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Der „Aufreger des Jahres 2013“

 

Die 2. Deutsche Moralstudie des RAL Deutsches Instituts für Gütesicherung fragte unlängst nach den Moral- und Wertevorstellungen der Deutschen. Als eine Art Auftakt zu den vollständigen Studienergebnissen wurde heute der moralische „Aufreger des Jahres“ veröffentlicht. Durchaus mit einem gewissen Medienecho.

Mission accomplished, Ihr Damen und Herren vom RAL. Meine Aufmerksamkeit ist Euch nun gewiss.
Warum?

Das Wording. In Zusammenhang mit den Ergebnissen.

Bei der Studie, von der ich bisher weder Stichprobengröße noch Verteilung in Erfahrung bringen konnte, antworteten nämlich 31% der befragten „Deutschen“, dass die bisher als „Überwachungsskandal“ bezeichneten Enthüllungen Snowdens der „größte Aufreger“ des Jahres 2013 seien. Dicht gefolgt vom allseits beliebten Bischof Tebartz.

Zuerst las ich die Meldung im Panorama der Süddeutschen. Und ich fragte mich, wie, also, mit Nachdruck: WIE gelernte Journalistinnen den globalen Überwachungsskandal, dessen Folgen wir überhaupt noch nicht absehen, als einen „Aufreger des Jahres 2013“ bezeichnen können? Der Skandal, der immerhin offen gelegt hat, wie dolle am Arsch unsere demokratischen Systeme sind – das der USA, aber das unsrige, am Rockzipfel des großen Bruders hängende, – ganz genauso. Wie um alles in der Welt ist es studierten Textarbeitern möglich, eine solche Formulierung in diesem Zusammenhang zu wählen?

Ich wende zu Anschauungszwecken die gleiche Strategie an und bezeichne meine Reaktion als „leicht irritiert“:

 

Eine Recherche später stelle ich fest, dass der Begriff „Aufreger“ in genau jeder Pressemitteilung zum Thema verwendet wird, und zwar, wie im Falle der Süddeutschen, meistens ohne distanzierende Anführungsstriche. Ein Blick auf die Fragen der Moralstudie des Instituts zeigt: Der Begriff wurde übernommen. Die Studie hat tatsächlich nach den „Moralaufregern“ des Jahres gefragt, vor dem Hintergrund ihrer allgemeinen Fragen zur Einstellung zu Moral, Ethik und Ehrlichkeit bei den „Deutschen“, und inwiefern sie diese in Politik und Wirtschaft realisiert sehen.

Also dann, zunächst zum Institut:

Es stellt sich die Frage nach der Frage. Wird ein Mensch gefragt, was ihn im Jahr 2013 ganz besonders aufgeregt hat, kann er natürlich mit „Der NSA-Skandal“ antworten. Meine Sympathien sind diesem Menschen dann sicher. Lautet die Frage – und danach sieht es aus – was nach Meinung der Befragten der moralische Aufreger des Jahres 2013 bei DEN DEUTSCHEN (?) war, haben wir einen anderen Sachverhalt. Das ist eine Meta-Frage, die man auch beantworten kann, ohne selbst beteiligt sein zu müssen. Wenn 1, dann ist überaus fragwürdig, wie das Institut dazu kommt, diesen „Aufreger des Jahres 2013“-Slogan per Pressemitteilung als Ergebnis der Befragung zu verbreiten. Wenn 2, dann ist überaus fragwürdig, wie eine solch undifferenzierte Frage in eine (angeblich) wichtige empirische Untersuchung gelangen konnte. Wurde unterschieden? Gab es Fragen zur Gewichtung? Sowas wie „Gossip“ a la Miley Cyrus vs. NSA-Skandal? Und überhaupt und noch einmal: WER wurde denn da befragt? Kann das BITTE irgend jemand offen legen?

Und nun zum Qualitätsjournalismus:

Die Bezeichnung „Aufreger des Jahres 2013“ ist in zweierlei Hinsicht problematisch. Sie setzt nicht nur einen Endpunkt für eine Debatte, bei der noch kein Endpunkt in Sicht ist, sondern sie verniedlicht und verharmlost auch die Empörung von Menschen, die geistesgegenwärtig genug sind, abzusehen, dass wir mit diesem „Aufreger“ noch eine lange, lange Zeit verbringen werden.
Zum Endpunkt: Etwas jahresrückblicksmäßig als Erscheinung des Jahres 2013 zu brandmarken hätte von Pofalla selbst sein können. Effektiver kann eine Diskussion nicht beendet werden, als mit der Postulation, sie gehöre der Vergangenheit an. Das ist nicht etwa meine Interpretation: Es ist Dezember, wir stehen kurz vor dem Jahreswechsel. In unserer Tradition eine Art Großereignis, auch wenn es natürlich den Lauf der Dinge einen Scheißdreck kümmert, wie wir Menschen ihn einteilen. Das neue Jahr verheißt auch Neues. Nicht zuletzt das Überwinden des Vergangenen. Beobachtet Eure Reaktion bei Jahresrückblicken wie „Das war 2013“, „Das hat uns bewegt“ und so weiter. Und selbstverständlich sind wir bei diesem ad acta-Legen auch manipulierbar.
Zur Verniedlichung: Die Rede vom Aufreger hat, gerade wenn wir das Netz betrachten, etwas Verharmlosendes. Immerhin ist die Netzgemeinde (TM) bekannt dafür, dass sie sich ständig und über alles Mögliche empört. Nico Lumma nannte das kürzlich erst den „Dauer-Empörungs-Modus“ seiner TL, und zahlreiche Artikel zum Thema „shitstorm“ (bitte die Suchmaschine Deines Vertrauens bemühen) versuchen, Mechanismen kollektiver Aufregung offen zu legen – selbstverständlich, um sich zu distanzieren und sich ein wenig lustig zu machen. Wir sind ja alle so meta und so cool selbstironisch.
Was also, meint Ihr, bleibt vom „Aufreger des Jahres 2013“? Die Bilder, die mir mit diesen Begriffen suggeriert werden, passen mir nicht. Warum?

Der Kontext. In Zusammenhang mit dem Wording.

Fast zeitgleich las ich heute mittag diesen heise-Artikel. Der Ex-CIA Chef findet, dass Snowden wegen Hochverrats an den USA hängen sollte. Hängen. Und das findet auch irgend so ein anderer, kranker Spinner. Das ist eine Aussage, die vor 15 Jahren wohl kaum denkbar gewesen wäre, und die nicht nur an das Vorgehen diktatorischer Regime erinnert, sondern die auch eine unzulässige und extrem gefährliche Aufweichung des Begriffes „Hochverrat“ bedeutet. Also, während Amerikaner/innen Wörter wie Spionage und Hochverrat aufweichen, übernehmen unabhängige JournalistInnen unreflektiert und ohne Problematisierung die Bezeichnung „(Moral)Aufreger des Jahres“.
Interessanter Zusammenhang, oder? Der Whistleblower Snowden soll für ein paar Enthüllungen wegen Hochverrats gehängt werden. Und die Hintergründe dieser Enthüllungen gelten hier bei den nach Moral und Werten befragten „Deutschen“ als „Aufreger des Jahres 2013“. Kommt das jetzt nur mir seltsam vor??

Ich habe das, was unsere Geheimdienste tun, bisher als eine „internationale Schweinerei, die uns in unseren Grundrechten beschneidet und von der wir immer noch nicht mehr als die berühmte Spitze des Eisbergs sehen können“ bezeichnet. Aber ich wurde auch nicht nach meiner Meinung gefragt.

Anders als z.B. die Süddeutsche und Co., Ihr Meinungsmacher. Wenn irgend so ein Institut der Ansicht ist, einen Begriff einzusetzen, der quasi als Diminutivum wirkt – MÜSST Ihr den dann automatisch übernehmen? Wo bleibt Euer Studium? Wo bleibt die political awareness? Wo bleibt die Reflexion?
Oder habt Ihr mal wieder die unbezahlten Praktikantinnen beauftragt? Beutet Ihr die nicht genügend aus??

Ich hätte da eine Idee für ein/e PraktikantIn, für einen schönen, großen Artikel. Den seid Ihr den Menschen, die für Euch unentgeltlich schuften, sowieso schuldig. Sie oder er darf auch meinen Tweet als Titel benutzen:

Vom „Skandal“ zum „Aufreger des Jahres“ oder wie wir den Verfall unserer Demokratien kleinreden.

DAS könnte ein echter Aufreger werden.

  1. baltonwyt

    Danke für diesen notwendigen Rant. Ja, um den „deutschen Qualitätsjournalismus“ ist es arg schlecht bestellt und die sogenannte vierte Gewalt im Staat ist längst keine mehr.

    Es ist auch beschämend, wenn Leute wie der Ex-CIA-Chef der ja offensichtlich nicht mehr alle Nadeln an der Tanne hat eine öffentliche Plattform für ihre Hetzerei bekommen. Für mich fällt dieses Gepoltere in die Kategorie „Haltet den Dieb! Er hat mein Messer im Rücken.“ Also möglichst viel Krawall machen um vom eigenen Fehlverhalten abzulenken.

    Wie pervers die Situation mittlerweile ist sieht man am einfachsten wenn man die Nachrichten zum russischen Regimekritiker Chorodowski liest. Der wurde gleich mit einem Privatjet von Ex-Außenminister Genscher nach Deutschland geholt und bekommt problemlos ein Visa. Ein amerikanischer Regimekritiker wie Edward Snowden hingegen wird sozusagen als „persona non grata“ abgestempelt die man keinesfalls in Deutschland haben will.

    Dass der mit dem Friedensnobelpreis dekorierte Präsidentendarsteller weiterhin ungehindert Leute durch Drohnen abschlachten lässt interessiert hier offensichtlich auch keinen. Würde ich einen Auftragsmord anordnen und meine Killer wären noch dazu so dämlich und würden eine Hochzeitsgesellschaft sprengen, dann wäre mir ein internationaler Haftbefehl sicher. Aber der US-Präsident steht damit deutlich über dem Gesetz und leider auch über dem, was wir unter „menschlichen Werten“ verstehen.

    Diese Woche hatte ich übrigens schlaflose Nächte wegen eines Tweets. Dieser zeigte das Bild eines 14-jährigen Mädchens auf Haiti das 2011 nach dem Erdbeben dort als Plünderin erschossen wurde. Besonders deprimierend waren die neben der Leiche aufgereihten Pressevertreter welche alle hemmungslos fotografierten. Mir persönlich hat dieses Bild das Herz zerrissen, denn ich stelle mir die Frage in was für einer Welt wir leben wenn Kinder die sich nach einer solchen Katastrophe wie sie auf Haiti stattfand in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden dann wegen irgendwelcher Dinge die sie aus den Trümmern mitnehmen umgebracht werden? Wiegt der Schutz von Besitztümern tatsächlich schwerer als ein Menschenleben? Wie tief muß man sinken um so ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen?

    Aber während die Welt komplett aus den Fugen gerät haben unsere Qualitätsmedien ja nichts anderes zu tun als die Propaganda zu verbreiten, so gestern z.B. die Meldung der GfK über die beste Konsumlaune in Deutschland.

    Für mich ist dieser Verfall der 4. Gewalt der Grund warum ich meine Nachrichten nur noch online beziehe und lieber Blogs lese als den unter dem Leistungsschutzrecht stehenden Mainstream, der letztlich nur der Propaganda dient. Auch wenn es hin und wieder mal rühmliche Ausnahmen gibt.

    Sorry, das der Kommentar so lange geworden ist, ich hatte keine Zeit einen kürzeren zu schreiben.

  2. Danke Dir für Deinen Kommentar! Den Hinweis auf die Berichterstattung über Chorodowski finde ich ganz entscheidend. Immerhin war ich mir beim Schreiben im Klaren darüber, dass es 1001 Dinge gibt, über die man sich eher aufregen könnte als über das Übernehmen eines völlig unpassenden Begriffs und das Aufblähen zu einer Nachricht. Aber dieses Wochenende hat mit Chorodowski und der Berichterstattung der Hamburger Demo noch einmal zwei wirklich gute Beispiele gegeben, wie entsetzlich ungenügend unsere hochgelobte, unabhängige Presse sein kann.

    Mich macht das nicht nur wütend, es macht mir sogar Angst. Das Versagen unabhängiger, einflussreicher Medien ist etwas, das wir uns nicht leisten können.

    Mit Deinem Beispiel des kleinen Mädchens kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Was ist das für eine Berichterstattung, die ihre eigene Legitimation im sensationslüsternen Ausschlachten solcher Ereignisse sieht?
    Es ist nicht meine.
    Während des Studiums war das Schreiben für eine große Zeitung einer der Hauptberufswünsche von „uns“ (Germanistinnen und Germanisten auf Magister, diesem brotlosen, unklar umrissenen Abschluss). Viele nehmen eine wahnsinnige Zahl an Praktika und Volontariaten auf sich, um später mal zu dieser Journalisten-Elite zu gehören und z.B. sagen zu können „Ich schreibe für die FAZ“. Wenn ich dann Artikel wie die der vergangenen Tage lesen muss, kommts mir hoch.

1 Pingback

  1. Buchstöckchen

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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