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Der Stoßseufzer, In eigener Sache, Internet und Gesellschaft

Das Ende des veggietages?

Ich habe diese Woche wirklich sehr angestrengt versucht, die Menschen zu mögen. Aber so richtig will mir das nicht gelingen.

Ich habe weder Lust noch Kraft, die ganze Debatte um den #veggieday hier aufzurollen. Die BILD hat getitelt, alle anderen haben den Quatsch übernommen, nicht nur die FDP, auch die SPD stürzte sich darauf, und jetzt sind die Grünen mal wieder die olle Verbotspartei, die die Freiheit des Einzelnen per Gesetzbeschluss einschränken will und blablabla. Wie es zu dieser fulminant recherchierten Geschichte direkt vor der Bundestagswahl kam, lest Ihr bei Stephan Niggemeier. Mina hat einen sehr schönen Text zu Rolle der SPD bei dem ganzen Spektakel verfasst. Claudia fragt auf ihrem Blog, wie eigentlich sinnvolle Öffentlichkeitsarbeit auf diesem Gebiet aussehen kann, und in den Medien rudern und strampeln die Grünen, unterstützt z.B. von der Zeit hier und hier.

Aber das wird alles nichts nützen, meine Lieben. So gerne ich Euch gelesen habe, so wichtig mir Euch Eure Sichtweise war. Nicht zuletzt, weil Eure Posts für mich bedeuteten, dass ich nicht alleine bin. Nach über zwei Jahren engagierter Arbeit durch Leute wie Silke Bott ist dieses Gehacke vermutlich der Nagel zum Sarg des veggietages. Denn was die meisten nicht wissen/ was auch gar niemanden so richtig zu interessieren schien: Wir reden hier nicht nur über ein uraltes Statement im Wahlprogramm einer Partei. Wir reden über eine Initiative des vebu, und zwar der bisher sehr erfolgreichen, weil freiwilligen, Initiative donnerstag-veggietag. Seit zwei Jahren arbeiten Menschen öffentlichkeitswirksam und unter vielen Rückschlägen aus dem politischen Lager daran, staatlichen Mensen und Kantinen einen fleischfreien Wochentag im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen. Deutsche Sterneköche helfen bei der Schulung des Personals, es gibt Zufriedenheitserhebungen und Mitarbeiterbefragungen, ebenso wie Debatten in Studierendenparlamenten. Mittlerweile sind über 30 deutsche Städte in der Initiative, mit ganz verschiedenen Ausrichtungen. Der veggietag war Auslegungssache: Für die einen war die Einführung eines fleischlosen Wochentages stadtweit kein Problem, für andere hieß donnerstag-veggietag, dass man an diesem Tag vermehrt auf das vegetarische Angebot und auch auf den Zusammenhang mit dem Klimaschutz aufmerksam machte. Zwangsernährt wurde niemand. Weggezogen aus einer dieser Städte ist meines Wissens nach auch keiner. Also, zumindest nicht wegen des veggietages.
Ich könnte Euch hier jetzt alle möglichen positiven Zeitungsartikel verlinken. Ich erspare mir die Mühe, weil es rein gar nichts bringen wird. Zwei Jahre Arbeit von tollen Leuten sind seit zwei Tagen für den Mülleimer, weil eine Zeitung meint, sie müsse Grünen-Bashing betreiben.

Die öffentliche Wahrnehmung ist seit Montag zementiert: Der veggieday ist eine weitere spaßbremsende Initiative der Verbotspartei Die Grünen, Fleisch verbieten bedeutet Eingriff in die Freiheit des Einzelnen (mehr noch als die Totalüberwachung, ganz offensichtlich, aber lassen wir das), Vegetarier und, Gott bewahre, Veganer sind missionierende Arschlöcher, und überhaupt: Wenn Supergrundrecht, dann bitte eines auf Billigsteak von gequälten Tieren. Allen voran die Liberalen feixen sich halb zu Tode und machen fröhlich mit.

Ich möchte hier nicht über Sinn und Unsinn eines fleischfreien Wochentags reden. Auch nicht über unseren Fleischkonsum im Allgemeinen, oder darüber, wie wir Tiere behandeln. Oder unseren Planeten. Ich mache auch das Fass nicht auf, weshalb sich alle über den veggieday aufregen, und prism den meisten egal ist. Mein Punkt ist der: BILD Zeitung lesen ist eines. Unreflektiert nachplappern und in der Öffentlichkeit von “Freiheitsberaubung” sprechen etwas ganz anderes. Sich dann nicht einmal mit seiner eigenen Falschinformation auseinandersetzen ein Drittes. Und daran schloss sich als Viertes in den vergangenen Tagen die Königsdisziplin an: Die öffentliche Wahrnehmung einer Initiative unter höchster Emotionalität via Social Media in den Dreck ziehen! Großes Kino! Wer es nicht glauben will: Gönnt Euch den Spaß und lest die Kommentare unter den Zeit-Artikeln, und schaut mal bei #veggieday auf twitter. Oder postet was auf facebook. Der Bodensatz lässt nicht lange auf sich warten.

veggie4

Gratulation an diese Menschen. Ihr habt eine Initiative gerufmordet. Das schafft auch nicht jeder.
Ich entschuldige mich hiermit in aller Form bei den Initiatoren von donnerstag-veggietag. Ihr habt das nicht verdient. Ich möchte mich nochmals entschuldigen: Ich bin raus. Ihr müsst ohne mich weitermachen, und Ihr könnt noch nicht einmal etwas dafür.

Nachtrag: Stephanie hat sich die Mühe gemacht und einfach mal bei den Grünen nachgefragt. Wie erfrischend! Die Antwort lest Ihr auf ihrem Blog. Danke Dir!

  1. Andreas

    Der Veggie-Tag ist ohnehin nicht der richtige Weg. Wichtiger ist eine Qualitätsoffensive und eine größere Abwechslung. Über den Geschmack kann man die Leute viel besser locken, denn was schmeckt, wird auch konsumiert. Unsere Werkskantine im Industriepark Höchst ist da ein ganz großer Vorreiter. Jeden Tag gibt es sehr leckere vegetarische Gerichte und auch die verschiedenen fleischhaltigen Gerichte, sind alles andere als Billigvarianten.

    • Dass der veggieday seit Neuestem allgemein als nicht der richtige Weg angesehen wird, ist ebenso verständlich wie schade. Auch ich mag mir nichts vordiktieren lassen, und ich stimme Dir (und CLaudia hat es ganz ähnlich formuliert) zu, dass der Weg über den Geschmack, die Vielfalt und die Wahl gehen sollte. Gleichzeitig ist es so, dass die Initiative “veggietag” in vielen Kantinen die Debatte erst angestoßen hat. Sie hat die Menschen sensibilisiert, mal drüber nachzudenken. Die Fortschritte in puncto Akzeptanz und verstärktem Angebot vegetarisch-veganer Ernährung sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie gründen sich auf das Engagement von Menschen, die versucht haben, das Thema in die Köpfe und dann auf die Teller zu bringen. Leider wird das gerade vergessen.

  2. derberberich

    “[…] jetzt merke ich ermüdenderweise: Du kannst gar nicht dafür.”
    Herrlich! Ist das in dem Sinne zu verstehen, dass Du Dich gerne intellektuell duelliert hättest, er aber keine Waffen hatte?

    Vielleicht haben diese Leute nicht die Initiative zerstört, wohl aber sehr weit zurückgeworfen.

    Soviel vielleicht auch zum Thema “Ich lese die Bildzeitung nur zum Spaß und Unterhaltung”, so wie es viele behaupten(wobei “Lesen” schon zuviel gesagt ist, eher “anschauen”), und wie gefährlich so ein Schundblatt ist.

    Danke für diesen Beitrag, und ich hoffe Du erlebst bei Twitter auch mal wieder was Gutes 😉

    Beste Grüße
    Dietmar

    • Danke für Deinen Kommentar! Ja, so ähnlich war es gemeint. Es war aber auch ein wenig schönes Eingeständnis meiner eigenen Hilflosigkeit. Der Kommentator hatte sich ganze 20 Sekunden für die Lektüre des verlinkten Artikels genommen, und ich bat ihn wiederholt, ihn doch einfach zu lesen. Ich hätte früher abspringen sollen. Das Ganze hat mir noch eine sehr, sehr unschöne Diskussion im familiären Umfeld eingebracht, in deren Folge ich mir habe anhören müssen, dass ich außer Beschimpfungen ja keine Inhalte beitragen würde, weder mit dem Posting noch mit diesem Blogbeitrag. Ich engagiere mich seit einem dreiviertel Jahr für den veggietag. Die Initiative liegt mir sehr am Herzen. Ich sehe sie vor die Hunde gehen, weil alle diese “Schnitzelverbot! Zwangsvegetarismus!”-Mauer jetzt in ihren Köpfen haben … ich hoffe, Du hast Recht, und es ist nur ein (massiver) Rückschlag. Aber gestern hat mir auch gezeigt, dass ich mich selbst vorerst distanzieren muss. Wegen zu großer Emotionalität. Erneut vielen Dank für Deine lieben Worte!

  3. Mich hat das auch sehr erstaunt, dass die Grünen im Wahljahr mit Abhörskandal, Eurokrise und der Situation in der arabischen Welt nix Besseres zu tun haben.
    LG
    Sabienes

  4. derberberich

    Du weiß aber schon, dass sich das die Grünen nicht ausgesucht haben und nur dabei sind, klar zu stellen, dass sie keinen gesetzlichen Veggietag geplant hatten?

    @Juna: Wünsch Dir viel Engergie!

  5. Schade dass dich diese (wahnsinnig einseitige) Diskussion rund um den Veggietag so erschöpft hat. Leider ist es auch echt verständlich.

    Mein Vorschlag wäre es den Menschen direkt zu zeigen, wie sinnvoll dieser Tag wäre. Wenige Fleischesser sind sich wirklich bewusst was 1 Kilo produziertes Rindfleisch überhaupt verursacht. Mal von dem toten Tier und den Futtermitteln und Tonnen an Wasser abgesehen, verursacht es so viel CO2 wie 250 km Autofahrt.
    Firmen die den Veggietag unterstützen sollten belohnt werden (am besten mit Geld, denn das mögen die ja). Belohnung statt Verbot wäre das Motto.
    Schön wäre es, wenn die Firmen auch ihre Mitarbeiter das merken lassen (mehr Weihnachtsgeld o.ä.). Bestimmt fänden die dann einen vegetarischen Tag in der Kantine doch gar nicht so schlimm (was ja auch scheinbar so ist wo er bereits eingeführt wurde).

    Gut fände ich auch, wenn Fleisch so viel kosten würde, wie es ohne Massentierhaltung, Hormone und den ganzen Medikamenten kosten würde. Mit so einem Preis würde der Fleischverzehr bestimmt sehr schnell zurückgehen – denn so lieb ist den Menschen das Fleisch dann doch nicht, dass sie dafür verarmen.
    Den Gewinn durch diesen Preis könnte z.B. an die Bio-Bauern verteilt werden. So würde sich das auch finanziell lohnen und Massentierhaltung langsam verschwinden. Es gibt eben doch wichtigeres als Fleisch essen.

    Aus welchen Gründen sollte das nicht gehen? Und sind diese Gründe es wert?

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Credits: Danke an Anders Norén für das Theme

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