade Recht. Wer sein neues Buch wolle, um darüber zu bloggen, hat er gefragt. Ich zum Beispiel.

Wenn ich was kann, dann nichts dafür ist das zweite Buch von Jan-Uwe Fitz über die mal bemitleidenswerte, mal zu verlachende Figur des Taubenvergrämers. In diesem Roman zieht der Protagonist zu Beginn aus seinem ebenso taubenlosen wie überschaubaren und äußerst psychotischen Umfeld weg, um seinen nicht genügend wertgeschätzten Beruf fortan dort auszuüben, wo es Tauben gibt. Die Reise nach Berlin dauert mehr als eine Dekade, wird aber dankenswerterweise vom Autor stark gekürzt. In Berlin schafft sich der Taubenvergrämer kein heimeliges Umfeld, knüpft keine freundschaftlichen Kontakte und macht sich auch keinen Namen als professioneller Verscheucher der Ratten der Lüfte. Ausgerechnet eine Taube schließlich nimmt sich seiner an und führt ihn nach Venedig. Dort entdeckt er die stärkende Wirkung von Taubenkot und wird für kurze Zeit ein youtube-Star, bis er nach Berlin zurückkehrt, um seine Erlebnisse literarisch zu verarbeiten.

Die kurzen Episoden, aus denen der Roman besteht, haben außer den gelegentlichen halbherzigen Versuchen des Taubenvergrämers, eine Taube zu vergrämen, keinen Zusammenhang. Der wird aber auch nicht gebraucht. Wer in der Schule mit dem Abenteuerlichen Simplicissimus gequält wurde, dem fallen Stichworte wie “Gesellschaftsordnung von unten beleuchten” und “fehlende Entwicklung der Hauptfigur” ein. Wer es etwas moderner mag: Das Ganze hat enorm viel vom gemäßigten Woody Allen – also irgendwo in der Mitte zwischen dem Woody Allen, den man noch verstanden hat, und dem, der bereits zu absurd war.
Was das Buch, das damit fast völlig auf so überbewertete narrative Mittel wie einen stringenten Handlungsfaden verzichtet, tatsächlich lesenswert macht, sind die Gespräche des Protagonisten und die, die er belauscht. Der Taubenvergrämer setzt die üblichen Filter der zwischenmenschlichen Kommunikation außer Kraft. Er vergrämt konventionalisierte Verhaltensweisen. Das ist bahnbrechend komisch. Kurzbeispiele:

“Warum sind Sie so unfreundlich? frage ich die Verkäuferin.
“Servicewüste. Also Brot? Brötchen?”
“Zu den Kunden vor mir waren Sie aber freundlich.”
“Und zu den Kunden nach Ihnen werde ich es auch wieder sein.”

“Übrigens: Jetzt, da ich Sie kenne, möchte ich gerne schlecht über Sie schreiben. Im Internet. Würde Sie das stören?”
“Werde ich es mitbekommen?”
“Wahrscheinlich schon. Wenn Sie mir Ihren Namen geben und Sie sich ab und zu googlen.”
“Werden Sie mich persönlich beleidigen?”
“Das bleibt nicht aus.”
“Ich heiße Jan-Uwe Fitz.”

Meine persönlichen Höhepunkte des Romans waren das 1:1-Gespräch am Telefon mit dem Überwacher des Taubenvergrämers: “Sie stehen unter Terrorismusverdacht” – “Aber ich kann doch keiner Fliege etwas zuleide tun.” – “Das sind die Schlimmsten.”,
und der Überfall auf die bodenständigen Nachbarn:

“Oh, der Herr Fitz”, unterbricht Frau Meiser meine düsteren Gedanken.
“Oh, die Meisers” grüße ich vorsichtig zurück.
“Das ist aber nett, dass Sie mal vorbeikommen.”
“Wenn Sie sich da mal nicht täuschen!”, antworte ich. “Das ist nämlich ein psychopathischer Übergriff.”
Frau Meiser nickt und fragt:
“Stört es Sie, wenn wir dabei fernsehen?”

Wer auch nach diesen von mir sorgfältigst ausgesuchten Zitaten immer noch nicht so recht weiß, ob er das Buch lesen sollte, dem sei eine zweite Rezension empfohlen. Ich verlinke diese hier, weil ich sie gut finde. Den Roman mochte ich auch. Aber er ist schon ziemlich irre.