juna im netz

Das Netz ist das, was Du draus machst

Das Netz und so, Internet und Gesellschaft

Daten über Daten – und wessen Daten noch?

An die eigene Nase fassen …

Ganz aktuell! Ganz brandheiß! Der ein- oder andere mag mir ruhig vorwerfen, dass ich auf dem Thema rumreite. Dennoch: bitte lesen!

In a nutshell:

Prism und Tempora zwingen uns, viele Dinge in einem neuen Licht zu bewerten. Über einige habe ich geschrieben. Zum einen ist da das Verhältnis zwischen Staat und Volk – können wir unseren Repräsentanten eigentlich noch vertrauen, wenn sie eine so systematische Kontrolle ihrer Bürger nicht nur tolerieren, sondern sie mit sieben fünf zwei angeblich verhinderten Terroranschlägen legitimieren?

Zum zweiten die Beziehungen unter den Menschen: Inwiefern schaffen es diese 1984-mäßigen „Wir verhindern hier Straftaten“-Inszenierungen, dass Menschen sich in einem irrationalen Maße vor Menschen fürchten? Und zum dritten: Hat sich die krude Logik der Überwacher bereits auf uns übertragen, wenn wir unsere Kinder gerne per GPS-Signal orten würden? Zu den entsprechenden Blogposts von mir geht es hier und hier. Des Weiteren wäre da noch unser Verhältnis gegenüber Protesten. Das kraftfuttermischwerk hat ein Interview mit der Autorin Juli Zeh gepostet, in dem sie sich fragt, was eigentlich bei der ganzen Sache das Schlimmste sei: Die Dreistigkeit der Einbrecher oder die Resignation der Bewohner. Am letzten Samstag gingen ca. 30.000 Menschen gegen systematische Überwachung auf die Straße. Das ist nicht einmal ein halbes Prozent der Bevölkerung (korrigiert mich, wenn ich irre). Wie @zeitschlag schreibt: Im Freibad demonstriert es sich so schlecht. Aber das Thema war nicht allen egal, die selbst nicht auf die Demos gingen. Einige schrieben z.B. in sozialen Netzen, dass sie demnächst in die USA reisen wollten. Erfolgreiche Selbstzensur, Klima der Angst hergestellt.

Mich macht das alles sehr, sehr wütend. Aber auch nachdenklich. Wir diskutieren momentan viel über unser Verhalten im öffentlichen Raum. Einige ziehen sich zurück und löschen ihre Profile, andere verschlüsseln ihre E-mails. Die große „Ich hab nichts zu verbergen“-Fraktion lässt alles kalt. Bei meiner eigenen Reflexion über öffentliche und private Daten und unseren Umgang damit, sind mir zwei Dinge aufgefallen:

1. Wir gehen zu sorglos mit unseren Daten um. Das betrifft nicht nur das Internet. Es betrifft Payback-Karten, Gewinnspiele, bei denen wir Geburtsdatum, Handynummer und E-mail angeben, es betrifft das ständige Zahlen mit EC-Karten. Es betrifft Fragebögen an Kindergärten, die flächendeckend Daten zu Migrationshintergrund, Beziehungsstatus der Eltern und Fernsehverhalten der Kinder abfragen, im Zuge der Vorschuluntersuchungen. Das Ausfüllen ist freiwillig. 95% der Eltern tun es ausführlichst. Gedankenlos, wie ich unterstellen möchte.

2. Wir gehen zu sorglos mit den Daten anderer Menschen um. Von den #StopWatchingUs-Demos landeten diverse Bilder im Netz. Viele mit erkennbaren Gesichtern. Nicht immer wussten alle Beteiligten auf den Fotos, dass die Bilder evtl. im Internet geteilt werden. Das führte zu einer ziemlich lebhaften Diskussion auf twitter. Einige forderten die Leute auf, keine Bilder mehr hochzuladen. Dabei ist eine Demo öffentlicher Raum, und die Presse  macht nichts anderes. Im Zeitalter der digitalen Gesichtserkennung ist allerdings beides hochproblematisch.

Aber es geht noch weiter: Ein Beispiel:

Die Gesellschaft ist zum Nicht-Hinterfragen erzogen worden. Große Teile von uns haben Angst vor Terrorismus und finden Überwachung gerechtfertigt. Wir lassen unsere Mails gerne mitlesen filtern (Haha, Herr Friedrich! Das war ein Brüller!), weil wir nichts zu verbergen haben. Wir nehmen unwissentlich anderen Personen die Entscheidung, welche Inhalte sie von sich im Netz haben wollen. Wir gehen nicht auf Demos, denn das bringt nichts und außerdem will man demnächst nach Amerika fliegen. Wir laden E-mail-Adressbücher (!) in soziale Netzwerke (!!!) hoch, ohne dass unser Umfeld davon weiß. Wir markieren fröhlich Bilder und geben unsere E-mail-Adressen überall an. Was Datenschutz im Internet angeht, sind wir wie bekifft. Die kleine rosa Wolke, von Unternehmen mit kapitalistischen Interessen geschaffen, hüllt uns ein und gaukelt uns vor, all das wäre „schon in Ordnung“ und die AGBs seien ja sowieso vieeel zu lang und auch seeeehr öde zu lesen …

Bei facebook habe ich vor kurzem meine Kinderbilder gelöscht. Ich dachte beim Hochladen, dass sie durch meine Privatsphäre-Einstellungen ja lediglich für meinen sehr kleinen Kreis persönlich bekannter Freunde zu sehen sind. Mit korrekt vorgenommenen Einstellungen ist das auch so – siehe die Kommentare von ClaudiaBerlin unter diesem Post, die auf facebook extra einen kleinen Test gemacht hat. Danke dafür! Postet man ein Bild aus Versehen öffentlich, oder hat vorher die Einstellungen nicht beachtet, erweitert sich der Kreis derer, die das Bild sehen können, mit jedem „Gefällt mir“ und jedem Kommentar um Unbekannt. In den Neuigkeiten anderer steht dann „XY hat ein Bild kommentiert“. Ich bin nicht paranoid, ich vermute keinen Missbrauch auf der anderen Seite des Glasfaserkabels. Wen sollten die Bilder denn auch groß interessieren? Aber ich kann nicht akzeptieren, die Kontrolle über meine Daten zu verlieren – auch wenn der Grund evtl. ein Anwenderfehler meinerseits ist. (Ich habe im Übrigen auch bei einer Überprüfung bereits den Fall gehabt, dass mein privates Profil plötzlich komplett öffentlich einsehbar war – warum das passiert war, konnte ich später nicht mehr nachvollziehen.) Ich muss mich nicht gänzlich aus sozialen Netzwerken zurückziehen. Aber ich muss auch nicht zu jedem Scheiß Ja und Amen sagen. Man stelle sich die gleiche Situation im Real Life vor. Du stehst mit vier Erwachsenen auf dem Spielplatz und zeigst Kinderbilder. Mit dreien bist Du befreundet. Den vierten hat irgendwer mitgebracht, Du selbst hast ihn noch nie gesehen. Dieser sagt jetzt: Oh, ist das Bild von Deiner Tochter schön, kann ich das haben? Im Internet sagst Du: „Ja, klar“. Du weißt es nur nicht.

Ein weiteres Beispiel zur Verdeutlichung des Dilemmas: Auf twitter bat ein Mann um Hilfe. Sein Handy wurde ihm gestohlen, das Gerät hat automatisch ein Foto desjenigen gemacht, der dreimal die Pin falsch eingab. Der Besitzer ging davon aus, es handele sich um den Dieb, und schickte das Foto durchs Netz mit der Bitte, es weiterzuleiten und ihm zu sagen, wer das sei. Einige (wenige) regte das fürchterlich auf. Verständlich, denn man kommt nicht umhin, hier die Selbstjustiz zu sehen. Und es gibt in Deutschland klare Gesetze zum Täterschutz, so lächerlich das manchmal erscheinen mag. Jeder Mensch, ohne Ausnahme, hat das Recht auf Schutz seiner privaten Daten. Ich wurde gefragt, ob ich einen solchen Aufruf weiterleiten würde. Ich würde nicht. Warum, konnte ich aber gar nicht sagen. Es war mehr so ein Bauchgefühl. Bis zu dieser Frage.

Dass dieses Bauchgefühl nicht bei allen Nutzern des Internet vorhanden ist, kann nicht die Schuld der Menschen sein. Ich glaube auch nicht, dass ein Mensch, der unwissentlich Daten ins Netz stellt, sein Recht auf Privatsphäre verwirkt hat. Das ist Schwachsinn. Ich glaube, dass die (noch überschaubaren) Hinweise aus dem Kollektiv wichtig und richtig sind. Twitterer, die davor warnen, Bilder mit erkennbaren Gesichtern hochzuladen. Nutzer, die in den Echtzeitjournalismus eingreifen und die Berichtenden davon abhalten, relevante Informationen durchs Netz zu jagen. Gestern rief ich via twitter dazu auf, mir zu schreiben, wie es die Menschen, mit denen ich dort in Kontakt stehe, selbst mit Bildern halten. Die Antwortenden schrieben, sie selbst lüden niemals Bilder von anderen ohne das explizite Einverständis hoch. Oder sogar nicht mal dann. Das beruhigt. Aber die meisten Antwortenden sind auch schon ziemlich lange vertraut mit der Datenschutzproblematik:)

Das Beispiel mit dem Handyklauer hat noch eine andere Komponente. Leuchtet hier der Schutz der Daten des vermeintlichen Täters aufgrund der Unschuldsvermutung nach genauem Hinsehen sofort ein, – vor allem wenn man mögliche Folgen für die Person bedenkt, – tun wir uns als Gesamtheit offenbar schwer, die tatsächlich Unschuldigen, nämlich uns, zu schützen und uns dagegen zu wehren, dass unsere Daten zu Überwachungszwecken missbraucht werden. Das ist paradox, meine Lieben.

Was kann man also tun? Ich finde, wir sollten nicht nur die Sache mit der Überwachung ins kollektive Bewusstsein bringen. Ebenso wichtig erscheint es mir, die Menschen über ihr Online- und Offline-Verhalten aufzuklären. Mir wurde am Wochenende gesagt, dass das zwei Dinge wären. Dem möchte ich nun widersprechen. Ich glaube, den Menschen ist schlicht nicht klar, was sie tun, und was die Preis- und Weitergabe ihrer und der Daten der anderen bedeutet. Deshalb können sie mit den Protesten gegen die Überwacher auch nichts anfangen. Das hat Felix Schwenzel in diesem Blogpost noch einmal sehr schön beschrieben. Die Proteste müssen raus aus dem Internet. Und um das zu erreichen, muss man die Menschen für ihr Verhalten unbedingt sensibilisieren! Markiert keine Fotos mehr mit Personennamen. Ladet keine Bilder mehr ins Netz hoch, wenn sie erkennbare Gesichter zeigen, abgesehen von Euren (so Ihr denn wollt). Macht Euch klar, dass soziale Netze fernab von Privatsphäre-Einstellungen oder „Kreisen“ öffentliche Räume sind. Teilt keine Personenaufrufe oder Bilder anderer Menschen. Und wenn Ihr das alles bereits macht, was toll ist, dann sagt es den anderen! Denn Ihr könnt nicht voraussetzen, dass allen Menschen, die das Internet auf diese Weise benutzen, klar ist, was sie tun. Jeder sollte sich entscheiden dürfen, welche seiner Daten privat und welche öffentlich sein sollen. Und keiner darf einem anderen diese Entscheidungen abnehmen.

Diese meine Stellungnahme entbindet die Politiker nicht von ihren Pflichten, die Daten ihrer Bürger zu schützen. Sie ist kein Aufruf zur Selbsthilfe durch Verschlüsselung. Es soll hier nur deutlich gemacht werden, dass immer noch sehr viele Menschen eigentlich keine Ahnung haben, was sie tun – und dass ihnen in meinen Augen, wenn sie es wüssten, unser Protest nicht mehr gleichgültig wäre.

Bild: Way to go? Ab jetzt nur noch mit Maske? Ich denke, im Zweifelsfall ja!

Nachtrag 1: Sehr gelacht habe ich gestern über einen tumblr. Auch eine Handy-Klau-Geschichte. Derjenige, der das Handy benutzt, hat vergessen, die Veröffentlichungs-Funktion bei mit der Kamera aufgenommenen Bildern zu deaktivieren. Seitdem sammelt der rechtmäßige Besitzer die Bilder auf einer Website und kommentiert sie fies. Bei Licht betrachtet finde ich es unfair, dass ich den Link weitergeleitet habe. Denn was ist denn, wenn derjenige auf den Fotos gar nicht der Dieb des Handys ist?? Und selbst wenn: Ist es ok, die Bilder zu veröffentlichen? Berechtigte Fragen, auch an mich selbst…

Nachtrag 2: Während ich diesen Blogpost schrieb, kam ein Schreiben unserer Krankenkasse. Sie bieten irgendein kostenloses „Familienprogramm“ an. Wenn wir teilnehmen, bekommen wir wichtige Tipps zu Sicherheit im Haushalt, gesunder Ernährung und dem positiven Einfluss von Sport. Dazu sind nur ein paar personenbezogene Daten notwendig und die unterzeichnete Einverständniserklärung, dass diese Daten der „almeda GmbH“ übermittelt werden, die sie verarbeiten und nutzen darf. Selbstverständlich gilt das dann auch für alle im Laufe des Familienprogramms erhobenen gesundheitsbezogenen Daten. Schlechter Zeitpunkt, liebe DKV.

Nachtrag 3: Nach den Kommentaren von ClaudiaBerlin habe ich den Teil, in dem es über facebook geht, editiert. Leider ist er jetzt nicht mehr so schlagend:) Da offenbar in aller Regel die Privatsphäre-Einstellungen beachtet werden, liegt die Verantwortung beim Anwender. Das würde Herrn Friedrich gefallen! An der Tatsache, dass ich fast jeden Tag private Bilder in meiner TL habe, die da unter Garantie nicht hingehören, ändert sich jedoch nichts, und auch die sozialen Netzwerke sind hier aus ihrer Verantwortung nicht zu entlassen. Die Diskussion zeigt, wie kompliziert und undurchsichtig die Bedienung wahrgenommen wird – und wie wenig getan wird, um die Anwender aufzuklären. Hier hilft nur drüber sprechen. Stoßt doch auch mal ein Gespräch darüber an!

  1. Da wordpress zurzeit wohl einige Kommentare nicht durchlässt, bitte ich Euch, es einfach später noch einmal zu versuchen. Scheint ein bekannter Bug zu sein, gegen den ich allerdings gerade nix machen kann:( Sorry!!

  2. Toller Artikel, Juna!! Das mit „XY hat ein Bild kommentiert“ wusste ich nicht und finde es SEHR SELTSAM – hab dazu eine Nachfrage auf FB gestellt, mit Zitat aus diesem Post:
    https://www.facebook.com/claudia.klinger/posts/10201201945583427

    Nachtrag 1 fand ich übrigens dermaßen witzig, dass ich mir den Fall mal mit „tumblr Bilder von geklautem Handy“ schnell ergoogelt habe. Du brauchst keine Hemmungen mehr haben, der ist jetzt auch in der BILD!

    Deine Überlegungen inspirieren dazu, mal übers eigene Verhalten zu bloggen…

    • Nachtrag: ein Test (siehe das FB-Posting) hat ergeben, dass es so, wie du es beschreibst, offenbar – glücklicherweise – doch nicht stimmt.
      Mir persönlich ist das sowieso alles viel zu kompliziert, zudem ändern sich die Einstellmöglichkeiten dauerns. Ich poste, kommentierie und like dort grundsätzlich alles ÖFFENTLICH. So muss ich mir keinen Kopf machen, denn es ist sowieso klar, dass ich alles „an potenziell die ganze Welt“ poste.

      • Und nochmal ich, in umgekehrter Reihenfolge zu lesen;) Den betreffenden Abschnitt habe ich editiert! Er hat unter Deinen Nachforschungen gelitten … Aber besser so rum, als was hier rumposaunen, was nicht vollkommen richtig ist:)

  3. Hallo Claudia!
    Danke für Dein Lob für den Artikel – und auch sehr für die Diskussion und den Test auf facebook. Habe begeistert mitgelesen und mich über diese wichtige Differenzierung gefreut. Wenn man also seine Einstellungen richtig gewählt hat, kann niemand außerhalb des bestimmten Kreises das Foto sehen – lediglich die Aktivität? Das ist wichtig zu wissen. Leider scheinen sich im Bekanntenkreis meiner engeren Freunde offenbar viele zu befinden, die diese „Grundeinstellung“ falsch vornehmen, denn ich kann jede Menge Bilder sehen, die bestimmt nicht für mich sind:) Neulich habe ich auch ein Bid meiner Bekannten kommentiert, sie hatte die badenden Kinder auf fb gepostet. Ein Freund von mir konnte dieses Bild ebenfalls sehen. Ich habe daraufhin zunächst wie Deine Bekannte reagiert und das „Like“ gelöscht – nun kann ich ihr zumindest den Tipp geben, ihre Privatsphäre-Einstellungen zu überprüfen, wenn sie solche Bilder hochladen möchte. Ich selbst werde mein „neues“ Verhalten beibehalten: Was nicht öffentlich sein soll, wird nicht hochgestellt. Und ich werde auch mal auf das ein- oder andere „Like“ verzichten – falls noch mehr meiner Bekannten und Freunde die Einstellungen falsch gewählt haben. Danke für die Korrektur!
    (Was ich auch bemerkenswert fand: Man sah an der Diskussion bei Dir, dass sich doch sehr viele unsicher sind, auch in der Bedienung v. soz. Netzen. Was Spaß macht, hinterfragen wir ungerne. Ist ja auch menschlich. Führt aber leider auch zu Problemen …:))

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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